Das deutsch-französische Lexikon zu 1968 – dem Jahr, das nie endet. Seine Ereignisse sind nachhaltig und beeinflussen die Diskurse unserer Gesellschaft bis heute.
Ausgewählt von Karin Tschavgova
1968, das war auch ein neues Gemeinschaftsgefühl – Solidarität, gemeinsame Rebellion, gemeinsame Visionen. Daher: 68 Schlagworte aus Frankreich und Deutschland als Überblick über die wichtigsten Akteure und Aktionen jener legendären Nachkriegszeit zum 40. Jahrestag und als Auftakt für „sonnTAG“ im Juni unter dem Motto „Gemeinsam statt einsam“, dem Thema des HDA-Programms für die Jahre 2008 und 2009.
Das deutsch-französische Lexikon
„Adieu de Gaulle“: („Auf Nimmerwiedersehen, de Gaulle“) Bei einer Pariser Großdemonstration am 29. Mai 1968 sangen 800.000 Menschen im Chor immer wieder diese Worte und forderten damit den Rücktritt ihres Präsidenten Charles de Gaulle. Einen Tag zuvor hatte der Sozialist François Mitterand seine Bereitschaft zur sofortigen Übernahme der Regierung angekündigt.
Adorno, Theodor W.: (1903–1969) Deutscher Philosoph, Soziologe und Musiktheoretiker, bedeutendster Repräsentant des Frankfurter „Instituts für Sozialforschung“, dessen sozialpsychologischer Forschungsansatz als Frankfurter Schule oder Kritische Theorie bezeichnet wird. Adornos kulturkritische Positionen gipfelten in seiner Kritik am Kapitalismus als „Verblendungszusammenhang“.
Amerikanische Bürgerrechtsbewegung: Drei Begrifflichkeiten aus der US-Bürgerrechtsbewegung hatten in den europäischen Protesten eine feste Bedeutung, auch wenn sie sich inhaltlich weiterentwickelt haben. „Teach-In“: eine Veranstaltung, in der nicht nur gelehrt, sondern auch aufgeklärt wird; „Sit-In“: ursprünglich initiiert von Afro-Amerikanern, die unerlaubterweise in Cafés und Restaurants für Weiße gingen und auf freien Stühlen Platz nahmen; „Go-In“: Ein Ort wird betreten, um ein neues Thema zur Diskussion zu stellen und den Sinn der Veranstaltung umzufunktionieren.
Amphithéâtres: Die Hörsäle der meisten Universitäten von 1968 waren auf beiden Seiten des Rheins Schauplatz für die Grundsteinlegung gesellschaftlicher Umwälzungen. Studentenbewegungen bildeten sich und forderten politische und gesellschaftliche Veränderungen. In der BRD war Rudi Dutschke der Kopf der Studentenbewegung, in Frankreich der Deutsch-Franzose Daniel Cohn-Bendit (Dany le Rouge).
Anti-… : Der Anti-Amerikanismus war stark verbreitet. Nicht jedoch als Begriff, sondern als Haltung. Drei andere Begriffe standen stattdessen im Zentrum: Anti-Kapitalismus, Anti-Faschismus und Anti-Imperialismus. Die USA standen dabei für alles, wogegen die 68er rebellierten, und stellten das Feindbild Nr. 1 dar. Die in Berlin ebenso wie in Paris verwendete Parole „USA-SA-SS“ brachte das in einer prägnanten Formel zum Ausdruck. Viele 68er hielten die Zustände in den USA mit denen im nationalsozialistischen Deutschland für vergleichbar. Ein Grund hierfür war der Vietnamkrieg.
Antiautoritär: Jegliche Art von Hierarchie wurde von der 68er-Bewegung abgelehnt – egal, wo sie stattfand: an der Universität, am Ausbildungsplatz, innerhalb der Familie, im gesellschaftlichen Zusammenleben oder im Arbeitsumfeld. Jeder Mensch sollte das Recht haben, seine Wünsche zu verwirklichen, ohne von anderen unterdrückt zu werden. Große Auswirkungen hatte dieser Gedanke auf die Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Im Zuge einer anti-autoritären Erziehung sollte dem Kind ermöglicht werden, sich frei, unabhängig, emanzipatorisch und repressionsarm zu entfalten.
APO: Abkürzung für „Außerparlamentarische Opposition“: ein Konglomerat unterschiedlicher Gruppen und Organisationen, die ihre Interessen nicht mehr im Parlament der Großen Koalition vertreten sahen. Motor der APO war der „Sozialistische Deutsche Studentenbund“ SDS. Seine Anliegen: Protest gegen die geplanten Notstandsgesetze und gegen den Vietnamkrieg, Demokratisierung der Universitätspolitik, Kritik an der gesellschaftlichen Verdrängung der deutschen Nazi-Vergangenheit sowie gesellschaftliche Veränderungen nach sozialistisch-revolutionärem Vorbild. Der wirkungsmächtigste Sprecher der APO war Rudi Dutschke.
Babas cool: Französisches Wort für „Hippies“ – abgekürzt auch „babas“. Die Hippie-Bewegung bot einen der geistigen Nährböden für die 68er. Sie entstand in den 1960ern in San Francisco als gegenkulturelle Jugendbewegung und in Anlehnung an die „Hipster“ der Beat-Generation der 1950er. Die Hippies propagierten ein humanes, friedvolles Leben frei von bürgerlichen Zwängen und Tabus. Die Hippies kritisierten die Konsumkultur und fühlten sich eng mit der Natur verbunden. Eines ihrer Schlagworte war „Flower Power“. Sie standen für sexuelle Befreiung, einen neuen Musik- und Kleidungsstil sowie die Bewusstseinserweiterung durch Drogen, vor allem LSD.
Beuys, Joseph: (1921–1986) Als einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts engagierte Beuys sich auch politisch. Seine gestalterischen und politischen Ideale waren eng mit der Vorstellung eines freien, mündigen Menschen als Natur- und Gesellschaftswesen verbunden. Er trat für einen demokratischen Sozialismus ein, lehnte allerdings den Klassenbegriff ab. Rudi Dutschke schrieb über ihn: „Joseph war glänzend in der Kunst und unwissend in der Ökonomie.“ 1967 gründete Beuys – als Reaktion auf den Tod von Benno Ohnesorg – eine eigene Partei: die Deutsche Studentenpartei DSP (ab 1971 in „Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“ umbenannt).
Beauvoir, Simone de: (1908–1986) Französische Schriftstellerin, Philosophin und Feministin. Zeit ihres Lebens rebellierte die „Tochter aus gutem Hause“ gegen den Konformismus und die bürgerliche „Tyrannei“, aus der sie stammte. Sie war eine der ersten Philosophielehrerinnen in Frankreich. Ihr Werk ist stark mit dem Existenzialismus ihres Gefährten Jean-Paul Sartre verbunden. In ihrem Buch „Le deuxième sexe“ (Das andere Geschlecht, 1949) lieferte de Beauvoir die theoretischen Grundlagen für die Frauenbewegung der 1960er Jahre. In vielen späteren Diskussionen beeinflusste sie den Feminismus maßgeblich und war Wegbereiterin der Genderstudies.
Bendern, Caroline de: Wie eine moderne Jeanne d’Arc steht Caroline de Bendern für die Entschlossenheit einer ganzen Generation. Auf einem Foto ist die damals 27-jährige Britin bei einer Studentendemonstration im Mai 1968 in Paris zu sehen. Auf den Schultern eines Freundes sitzend, schwenkte sie mit entschlossenem Blick eine Vietnam-Flagge. Das Foto erschien auf mehreren Titelseiten und wurde in Frankreich zum Symbolbild der Zeit.
Black Power: Slogan, mit dem sich militante Schwarze von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung absetzten. Wichtigste Organisation waren die bewaffnet auftretenden „Black Panther“. Der zum Sprung ansetzende schwarze Panther war seit 1968 als Symbol auch in der BRD und in Frankreich verbreitet. Es stand für den Bruch mit den gewaltfreien Prinzipien Martin Luther Kings und für den radikalisierten Kampf gegen die Diskriminierung der Schwarzen.
Bloch, Ernst: (1885–1977) Tübinger Philosoph, auf dessen Schriften sich die 68er-Generation bezog. Im Zentrum seiner Philosophie steht der über sich hinaus denkende Mensch. Bloch vertrat die Prinzipien der konkreten Utopien, der Tagträume und das „Prinzip Hoffnung“. Im Februar 1968 lernte Bloch den Studentenführer Rudi Dutschke kennen. Zwischen beiden entwickelte sich eine intensive Freundschaft.
„Dany le Rouge“: (der rote Dany) (geb. 1945) Der Spitzname des Deutsch-Franzosen Daniel Cohn-Bendit spielt nicht nur auf seine Haarfarbe an, sondern auch auf seine Gesinnung. Der heutige Grünen-Politiker und Publizist war 1968 der prominenteste Sprecher der Pariser Studentenbewegung. Er studierte Soziologie an der Universität von Nanterre und war Aktivist der „Bewegung des 22. März“ (Mouvement du 22 mars). Er hatte Kontakte zu Rudi Dutschke und zum SDS-Vorsitzenden Karl-Dietrich Wolff. Im Mai 68 wurde Cohn-Bendit als vermeintlicher Unruhestifter aus Frankreich ausgewiesen. Das Einreiseverbot wurde ein Jahrzehnt lang aufrechterhalten. In den 1970ern war er der Kopf der Frankfurter Sponti-Bewegung und gab das Alternativmagazin „Pflasterstrand“ heraus. Heute distanziert er sich teilweise von seinen Äußerungen dieser Jahre und ist Mitglied im EU-Parlament. D. Cohn-Bendit: „Wir haben sie so geliebt, die Revolution“, Philo 2001
Degenhardt, Franz Josef: (geb. 1931) Deutscher Dichter, Sänger und Rechtsanwalt, wurde 1968 von der „Zeit“ als „singender Anwalt“ und „schreibender Barde“ bezeichnet. Als Jurist beschäftigte er sich intensiv mit den APO-Prozessen, als Liedermacher war er eine der gesellschaftskritischen Stimmen der 68er-Bewegung. Sein Lied „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ kritisierte die Spießigkeit der Nachkriegsjahre in der Bundesrepublik und avancierte schon bald zum geflügelten Wort.
Dialektik: Inflationär verwendetes Zauberwort, mit dem der Anspruch verknüpft wurde, man könne die Widersprüche der Gesellschaft dynamisieren, sie in eine Revolution einmünden lassen und dadurch aufheben. Bereits im Juli 1967 hatte in London ein Kongress mit dem wegweisenden Titel „Dialektik der Befreiung“ stattgefunden. In zahlreichen Veranstaltungen wurde nach einem Schlüssel für die Befreiung der Gesellschaft gesucht. Die wichtigsten Akteure der damaligen Debatten waren auf dem Kongress, u.a. Herbert Marcuse und Angela Davis. Die Texte des Kongresses wurden anschließend in einem Band der Reihe „Rowohlt-Aktuell“ veröffentlicht.
Dutschke, Rudi: (1940–1979) Der Sohn eines Brandenburger Postbeamten siedelte kurz vor dem Mauerbau nach West-Berlin über und begann, Soziologie zu studieren. 1963 wurde er Mitglied der avantgardistischen Gruppe „Subversive Aktion“, die antiautoritäre Aktionen als geeignetes Mittel zum Wecken eines kritischen Bewusstseins empfand und sich auf Ideen der Situationistischen Internationale berief. Diese versuchte ab 1965, den SDS zu unterwandern. Dutschke wurde durch Interviews und Reden in der Öffentlichkeit zum bekanntesten Vertreter der linken Studentenbewegung. Am 11. April 1968 verübte der mutmaßliche Rechtsradikale Josef Erwin Bachmann ein Attentat auf Dutschke. Der überlebte nur knapp, litt lebenslang an Gesundheitsschäden und starb 1979 an den Spätfolgen.
Emanzipation: Ein Schlüsselbegriff des Jahres 1968. Er bezeichnet allgemein die Befreiung aus ungerechten Verhältnissen und ist in der Öffentlichkeit vor allem durch die feministische Bewegung geprägt worden.
Establishment: Der Ausspruch der deutschen 68er „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment" spielt sowohl auf die sexuelle Revolution als auch auf die Opposition gegen bürgerliche Werte an. Heißt: Wer keine freie Liebe praktiziert, wie von den Hippies propagiert, ist ein Spießbürger.
Étudiants, mouvement des: (Studentenbewegung) Sowohl in Frankreich als auch in Deutschland bildeten Studenten den Kern der Protestbewegung von 1968. In Frankreich wurden die Studenten alsbald von streikenden Arbeitern unterstützt. Die Gründe für den Protest waren vielseitig: Vergangenheits-bewältigung, Aufbegehren gegen das herrschende System und Autoritäten, der Krieg in Vietnam, überfüllte Hörsäle und überholte Studienordnungen, veraltete Besuchsrechte in Studentenwohnheimen u.v.m. Dass es ausgerechnet die Studenten waren, die die Proteste auslösten, spricht für den Charakter der Ereignisse: Junge Menschen wollten alte, verkrustete Strukturen aufbrechen.
„Fantasie an die Macht!“: Auch in Deutschland ein viel zitierter Slogan. Bekannter ist jedoch sein französisches Pendant „L’imagination prend le pouvoir“, das 1968 als Parole die Mauern von Paris zierte.
„La France s'ennuie“: (Frankreich langweilt sich …) Artikel von Pierre Vainsson-Ponte, der am 15. März 1968 in der Zeitung „Le Monde“ erschien. Er illustrierte treffend die Ruhe vor dem Sturm und endete mit den Worten: „In diesem kleinen (…) Frankreich, das nicht wirklich unglücklich ist und auch nicht floriert, das mit aller Welt in Frieden lebt, aber keinen Einfluss auf die Ereignisse hat, sind Leidenschaft und Fantasie ebenso notwendig wie Wohlstand und Freizeit“. Diese Worte wurden als Aufforderung zur Revolte gelesen.
Frankfurter Schule: Gemeint ist die „Kritische Theorie“ des 1923 gegründeten Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Hauptwerk ist die „Dialektik der Aufklärung“ (1947), eine Essay-Sammlung der Philosophen und Soziologen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die sich mit Kapitalismuskritik und einer neuen Auslegung der Ideen von Karl Marx auseinandersetzte. Zu den Theoretikern der Frankfurter Schule, die wegen ihrer jüdischen Herkunft von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, gehörten u.a. auch Walter Benjamin und Herbert Marcuse. Ihr bekanntester Nachfolger ist der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas.
Gaulle, Charles de: (1890–1970) 1968 war de Gaulle 78 Jahre alt und bereits seit zehn Jahren Präsident Frankreichs. Die Proteste in seinem Land waren für ihn zunächst ungehörige Aktionen von Studenten, die keine Lust hatten, Prüfungen zu schreiben. Er bezeichnete die Studenten wörtlich übersetzt als „Unkraut“ (chienlit). Bei der Besetzung des Odéon-Theaters und der Sorbonne weilte de Gaulle in Rumänien und war nach seiner Rückkehr unfähig, auf die Ereignisse zu reagieren. Er schickte den Premierminister Georges Pompidou vor und verfügte, die öffentliche Ordnung wiederher-zustellen. Dies rief nur noch größere Unruhen hervor. Am 30. Mai sah sich de Gaulle gezwungen, die Nationalversammlung aufzulösen und ordnete Neuwahlen an. Die Pariser Mai-Unruhen waren damit beendet. Die Gaullisten zogen nach der Neuwahl triumphierend mit 294 von 485 Abgeordneten in die Nationalversammlung ein – nie zuvor und nie wieder erreichten sie ein solches Ergebnis. Am 29.4.1969 trat de Gaulle zurück.
Grève générale: (Generalstreik) Am 13. Mai 1968 riefen sämtliche französischen Gewerkschaften (außer der CGT) aus Solidarität mit den Studenten zu einem eintägigen Generalstreik auf. Daraufhin streikten auch die Arbeiter der Renault-Werke in Cléon, und eine Streikwelle setzte ein. Die Arbeiter forderten die Anhebung des Mindestlohns sowie bessere Renten. Am 18. Mai war Frankreich wirtschaftlich nahezu vollständig gelähmt. Wenige Tage später signalisierten die Gewerkschaften ihre Verhandlungsbereitschaft mit der Regierung. Im Arbeits-ministerium in der Rue Grenelle begannen am 25. Mai die Gespräche, die zwei Tage später in den „Accords de Grenelles“ mündeten und in Frankreich eine neue Art von Verhandlungen begründeten, die Vertreter von Staat, Unternehmen und Gewerkschaften an einen Tisch brachten.
Grimaud, Maurice: (geb. 1913) War 1968 Polizeichef in Paris, wollte bei den Unruhen ein Blutbad verhindern und appellierte an die Polizisten, nicht auf am Boden liegende Demonstranten einzuschlagen. Er schrieb später über seine Erlebnisse im Pariser Mai das Buch „En mai fais ce qu’il te plaît“ (Im Mai kannst du tun und lassen, was du willst).
Große Koalition: Zwischen 1966 und 1969 wurde Deutschland unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger zum ersten Mal von einer Großen Koalition der Parteien SPD und CDU regiert. Das Bündnis verstand sich als bloße Vernunftehe auf Zeit. Die FDP war zu schwach, um im Bundestag die Rolle einer wirksamen Opposition spielen zu können. Als Antwort darauf bildete sich die Außerparlamentarische Opposition APO.
Guevara, Che: (1928–1967) Der argentinische Arzt, Revolutionär und Guerillaführer war eine Ikone der 68er-Bewegung. Er leitete an Fidel Castros Seite die kubanische Revolution ein und begründete neben Mao Tse-tung und Ho Chi Minh den modernen Guerilla-Kampf nach der sogenannten Fokustheorie. Diese sah vor, dass revolutionäre Truppen die Revolution in die ländliche Bevölkerung hineintragen.
Heinemann, Gustav: (1899–1976) 1966–1969 Bundesjustizminister (SPD) der Großen Koalition. Er liberaliserte 1968 das Strafgesetz, setzte verstärkt auf Kriminalprävention und Resozialisierung von Straffälligen und erreichte, dass Ehebruch und Homosexualität keine Straftaten mehr sind. Er befürwortete jedoch die Notstandsgesetze, die von der Studentenbewegung abgelehnt wurden. Im September 1968 ließ Heinemann die Bildung einer neuen kommunistischen Partei, der DKP, zu – ein umstrittenes Thema, da sie von der SED ferngesteuert wurde. Von 1969–1974 war Heinemann Bundespräsident.
„Il est interdit d’interdire“: („Es ist verboten, zu verbieten“) Antiautoritärer, französischer Schlachtruf im Mai 1968, der auf etlichen Hauswänden, Plakaten und Flugblättern zu lesen war.
Kalter Krieg: Der Kalte Krieg war ein für die 68er-Generation prägender Konflikt der Systeme zwischen den kapitalistischen westlichen Ländern und den kommunistischen Ostblockstaaten, vornehmlich zwischen den USA und der Sowjetunion. Der Krieg wurde auf ideologischer Ebene ausgetragen und äußerte sich u.a. im Wettrüsten. Ein wichtiges Ereignis im Jahr 1968 war der Prager Frühling: Die Freiheitsbestrebungen der kommunistischen Partei in der ČSSR wurden dabei von der Sowjetunion als Gefahr für die Einheitlichkeit des Ostblocks angesehen und mit dem Einmarsch von Sowjet-Truppen im August 1968 gewaltsam beendet.
Kiesinger, Kurt Georg: (1904–1988) Von 1966 bis 1969 deutscher Bundeskanzler (CDU) der Großen Koalition, Gegner der von den 68ern vertretenen Ideale. In linken Kreisen war er wegen seiner NS-Vergangenheit umstritten.
Kommune I: Die bekannteste Berliner Wohngemeinschaft 1968. Ihre Bewohner Rainer Langhans, Uschi Obermaier, Fritz Teufel und Dieter Kunzelmann erlangten durch ihren bewusst zur Schau gestellten, antibürgerlichen Lebensstil bundesweite Aufmerksamkeit und prägten den 68er-Mythos maßgeblich. Ihr Prinzip des Zusammenlebens hieß: Alles wird geteilt. Bald schon ließen sich die bekannt gewordenen Bewohner der Kommune I ihre Interviews und Fotos bezahlen. Im Flur der Wohnung hing ein Schild: „Erst blechen, dann sprechen“. 1967 hatte die Kommune durch eine groteske Provokation, das geplante, aber nie durchgeführte „Pudding-Attentat“ auf den US-Vizepräsidenten Hubert H. Humphrey, auf sich aufmerksam gemacht. Rainer Langhans, Fritz Teufel „Klau mich“, Edition Voltaire 1968
konkret: Die seit 1957 bestehende „Zeitschrift für Politik und Kultur“ versteht sich als „einzige linke Publikumszeitschrift Deutschlands“. 1968 erschien sie als linksradikale Studentenzeitschrift mit einer festen Kolumne von Ulrike Meinhof. Während ihrer Recherche zum Kaufhausbrand in Frankfurt machte sie die schicksalhafte Bekanntschaft mit Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Damaliger Chefredakteur von „konkret“ war Meinhofs Mann, Klaus Rainer Röhl. Das Blatt prägte den gesellschaftskritischen Diskurs der Zeit stark mit. Später fand man heraus, dass es bis 1964 von der DDR finanziert und gelenkt worden war.
Kaufhausbrand: Auf der Frankfurter Zeil brannten im April 1968 zwei Kaufhäuser. Brandstifter waren die APO-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein. Ihr Motiv: Kritik am Konsumterror, aber auch der Vietnamkrieg beeinflusste die Täter. Ensslin erklärte: „Wir taten es aus Protest gegen die Gleichgültigkeit, mit der die Menschen dem Völkermord in Vietnam zusehen.“ Baader verbüßte für die Tat eine Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel. Seine Flucht aus der Haft im Mai 1970, die von Ulrike Meinhof und von Baaders Anwalt Horst Mahler unterstützt und eingefädelt wurde, gilt als Geburtsstunde der RAF.
Konsumterror: Begriff, der das deutsche Wirtschaftswunder als trügerisch und verlogen entlarven sollte. Konsum wurde als Verblendung und Manipulation verstanden. Wichtigster Theoretiker: Henri Lefebvre (1901–1991).
Kulturrevolution: Der Begriff geht auf Mao Tse-tungs Kampagne in China zurück. Seine Rotgardisten verbreiteten unter den Intellektuellen lange Angst und Schrecken. In Unkenntnis dessen adaptierten die 68er das Schlagwort, um die soziokulturelle Umwälzung der Gesellschaft zu charakterisieren.
Leary, Timothy: (1920–1996) US-amerikanischer Psychologe und Autor, der den freien Zugang zu bewusstseinsverändernden Drogen forderte und das mit dem Slogan „Turn on, Tune in, Drop out!“ propagierte. In zahlreichen LSD-Experimenten untersuchte er einen kontrollierten Drogenkonsum, der bei einem gesunden Menschen den Geist für neue Eindrücke öffnen sollte.
Lübke, Heinrich: (1894–1972) Von 1959 bis 1969 deutscher Bundespräsident. 1968 erhärteten Recherchen des Magazins „Stern“ den Vorwurf, Lübke habe in der NS-Zeit die Baupläne für Zwangsarbeiterlager erstellt. Obwohl es sich ursprünglich um eine Rufmord-Kampagne der DDR-Staatssicherheit handelte, wurde der Vorwurf später von Historikern bestätigt. 1969 trat Lübke drei Monate vor dem Ende seiner Amtszeit als Bundespräsident zurück.
Mahler, Horst: (geb. 1936) Von ganz links nach ganz rechts: Der Jurist war ab 1959 Mitglied im SDS und machte sich einen Namen mit der Verteidigung von „Demonstrationsstraftätern“ wie Fritz Teufel, Rainer Langhans, Andreas Baader, Rudi Dutschke oder Gudrun Ensslin. 1970 war er Gründungsmitglied der RAF und änderte nach Verbüßen seiner Haftstrafe 1980 seine Gesinnung. Er wurde NDP-Mitglied und gilt heute als überzeugter Antisemit und Rechtsextremist.
Mandarins, les: Französischer Begriff aus dem geistigen Umfeld des Mai 1968. „Mandarins“ wurden umgangssprachlich hochqualifizierte Universitäts-professoren genannt, die für eine Bildung standen, die nur höheren Schichten und der Elite vorbehalten sein sollte. Der Name spielt auf chinesische Obrigkeitshörigkeit und Autorität an.
Marx, Karl: (1818–1883) Die Theorien des Philosophen waren der kleinste gemeinsame Nenner vieler Protestbewegungen von 1968. Jede Splitter-Gruppe verfolgte einen neomarxistischen Ansatz – mit dem Ziel des Sozialismus.
Muff: „Unter den Talaren – Muff von 1.000 Jahren“ war ein viel zitierter Spruch der deutschen Studentenbewegung, der verkrustete autoritäre Strukturen im Bildungssystem und allgemein in der Gesellschaft anprangerte.
Molotowcocktail: In der „heißen Phase“ von 1968 kursierte ein Film mit der genauen Beschreibung zur Herstellung eines einfachen Brandgeschosses. Autor des Films war der spätere Terrorist Holger Meins. Der Molotowcocktail war in Deutschland und Frankreich ein beliebtes Wurfgeschoss bei Straßenunruhen und ein Symbol für radikale Veränderungen.
Musik: Die Musik der 68er lieferte nicht nur den Soundtrack einer Generation, sie schuf auch ihre Idole. Dazu gehörten neben den Beatles und den Rolling Stones vor allem auch der „Zentralheilige“ Bob Dylan, die schillernde Figur Frank Zappa, dessen bekanntes Toiletten-Poster auf fast jeder WG-Toilette zu finden war, sowie die Band Steppenwolf, die auch den Soundtrack zum Film „Easy Rider“ lieferte. Wie kein anderer brachte dieser Film das für seine Generation typische romantische Motiv des Ausbrechens zum Ausdruck.
Nanterre, Faculté de: (die Fakultät von Nanterre) Im Westen von Paris, an der Universität des Vorortes Nanterre, kam es am 22. März 1968 zu Unruhen. Studenten besetzten das Verwaltungsgebäude und forderten eine Aufhebung der Geschlechtertrennung in den Wohnheimen sowie Änderungen in der Hochschulpolitik. Es gründete sich eine anarchistisch-marxistische Bewegung: „Le Mouvement du 22 mars“ (Bewegung des 22. März). Damit geriet ein Stein ins Rollen. Sechs Tage später wurde die Universität vorübergehend geschlossen und alle Vorlesungen wurden abgesagt.
Notstandsgesetze: Wurden zur Änderung des Grundgesetzes mit den Stimmen der Großen Koalition am 24. Juni 1968 verabschiedet. Danach sollte der Bundesregierung im Verteidigungsfall, beim inneren Notstand und im Katastrophenfall die vollziehende Gewalt übertragen werden. Die oppositionelle FDP und einige Abgeordnete der SPD hatte die Gesetze deshalb strikt abgelehnt.
Nouvelle Vague: Stilrichtung des französischen Autoren-Kinos, das Ende der 50er Jahre entstand und u.a. eine unkonventionelle Bildsprache durch den Einsatz von Handkameras und natürlichem Licht prägte. Neben François Truffaut war der bekannteste Vertreter der Regisseur Jean-Luc Godard. In Filmen wie „Die Chinesin“ oder „Weekend“ verarbeitete er die Ereignisse der 60er Jahre von den Hippies bis zum Vietnamkrieg und übte radikale Gesellschaftskritik. Sein Film „Tout va bien“ reflektiert konkret die Ereignisse der französischen 68er-Bewegung. Jean-Luc Godard „Tout va bien“, 1972
l’Odéon, Théâtre de: Das Pariser Odéon-Theater ist Symbol des traditionellen aber auch subversiven Theaters. Im Jahr 1968 fanden hier oft Diskussionen zwischen Anhängern verschiedener Gruppierungen statt. Das Odéon gehörte auch zu den Schauplätzen der Mai-Unruhen. Am 13. Mai wurde es von 200 bis 300 Protestlern besetzt und anschließend von der Polizei geräumt.
Ohnesorg, Benno: (1940–1967) Student, der während einer Demonstration gegen den Besuch des persischen Schahs am 2. Juni 1967 in West-Berlin von dem Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossen wurde. Das Ereignis schockierte und mobilisierte die Studenten. Der Ursprung der Studentenunruhen in der BRD wird vielfach auf diesen Tag datiert. „68 – Brennpunkt Berlin“, Ausstellung im Amerikahaus Berlin mit Fotografien von Günter Zint (noch bis 31. Mai)
Les trois „P“: (Die drei P) Die drei Wörter mit „P“ standen im 68er-Frankreich für „père“, „patron“ und „pâpe“ (Vater, Vorgesetzter, Papst). Sie beschrieben die drei Gesellschaftsbereiche, innerhalb derer rebelliert wurde: gegen die Autorität der Elterngeneration, gegen die Hierarchien der Arbeitswelt und gegen das mit dem religiösen Weltbild einhergehende Moralverständnis.
Partizipation: Schlagwort und Konsequenz der gesellschaftlichen Umbrüche von 1968. Partizipation meint das Recht auf Mitbestimmung und Einbeziehung des Individuums. Es setzte sich zum Beispiel in den Bereichen der Soziologie (Bürgerbeteiligungen, Interessenverbände), Pädagogik (Einbindung der Kinder und Jugendlichen in erzieherische Entscheidungen) und Politikwissenschaft (partizipatorische Demokratie) durch. Habbo Knoch (Hg.): „Bürgersinn mit Weltgefühl. Politische Moral und solidarischer Protest in den sechziger und siebziger Jahren“, Wallstein Verlag Göttingen 2007
Pavé: (Pflasterstein) Die Pflastersteine dienten Demonstranten in Paris als Baumaterial für ihre Barrikaden und waren die meistgenutzten Wurfgeschosse. Der Slogan „Dessous les pavés, c’est la plage!“ (Unter dem Pflaster ist der Strand) wurde während der Mai-Ereignisse immer wieder zitiert. Er verglich das Pflaster mit der harten Kruste der Gesellschaft, die es abzutragen galt. Ganze Straßen wurden in diesem Sinne „abgetragen“.
Pompidou, Georges: (1911–1974) War 1968 französischer Premierminister unter Präsident Charles de Gaulle.
Proletariat: Der Arbeiterklasse kam 1968 eine zentrale Bedeutung zu. Sie wurde vor dem Hintergrund einer marxistischen Renaissance als einziger Schlüssel zur tiefgreifenden Veränderung der Gesellschaft gesehen und kräftig umworben. In Deutschland war die Beteiligung der Arbeiter an den Protesten jedoch wirkungslos. Anders in Frankreich: Dort entstanden Bündnisse zwischen Studenten und Gewerkschaften. Diese lösten sich jedoch nach dem Grève générale und den sogenannten Grenelle-Verhandlungen wieder auf.
Quartier Latin: Im Pariser Studentenviertel kam es nach den Unruhen an der nahe gelegenen Sorbonne-Universität zu Straßenschlachten. Die Polizei nahm über 600 Menschen fest. Am 6. Mai bauten Studenten nach Demonstrationen und Straßenschlachten erste Barrikaden auf. In der Nacht vom 10. zum 11. Mai räumte die Polizei unter heftigen Zusammenstößen mit den Studenten die Barrikaden. „La nuit des barricades“ (Die Nacht der Barrikaden) ging als gewaltsames Ereignis in die französische Nachkriegsgeschichte ein. Bilanz: etwa 100 Verletzte und 500 Festnahmen.
Rätedemokratie: Idee, die von den 68ern stark diskutiert wurde. Danach sollte das Volk in direkter Wahl Räte wählen, die Legislative, Judikative und Exekutive in sich vereinen und direkt an die Weisungen der Wähler gebunden sein sollten. Ziel war es, die Demokratie so neu zu konstituieren.
Reich, Wilhelm: (1897–1957) US-amerikanischer Soziologe, Psychoanalytiker und Sexualforscher sowie einer der ersten „Freudomarxisten“, dessen Ideen zur Sexualität von der deutschen Studentenbewegung 1968 wiederentdeckt wurden. Auf mancher Wand einer Universität stand geschrieben: „Lest Wilhelm Reich und handelt danach.“ Der Begriff der sexuellen Revolution geht auf Reichs Schrift „Die Sexualität im Kulturkampf“(1936) zurück.
Sartre, Jean-Paul: (1905–1980) Frz. Schriftsteller und Philosoph, Begründer des Existenzialismus. Die Zeit der existenzialistischen Überzeugungen war 68 für die Studenten größenteils vorbei. Existenzialisten wurden als angestaubte Intellektuelle betrachtet. Sartre zeigte jedoch ein offenes Ohr für die Belange der jungen Generation. In einem Interview mit Daniel Cohn-Bendit (Dany le Rouge) am 20. Mai setzte er sich als prominenter Philosoph öffentlich mit den Protesten der Zeit auseinander.
SDS: Der Sozialistische Deutsche Studentenbund ging nach dem Zweiten Weltkrieg als Studentenorganisation der SPD hervor. Ab 1959 wandten sich die Überzeugungen des SDS immer weiter nach links, woraufhin die SPD den Studentenverband ausschloss. In den 60er Jahren wurde der Verband zum Sammelbecken von Anhängern unterschiedlichster linker Strömungen. Gegen Ende des Jahrzehnts hatte der SDS zwischen 2.000 und 4.000 Mitglieder.
Sex: Die 1960er Jahre waren sowohl in Frankreich als auch in Deutschland die Zeit der sexuellen Befreiung. In der BRD wurde der Journalist und Filmproduzent Oswalt Kolle durch seine Filme zur sexuellen Aufklärung berühmt. 1968 kam sein Aufklärungsfilm „Das Wunder der Liebe“ in die Kinos. Trotzdem blieb der Begriff für die Zeit ambivalent besetzt. Vordenker der sexuellen Revolution der 68er war Wilhelm Reich, der eine Vorstellung der „unmittelbaren Sexualität“ prägte. Sex sollte als wichtiger Bestandteil des Lebens anerkannt, in das Alltagsleben eingebunden werden und Beziehungsstrukturen organisieren. Der Soziologe und Philosoph Herbert Marcuse kritisierte diesen Ansatz später als missverständlich, weil Sex nicht nur zur persönlichen Befreiung beigetragen hatte, sondern auch Raum für Unterdrückung bot.
Situation/Situationisten: Die Revolten in Paris hatten ihre Ursprünge auch in den Gedanken der Situationisten und der „Situationistischen Internationale“, einer linksradikal orientier-ten Gruppe europäischer Künstler und Intellektueller. Der Begriff „Situation“ klassifizierte dabei einen bestimmten Moment, in dem das Leben zum Kunstbegriff wurde.
Sorbonne: Die älteste Universität Frankreichs, die Pariser Sorbonne, wurde am 3. Mai 1968 von links gerichteten Studenten als Reaktion auf die Schließung der Fakultät von Nanterre besetzt. Polizisten räumten das Gebäude und verhafteten dabei vorübergehend 200 Studenten. Die Folge: Die Universität wurde zeitweise geschlossen. Die Studentenvertretungen riefen zu einem Streik der Hochschulen auf.
Springer-Verlag: Ein Feindbild der deutschen 68er-Bewegung. Die Medien des Springer-Verlags vermittelten ein bürgerliches und wertkonservatives Bild. Nach der Erschießung von Benno Ohnesorg 1967 und der subjektiven Berichterstattung der „Bild“-Zeitung initiierte eine linke Studentenschaft die Kampagne „Enteignet Springer“. Am 11. April 1968, dem Tag des Attentats auf Rudi Dutschke, stand in der „Bild“-Zeitung: „Rudi Dutschke – Staatsfeind Nummer 1“. Die Schlagzeile steht für den hetzenden Ton aller Artikel gegen Dutschke und die Studenten, die monatelang in den Springer-Medien veröffentlicht worden waren. Für den SDS trug der Verlags-Inhaber Axel Springer deshalb Mitschuld an den Ereignissen. Am Abend des Dutschke-Attentats gingen 5.000 Demonstranten zum Springer-Hochhaus und bewarfen es u.a. mit Molotowcocktails. Über diese „Osterunruhen“ berichtete der „Spiegel“: „Es kam zu Straßenschlachten, wie sie Westdeutschland seit der Weimarer Republik nicht mehr gekannt hatte.“
Tschako: Der Polizistenhelm aus den 1920er Jahren wurde von Westberliner Polizisten noch bis 1969 getragen. Auf Berliner Bilddokumenten der Demonstrationen von 1968 ist der „Tschako“ mittlerweile stilbildendes Element.
Utopie: Allgemein markiert der Begriff ein unbestimmtes Feld der Wünsche und Träume, im 68er-Kontext eine alternative Gesellschaftsvision. Philosoph des Utopischen: Ernst Bloch.
Vietnamkrieg: 1968 war die Trennung des Landes Vietnam in einen kommunistischen Norden und einen von Diktatoren geführten Süden bereits seit 14 Jahren vollzogen. Mitte der 1960er Jahre waren die USA offiziell in den Krieg zwischen beiden Ländern eingetreten. Sie unterstützen Südvietnam und bekämpften die im Untergrund agierenden Vietcong-Rebellen, die ihrerseits eine Vereinigung mit dem Nordteil des Landes anstrebten. Der grausam geführte Krieg, der Vergleiche mit dem Kampf zwischen David gegen Goliath heraufbeschwor, gilt als erster Fernsehkrieg der Geschichte. Weltweit entstand eine große Antikriegsbewegung, der viele 68er angehörten. Die meisten sahen in diesem Krieg den Beweis dafür, dass die westlichen Kriegsmächte entgegen humanitärer Ideale handelten. Am 17. Februar 1968 versammelten sich an der Berliner Technischen Universität die Anführer der deutschen Studenten zum Vietnam-Kongress und bekundeten ihre Solidarität mit den Freiheitskämpfern des Vietcong, die Ende Januar bei der „Tet-Offensive“ von amerikanischen Streitkräften liquidiert worden waren.
Zur Sache, Schätzchen: May Spils’ Kultfilm mit Uschi Glas und Werner Enke spiegelte das Lebensgefühl der 68er-Jugend in Schwabing wider und war eine Rebellion gegen den verstaubten deutschen Film der 50er Jahre.
Dieser Beitrag ist ein Nachdruck aus dem ARTE Magazin von April 2008, verfasst von Dorothea Grass in Zusammenarbeit mit dem 68er-Chronisten Wolfgang Kraushaar. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion des Arte Magazins und der Autoren.
- Verfasser/in:
- ausgewählt von Karin Tschavgova zum Motto "Gemeinsam statt einsam"
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