Günter Eichberger
LUFTSCHLOSSBAUMEISTER
Abbruchstücke
1
Ich baue nicht. Zumindest nicht im wörtlichen Sinn. Oder doch gerade im wörtlichen Sinn? Ich baue Sätze, das tu ich. Satz um Satz. Das ist kein Bauen und doch ein Bauen. Und den wörtlichen Sinn wollen wir jetzt nicht übertragen. Und die Sinnfrage erst gar nicht stellen.
Ich kann mich nicht erinnern, jemals etwas gebaut zu haben. Obwohl ein Foto von mir existiert, auf dem ich versuche, nachzubauen, was mein großer Bruder da Eindrucksvolles hingestellt hat. Mit Legosteinen. Es dürfte mir nicht gelungen sein. Mein zweifelnder Blick sagt es mir.
Ich stehe als kindliches Fotomodell manchmal neben Schneemännern. Aber die haben sich eher selbst gebaut. Sind über Nacht aus der Erde geschossen.
Wenn ich Häuser sehe, nehme ich sie gar nicht wirklich wahr. Sind ja keine Menschen. Ich erkenne berühmte Baudenkmäler in Städten, die ich besucht habe, für gewöhnlich auf Fotos nicht. Aber da sehen sie auch anders aus. Kleiner. Das „Gemalte Haus“ in der Grazer Herrengasse ist mir nie aufgefallen. Erst in einem Reiseführer. Ich gehe ziemlich achtlos an all der Herrlichkeit vorbei.
Über den Turmbau zu Babel habe ich einmal zu schreiben versucht. Aber daran hat mich vermutlich eher das Sprachengewirr interessiert. Weniger dieser für alle Zeit vor der Fertigstellung stehende Rohbau, der auf einem Bild von Pieter Brueghel wie eine klaffende Wunde aussieht.
Wenn die Sprache selbst das Bauwerk wäre, sich materialisieren könnte, wie sie dann wohl aussähe? Wie ein Stollen? Wie ein Labyrinth? Ein Spiegelkabinett? Ein Gerüst oder eine Tropfsteinhöhle? Nur wie ein Bauplan?
Was ich vielleicht könnte, wäre Luftschlösser bauen. Wahrscheinlich ist das meine Aufgabe im Leben. Luftschloßbaumeister.
Dann fang ich einmal an.
2
Mein Turm reicht in die Wolken. Er ist fensterlos.
Früher brachte mir jemand mein Essen, stellte es in eine geschlossene Durchreiche, betätigte eine Glocke, entfernte sich. Seinen Anblick hätte ich nicht ertragen.
Die Einrichtung ist spartanisch. Ich werde sie nicht in allen Einzelheiten beschreiben. Das ist mein Schreibtisch. Massives Furnier. Ich schreibe aber gar nichts darauf. Ich stelle mir nur vor, was ich schreiben könnte. Ich sitze da und träume.
Die Welt schweigt, und ich rede ungehemmt und freimütig mit mir, wenn auch still und nur für mich vernehmbar.
3
Eine große, weiße Fläche mitten im Ozean. Ich liege am Bauch darauf, ich bin nackt. Die Fläche hebt sich aus dem Wasser. Man erkennt, daß sie eiförmig ist. Anschwellende Musik. Das riesige Ei bricht. Ein Dutzend Nixen entschlüpfen ihm. Sie nähern sich mir, betasten mich kichernd. Die Musik hat sich zu ohrenbetäubendem Lärm gesteigert. Plötzlich setzt sie aus, die Nixen lassen mich fallen, ich klatsche ins Wasser, werde zum Fisch, schuppig glänzend, dickmäulig. Ich streiche um Pflanzen, berühre sie mit meinen Kiemen, knabbere am saftigen Meeresgras, sauge kleinere Lebewesen ein, nehme ihre geringen Kräfte in mich auf.
Die Sehnsucht nach dem Festland läßt mich auftauchen, ich recke meinen Fischkopf aus dem Wasser, der an der Luft wieder meine Züge annimmt. Je seichter das Wasser wird, desto menschlicher wird Partie für Partie mein Körper.
Ich krieche als Vollmensch an den Strand. Freundlich grüße ich die Sonne. Ich strecke mich vor ihr aus.
Da – ein gefiederter Pfeil bohrt sich neben mir in den Sand.
4
Ich unterbreche die Vorstellung, um meine Mahlzeit zu mir zu nehmen. Sie besteht aus Roter Rübensuppe mit Ingwer, überbackenem Fenchel und Blutorangennockerln. Zumindest würde ich mir wün-schen, sie bestünde daraus. So begnüge ich mich mit der Luft, die ich noch nicht weggeatmet habe. Einmal, das weiß ich, wird auch die Luft knapp werden. Denn mein Turmzimmer ist wie erwähnt fensterlos.
5
Der Pfeil! Ein Eingeborenenstamm nähert sich mir bogenbewehrt. Ach, hätte ich doch jemals Schiffbau betrieben! Eine Arche, ein Kanu für meine schwache Vorstellungskraft!
Ich könnte natürlich auch zum Vogel werden. Gedacht, getan. Mit Adlerschwingen hebe ich mich vom Boden ab. Die Schwarzen staunen, so etwas haben sie in ihrem bisherigen Jägerleben noch nicht gesehen.
Auf ins Blaue! Das Fliegen ist ja doch die schönste Art der Fortbewegung! Im Sturzflug lande ich in meinem Horst, was meiner Adlerin immer noch imponiert und sie damals zur Paarung verleitet hat. An ihrem Blick merke ich, daß etwas an meinem Anflug heute vielleicht nicht ganz so überzeugend gewesen sein mag. Die offenen Schnäbel meiner Jungen erinnern mich an meine Pflichten als Versorger. Ich hätte wirklich einen der kleinwüchsigen Eingeborenen reißen können und meinen Lieben zur Atzung überlassen.
Und so hebe ich mich flugs in die Lüfte, um vielleicht eine Gans in die Krallen zu bekommen…
6
Ich weiß nicht mehr, was mich dazu gebracht haben könnte, dieses stickige Turmzimmer zu beziehen, in dem ich schon länger nicht mehr mit Nahrung versorgt werde. Die Aussicht auf nichts als Einsamkeit, die kahlen Wände können es nicht gewesen sein. Vielleicht hatte ich die trügerische Hoffnung, die vollkommene Reizlosigkeit dieser Umgebung würde meine Phantasie zu mit freiem Auge nicht mehr wahrnehmbaren Höhenflügen zwingen. Und jetzt?
7
Sacht segelnd spähe ich nach Beute. Haben meine Mitadler den Himmel von Fraß gesäubert? Ist in meinem Revier nichts mehr zu holen? Dann werde ich mir einen anderen Horst suchen müssen, so leid es mir um meine Brut ist … Ich werde mich irgendwo ins gemachte Nest setzen, das ist ein Gedanke, den ich schon länger in meinem Vogelkopf hin und her wälze, so daß ich mich auf der Flugjagd schon kaum noch auf Beute konzentrieren kann, was doch des Raubtiers erste Jägerspflicht-
Klirr! Schneidet dieses Geräusch wie Glas in mich hinein! Und es ist auch das Glas einer Flugkanzel…
8
Das ist ein Ausgang, den diese Geschichte, die keine ist, nicht nehmen darf. Ich sollte vom Adler, der im Tiefflug nach Enten, Schwänen, Seelöwen Ausschau hält, vielleicht zum Wal werden, der urlaubende Propheten schluckt.
Aber lieber würde ich doch zum Menschen, wenn auch zu einem flugfähigen, der ganz ohne Schwingen zu seinem Schloß in den Wolken heimkehrt, wo er aus Edelkristall oder feinstem Papp anspruchsvollen Wein trinkt, künstlerisch wertvolle Vögelfilme schaut und sich von seinem persönlichen Streichquartett in den Schlaf geigen läßt.
Aber ich denke mir doch besser einen anderen Schluß aus, der wie ein Loch in der Wand ist, durch das ich entkommen könnte…
9
Da war doch gerade noch ein Turm, der zwar nie „da“ war, aber doch als Vorstellung beinahe greifbar. Eine elektromagnetische Welle nach der anderen spült mich fort.
Jetzt stehe ich an einer Wand, reibe meinen Rücken an ihr. Ich würde mich gerne in die Wand begeben, wie in einer Geschichte, die ich vor langer Zeit gelesen habe. Der Mann, der durch Wände gehen konnte. Ich aber wäre schon zufrieden, in der Wand zu sein. In Sicherheit.
Die Wand könnte einstürzen, mich unter sich begraben. Aber diese Hoffnung werde ich aufgeben müssen.
Endlos lehne ich nackt an der Wand, auf meiner Haut bildet sich eine dünne Eisschicht. Dann plötzlich diese Wärme.
Günter Eichberger, geboren 1959 in Oberzeiring/Stmk., lebt als freier Schriftsteller in Graz. Neben Theaterstücken und Hörspielen veröffentlichte er eine Reihe von Prosabänden; zuletzt erschien "Alias" im Ritter Verlag, Klagenfurt.
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