Josef Fürpaß
Die Augen der Sapote
But our America ... that has had poets
since the ancient times of Netzahualcoyotl, ...
that consulted the stars, that knew Atlantis
whose resounding name comes to us from Plato,
that since the remote times of its life
has lived on light, on fire, on perfume, on love ...
Catholic America, Spanish America,
the America in which noble Cuahtemoc said:
„I´m not in a bed of roses“; that America
that trembles in hurricanes and lives on love;
... and dreams. And it loves, and it vibrates, and is the daughter of the Sun.
Aus: Rubén Darío (1867 – 1916), „To Roosevelt“
Einige fragmentarische Zeilen jener stolzen Hymne auf die lateinamerikanische Identität von Rubén Darío, einer nicaraguanischen Vaterfigur der literarischen Moderne, schimmern durch ein Stirnloch in einem Papier(einkaufs)sackerl, auf dem Daríos Kopf gezeichnet ist: es handelt sich um ein Objekt des Künstlers Robert Ivan Barberena de la Rocha (1) anlässlich der hommageartigen Wettbewerbsausstellung „Ritratos de Darío“/ Certamen Nacional de Dibujo 2008 im Museum des San Francisco-Konvents der Stadt Granada/Nicaragua.
Etwa 100 Schritte weiter, diagonal über den kreuzgangartigen Innenhof des Museums, den 54 prächtige, stelenartige Palmenstämme unterschiedlicher Größe und verschiedenen Alters bewohnen (2), gelangt man in die „Ahnengalerie“ präkolumbianischer Skulpturen: mehr als zwei Dutzend ein bis zwei Meter hohe Steinfiguren auf Podien präsentiert. Jede dieser anthropomorphen Formen trägt am Kopfende einen tierähnlichen Fortsatz, sie scheinen bewacht, belagert oder besessen von diesen Gottheiten, die zu erkennen sind als Adler, Jaguar, Krokodil, Schlange und Affe (3, 4).
Ich verbringe gut vier Stunden in dieser flugdachartigen, imposanten Halle, und mit fortschreitender Zeit scheinen sich die Steinformen zu bewegen und eine einnehmende Kraft zu offenbaren. Gegen 16 Uhr zieht ein plötzlicher Sturm auf und im Nu prasselt ringsum schauerartig Regen nieder, eine gute Stunde verfolge ich das gewittrige Schauspiel über den Dächern Granadas – das Museum liegt auf erhöhtem Niveau und bietet ein Panorama über einen Gutteil des Stadtzentrums.
Im Halbschlaf der Morgendämmerung suchen mich auch heute noch manchmal jene Geräusche auf, die mich im Juni 2008 in unserem Domizil in der Calle del Martirio, Granada/Nicaragua in den Tag holten: das Pfeifen und Schnarren der Cotorritas, des Pescadorcillas und anderer exotischer Vogelarten, die eindringlichen Rufe der Frauen, ihren Korb voll Mangos, Sapotes, Orangen und Ananas am Kopf wiegend und feilbietend, die hallenden Axtschläge der Zimmerleute (5) von der Baustelle in der Parallelstraße, das Jaulen und Bellen des Hundes vom Nachbarhof, der den Tod seines Herrn drei Tage und Nächte lang beklagte.
Der Schwenk von der Dunkelheit der Nacht in die Helle des Tages und vice versa vollzieht sich morgens und abends nahe dem Äquator schnell wie im Zeitraffer – innerhalb einer Viertelstunde, was mich jedesmal verblüffte. In diesen Minuten dann innezuhalten und der Vorläufigkeit des Chamäleons „ZEITRAUM“ zuzusehen, ist mir zu einem täglichen Ritual geworden, magisch und banal zugleich. (6, 7)
Aus der moosigen Ruhe meines obersteirischen Lebensraumes bin ich mittels eines kurzfristigen Angebots in dieser mittelamerikanischen Kleinstadt gelandet, in der Rhythmen und Muster, wohl auch die Gesetze des Alltags spürbar und offensichtlich andere waren und in der auch ich nun als Fremder in einer künstlichen Rolle steckte, ob ich das wollte oder nicht. Ein Austarieren zwischen jenem Fremdbild und diesem Selbstbild meiner Person auf den Straßen, Plätzen und Märkten Granadas ist im Nachhinein eine interessante, wenn auch aussichtslose Sache, weil zu viele Unbekannte im Erinnerungsspiel sind und auch Fehldeutungen ... (wobei die Löchrigkeit des eigenen Wissens sich naturgemäß selbst verschweigt).
Der ausgesparte Blick und der durch das analoge Kameraauge meiner alten Pentax dokumentierte bescheren die altbekannte Problematik der subjektiven Wahrnehmung in Anlehnung an die Physiologie des menschlichen Auges: es gibt die scharfen Bilder (die gelben Flecke) und die übersehenen (die blinden Flecke der Netzhaut und des [Unter-]Bewusstseins) und wohl auch einige vage dazwischen, die mittels des unerklärlichen „Sehvermögens“ unserer restlichen Körperzellen gespeichert sind, irgendwann später im Bewusstsein auftauchen oder in der Tiefe der Hirnschichten bzw. im Traum versinken. (8, 9)
Manche Eindrücke, die spektakulär gewesen sind, sind der Ablichtung entgangen – bewusst oder aufgrund einer intuitiven augenblicklichen Lähmung.
Am Festtag des San Antonio z. B., als inmitten der feiernden, singenden und trommelnden Menschenmenge sich zwei junge Männer aus mir unbekannter Ursache zu prügeln begannen. Die beiden schlugen bald sehr hart aufeinander ein, sich verknäuelnd und sich zwischen Marktstandln und Palmenstämmen verfolgend, im Nu umgeben von einer sie wirbelsturmartig umtanzenden, schrillen Zuschauermenge, die den Haken schlagenden Kämpfern reflexhaft folgte, ohne ein Eingreifen zu wagen. Es dauerte lange dramatische Minuten, bis eine Patrouille uniformierter Ordnungshüter eingetroffen war, um die zwei zu fassen. Da nun einer der zwei erfolgreich das Weite suchte, knüppelten die Polizisten umso mehr auf den zweiten Streitgenossen ein, der in seiner Verzweiflung – eine Schreckensechowelle ging durch die Menge – sein Messer zückte und den Überraschungsmoment nützend, über das Arkadenfoyer des nahen Cafes in die Seitengasse davonstob.
Überhaupt, erkenne ich, habe ich kaum Menschen aus der Nähe im Photo festgehalten – es sei denn, ich wurde dazu eingeladen wie durch die Marktfrau, bei der ich meine köstlichen Frühstücksfrüchte kaufte oder durch jenen Trupp Bauarbeiter auf einem Lastwagen in Managua auf dem Weg zum Arbeitseinsatz . (10, 11).
Die Buntheit der täglichen Erlebnisse ergraute beim Eindösen in die Traumsequenzen zwischen meinen nächtlichen Leseschichten, nur die „fleischroten Augen“ angeschnittener Sapotefrüchte vom Markt (12) leuchteten mir weiter in den Traum und schauten mich an wie ein kluges, wundes Gesicht. Vielleicht mischte sich da auch meine Lektüre (Joseph Conrads „Herz der Finsternis“) ins Traumbewusstsein und projizierte sich auf die Eindrücke des Tages.
„Quieres alguna cosa, Señor ...“, sprach mich eine junge Frau auf einem morgendlichen Spaziergang in der ländlich-anmutenden Stadtperipherie an, „... por ejemplo ... sexo?“ Sie hatte mich mit ihrem Fahrrad eingeholt, war abgestiegen und hatte es, mich musternd, eine Zeit lang an meiner Seite geschoben.
Unterwegs zu sein, ohne ein konkretes Ziel zu verfolgen, zu flanieren z.B., ist hier eine suspekte oder zumindest schwer nachzuvollziehende Angelegenheit.
An diesem Ort gibt es zunächst das Ziel zu überleben, und dieses Ziel ist mit einer Menge anderer banaler, täglicher Aufgaben verbunden: harmlose und verhärmende, lästige, lustige und brutale. Das herzzerreißend laut weinende Mädchen am Marktstand, keine sieben Jahre alt: es war mit dem Sanktus ihrer Mutter vom einige Jahre älteren Bruder deftig ins Gesicht geschlagen worden. Sie wolle nichts lernen, entgegnete mir die Mutter einerseits beschämt und doch bestimmt auf meine Bestürzung, da müsse sie halt so zur Vernunft gebracht werden. (13, 14)
Tigno, gebürtiger Franzose, ca. 60-jährig, war nach Aufenthalten in Skandinavien und Nordafrika schließlich vor zwei Jahren in Nicaragua gelandet. Er bäckt zweimal die Woche dunkles, süßes Rosinenbrot und verkauft es an Restaurants oder „flanierend“ auf der Straße an Fremde wie mich.
Und John Oliver, Schauspieler, Maler, Poet und Oberschlitzohr der Straßen Granadas ...
Er nähert sich dir mit strahlender Miene und humoriger Stimme, umgarnt dich sichtlich belustigt mit charmanten, (beim zweiten Hinhören) zweideutigen Komplimenten, um plötzlich himmelwärts auf ein buntes, mehr oder weniger fiktives Vögelchen hinzuweisen. Theatralisch zieht er einen Pfeil aus seinem Köcher und schießt ihn beschwörend murmelnd oder singend („Cotorrita de la suerte“?) in Richtung des Papageichens senkrecht in die Höhe. Einige Augenblicke lang steht scheinbar die Zeit still (dein „Vogelschauer und -jäger“ erforscht mit rollenden Augäpfeln das Himmelblau), ... plötzlich wirst du kräftig zur Seite gestoßen: es war wirklich knapp, ... aber ... er hat dich gerettet vor dem schwerkraftmäßig wieder herabfallenden spitzen Pfeilgeschoss. Das Herz klopft dir heftig, ob du willst oder nicht, John Oliver kneift die Augenlider zusammen, nickt, um das überstandene Abenteuer zu vergegenwärtigen, und bittet in einem heiteren Abschiedsritual um ... „... sagen wir, fünf Dollar ...“; um Farben oder Brot zu kaufen ... oder um das verfehlte bunte Vögelchen am Himmel zu füttern.
Ein andermal rezitierte er mir seine selbstverfasste Hymne „Ambassador of dignity“: wie ein Puzzleteil aus einem Shakespeare-Stück (in karibischem Englisch) als Definition seiner Existenz im Hier und Jetzt („I am fighting smiling ...“); ein eigenwillig-agierender Funkensprüher – fallweise wechselnd zwischen maßhaltendem Gaukler und unberechenbarem Brandstifter.
Südlich von Granada, unweit von der Westküste des Nicaraguasees gegenüber der Insel Ometepe liegt das Städtchen Buenos Aires (15), dessen Name mir beim erstmaligen Aufschlagen der Nicaraguakarte gleich in die Augen sprang. Obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, den Ort während meines dreiwöchigen Aufenthalts in Nicaragua aufzusuchen – zugegeben, aus fragwürdig-sentimentalen Beweggründen – , blieb dieser Vorsatz unverwirklicht. Zwar träumte mir eines Nachts, ich wäre mit einem jener altgedienten „Colectivos“ (Busse) Richtung Rivas aufgebrochen, stieg an irgendeiner Straßengabelung aus und verfolgte mein Ziel zu Fuß weiter, aber ich sollte dieses niemals erreichen. Stattdessen traf ich unterwegs einen gewitzten, jungen Mann, der mich auf eine Art Untergrundbahn zwischen üppigen Kokospalmen hinwies, die ich erstaunt betrat, als gerade eine wackelige Wagengarnitur einfuhr. Kaum eingestiegen, raste diese schon wieder los und schleuste mich ins 1998er Jahr, als ich sechs Wochen im rioplatensischen Buenos Aires durch diverse Vorstadtstraßen geschlendert war und jenes undergroundig-wilde Wandgemälde (16) entdeckt hatte, auf dem eine kämpferische Frauensgestalt die Candombetrommel schlug und daneben eine Flagge mit der Aufschrift „LA DOMINA ...“ gehisst wurde. Die variationsreiche rhythmische Klangkulisse steigerte sich allmählich, und als ich erwachte, gewahrte ich auch im Wachzustand den gleichen, orgiastischen Trommelwirbel: es war der 13. Juni, das Namensfest des „San Tonino“ – in Lateinamerika übrigens nicht nur Schutzpatron aller, die etwas verloren haben, sondern auch derer, die einen Lebens- und/oder Liebespartner suchen, wie mich meine Tochter aufklärt – und die ersten Umzüge waren bereits unterwegs.
Am späteren Vormittag durchblätterte ich ein Exemplar der Tageszeitung „La Prensa“ vom 11. Juni und stieß auf ein Foto des gegenwärtig-amtierenden Präsidenten des Landes, Daniel Ortega – mit einer jungen Frau Tango tanzend (17). Der beigefügte Artikel nannte als Bezugsquelle eine Website namens „La Voz del Sandinismo“, das Bild wäre dort veröffentlicht worden, war aber nach ersten kritischen Äußerungen diverser Persönlichkeiten der Opposition wieder aus dem Netz verschwunden. Beim Lesen des Artikels fielen mir die bitteren Worte Enrique S. Discepolos ein in seinem Tango „Yira ... yira“: „ ... und wenn deine Zuversicht dahin ist, wenn dir sogar der gestern aufgegoss´ne und an der Sonne wiedergetrocknete Mate-Tee ausgegangen ist; wenn du dir den Arsch aufreißt, um ein paar Centavos fürs Essen zusammenzukratzen, ... dann wird dir klar: die Welt ist taub und stumm, ... und du bist ihr gleichgültig.“ Vielleicht wären diese Zeilen eine gute Botschaft an den amtierenden Präsidenten. „... (d)el pueblo, Presidente!“ (18, 19)[ ... ]
Josef Fürpaß war im Rahmen eines Kulturaustauschprojekts der Kulturservice-Gesellschaft Steiermark mit zwei Kolleginnen (Barbara Caspar und Claudia Nebel) im Juni 2008 für drei Wochen in Granada/Nicaragua.
KURZBIOGRAFIE:
Josef Fürpaß, geb. 1960, lebt als freischaffender Zeichner, (Druck-)Grafiker, Maler und Bandoneonist in St. Katharein/Laming, unweit des Hochschwabgebiets.
Ausstellungen und Auftragsarbeiten seit 1985 vorwiegend in Österreich.
KONTAKT: fuerpass@utanet.at
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