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Rituale des Übergangs?

09/09/2007

Rituale des Übergangs?

Von Wilhelm Hengstler

Auf einer metaphorischen Ebene gilt die Wallfahrt als Sinnbild des menschlichen Lebens. Am Ende einer entbehrungsreichen Lebensreise lockt die Gnade Gottes oder wenigstens ein besseres Karma. Das Ziel wird nur auf einem mühevollen Weg erreicht. Der Hindu will nach Varanasi an die Ufer des Ganges, der Moslem unternimmt die Hadsch nach Mekka, die Juden pilgern zum Passahfest nach Jerusalem, Papst Benedikt besucht Mariazell und so weiter. Der Wallfahrtsort selbst verfügt häufig über magische Eigenschaften, die bis in heidnische Zeit überliefert sind. Zur Inszenierung zählen weiters klare Quellen, Bäume, Felsen, oft auch eine Grotte für das chthonische, das unterirdische Element. Die Grundelemente sind überall auf der Welt, in allen Zivilisationen aufzufinden.

Das Anthropologenehepaar Victor und Edith Turner hat 1978 ein Buch veröffentlicht, in dem Wallfahrt aus anthropologischer Sicht interpretiert wird. Alle „rites of passages“, also Initiationsriten, zu denen auch die Wallfahrt gehört, gliedern sich demnach in drei Phasen: Trennung, Grenzbereich und (Wieder)Vereinigung. Man verlässt den gewohnten Lebensbereich, um sich schmerzhaften, gelegentlich sogar gefährlichen Prüfungen zu unterziehen und kehrt mit gestärkter Identität in sein Milieu zurück.

Räumliche Trennung durch Wallfahrt war ehedem für die an ihren Acker oder ihre Lohnarbeit gefesselten katholischen Gläubigen, die praktikabelste und radikalste Loslösung vom Alltag. Die Frage ist, ob sich die katholische Kirche nicht 30 Jahre nach der Veröffentlichung von „Image and Pilgrimage in Christian Culture“ als Institution selbst einem „Ritual des Überganges“ a la Turner unterzieht: Von einer Amtskirche, deren prunkvolle Oberfläche Gefäß für die intendierte Transzendenz war, zur Abfolge von ephemeren PR-Aktivitäten und zurück ins neu eroberte Reich sehr alter Gewohnheiten. Über die CD-Einspielung einiger Marienlieder durch die Bischofskonferenz zur prä-darwinistischen Auffassung von Evolution oder einer von aller Realität unangefochtenen Sexualhygiene bis zu einer von den störenden Gläubigen weitgehend gereinigten Kirche. Das „Tamtam der Eingeborenentrommeln“ übernehmen die Medien mit einer als Berichterstattung getarnten Reklame für die Wirklichkeit. „Mit optischer Bravour zeigen Günter Schilhan und Erhard Seidl den Zauber der unglaublich strahlenden Kirche, notfalls auch von 60-Meter-Kran“. (TV-Tagebuch, Kleine Zeitung vom 4. September)

Aber um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Was in Zusammenhang mit Wallfahrt assoziiert wird: ins Licht strebende Gotik, aufrauschender Barock, europäische Kunst, wo sie am edelsten und tiefsten, also am romantischsten und daher volkstümlichsten ist – all das hat wenig mit Wallfahrt zu tun. Wallfahrt ist zu einem wesentlichen Teil ein Phänomen der Volksreligion, und deren stilistisches Merkmal ist nun mal der Kitsch. Die emotionale Bindung eines ungarischen Wallfahrers an die Magna Mater in Mariazell ist vergleichbar der Liebe eines Kindes zu seiner Mutter. Diese Liebe ist völlig unabhängig von der Schönheit ihres Gegenstandes. Wer daran zweifelt, der muss nur zusehen, wenn die Gnadenmutter eines ihrer vielen Prunkkleider gewechselt bekommt.

Ein Streifzug durch die Devotionalienstände kann das stabilste ästhetische Empfinden erschüttern. Unter den hohlen Marienstatuetten für das Weihwasser allerlei Kriegspielzeug, Handschellen, usw. Religiöse Volkskunst war vielleicht einmal schön, aber das muss gewesen sein, ehe ihre Naivität in industriell großem Stil produziert wurde. Auch die Votivgaben in der Schatzkammer, gewiss vorzüglichste Beispiele der Goldschmiedekunst, möchte man auch nicht jeden Tag um sich haben. Umweglos zeigen sie alles, was so am menschlichen Körper reparaturbedürftig ist: Ohren, Hände, Brüste, Augen, Oberschenkel, Geschlechtsteile und natürlich Herzen.

Auch die Schönheit des Wallfahrtsortes selbst liegt vor allem im Auge des Pilgers. Emile Zola hat einmal von Lourdes gesagt, sie sei die Hauptstadt der Hässlichkeit. Le Cobusiers Wallfahrtskirche Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp, ja gut, aber die neuere Wallfahrtsarchitektur hat insgesamt an architektonischer Relevanz verloren. An ihre Stelle sind vermutlich die Museen getreten. Frank Gehrys Museum in Bilbao statt der kahlen Jakobskirche in Medjugorje, und womöglich das Grazer Kunsthaus statt der Mariazeller Basilika. Diese profanen Wallfahrtsziele locken nicht mit Befreiung vom Unglück, oder mit Linderung eines Gebrechens, aber dafür mit der Aussicht auf Distinktionsgewinn. Sie befriedigen das Verlangen nach Spiritualität, kaum aber nach Transzendenz.

Katholische Wallfahrt zieht sich als realer Pfad durch die Geschichte Europas. Am Anfang steht die peregrinatio mayor: erst nach Rom, dann nach Jerusalem und schließlich, leicht zeitverzögert, nach Santiago de Compostella. In Gefahren- oder Ballungsgebieten schlossen sich die Pilger zusammen, aber prinzipiell handelte es sich um Individualreisende. Nach Rom lockten die Apostelgräber und Katakomben, auch als Lager für die Reliquien, mit ihrer immensen spirituellen und politisch-legitimatorischen Funktion. Helena, die Mutter Kaiser Konstantins, der das Christentum zur Staatsreligion machte, stöberte das Kreuz des Erlösers in Jerusalem auf. Spätestens mit dieser Marketingaktion wurde Jerusalem eine Destination erster Wahl. Beim Jakobsweg nach Compostella (Sternenfeld) mit seiner vorzüglich ausgebauten Infrastruktur ging es schließlich (auch) darum, den Mauren den südlichen Teil der iberischen Halbinsel wieder abzunehmen. Diese Pilgerrouten von Deutschland oder Nordeuropa hinab durch Frankreich oder über Venedig in die Levante entwickelten sich zu Lebensadern, die moderne Architektur (Romanik) und Lebensart (Seidenstoffe, Gewürze) nach Norden transportierten.

Vielleicht muss die Wallfahrt so hässlich sein, weil sie auch ein Geschäft ist, was sie vermutlich nicht sein könnte, wenn sie schöner wäre. Wallfahrt ist im Kern auch ein Deal mit dem Transzendenten. Ein Geschäft, das im Verhältnis des Pilgers zu dem oder der, die er aufsucht, besteht. Zuweilen leistet der Gläubige ein Gelübde und bei Erfüllung des Wunsches wird es eingelöst. Es kann aber auch umgekehrt sein. Auf Grund einer Vision, einer Erscheinung - nicht gerade von Gott, aber doch von höher oben - wird dem Bedrängten Hilfe oder Rettung in Aussicht gestellt. Er muss nur zuvor eine Kapelle aufstellen, eine Wallfahrt unternehmen, eine Wachskerze spenden o.ä. Und wenn einer schon so viel aufgewendet hat, dann will er auch glauben, dass der Transzendenz-Deal funktioniert. Der Ablasshandel in Verbindung mit Wallfahrt hat diesen Zusammenhang perfektioniert. Das reicht bis zu den gespendeten/gesponserten 30 Millionen für die Basilika Mariazell, wenn dahinter auch kaum die Milderung des Fegefeuers stehen dürfte.

An Mariazell lässt sich der Gnaden-Mechanismus exemplarisch ablesen. 1157 schlägt sich der Mönch Magnus mitsamt der von ihm aus Lindenholz geschnitzten Gnadenmadonna auf Geheiß seines Abtes Otkar von Stift Lambrecht in Richtung Mariazell durch. Er soll die Seelsorge des dort ansässigen Hirtenvolkes übernehmen. Vor dem Ziel wird es dunkel, ein großer Felsen versperrt unserem Mönch den Weg, und er kriegt es mit der Angst zu tun. In seiner Angst wendet er sich an die Gottesmutter, sogleich spaltet sich der Felsen und gibt den Weg frei. (Beispiel Errettung) Cirka 50 Jahre später liegen Markgraf Heinrich von Mähren und seine Gemahlin „krump an an Händen und Füßen im Krankenbett“, bis ihnen im Traum der Hl. Wenzel empfiehlt nach Zell zu pilgern und dort eine steinerne Kapelle zu errichten. Auch als sie sich unterwegs verirren, greift der Heilige hilfreich ein. Der Deal funktioniert und wird zur Heinrichslegende. (Beispiel Vision). „Großer“ und „kleiner Wunderaltar“ von Mariazell bilden ähnliche, oder noch krassere Wunder ab und wirkten seinerzeit auch gleich als Werbeträger. 1377 spricht die Gnadenmutter Ludwig I. am Vorabend der Schlacht gegen die zahlenmäßig weiter überlegenen Türken (eigentlich Bulgaren) Mut zu, und Ludwig siegt. Seit damals ist Mariazell „der Wallfahrtsort“ für Pilger aus Ungarn und hat eine politisch Identität stiftende Wirkung bis in unsere Tage (drittes Beispiel). Die politische Dimension drückt sich später darin aus, dass von den Habsburgischen Helden der Gegenreformation Ferdinand III. immerhin viermal, Leopold der I. gar zehnmal in Mariazell waren. Die gegenwärtige politische Bedeutung von Mariazell entnehmen sie bitte der Tagespresse.

Mittelalterliche Marienwallfahrten wie Mariazell entstanden nach einer heftigen Christianisierungsphase, während der vor allem die matriarchalen Züge des Heidentums – Hexen, weise Frauen - auf das Erbittertste bekämpft wurden. Seit der christlichen Frühzeit hatte sich das Christentum gegen den Kult diverser Fruchtbarkeitsgöttinnen abgrenzen müssen. So kam es schon vor, dass eine mit 10 Brüsten reich bestückte Statue der Göttin Kybele in einen Gnadenmantel gehüllt und als Maria umgedeutet bzw. verehrt wurde. Maria mit der Korngarbe erinnert noch im Spätmittelalter an diese unterschwellige Fruchtbarkeitstradition. Allmählich mutieren bloße Andachtsbilder zum Gnadenbild aus eigener Wunderkraft, „Kontaktreliquien“, also Gegenstände, die bloß durch den Kontakt mit echten Reliquien Bedeutung bekommen, beginnen zu kursieren, und der Ablass wird allmählich zum Geschäft. In dieser Zeit der mittelalterlichen Wunder läuft das Volk zusammen - der legitimierende concursus populi. Die Volksfrömmigkeit praktiziert mit seinen Votivgaben oder später etwa mit dem Verzehren von Heiligenzetteln wieder altes, vorchristliches Brauchtum.

Im Barock wird die These des Ehepaares Turner eindringlich realisiert. Die neuen Nahwallfahrten bedeuten für die kleinen Leute Flucht aus dem Alltag, Urlaub des kleinen Mannes, relative Befreiung vom Druck der Obrigkeit. Es kommt zu einer Spezialisierung der Heiligen – Vierzehn Nothelfer beispielsweise, oder de drei „Heiligen Madeln“ (die drei heiligen Jungfrauen Barbara, Margaretha und Katharina), schließlich der Hl. Nepomuk, Patron des Beichtgeheimnisses und der Barockheilige schlechthin. Architektonisch bzw. mediengeschichtlich bedeutsam wird der am meisten verbreitete Typ der Marienkirche, die Casa Santa von Loreto. Der Legende nach starten mehrere Engel in der Nacht auf den 10. Mai 1292 von Palästina aus mit dem Wohnhaus Marias und tragen es nach zwei Zwischenlandungen (Rijeka und Recanti) bis nach Loreto. Die Casa wurde zu einem genormten Container der Marienverehrung, zu einem vielfach kopierten Art Ready Made, das später natürlich für Piloten und Ballonfahrer besondere Bedeutung erlangen sollte.

Während der Aufklärung stehen die Amtskirche (und der Staat!) den Wallfahrten als Phänomen der Volksfrömmigkeit eher skeptisch gegenüber.

Moderne Wallfahrten stellen eine Reaktion auf die soziale Erschütterung der Industriellen Revolution dar. Die religiöse Ekstase kompensiert industrielle Entfremdung und tritt typischerweise zumeist in ländlichen Randgebieten auf. Die vierzehnjährige Bernadette Soubirous (später heilige Bernadette), die 1858 mehrere Marienerscheinungen hatte, musste eine lange Reihe von Befragungen und Untersuchungen durch Polizei und Untersuchungsrichter über sich ergehen lassen, ehe Lourdes, am Fuße der Pyrenäen zu dem berühmten Wallfahrtsort wurde. Die kirchliche Obrigkeit schätzt es verständlicherweise nicht, wenn ihr irgendwo in der Provinz von barfüßigen Bauernkindern die Themenführerschaft streitig gemacht wird, wie in Fatima, Portugal. Und der jüngste Fall, Medjugorje in der Herzegovina, wo seit dem 24. Juni 1981 die Muttergottes erscheint, ist kirchlicherseits noch lange nicht akzeptiert. Daneben besteht vermutlich immer noch das traditionelle Unbehagen über einen womöglich wiederkehrenden Einfluss des Matrichartes. Ein Unbehagen, das durch das Detail illustriert wird, dass erst Pius XII. 1950 die Lehre von der leiblichen Himmelfahrt Marias zum Glaubenssatz für alle Katholiken erhob. Die Geschehnisse bleiben also durchaus in Bewegung. Es ist gut vorstellbar, dass ein schwarzer Priester irgendwo in Yomytaboo, Zentralafrika, unter seinem Moskitonetz eine Marienvision erleidet, nach der er die Verbreitung von Aids bekämpfen soll. Der Mann heilt vielleicht noch via Handauflegen zwei, drei Aidskranke und macht sich durch die Ausgabe gesegneter Kondome bekannt. Die Sache gerät in Schwung, und bald ist der Heilige Ort – eine architektonisch gelungene Wellbaracke im Schatten mächtiger, uralter Elefantenbäume, unweit eines Felsens an dessen Fuß eine klare Quelle entspringt (nur das weiße Krokodil aus dem Teich ist entsorgt worden) – Ziel von hunderttausenden Aidskranken. Rom reagiert erst sehr verärgert, aber die afrikanische Bischofskonferenz beschwichtigt und lädt den schwarzen Mitbruder vor… all die Millionen geheilter Aidsfälle…die internationale Presse ist angetan, Hollywood plant einen Film mit Eddie Murphy als schwarzen Heiligen…man lenkt ein. Zwar ist das Heiligsprechungsverfahren noch nicht abgeschlossen, aber der Papst macht seine nächste Wallfahrt nach Yomytaboo statt Mariazell.

WILHELM HENGSTLER ist Filmregisseur und Autor, ausgezeichnet mit dem Manuskripte-Preis 2004. Er lebt in Judendorf/Strassengel bei Graz.

Verfasser/in:
Wilhelm Hengstler

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