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Wörter-Seefahrer - Des Seestücks zweiter Teil

12/08/2007

Wörter-Seefahrer

Des Seestücks zweiter Teil

Von Wenzel Mraček

„Sindbad, Sindbad ...“, jemand rüttelte mich an der Schulter und eine beachtliche Bierfahne wehte mir unter die Nase, „auf-s-tehn, auf-s-tehn ... is schon siem Uhr durch“. Das war Herr Quast, irgendwoher aus der Lüneburger Heide. Ich hatte mich am Vorabend mit der Mannschaft wohl etwas verplaudert. Nachdem die dann endlich gegangen war, um ihre Landurlaubsquartiere aufzusuchen, hatte ich mich nah besagter Uferbalustrade im Schlafsack zur wohlverdienten Ruhe begeben. Herr Quast, zu Gast in der Fremdenpension meiner Großeltern, war auch mehr oder weniger Fischer. Jedenfalls bediente er sich diverser Attribute der Fischer: Eine lange Weidenrute – Naturally Bio Tech statt High Tech – daran ein Stück Fischerschnur aus Kunststoff gebunden, an deren Ende eine von Hand („händisch“ dagegen ist österreichisch und Herr Quast hätte das nicht verstanden) gebogene Stecknadel als Haken, daran wiederum meist eine Brotkugel oder ein Maiskorn als Köder, das musste zur Ansicht genügen. In Wahrheit aber, wie ich schon bald entdeckt hatte, diente Herrn Quast das Fischerimage allein dazu, sich schon früh morgens an dem im alten Bootshaus versteckt angelegten und immer wieder nachgebunkerten Bierdepot gütlich zu tun. Dies im allgemeinen einsam am Strand, als Fischer getarnt. Wenn es dann ab etwa halb neun Uhr zum Frühstück mit Frau Quast ging, hatte die Zweitexistenz Pause bis zum nächsten Morgen und zu trinken gab es Mineralwasser und vielleicht ein picksüßes Spezi aus der Limonadenfabrik Pippan. Frühe Nebelschwaden lagen noch über dem Wasser (nicht den Wassern) und mir schwante auch gleich, dass Herr Quast mich los sein wollte, weil ich ihn ganz offensichtlich – und olfaktorisch identifiziert – beim „Fischen“ störte. Ich packte also meinen Schlaf- in den Seesack – der Gast ist’s immer und heute war Herr Quast König – und machte mich auf den Weg in mein Inselbüro und an mein Tagwerk, Herrn Quasts Hofstab, die Touristen, über den See zu schiffen, sie mit schier unendlicher Geduld endlich auf Wasserschiern zum Gleiten zu bringen (Ben Harper singt: They keep telling me Jesus walked on water / He shoulda surfed ...), infantilisiert jauchzende Erwachsene auf bananenartigen Schwimmkörpern hinter dem Boot herzuziehen oder nach der Wasserlandung mit dem Schleppfallschirm den Arzt mit der so machtvoll (ich mache Touristen fliegen ) wie beruhigenden Floskel herauszukehren: „Na, das war doch gar nicht so schlimm!“ Spaß und Furcht birgt meine Hand am Gashebel ...

Der ob seiner Verdienste schon hoch dekorierte Bademeister Walter feierte sein fünfzehnjähriges Berufsjubiläum. Weil er auch die Badekasse verwaltete, nannten wir ihn Herr Ver-Walter. Routiniert und präzis wies er auf einer kleinen Schiefertafel dreimal am Tag die aktuelle Wassertemperatur aus, hatte stets ein waches Auge auf den Badebetrieb, den er morgens mit einer Schiffsglocke ein- und abends ausläutete. Mit einem Glockenschlag bedankte er sich auch, wenn ihm hin und wieder vom wohlgesinnten Publikum ein Erfrischungsbier spendiert wurde, das ihm seine schwere Arbeit erleichterte. Selbstredend war sein Element das Wasser und es war ihm ein Leichtes, einen jungen Mann zu beruhigen, der ihm völlig aufgelöst erklärte, er sei hier auf Hochzeitsreise und gerade habe er im Wasser seinen Ehering verloren. Nein, das sei kein böses Omen, man müsste jetzt auch keinen Taucher der Freiwilligen Feuerwehr bemühen, beruhigte ihn der Herr Ver-Walter, lies sich die Stelle zeigen und sprang ohne große Vorbereitung in Dienstkleidung, ein knappe gelbe Badehose, kopfüber ins Wasser, tauchte sechs Meter bis auf den Grund, um schon nach diesem ersten Tauchgang mit dem Ring wieder an die Oberfläche zu gelangen.

Weil der Herr Ver-Walter auch an kühleren Sommertagen seinen Dienst versah, hatte sich der Kürschner Storch anlässlich besagten Jubiläums Gedanken über ein angemessenes Geschenk gemacht. Er überreichte ihm coram publico eine Ehrenbadehose, gefertigt aus dem Fell eines Ozelots, Leopardus pardalis. Meines Wissens allerdings hatte der Ver-Walter dieses aus ökonomischen Gründen als Tanga ausgeführte Dienstkleid nur ein einziges Mal, am Tag der Verleihung nämlich, getragen. Seiner Ansicht nach schränkte eine, zudem rückenfreie, Ozelotbadehose seine Integrität als Respektsperson über Gebühr ein und so existiert nur ein großformatiges Fotodokument im Hintergrund des Badebuffets, das den Ver-Walter im Ornat von Ozelot zeigt, über seinem Haupt die Denkschrift „L’ bain c’est moi”.

Dasselbe Strandbad, ein anderer Sommer: An der Theke des Buffets machen sich einige „Herren“ zu schaffen. Einer trägt auf seinen Rücken tätowiert Apollon, der seinen Sonnenwagen in einem flachen Bogen von Schulter zu Schulter lenkt – ein denkbar kurzes Tagwerk für den Sonnengott. Dennoch stand der Wagen gerade im Zenit, Apollon machte strahlend Mittag im Genick. Ein großes Thema für seinen Träger, aber Bescheidenheit war dessen Sache nicht, wie mir während dieser Szene und in sicherer Distanz der Herr Ver-Walter ausführte. Das sei der Graf Stropinsky, der sicher kein Abkömmling polnischen Adels war. Vielmehr versuchte er sich offenbar mit nicht allzu großem Erfolg als Hochstapler und Emporkömmling in der Halbwelt. „Den kannst du sogar in der Badehose verstecken“, hörte ich Stropinsky jetzt sagen, darauf anerkennendes Gelächter der Umstehenden. Tatsächlich versuchte Stropinsky gerade, einen der Herren zum Kauf eines kleinen Damen(?)revolvers zu überreden. Zeit für den Ver-Walter einzuschreiten und der Revolver war auch schon wieder verschwunden, die Runde löste sich auf. Er sei ja nicht unwitzig, sagte der Ver-Walter nun wieder zu mir und machte kein größeres Aufheben um die Szene. Vor dem Bayerischen Hof sei der Graf Stropinsky einmal in einem 2CV vorgefahren. Am Portier vorbeieilend habe er diesem den Autoschlüssel mit der Aufforderung in die Hand gedrückt: „Geh, parken’S den Jagdwagen“. Mit dem nur ihm eigenen Charme, versuchte er beim Tanz Damen von sich zu beeindrucken, indem er ein solches Revolverchen in der Hosentasche trug. Das dürfte ihm eines Tages zum Verhängnis geworden sein, wenngleich die genauen Umstände im Dunkeln blieben. In einer Winternacht stand Stropinsky plötzlich vor der Wohnungstür des Ver-Walters. Er hatte eine notdürftig verbundene Wunde am Bein, ein Streifschuss wie er beteuerte, und der Ver-Walter sollte ihm Unterschlupf vor obskuren Verfolgern gewähren, was Stropinsky ihm mit Teppichen vergelten wollte, die er im Kofferraum des Jagdwagens mit sich führte. Der Ver-walter aber verwies ihn von seiner Tür und Stropinsky blieb wieder für einige Zeit verschwunden. Wie schon angedeutet, war der Graf wohl mehr Adept, wenn nicht Depp, der Halbwelt und so ganz hatte er den Umgang mit kleinen Revolvern wohl auch nicht verinnerlicht. Hier der Glockenschlag – king!

Touristisch entdeckt wurde die Region, so wird gesagt, erst oder schon mit Inbetriebnahme der Eisenbahnlinie Maribor-Klagenfurt im Jahr 1863 und deren Verlängerung bis Villach im Jahr darauf. Zuvor dürfte man hier wohl wie Kyselak unterwegs gewesen sein, der aber wollte ja nicht bleiben. Seit 1853 fuhr ein Raddampfer über den See, der die am Ufer gelegenen Dörfer mit Handelswaren versorgte. Einige Zeit nach den Scouts und den ersten Sommerfrischlern kamen auch die Komponisten Gustav Mahler und Alban Berg. 1877 hatte Johannes Brahms aus Pörtschach an Clara Schuhmann geschrieben, die darauf meinte: „Hätte man nur eine Idee, wo das ist!“

Spätestens seit der Jahrhundertwende wurde man sich des Wirtschaftsfaktors Fremdenverkehr nun wirklich bewusst und rüstete Zimmerkapazität und Infrastruktur immens auf. Im Grazer Tagblatt vom 30. Juni 1909 wurde das letztlich nicht ausgeführte Projekt einer „Rundbahn“ um den See argumentiert und man legte seine Intentionen vergleichsweise unverhohlen dar: „Durch drei Schlagworte lässt sich die Bedeutung der Rundbahn charakterisieren: die Kurorte und Sommerfrischen am See mit ihren Tausenden von Saisongästen müssen der Landeshauptstadt durch ein bequemes Verkehrsmittel näher gebracht werden; die Sommerfrischler müssen in erhöhter Anzahl durch die Möglichkeit angelockt werden, leicht und billig die Schönheiten des ganzen Sees und die Annehmlichkeit einer größeren Stadt (an Regentagen) genießen zu können, und nicht zuletzt muß der Durchzugsreisende durch ein derartig einzig dastehendes Werk veranlasst werden, etwa einen Tag unserem schönen See zu widmen, bevor er weiter eilt, um sein Geld in Tirol oder in Salzburg los zu werden.“

„Wie lange dauert eine Fahrt um den ganzen See?“ Ein älteres Ehepaar betrat den Bootssteg im Hafen. „Etwa eine Stunde“, antwortete ich. Ein harter Arbeitstag neigte sich wieder einmal dem Ende zu, ein Bier, ein Huhn und noch ein Bier warteten auf mich in der nahen Hühnergrillerei Kikeriki mit Schagaga, das ist ein schattiger Gastgarten. Aber zuerst galt es, mit diesem Ehepaar, ein letztes Mal für heute, um den See zu fahren. Beide nahmen auf dem Beifahrersitz Platz, in der Hoffnung, ich würde ihnen jetzt einige Geschichten über den See und seine Bewohner erzählen, wie ich es auch Ihnen im ersten Teil versprochen habe. Manchmal fällt mir das, zumal nach einem Tag wie diesem, doch schwer und so war ich eher kurz angehalten.

Nach einiger Zeit, wir hatten vielleicht die halbe Hinfahrt zurückgelegt, fragte die Dame: „Wo wohnt Peter Alexander?“ Vielleicht etwas missmutig wies ich auf das nächstbeste Haus am Ufer: „Da. Und dort“, ich zeigte auf das Nachbarhaus, „hat Kreisky die Sommer über gewohnt“. Dann wieder lange nichts. Nach dieser von mir oft praktizierten Darstellungsweise, wohnten die Besagten und andere mehr jedes Mal an anderen Orten. Allerdings erfüllte ich damit beider Recht. Ich wahrte das Recht der Touristen auf Auskunft über die Wohnungen der Zelebritäten und ähnliche Sensationen und zugleich deren Privatsphäre. Nie hatte man mir den Vorwurf gemacht, etwa ein Paparazzomotorbooter zu sein.

„Und wo wohnt Udo Jürgens?“

„Im Hotel.“

„Und Roy Black, wohnt der im Schlosshotel?“

„Nein, das ist nur seine Rolle als Schauspieler. Niemand wohnt im Schloss.“ – Es war immer das Gleiche.

Ich wollte mich lieber auf die Fahrt konzentrieren, sah auf die vor uns liegende Wasserfläche. Irgendwie, entfernten wir uns, Seefahrer und Passagiere, immer weiter voneinander, obwohl wir räumlich recht dicht aneinander saßen. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich den unzufriedenen Blick der wissensdurstigen Dame, während der Gatte sich offenbar in sein Schicksal ergab.

„Warum spricht er nicht?“ fragte sie ihn. Er zuckte nur mit den Schultern. Ich dagegen konnte jetzt ein Schmunzeln nicht unterdrücken.

„Sieh nur“, sagte sie darauf zu ihm, „jetzt lacht er.“

Wir befanden uns jetzt auf Höhe des Schrottenturms, eine Ruine in der man früher Schrotkugeln herstellte, nah der vom See aus unsichtbaren Stadt. Umgekehrt ist der See von der Stadt aus nicht zu sehen, weshalb der unsägliche Landeshauptzwerg die Ortstafeln um den Zusatz „am See“ ergänzt hat. Wer hier aber „Ortstafel“ sagt, macht sich verdächtig.

„Warum wohnt niemand im Schloss?“ fragte sie nun wieder.

„Die haben Wasser im Keller.“ Der Schlossbesitzer Sachs hatte es verabsäumt, seine Leute rechtzeitig an die Pumpen zu schicken und seit Khevenhüller, der das Haus 1545 in fine laci, am Ende des Sees, gekauft hatte, waren die Drainagen nicht erneuert worden. Sachs litt ob seines gefluteten Kellers schon etwas an Rachitis, weshalb er das Schloss nach wenigen Jahren an eine Bank verkaufen sollte. Sein Leiden, die Rachitis, teilte er mit den Industriemagnaten Köck, Glock und Flick, die ihre Villen ebenfalls zu nah am Wasser gebaut hatten und die damals auch schon ganz krumm waren. Sie hatten die wohlmeinenden Ratschläge der Seeleute, ihre Häuser doch weiter vom Ufer entfernt zu errichten, ausgeschlagen und mussten erfahren, dass sie die über dem Wasser aufsteigenden Herbstnebel nicht vertrugen.

„Dort drüben sehen Sie das Miralago, ehemalige Dependance des Hotels Excelsior, in dem meine Großmutter als Köchin gearbeitet hatte – wenn’s interessiert.“ Das Excelsior war eines der letzten palastartigen Großhotels, das mit seiner historistischen Fassade an die Villen Palladios erinnerte. Meine Großmutter hatte mir erzählt, dass das Hotel zu Ende der 1950er Jahre derart ausgelastet war, dass sich viele Urlauber damit zufrieden gaben, wenigstens in den Umkleidekabinen am Strand ein Quartier zu ergattern. Zu Mitte der 60er ließ sich das schon veraltete Hotel nicht mehr wirtschaftlich betreiben, wurde geschlossen und in den 70ern abgerissen. Auf dem noch existierenden Speisesaal als Fundament werden jetzt Bungalows vermietet. „Times they are a changinging“, singt der Philosoph Bob Dylan.

Glauben Sie mir jedenfalls kein Wort, aber alles andere.

Wenzel Mraček, geb. 1962 in Klagenfurt, Kunsthistoriker, Kulturredakteur, Autor, Seefahrer, lebt in Graz.

Literatur: W.M., Simulierte Körper. Vom künstlichen zum virtuellen Menschen. Wien, Köln, Weimar 2004 (Böhlau, www.boehlau.at).

Verfasser/in:
Von Wenzel Mracek

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Schrottenturm nah der unsichtbaren Stadt
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Miralago (li.), Excelsior (re.)

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