Wir werden hier leben und glücklich sein!
Von der Politik der Zugehörigkeit
Ute Angeringer-MmaduProlog
Ereignisse und Diskussionen der vergangenen Woche zum bislang latent schwelenden Konflikt unseres Umgangs mit Fremden, unserer menschenunwürdigen und oft verfassungswidrigen Gesetze, die trotz mittlerweile vorhandener Kriterienkataloge, die bloß keiner kennt, genauso wenig wie die Gesetze selbst und ihre Zuständigkeiten, lassen Titel samt Untertitel geradezu als Hohn erscheinen. Eigentlich sind sie, wie für „steirische herbst“- Kenner unschwer lesbar, lediglich aus dem Zusammenhang gerissene Sprachfetzen und –blasen des aktuellen Projektes des Kunsthaus Graz: „Volksgarten. Die Politik der Zugehörigkeit“ lautet der Titel dieser Auseinandersetzung mit den Außenseitern, denen man Heimat rechts der Mur zuschreibt und „Wir werden hier leben und glücklich sein“ ist in 16 verschiedenen Sprachen auf Luftballons geschrieben und im Volksgarten verteilt der Beitrag des Künstlerduos Helmut und Johanna Kandl. Nun verlangt, wie mir glaubhaft versichert wurde, die Auseinandersetzung mit diesen Phänomenen und somit auch ihre Rezeption eine gewisse Distanz, den Blick von außen, der es möglich macht, diese Themen zu verhandeln. Und es ist seit alters her bekannt, dass Graz eben diese soziale Differenzierung rechts und links der Mur aufweist, dass es in der Spätmoderne des ausgehenden letzten Jahrtausends für Intellektuelle und Künstler chic wurde, sich in eben diesen Vierteln, Lend und Gries, anzusiedeln, um das Leben so richtig zu spüren. Mit der Landung eines „freundlichen Außerirdischen“, eigentlich ein verspätet gelandeter Blob aus der Architekturgeneration der damals visionären 1960er Jahre in Form eines Kunsthauses, wurde ein weiteres Zeichen der Kulturachse, ein Projekt aus den 1980er Jahren, gesetzt. Anfang des neuen Jahrtausends wurden neue Lebensformen propagiert: jung, dynamisch und flexibel, überall und nirgends zuhause, der gesamte Globus als Aktionsradius für die modernen so genannten Neonomaden. Aber auch eine sich zuspitzende auseinanderdriftende Gesellschaft, sich vergrößernde Gräben sozialen Gefälles, deren Auswirkungen bereits unmittelbar zu spüren sind. Es sind die Fremden, die Migranten, die Ausländer, die hier festsitzen und von dieser Entwicklung ausgeschlossen sind, es sei denn, sie werden in eigens gecharterten Flugzeugen der Never Come Back Line außer Landes gebracht. Aber das ist kein Stoff für eine Sonntagsgeschichte.
Ich lebe hier und bin glücklich! Also fehlt mir der distanzierte Blick von außen, der es mir ermöglichte, mich mit dem Phänomen Gries und Lend und ihren künstlerischen Aneignungen rezeptionsästhetisch auseinander zu setzen. Somit muss ich mich um ein anderes Betätigungsfeld als den Volksgarten, den ich beinahe täglich besuche, bemühen und beschließe, mich mit meiner Familie am Sonntag dorthin zu begeben, wo man unseresgleichen (1) nicht vermuten würde: auf den Schöckel. Schon die Anreise erinnert mich an den Film „Das Fest des Huhnes“ (2), an eigenartige Gebräuche der Menschen, sich am Wochenende ins Autos zu setzen, um scheinbar ohne Zweck irgendwohin zu fahren – ebenso unklar wie ihre Motivation ist auch der Kommunikationsfluss, der es ermöglicht, dass alle in dieselbe Richtung fahren – sodass es leicht zu Staus kommt bzw. zu Parkplatzproblemen an bestimmten Stellen und nahe gelegene Wiesen niedergefahren werden, um für alle Autos Platz zu haben. Wir stellen uns freiwillig mit vielen anderen Menschen an der Kassa an, damit wir um viel Geld Tickets erhalten, die uns die Schranken öffnen in eine andere Welt. Toll ist das, in der komfortablen Gondel nach oben zu gleiten, während so manch anderer sich zu Fuß hocharbeiten muss und andere wiederum sich nach oben abstrampeln. Wahrscheinlich wollen sie sich das viele Geld sparen und gehen deshalb zu Fuß. Oben angekommen erwartet uns schon Polkamusik, live natürlich, und vor dem „Alpengasthof“ heizt die Gulaschkanone. Wo waren wir gelandet? Die Alpen fangen doch erst weiter im Nordwesten an und am Schöckel steht das Stubenberghaus. Und jene nunmehr auch auf die Berge übergreifende Eventkultur hielt ich für ein Phänomen, das sich vornehmlich in den westlichsten Bundesländern ereignet, dort, wo man sich tapfer rüstet für klimawandelbedingte schneearme Winter, in denen man den Menschen mehr bieten muss als bloß Naturkulisse. Ein Hexenexpress, alias Sommerrodelbahn, zieht Kinder magisch an; und natürlich muss sich Kind oder Erwachsener bergauf nicht bemühen und kann bequem mit der Rodelbahn wieder bergwärts fahren, um dann mit ermäßigten Vielfahrertickets gleich mehrmals das Vergnügen zu haben.
Viele Menschen sind in richtiger Wanderausrüstung unterwegs, zugegeben, es stimmt schon, wenn man zu Fuß geht, ist gutes Schuhwerk angesagt und schließlich mokieren sich auch die Tiroler Freunde, wenn wir von unseren obersteirischen Bergwanderungen sprechen und schließlich möchte ich wegen einiger hundert Höhenmeter nicht in die gleiche Arroganz verfallen. Zum Gipfelkreuz gehen wir bestimmt 20 Minuten und auf dem Weg dorthin begegnen uns außer Scharen von Menschen da und dort auch Hexen, die versuchen, uns mit grünem Hexenschleim zu verführen. Wie könnte man solcherlei Gebräuche Fremden oder Studierenden der Volkskunde erklären? Märchen sind eine gute Möglichkeit und verraten auch ganz viel über das Wesen von Menschen, also: Es war einmal...
Am Gipfel angelangt, geziemt es sich, die Aussicht zu genießen, um sich dann aber auf einen richtigen Hütten- oder Vor-der-Hüttenzauber zu freuen, schließlich wollen wir das Geheimnis der Gulaschkanone kennen lernen. Der Genuss von Pilzsauce mit Knödel wird begleitet von den eindringlichen Gesprächen der Sitznachbarn, die ausschließlich vom Essen handeln, dessen Verzehr unbedingt diverse Untersuchungen nach sich zieht und als schließlich das Gespräch auf die detailreiche Ausführung einer Darmspiegelung kommt, bin ich froh, dass ich dem unfreundlichen Kellner wieder viel Geld geben darf, um gleich zu verschwinden. Manchmal möchte ich einfach nicht dazugehören. Beim Hinunterfahren freue ich mich schon wieder auf die Spaziergänge im Volksgarten.
Epilog
Zum Thema Zugehörigkeit
Zugehörigkeit beschreibt ein Gruppenphasenmodell, das sich auf jegliche Art von Gruppe anwenden lässt und wie es u. a. für Teamentwicklung herangezogen wird, die erste von vier Phasen, die eine Gruppe von Menschen durchläuft, bevor sie sich zu Verantwortung und Offenheit weiterentwickeln kann. Voraussetzung für eine Weiterentwicklung ist, dass sich alle Gruppenmitglieder dazu entschließen, einer Gruppe anzugehören, dabei sein zu wollen - ein Prozess, der meist nicht reibungslos verläuft, aber eben klärend wirkt. Voraussetzung dafür ist aber auch, dass alle akzeptieren, wenn neue Mitglieder dazukommen und jeder weiß, dass es für Neuankommende immer schwierig ist, sich in eine neue Gruppe einzufügen. Wenn nun die Neuen von vorneherein von diesem Prozess ausgeschlossen werden, kann sich eine Gruppe nie weiterentwickeln. Eine vertane Chance für die gesamte Gruppe, deren Entwicklung stagniert.
Die Frage, was künstlerische Produktionen zu diesem Thema beitragen können, um Bewusstseinsprozesse zu initiieren, die eine Gruppe, genannt Gesellschaft sich weiterentwickeln lassen, bleibt offen. Eine Vermutung, eigentlich Unterstellung, die mir bei dem Versuch gekommen ist, die Strategien mancher Projekte auf andere Kontexte umzulegen, ist, dass es ganz einfach langweilig ist, im allzu bürgerlichen Milieu zu stochern.
(1) Ute Angeringer-Mmadu, GAT-Redakteurin, Kunsthistorikerin und ausgebildete Tanztherapeutin, lebt mit Mann und Kind im Bezirk Graz-Lend. Ihr Mann stammt aus Nigeria.
(2) In diesem Film wird das Verfahren vieler weißer Forscher, die nach Afrika reisen, um ethnologische Studien zu betreiben und anschließend in Dokumentarfilmen die Gewohnheiten und Gebräuche schwarzer Stämme zu interpretieren, umgedreht: Im ‚Fest des Huhnes’ verschlägt es einen schwarzafrikanischen Forscher nach Oberösterreich. Ein satirisches Bild rund um Zeltfeste, Kirchen, gebratene Hühner..... entsteht.
AUSSTELLUNG
Volksgarten. Die Politik der Zugehörigkeit
Dauer: 22.09.2007 bis 13.01.2008
Öffnungszeiten: Di-So 10.00-18.00 Uhr
Ort: Kunsthaus Graz
Space02 und öffentlicher Raum
Lendkai 1, 8010 Graz
KuratorInnen: Adam Budak, Peter Pakesch, Katia Schurl
Information:
+43 316/8017-9200
info@kunsthausgraz.at
- Verfasser/in:
- Ute Angeringer-Mmadu
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