sonnTAG 260

Gomorrha - ehrlich ins Neue Jahr

04/01/2009

Gomorrha - ehrlich ins Neue Jahr

von Wilhelm Hengstler

Keine Verbrechen mehr im Neuen Jahr! Kein Schwarzfahren in der Straßenbahn! Kein Verschweigen eines von fünf Bieren im Durcheinander des Kassierens! Kein unauffälliges Einsacken von Büroklammern oder Gummiringen auf fremden Bürotischen. Und vor allem keine Bücherdiebstähle mehr. Ich dachte schon meine kriminelle Anfälligkeit, an der ich seit Jahrzehnten laboriere, endlich überwunden zu haben. Bis mich „Gomorrha“ von Saviano zurück auf den falschen Weg gebracht hat. Ich entdeckte das Buch in der Präsenzbibliothek eines Kaffeehauses in der Innenstadt, das von meinem Freund Rudi L. betrieben wird. Er ist ein fabelhafter Cafetier, aber, wie ich vermute, kein großer Leser, und es hatte ihm schon nichts ausgemacht mir Coovers „Geisterstadt“ zu borgen. Als ich Coovers postmoderne Dekonstruktion des Westerngenres zurück brachte, schlug mich „Gomorrha“, das damit beginnt wie chinesische Leichen aus einem defekten Container auf einen neapolitanischen Kai fallen, augenblicklich in Bann. Da der Betrieb im Cafe beachtlich und Rudi N. nicht greifbar war, nahm ich das Buch ohne zu fragen. Zwar hatte ich Rudi L. um Erlaubnis gebeten, mir wieder etwas ausleihen zu dürfen, aber insgeheim, klammheimlich, war da doch ein Liebäugeln damit, Savianos Buch „einzuziehen“ - ein Terminus, auf den wir im Folgenden noch öfter stoßen werden – und die im Nachhinein entdeckte Widmung auf dem Frontispiz vergrößerte mein Schuldgefühl.

Ich bin ein frei schwebender Gewohnheitsverbrecher. Wer seine Verbrechen gewerbsmäßig ausübt, kann ja schon aus wirtschaftlichen Gründen kaum damit aufhören. Der gewohnheitsmäßige Verbrecher kann dagegen, anders als der gewerbsmäßige, seine auf gelegentliche Lustempfindungen zielenden, verbrecherischen Energien ohne ökonomische Gefahr zurück fahren. Dagegen schließen Gewohnheit und Gelegenheit einander, wie das Beispiel von „Gomorrha“ zeigt, nicht aus. Der gewohnheitsmäßige Gelegenheitsdiebstahl ist also ökonomisch beinah ein irrelevanter, gewissermaßen reiner Akt. Durch das gleichsam revolutionäre Eindringen in einen verbotenen Bezirk eignen sich die zu kurz Gekommenen Wissen, Geheimnisse, Werkzeuge und Techniken an. Häufig ist der Dieb eine heroische Gestalt, ein Trickster-Heros, ein Aufklärer, der das Leben für die Umverteilung materieller und geistiger Güter riskiert. Prometheus entwendet das Feuer aus dem Götterhimmel, Jason das Goldenen Vlies aus Kolchis, Conan der Barbar schleicht sich mit Valeria in den Schlangenturm um das „Auge der Schlange“ zu stehlen, der Hitchcocks Restistance-Kämpfer und Juwelendieb klettert „Über den Dächern von Nizza“. Aber je grimmiger und konservativer die Herrschenden sind, desto schrecklicher die angedrohten Qualen für die Verletzung des Eigentums. In Österreich z. B. werden Eigentumsdelikte ungewöhnlich rigoros bestraft. Und am schlimmsten sind die Selbstbestrafungen.

Als Bücherdieb dürfte ich meine Karriere 1952 oder 1953 begonnen haben. Das Amerika-Haus lag ums Eck vom Operncafe, damals Columbia, in der Hamerlinggasse und wurde von einer Dame namens Dr. Uranitsch geleitet. Akademikerin, kindergelähmter, linker Arm und immer diese fabelhaften Kombinationen von Kaschmirpullover und -weste, plus Perlenkette. Soviel Damenhaftigkeit versetzte mich in heftige Verliebtheit und die USA wurden – verkörpert in dem fabelhaften, reich bebilderten Hochglanzband „Das ist Amerika“ – utopischer Schnittpunkt von Eros und Prosperität. Ich sicherte mir meinen Teil vom Paradies, indem ich mich, das Großformat gegen das rasende Herz gedrückt, durch die hohe, eingelegte Tür schwindelte. Unglücklicherweise zwangen mich meine illiteraten Erziehungsberechtigten „Das ist Amerika“ unter lahm vorgetragenen Erklärungen zu retournieren. Frau Dr. Uranitsch war gütig, ihr Arm ein anrührender Engelsflügel, die Scham trotzdem kolossal. Der Schaden an meiner Seele war zweifellos bedeutender, als die Instandsetzung meines Charakters, aber fortan war mir das Eigentum der anderen heilig… Es hat ca. 40 Jahre gebraucht in Bibliotheken das zweifellos berechtigte Gefühl persönlichen Unwerts– gleich ob Stadt-, Landes-, Arbeiter oder Universitätsbibliothek – zu überspielen. Umgeben von Bücherwänden überfielen mich augenblicklich der Karriere abträgliche Wallungen. Hätte ich „Das ist Amerika“ behalten dürfen, wäre mir in Bibliotheken nicht immer so unerträglich heiß geworden; dann wäre ich vermutlich österreichischer Bundespräsident geworden, zumindest Landeshauptmann, vielleicht ehrlicher Manager eines Hedgefonds oder wenigstens ein vorzeigbarer Schriftsteller.

„Prinz Eisenherz“, wegen seiner Pagenfrisur kein Fall für weibliche Fans, war das nächste Objekt meiner Begierde. Wenn auch hinsichtlich des Autors Hal Forster eindeutig amerikanischer Provenienz, genoss der „Ritter ohne Furcht und Tadel“ nicht die Fürsorge von Frau Dr. Uranitsch. Nur etwas kleiner als DIN A4, mit schmalem Rücken und ganz in apartem Blau gehalten, war bestens in dem modernen Kiosk am Joanneumring aufgestellt. Mittels klassizistischer Zeichnungen begleitete der Leser den „ritterlichen Helden“ durch eine historisch extrem phantasievolle Völkerwanderung. Ich stand lange Stunden an dem Kiosk, nahm das neueste Heft wohl auch aus dem Ständer, wagte aber nicht, mich seiner zu bemächtigen. Konkreter wurde der Dolus, der böse Vorsatz, als die Erzählungen in Buchform - mehr Text und weniger Bilder - erschienen. Die Styria leistete sich damals noch eine große Buchhandlung in der Albrechtgasse mit einer Leseecke für Kinder und Jugendliche, in der auch „Prinz Eisenherz und Aleta“ auflag. Heute frage mich, wer dieses Exemplar aus meinem Handapparat entwendet hat? Etwa doch ein weiblicher Fan?

Es folgt eine Phase neuer Verbrechen, in denen ich das Kulturgut Buch durch das Massenmedium Kino ersetzte. Der Kinoeintritt war nie billig, aber die Armen sind es von jeher gewohnt, ihren Geldmangel durch Findigkeit und Zeitaufwand auszugleichen. Es geschah selten, schon gar nicht im Geschiebe und Gedränge des Einlasses, dass ein Billeteur eine Eintrittskarte zwecks genauer Prüfung in die Hand nahm. Dem kindlichen Verbrecher erschienen die Billeteure auch als alte Männer, Heimkehrer aus dem Krieg, deren Augenlicht zu schwach war, um die aufgestempelten Zeit- und Datumsangaben zu entziffern.

Der kleinkriminelle Kinonarr bettelte ehrlicheren Filmfreunden ihre Eintrittskarten nach dem Besuch ab. Besonders wertvoll waren dabei jene Karten, die nicht „abgerissen“ waren.

Allmählich entstand ein Depot aus Eintrittskarten, die nach Kino, Farbe, Monat und Einlasszeit systematisch geordnet waren. Die Jahreszahl ließ sich mit einem zum Stempel umfunktionierten Weinkorken fälschen, die „abgerissenen“ Karten konnte mittels transparentem Klebeband wieder hergestellt, die Perforation händisch, Loch für Loch, mit einer Nadel nachgebohrt werden. Dann musste nur noch auskundschaftet werden, welche Farbe die Karten in welcher Vorführung des Kinos X oder Y hatten.

Das hieß dann „Einziehen“, ein Ausdruck, dem man die in ihm steckende List, Verschlagenheit, ja Gewalt durchaus abliest. Aber ist andererseits nicht auch Jesus Christus in Jerusalem, diese strahlende Stadt „eingezogen“? Auch meine betrügerische Heimindustrie zielte auf das Betreten eines spirituellen, von Licht durchfluteten Erlösungsraumes, als der sich mir der Vorführsaal darstellte. Und waren die Geschichten über „König Artus Tafelrunde“, „Ben Hur“ oder „König Salomons Diamanten“ nicht vergleichbar mit den farbigen Illustrationen in unserer „Biblischen Geschichte“? Warum nur belehrten mich

die Xenonlicht erfüllten Beispiele einer handgreiflich-göttlichen Gerechtigkeit – Revolverduelle in „Ghost City“, Faustkämpfe auf der Nase der Sphinx, Sümpfe, die das Böse verschlangen, Feuersbrünste, etc. – nicht eines Besseren? War es, weil ich mir den Zugang zur „ewigen Moral“ dieser lichtglänzenden Utopien widersinnig durch betrügerische Strategien verschaffte? Neben mir hatte sich ein Kreis jugendlicher Kinokartenfälschern und Bücherdiebe im kriminellen Halbschatten von Graz gebildet, dessen Mitglieder ihre Missetaten im Stil von Sportreportagen schilderten. Für olympiareif galt die Kaltblütigkeit, bei ausverkaufter Vorstellung, während der Film schon lief, im Dunkeln lautstark störend auf der Echtheit der gefälschten Karte zu bestehen, bis dem Besitzer der echten Karte ein Notsitz im Mittelgang zur Verfügung gestellte wurde. Wir entdeckten die Altwarenhandlungen am Färberplatz, in der Jakominigasse, am Lendkai oder in der Elisabethinergasse, wo neben handgeschliffenem Bleikristall, altmodischen Halbedelsteinen und staubigen Möbeln auch Comics, Ullsteinbücher, oder Wildwestromane getauscht (im Verhältnis 1: 2) oder gekauft werden konnten. Die Ladeninhaber – scheeläugige Männer, spitznasige Frauen – beschuldigten uns zwar schon beim Eintreten prophylaktisch der Diebstähle, die wir im Sinn hatten, aber egal. Immerhin entdeckten wir bei der Gelegenheit das „Wiener Magazin“ und lernten, dass die Quintessenz eines Aktes im fehlenden „N“ besteht.

Die Libido lenkte meine literarisch-kriminellen Energien in keine anderen Bahnen. Als Hauslehrer in einem südweststeirischen Schloss entdeckte ich Musils „Mann ohne Eigenschaften“, den der Verleger-Kollege Rowolth meinem Arbeitgeber in zwei Exemplaren gesandt hatte, in der umfangreichen Schlossbibliothek (erster Stock). Ich gestehe, ich gestehe, ich habe die Liebe des Hausmädchens ausgeschlagen, das mich nach meinem Sturz beim Eisschießen an seine Brüste drückte. In dünkelhafter Schüchternheit habe ich mich lieber Musils großem Buch gewidmet. Ich bin sicher, mein Arbeitgeber, hat den Diebstahl bemerkt (aber ich konnte nicht anders) und mir verziehen. Trotzdem nagt noch heute, nachdem der Herr der Bibliothek durch seinen schauerlichen Selbstmord die Welt der Bücher längst verlassen hat, ein Schmerz darüber, nicht in die im Erdgeschoss liegende Kammer des Mädchens geschlichen zu sein. Sicher, ich wäre damit zum Jahresgesprächsstoff des Hauspersonals geworden, hätte aber Musils Möglichkeitswelt gegen die Sicherheit zweifellos geglückter, jugendlicher Umarmungen getauscht.

Nicht, dass sich damit meine kriminellen Erregungen erschöpft hätten. Abgesehen davon, dass ich des Öfteren Zugbegleiter gar nicht oder zu spät zwecks Lösen einer Fahrkarte auf mich aufmerksam gemacht habe, sind später die exotischeren Fachbibliotheken der Theologen oder des Franz-Nabl-Institutes zu meinen Aktionsfeldern geworden. Was wäre ich schon ohne Mary Douglas „Reinheit und Gefährdung“, BM 902 D 735. Doch selbst wenn das Neue Jahr noch lang ist, ich muss mich, da die Zeit des Lesers kostbar bleibt, kurz halten.

Insgesamt machen die Bücher, zu denen ich auf sinistre Weise gekommen bin, nicht mehr als ein Handvoll aus - lächerlich im Vergleich zu meiner Bibliothek, deren Umfang mittlerweile der des verstorbenen Verlegers gleicht. Ich habe auch niemals ein „organisiertes“ Buch weiter verkauft. Wenn Ökonomie dahinter steckte, war es eine der Magie. Durch manche Bücher wird man ein bisschen zu einem, der man gern gewesen wäre. Verknüpfte ich den illegitimen Erwerb eines Buches mit der Hoffnung auf sozialen Aufstieg und habe ich deshalb nicht mit dem Hausmädchen geschlafen? Dass dieser Zauber am ehesten funktioniert, wenn es sich nicht um nebenbei gekauftes, sondern mit begleitenden Neurosen „organisiertes“ Buch handelt, verstehe ich selber nicht. Auch nicht, dass die Lektüre des Buches für seine seltsame Wirkung unnötig, ja vielleicht sogar hinderlich ist. Wie dem auch sei, bekanntlich ist man sich selbst das größte Rätsel. Aber ich nutze das Neue Jahr dazu, um hier im Netz - ähnlich den germanischen Königen zur Zeit des frühen Christentums –öffentlich Beichte abzulegen. Und dann? Soll ich „Gomorrha“ heimlich zurück in das Cafehausregal stellen? Oder Rudi L. gleichzeitig darüber informieren, dass ich „Gomorrha“ zurückgebracht habe? Oder ihn gar – nicht ohne die klammheimliche Hoffnung, dass er mir nicht nur verzeiht, sondern auch das Buch großzügig überlässt - um Verzeihung bitten? Alles sehr schwierige Fragen, die sich im Neuen Jahr zweifellos lösen werden. 09 hat noch einiges in petto.

WILHELM HENGSTLER ist Filmregisseur und Autor, ausgezeichnet mit dem Manuskriptepreis 2004, lebt in Judendorf/Strassengel bei Graz.

Verfasser/in:
Wilhelm Hengstler

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