Good old Eisenerz
ALOIS KOGLER
Die Alten und die Jungen
Gegen Ende des letzten Sommersemesters führte ich nach einer Lehrveranstaltung an der Universität Graz ein Gespräch mit einem klugen und kreativen Studenten aus der Gegend um Eisenerz. Er dachte über seine Zukunft nach. „Wenn ich jetzt schon fix einen Beruf wähle, dann ist der Zug abgefahren.“
„Welcher Zug?“
„Der Zug meines Lebens. Ich will noch viel erleben und meine Gegenwart als Student abgeschlossen haben, bevor ich in den Beruf gehe.“
„Sie werden auch im beruflichen Leben viele neue und spannende Erfahrungen machen.“
„Ja, wahrscheinlich. Aber im Job wird bereits zu Beginn die Richtung festgenagelt.“
„Ich darf Sie beruhigen. Vielleicht wird die Richtung für die nächsten Jahre festgelegt, aber sicher nicht für die gesamte berufliche Existenz!“
„Mein Vater - er arbeitete am Erzberg - sagte mir einmal, dass er bereits mit 30 Jahren gewusst habe, wann er in Pension gehen würde. Es war alles klar. In seiner Arbeit hat sich in den nächsten dreißig Jahren tatsächlich nicht viel geändert. Außer dass er früher als geplant in Pension gehen m u s s t e, weil im Bergbau viele abgebaut wurden. Trotzdem: Es ist für mich eine furchtbare Vorstellung. Zu wissen, was mit mir in d r e i ß i g Jahren geschehen wird!“
„Es wird bei Ihnen nicht so sein wie bei Ihrem Vater. Auch wenn sie einen Beruf in der Industrie anstreben, wissen Sie heute nicht, welche Tätigkeit Sie in sieben Jahren ausüben werden. Und wo Sie arbeiten werden. Ich selbst habe und hatte drei Berufe: Journalist, Psychologe, Psychotherapeut. Ich liebe die Selbstbestimmung und meine persönliche Freiheit. Ich arbeite an mehreren Orten und Einrichtungen. Vielleicht werden auch Sie mehrere Berufe in Ihrem Leben haben und viele Stationen in mehreren Kontinenten durchwandern.“
„Vielleicht. Schön wär’s.“
Wandel und Vergangenheit
Die Gedanken des Studenten zeigen, wie sich die „Erzählung“ von Eisenerz ändert. Kein Leopoldsteinersee mit Wassermann, kein auf Jahrhunderte gebautes Sicherheitsdenken, sondern Unruhe, Selbstentwicklung und Drang zur Unsicherheit. Früher waren die Eltern beunruhigt, wenn sie nicht wenigstens 20 Jahre lang wussten, wann sie die Pension antreten würden. Heute fürchten die Jungen, dass alles „festgenagelt“ ist, wenn sie in die Welt der Arbeit eintreten. Kein Wort von Pensionstermin, sondern Angst um die eigene Autonomie. Die „Positive Unsicherheit“ (1) wird zu einem bestimmenden
Faktor des Lebensgefühls der heutigen Generationen. Früher war „das Alte besser als das Neue. Die Zukunft war die Ankunft des Vorherbestimmten“ (2). Mit der Pension war man in der Zukunft angekommen. Heute schätzen die Jungen den Nutzen ungelöster Probleme (3).
Provinz und Zukunft
In der psychologischen Geographie dieses jungen Mannes ist Eisenerz der Ort der Jugend und der Vergangenheit, die er sich beide noch eine Zeitlang bewahren will. Dann geht für ihn Eisenerz den Weg wie tausende Regionen dieser Erde. Er bricht auf in die Zukunft und in „die Welt hinaus“. Die Verstädterung der Erde nimmt zu, die „Provinz“ wird kleiner und unbedeutender. Gleichzeitig aber wachsen die Möglichkeiten der Provinz, wenn der Zugang zu Bildung, Information und zu Arbeitsplätzen gegeben ist. Die Arbeitsplätze sind in Eisenerz drastisch reduziert. Die geografische Lage kann Schwäche und Stärke sein. Das wahre Potenzial für die Zukunft liegt in den Köpfen, in den richtigen Fragestellungen und den zukunftsorientierten Lösungen der Köpfe der Region (4). In diesem Sinn können kleine Gemeinden Großes schaffen und ihren „Charakter“ entwickeln. Die „globale Veränderung des Geistes“ (5) geht seit Jahrhunderten vor sich und der junge Mann schreibt mit an der „neuen Erzählung“ von Eisenerz, die wir in d r e i ß i g Jahren lesen können.
Literatur:
(1) Ringhofer, W., & Kogler, A. (2005). Positive Unsicherheit.
Funky Science: Graz.
(2) Geißler, Karlheinz A. (1999). Vom Tempo der Welt. Herder: Freiburg im Breisgau. S. 48.
(3) Baecker, D., & Kluge, A. (2003). Vom Nutzen ungelöster
Probleme. Merve Verlag: Berlin.
(4) Kogler, A. (2006). Die Kunst der Höchstleistung. Springer: Wien.
(5) Harman, W. (1998). Global Mind Change. The promise of the 21st Century. Berrett-Koehler Publishers: San Francisco.
KURZBIOGRAFIE:
Dr. Alois Kogler ist klinischer Psychologe und Psychotherapeut. Sportpsychologe im Skiteam Steiermark und im Steirischen Tennisverband. War Radio- und Fernsehjournalist im ORF. Österreichischer Staatspreis für Wissenschaftspublizistik. Autor mehrerer Bücher. Zuletzt erschien von ihm „Die Kunst der Höchstleistung“ im Verlag Springer, Wien.
Der Artikel von Dr. Alois Kogler ist in der Publikation „Umbruch – Aufbruch“, Herausforderungen und Möglichkeiten für eine zukunftsfähige Steiermark“ (2006) erschienen.
Medieneigentümer und Herausgeber: Abt. 16, Landes- und Gemeindeentwicklung, Graz
Konzept: DI Richard Resch, regionalentwicklung.at, Graz
AUSSTELLUNGSHINWEIS:
Im Rahmen des Projektes „Umbruch / Aufbruch“ läuft noch bis 10.12.2006 im Stadtmuseum Eisenerz die gleichnamige Ausstellung. Sie behandelt das Thema "Schrumpfende Regionen in Österreich". Es werden auch Teile der Ausstellung “shrinking cities³ aus Berlin gezeigt und ab 27.11.2006 sind fünf ausgearbeiteten Projekte des EU-weiten Ideenwettbewerb „Eisenerz 2021“ (GAT berichtete) zu sehen.
Ausstellungsort:
Stadtmuseum Eisenerz
Schulstraße 2, Eisenerz
Öffnungszeiten:
Di-So 10.00-17.00 Uhr
Führungen nach Voranmeldung unter T 03848/3615
EIN WEITERER LITERATURHINWEIS:
Atlas of Shrinking Cities. Atlas der schrumpfenden Städte
Redaktion: Philipp Oswalt, Tim Rieniets
Hatje Cantz Verlag GmbH & Co. KG, 2006
39,80 €, 160 Seiten, ISBN 3775717145
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