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Der Atlantikwall in Südfrankreich

18/01/2009

Der Atlantikwall in Südfrankreich

Text und Bilder: Eva Mohringer-Milowiz

Eine Reise an den französischen Atlantik kann zu verschiedenen, wunderbaren Kulturstätten führen, wie z. B. zu den Weingütern - Chateaux des Pinot des Charentes aber auch zu großen, romanischen Dorfkirchen mit geheimnisvollen, plastisch ausgebildeten Architekturdetails. Die historische Distanz zu deren Entstehung ist so groß, dass wir uns kaum Gedanken über die menschlichen und historischen Hintergründe dieser Bauten und ihrer Zeit machen. Wir bewundern, in einen relativ sicheren, freien, europäischen Wohlstand gebettet, den kunsthistorischen Stil, den künstlerischen Ausdruck und die beeindruckenden Formen(„Was die damals schon konnten!“)

Anders ist es, wenn an den prachtvollen, endlosen Sandstränden des dröhnenden Atlantiks, in den Naturschutz- und idealen Surfgebieten, in der von der menschlichen Bauwut noch unberührten Landschaft, bizarre, dunkle Felsformen auftauchen, deren Sinn man nicht versteht. Wie verloren im Sand, liegen sie unverständlich in der Gegend verstreut. Sind es Findlinge? Reste prähistorischer Kulturen?

Je näher man kommt, desto unverständlicher werden sie: Hat sie die Natur geformt oder wurden sie von Menschenhand gemacht? Sind sie aus Stein oder Beton?

Doch dann steht man davor, mitten drin und spürt die erschreckende Bedeutung der Objekte. Sie strahlen allein durch ihre Form, das Material und ihre Situierung an exponierten Stellen Aggression und Abwehr aus. Nun ist es nicht schwer, auf ihre ursprüngliche Funktion zu schließen.

Es sind Abschnitte des „Atlantikwalls“, der zwischen 1942 und 1944 nach der Besetzung Frankreichs auf Befehl Hitlers von den Nazis gegen den befürchteten Angriff der Alliierten zum Schutz des „tausendjährigen Reiches“ errichtet worden sind. 2685 km Küste wurden mithilfe von Millionen Kubikmeter Beton und jeder Menge Arbeitskräften, Zwangsarbeitern, Dienstverpflichteten und Freiwilligen in der „Organisation Todt“ (Generalbauinspektor Todt war für dieses Projekt verantwortlich) zur „Festung Europa“ ausgebaut. Der Atlantikwall umfasste jede Art von Bunker wie beispielsweise Versorgungs-, Sanitäts-, Aufklärungs-, Flak-, U-Bootreparaturbunker. Sie bildeten keine durchlaufende Linie, sondern sollten strategisch wichtige Positionen sichern. Letztendlich erwies sich dieses monströse Summenbauwerk für die Alliierten 1944 aber als leicht zu umgehendes Hindernis.

Die Architektur der Bunker ist reduziert auf das Notwendigste. Ihre Form ergibt sich durch die Notwendigkeit einer möglichst geringen Angriffsfläche. Unauffällig als Felsen, wie ein Teil der Natur, getarnt sollten sie massivsten Aggressionen widerstehen. Zugleich mussten sie Schutz für die Soldaten und Agitationsbasis für verschiedenste militärische Funktionen sein. So ist eine Architektur der Notwendigkeit entstanden.

Nun standen wir (UrlauberInnen aus Österreich) also an unserem ersten Morgen in St. Palais sur Mer, aus unserem Hotel - einer verträumten, romantisch-romanischen Villa von 1900 - tretend, völlig unvorbereitet diesen Resten des Zweiten Weltkriegs gegenüber.

Verschiedene Bunkerformen standen und lagen leicht vom Meer umspült an unserem Weg zum Leuchtturm (Phare de la Coubre). Irritiert wanderten wir vorbei, stundenlang den Sandstrand entlang und wieder zurück. Nach fünf Stunden waren die Betonkuben durch die Flut tief ins Meer eingetaucht. An den herausragenden Ecken brachen sich die Wellen.

Manche Bunker waren, beim mühsamen Versuch, sie durch eine Sprengung zu entsorgen, noch sperriger geworden. Einige versinken im Sand, werden von dem Sand der wandernden Dünen verschluckt. Die Übrigen stehen verloren, weit entfernt von einer verständlichen Ordnung, teils kippend, teils gekippt, an der Grenze zwischen Flut und Ebbe, als ob die Wellen sie hin- und herstoßen, mit ihnen wie mit Bausteinen spielen wollten. Diese Betonungeheuer haben keine Fundamente und sind daher den Bewegungen des Untergrunds ausgeliefert. Langsam frisst das Salzwasser den Beton und lässt die Eisenteile in leuchtendem Rot rosten. Muscheln und Algen überdecken gnädig die Brutalität dieser militärischen Architekturobjekte, konsequent schwarz, grau oder grün.

Stabiler stehen die Bunker in zweiter Reihe, die langsam im Sand der Dünen verschwinden.

Die Natur ist stärker als das menschliche Machwerk!

Dennoch wird es lange dauern, bis diese zum Denkmal gewordene Gewaltarchitektur endlich im Einklang mit der Natur sein wird.

Die Franzosen haben sich inzwischen, nach einer mehr oder weniger kritischen Auseinandersetzung, mit der Existenz der Bunker abgefunden. Dennoch drücken sie ihre Verachtung in kritischen Graffitis, durch Nichtbeachtung oder zweckentfremdete Verwendung als Bar, Umkleidekabine, Schattenspender, Klo, und was gerade gebraucht wird, aus.

Die so entstandene, lebendige Graffiti-Bildergalerie mit den Bunkeroberflächen als Bildträgern wechselt ihre „Ausstellungsmotive“ mit den Jahreszeiten, erzwungen durch die Erosion durch Wind, Regen und Salzwasser, die keinen langen Bestand zulässt

P.S.: Der Architekt und Philosoph Paul Virilio hat sich intensiv mit dem Atlantikwall befasst.

1976 gestaltete er im Centre Pompidou eine diesbezügliche Ausstellung mit dem Titel „Bunker - Archäologie“.

1991 veröffentlichte er den Band „Bunker - Archäologie“ (http://www.jcpohl.de/medien/virilio.html ‚Medien- und Militärästhetik bei Paul Virilio’)

Für genauere Informationen zum Atlantikwall ist am besten das Internet zu befragen (siehe LINK).

Eva Mohringer-Milowiz:

Geboren 1944 in Hatzendorf, Gymnasialzeit in Köln und Graz, Architekturstudium bis 1970, seit 1970 Mitarbeiterin im Bundesdenkmalamt, 1970-71 Stipendium in Paris, 1973 und 1999 Mitarbeit bei den Ausgrabungen in Ephesos.

Zwei erwachsene Kinder.

Fotografie mit Selbstausarbeitung seit dem sechsten Lebensjahr, Teilnahme an der Photokina in Köln 1956 und 1958.

KONTAKT: evamohringer@gmail.com

Verfasser/in:
Eva Mohringer-Milowiz

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dieses und das nächste Foto zeigen Festungswerke im Meer, vor der Ile d’Aix
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