sonnTAG 214

... immerwährende Aufräumungsarbeiten - von Rudi Widerhofer.

17/02/2008

... immerwährende Aufräumungsarbeiten

von Rudi Widerhofer

Im Rahmen der immerwährenden Aufräumungsarbeiten ist der Kühlschrank das Schwierigste. Der Schreibtisch auch. Aber der Kühlschrank ist schwieriger. Der Kühlschrank ist autonomer. Der Kühlschrank entwickelt sich. Und ich denke mir, die Lethargie ist ein Grundprinzip der Natur. Mehr noch als der Materie-Antimaterie-Dualismus des Universums, wie mir klar geworden ist, als ich die Überlegung anstellte: ich... Kühlschrank... Was würde passieren, wenn wir zusammenkämen? Wir würden zwar nicht aneinander verstrahlen, das nicht, und vom Kühlschrank bleibt was übrig, weil er schwerer ist, und daraus bildet sich dann ein neues Universum, mit seltsamen Eigenschaften, die Wissenschaftler rätseln, Abtauautomatik, Raumkrümmungen mit Eierhalterstruktur etc. Das geht jetzt natürlich in eine ganz andere Richtung! Aber Gegenspieler sind wir doch!

Oder hat es mit Sex zu tun? Der Kühlschrank? Für sich genommen schon natürlich, das Wachstum der Bakterien, der Pilze etc. Aber das meine ich nicht. Ich meine, drückt sich da was aus? Sublimiere ich da etwas? Will ich vielleicht was Arges? Und ich will es nicht wahrhaben! Und es sieht so aus, wie der Inhalt meines Kühlschranks! Oder ist es Kunst? Oder wollte ich vielleicht einmal etwas Arges und das ist dann so arg geworden... Und dann ist es Kunst geworden! Und darf ich das anfassen? Darf ich das verändern? Darf ich auch nur irgendetwas anderes als still dasitzen und schauen? Auf das Kunstwerk?

Und dann heißt es, Lethargie ist Faulheit! Das wird einem dann gesagt! Und es ist durchaus eine gewisse Faulheit da. Das will ich gar nicht abstreiten. Eine gewisse Bewegungslosigkeit. Wir Menschen neigen ja dazu. Wir haben ja von Haus aus mehr einen Hang zur Bewegungslosigkeit. Das stimmt schon. Wir sitzen viel. Wir bewegen uns schon auch, aber wir sitzen mehr. Allerdings muss man mehr sitzen, wenn man ein ausgewogenes Verhältnis haben will. Das Sitzen braucht mehr Zeit. Man sitzt langsamer, als man sich bewegt. Das Sitzen braucht länger, dass es sich quantitativ akkumuliert. Es braucht viel länger, bis eine Sitzmenge eine Menge der Bewegung aufwiegt, und zwar deshalb, weil man beim Sitzen nicht nur sitzt, sondern sich ja auch bewegt, während man beim Gehen, zum Beispiel, sich nur bewegt, aber überhaupt nicht sitzt. Umgekehrt kann man durchaus sagen, dass man beim Sitzen um einiges mehr weiterkommt, als man beim Gehen auf der Stelle bleibt.

Und hochinteressant ist auch die Kälte. Der absolute Nullpunkt, -274°. Es ist doch hochinteressant, dass der Mensch viel näher am absoluten Nullpunkt lebt, wo absolute Stille ist, wo nichts ist, die totale Bewegungslosigkeit, als dass er auch nur im Entferntesten hinaufreichen würde zu den Tausenden und Millionen Grad in den kosmischen Prozessen. Das Leben überhaupt entfaltet sich nur knapp über dem Nichts. Kann man sagen, wo es kalt ist, fehlt etwas? Kälte ist das Abwesende? Und obwohl das Leben das Komplexeste darstellt überhaupt, ist es doch so, dass es nur knapp über der Abwesenheit von Allem sich ausbreitet. Das ist seltsam.

Und man soll der Lethargie durchaus ihren Raum geben. Sie soll sich ruhig ausbreiten. Nur eben streng getrennt von den Tätigkeiten, das ist klar. In der Freizeit sozusagen. Die Lethargie ist ja nicht unangenehm. Wenn etwas unangenehm ist, dann sind es die Tätigkeiten. Das Getue und Gewerke und die ewigen Handgreiflichkeiten! Die muss man einschränken! Man müsste sie herunterrechnen ... vielleicht in eine Richtung analog zur Abwicklung hochkomprimierter zwangsneurotischer Anwendungsmodule, wie es etwa das ständige Andrehen des Lichtschalters zur Überprüfung, ob er abgedreht ist, darstellt. In der Richtung. Und überhaupt, alle Tätigkeiten müssen zur Umwandlung in Normen, Vorschriften und Kodizes strengen Verhaltensalgorithmen unterworfen werden, z.B. das Zusperren. Ganz wichtiger Punkt!

Grundsätzlich soll die Eingangstür immer zweimal zugesperrt werden! Der Schlüssel soll zweimal herumgedreht werden! Das ist wichtig! Oder zumindest soll im Zusperrer die Bereitschaft vorhanden sein, zweimal zuzusperren. Das muss die innere Einstellung sein desjenigen, der zusperrt. Das Grundprinzip jeden Zusperrens ist es, dass zweimal zugesperrt wird. Auch wenn der Zusperrer dann schließlich nur einmal zusperrt, wenn er den Schlüssel nur einmal herumdreht ... entweder weil er das Grundprinzip der doppelten Versperrung so sicher in sich ruhen fühlt, dass der Wille fürs Werk geht; oder er sagt sich, „Heute sperr ich nur einmal ab, heute will ich nicht ganz so sicher sein!“; oder aus einem ganz anderen Grund, etwa weil es sich um ein Sicherheitsschloss handelt, bei dem der Schlüssel nur einmal herumgedreht werden kann und bei dem die eigentliche Verriegelung der Tür mittels Bolzen vonstatten geht, die sich durch das Hochziehen der Türklinke fest im Türstock verankern, während das Herumdrehen des Schlüssels mit dem Versperren der Tür nur indirekt zu tun hat, in der Weise, dass es das Herunterdrücken der Klinke verunmöglicht und infolgedessen das Herausgleiten der Bolzen aus ihrer Verankerung verhindert. Auch wenn also der Zusperrer nur einmal zusperrt, bedeutet das nicht unbedingt, dass es sich um einen schlechten Zusperrer handelt, um jemanden, der gegen das Gesetz des Zusperrens verstößt. Er kann auch überhaupt nicht zusperren. Auch das ist möglich. Er kann die Tür offen lassen. Wenn er begriffen hat, was das heißt, Zusperren, wenn er das Verriegeln in einer absoluten Form in sich trägt, wird er sich dennoch als ein von der Außenwelt völlig Getrennter fühlen und er wird ein total Abgeschotteter sein! Abgeschnitten! Und die Schnecken, ich weiß nicht, inwieweit das hier zusammenhängt. Es hängt zusammen! Wenn die Schnecken im Sommer in Massen über die Gärten herfallen und alles kahl fressen, wenn sie sich gegenseitig auffressen und andere Schnecken fressen, wenn sie Schneckentod fressen und sich innerlich zersetzen, oder wenn man überlegt, wie man sie vernichten kann, ins Klo werfen oder in heißes Wasser werfen oder auf die Straße werfen, oder wenn man sie mit der Schere auseinanderschneidet, dann quillt da so eine braune Masse heraus, und wenn sie sich auch vorher kaum bewegt haben, diese Tiere, so sind die beiden Teile danach fast schlagartig still und rühren sich in einer geradezu unendlichen Weise überhaupt nicht mehr. Unheimlich!

Jedenfalls, die Trennung ist wichtig. Vielleicht sogar das Wichtigste. Und vielleicht wäre sogar denkbar eine Auslagerung, ein Outsourcing aller Tätigkeiten. Eine Verselbständigung des Tuns. Und nicht nur des Tuns. Seit Jahren arbeite ich daran. Es müssen wohl schon an die drei oder vier Jahre sein, dass ich mich mit dem automatischen Denken beschäftige. Und die Tatsache, dass ich in dieser Zeit nicht die geringste Entdeckung gemacht habe, dass keinerlei Fortschritt bezüglich des automatischen Denkens erkennbar ist, gerade dieses Scheitern an jeglicher Feststellbarkeit eines automatischen Denkens ist es, das in mir die Vermutung aufkommen lässt, dass ein Erfolg bei der Konstruktion des automatischen Denkens nicht nur nicht auszuschließen, sondern sogar sehr wahrscheinlich ist. Denn die wesentliche Eigenschaft des automatischen Denkens ist ja gerade die völlige Unmerklichkeit. Und weiter, wenn das Denken als etwas bezeichnet wird, was den Menschen zum Menschen macht und den Menschen ausmacht, dann würde eine autonome Denkautomatik gewissermaßen im Menschen einen weiteren Menschen einrichten. Es würde ein automatischer Mensch etabliert in einem, der mit einem selber nichts zu tun hat. Vielleicht will er auch mit einem selber nichts zu tun haben. Das ist möglich. Vielleicht ist das der Grund, warum er noch keinen Kontakt aufgenommen hat. Vielleicht sieht er keine Notwendigkeit dafür und hält einen Kontakt für sinnlos. Das kann durchaus sein. Und es wäre vielleicht sinnvoller, die Verlagerung der Tätigkeiten anders zu bewerkstelligen. Anderswo hin. Nicht nach innerhalb. Nicht in sich selbst. Vielleicht nach außerhalb. Ins Jenseits vielleicht. Wäre das möglich? Könnte man eine unangenehme Situation, wie es eine Tätigkeit zweifellos darstellt, durch geschickte philosophische Kalkulationen aus der Wirklichkeit in den Bereich der Transzendenz versetzen? Oder wäre es einfacher, die Situation zu belassen, dafür aber sich selbst in die Transzendenz hinüberzurechnen? Escape by Means of Transcendence... Hier ist noch vieles unklar. Hier bedarf es noch der ausgiebigsten Forschung. Theoretisch und praktisch.

Für den Laien hört es sich vor allem theoretisch an. Tatsächlich aber kommen solche Verwandlungen recht häufig vor. Auch ganz ohne Zutun der Wissenschaft.

Wenn zum Beispiel etwas lang im Kühlschrank liegt, und zwar nicht der Rest von 10 dkg Pikantwurst oder dergleichen, was man vielleicht vergessen hat, sondern etwas, das sehr wohl für eine Lagerung geeignet ist und was dazu noch einen gewissen Wert darstellt, ideell, oder weil es selten ist oder weil es wahnsinnig teuer ist, etwas also, dem man eine besondere Wertschätzung entgegenbringt und es aufheben will für einen besonderen Anlass, wenn zu dessen Verzehr oder Verbrauch ein Ritual angemessen oder notwendig erscheint – etwa, und das ist bei mir der Fall, eine kleine Flasche Vichy-Wasser! Und hier herrscht eine besonders günstige Ausgangslage. Hier sind gleich mehrere Grundbedingungen erfüllt. Einerseits handelt es sich um ein preislich doch in höherer Kategorie anzusiedelndes Mineralwasser, wenn es auch leistbar ist. Andererseits ist es ein Geschenk meiner Schwester, oder eigentlich ein Teil eines vor vielen Jahren erhaltenen Weihnachtsgeschenks, das etliche, durchaus im Delikatessenhaften beheimatete Spezialitäten umfasst hat. Wenn also so eine kleine Flasche Vichy-Wasser über Monate und Jahre im Kühlschrank bleibt, ohne geöffnet zu werden, vielleicht weil sich nie ein passender, dem ideellen Wert der Flasche entsprechender Anlass gefunden hat, oder, da es einen solchen Anlass in der Natur vielleicht gar nicht gibt, dass man sich außerstande sah, einen solchen Anlass künstlich zu erzeugen – jedenfalls verliert das Wasser zunehmend an Präsenz, man bemerkt es nicht mehr, es verringert sich das Potential seines Vorhandenseins, es verschwindet gewissermaßen im Kühlschrank in der Art: manchmal ist es da, meistens aber nicht. Es wird zum Kühlschrankzubehör, oder besser gesagt, es handelt sich um eine Oszillation seiner Vergegenwärtigung: es ist eine Flasche Wasser und es ist ein Kühlschrankteil. Es handelt sich hier nicht um eine Sinnestäuschung. Es geht auch nicht um eine wirkliche Verwandlung, hin und retour, eine reziproke Metamorphose, einmal ist es das, einmal ist es das. Das ist es nicht! Und es ist auch kein Akt der Transsubstantiation, die Flasche als Inkarnation des Kühlschranks. Nein, nein: es ist beides parallel! Und diese Flasche Mineralwasser ist letztlich auch kein gutes Beispiel dafür, was hier eigentlich vor sich geht: das Verschmelzen des Kühlschranks mit seinem Inhalt, und die Pikantwurst im Kühlschrank wären hierfür vielleicht sogar das bessere Beispiel, weil sie letztlich auseinander rinnt ... einschrumpelt zuerst, klar, dann aber durch den Schimmel usw. auseinander rinnt, dem Kühlschrank entgegen, und die beiden bilden irgendwann dann einmal eine Einheit! Ununterscheidbar! Und sie werden ein Fleisch!

Rudi Widerhofer, geboren 1958 in Braunau/Inn, Studium Anglistik/Germanistik in Graz, Autor von Theatertexten und -stücken, Schauspieler.

Verfasser/in:
ausgewählt von Wenzel Mracek

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