Wir spielen Architektur - von Wojciech Czaja
Vortrag vom 09.05.2006, im Rahmen der Reihe ARCHITEKTUR – KINDER(T)RÄUME. Wie kindgerecht ist, kann und möchte Architektur sein?" an der TU Graz.
Sehr geehrte Damen und Herren,
Was ist Kinderfreundlichkeit? Was ist eigentlich ein Kind? Der Jurist wird uns darauf eine andere Antwort geben als der Soziologe, der Pädagoge wiederum eine andere als der Philosoph. Und der Architekt – wird er schweigen und weiterbauen? Allgemeiner gesellschaftlicher Konsens scheint zu sein, dass Kinder mittlerweile nicht mehr als „kleine Erwachsene“ gesehen und behandelt werden, sehr wohl aber als „zukünftige Erwachsene“. Vielleicht ist dies nirgendwo so evident wie im Bereich der Architektur: Niemand käme auf die Idee, kleine Häuser für heranwachsende Menschen zu bauen. Doch man irrt, so mancher Architekt oder Baumeister geht dieser Idee sehr wohl nach.
Wenn man über Drasenhofen in die Tschechische Republik einfährt, gelangt man direkt nach der Grenze in das alte, leider allzu verschlafene Mikulov. Noch einige Kilometer nordwärts, und plötzlich steht auf der rechten Straßenseite eine kunterbunte Tankstelle, als wäre sie aus Holzbausteinen zusammengebaut. Ein Zeitzeuge des postmodernen Architekturimports, entstanden in den Jahren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Wen hat der Architekt oder Baumeister hier zitiert? Soll es etwa Karl Schwanzer mit seinem EXPO-Kindergarten in Montreal 1967 sein? Oder hat der Architekt hier in diversen Büchern über pädagogisch wertvolles Spielzeug geblättert? Tatsache aber ist, dass diese Bauklötze das Spielmaterial von Kindern sind. Wenn man als Erwachsener den Kindern ihre Lego-Häuser, Baukräne und Baustellen bereits vorproduziert und sie ihres eigenen Spiels beraubt, dann nimmt man ihnen damit auch ihre Phantasie weg. In dieser Verwendung also haben Bauklötze bzw. Bausteine ihre Bestimmung verfehlt. Ebenso wenig kann dies im Sinne Friedrich Fröbels gewesen sein, der im Jahre 1839 die so genannten Spielgaben entwickelt hatte – eben jene simplen Elemente des Bauens, mit denen Kinder ihre ersten Erfahrungen machen können, was Proportion, Größe, Gewicht, Form und Farbe betrifft.
Fast 150 Jahre später gibt es die Spielgaben immer noch. Fröbels anfängliche Idee wurde vermarktet, zu horrenden Preisen kann man das benötigte Material – lackiert oder natur – nun online bestellen. Und ebenfalls fast 150 Jahre später sind die nachhaltigen Auswirkungen Fröbels in der Architektur sichtbar. Der Architekt darf noch einmal Kind sein und bläst die Fröbelschen Spielgaben bis zur Unkenntlichkeit im Maßstab auf. Ist es also das, was man gemeinhin unter Architektur für Kinder oder – um einen weit verbreiteten, von mir nicht sonderlich geschätzten Begriff zu verwenden – unter kinderfreundlicher Architektur versteht? Brauchen Schulen tatsächlich ein klischeehaftes Aussehen, müssen Schulen tatsächlich aussehen wie aufgeblasene Ritterburgen, wie verschlafene Schlösschen? Als Architekturjournalist darf ich die Antwort vorwegnehmen: Nein, das darf sie nicht.
Wie plant man also für Kinder, für ihre Interessen, für ihre Wünsche und Bedürfnisse? Die Werbung hat das bereits für sich erkannt und nutzt diese Tatsache zielstrebig aus. Ganz gleich, ob Lebensmittelketten, Süßwaren oder etwas größere Anschaffungen wie beispielsweise Immobilien. Das Problem dabei ist jedoch, dass es sich ausnahmslos um einseitige Kommunikation handelt. Vom Sender zum Empfänger zwar, aber nicht wieder zurück, wenn man einmal von den Verkaufszahlen absieht.
Doch abgesehen von der Werbung sind Kinder als Zielgruppe nur schwer bzw. nicht fassbar. Nicht im Neufert, der Bauentwurfslehre für Architekten (auch da kommen nur Erwachsene vor), und mittlerweile auch nicht mehr in der Politik. Das ABGB (Allgemein Bürgerliche Gesetzbuch) spricht seit einer Novelle, seit Einführung des so genannten Kindschaftsrechtänderungsgesetzes 2002 nur noch von mündigen und unmündigen Minderjährigen. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es eine ganz klare Einteilung in Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
Doch meist haben nicht einmal diese Minderjährigen Rechte, gewiss aber haben sie Pflichten und Verbote. Auf Verbotsschildern in Wohnhausanlagen werden Kinder direkt angesprochen und darum gebeten, Ballspielen, Skaten Radfahren oder schlichtweg Lärmen zu unterlassen. Und ein kurzer Blick verrät, dass sich Kinder in Hinblick auf ihr abgestecktes Terrain von anderen städtischen Bewohnern wie beispielsweise Hunden oft gar nicht mehr unterscheiden – auch an diese wendet man sich mit Vorliebe über den schriftlichen Umweg von Verbotsschildern und Piktogrammen. Am 23. Jänner 2004 berichtet der Standard wie folgt: „Von dem schrillen, unrhythmischen Geschrei der Kinder eines benachbarten Privatkindergartens fühlte sich ein Ärzteehepaar in Salzburg belästigt. Vor Gericht wurde vereinbart, dass sich die Kleinen zwischen 12:00 und 15:30 nicht mehr draußen aufhalten dürfen.“ Fazit: Ein Kindergarten, dessen Spielplatz täglich dreieinhalb Stunden leer und ungenutzt.
Immerhin hat die Österreichische Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten eine Vorstellung davon, was der Begriff der Familienfreundlichkeit umfasst. Das konstruktiv – die regelmäßig erscheinende kammerinterne Zeitschrift – verrät einige Parameter und schlägt stufenlose Eingänge, niedrige Handläufe, Klingeltableaus auf 120 cm Höhe oder etwa Sicherheitsbeschläge vor. Der architektonisch kreative Beitrag der Architektenkammer zu Kind und Familie ist fragwürdig, jedes zahlende Mitglied darf sich über die Leistung der Kammer zu Recht wundern. Nicht unähnlich ist einmal die ÖVP vorgegangen, als sie im Sommer 2003 auf Kommunalebene ein Programm für die gesamte Stadt vorgestellt hat. Gemeinderat Wolfgang Gerstl träumte damals von einer Kinderoffensive in der ganzen Stadt: „Vom kleinen Verkehrszeichen in ein Meter Höhe, kindergerechter Beschriftung in Museen bis hin zum Kinderpissoir.“ Sieht so die Zukunft von Kinderfreundlichkeit?
Doch wie sehen Räume für Kinder heute tatsächlich aus? Die Magistratsabteilungen geben unterschiedliche Richtwerke für die Planung von Schulen und Kindertagesstätten heraus. Das sind beispielsweise die „Richtlinien für die Planung von Kindertagesheimen der Stadt Wien“ oder etwa die „Allgemeinen Entwurfs- und Bauausführungshinweise“. Nachschlagewerke, die folgende Parameter festlegen: verschiedene Farb- und Materialkonzepte, eine abgesteckte Auswahl an Türdurchgangsbreiten, abwaschbaren Wandanstrichen, Beschlägen und Mobiliar, die auf mehr oder weniger hervorragende Weise den aktuellen Brandschutzbestimmungen, Rutschfestigkeiten, Materialechtheiten und Kindergerechtigkeiten entsprechen. Dementsprechend sehen die Klassenräume und Schulen auch aus. Zwischen 1,5 und 2,5 m2 stehen jedem Kind in der Standardklasse zur Verfügung. Dass die Rezeption der Kinder auf diese Umstände 1:1 ausfällt, belegen diverse Zeichnungen von Kindern, wie man sie oft in Merk- oder Sachunterrichtsheften vorfindet. Die Typologie ist also immer die gleiche. Denn das ist in einem bürokratischen Staat wie Österreich natürlich recht praktisch.
Vor ein paar Jahren meinte Hans Hollein in einem Interview: „Sinnlose Normen berücksichtige ich nicht. Genau in der Mitte eine Tafel mit einer Fläche von X cm², daneben der Waschtisch, eine Fliesenwand mit mindestens X cm², maximal Y cm², daneben das verstaubte, vermoderte Tafeltuch und der aufgeweichte Schwamm, darüber das Portrait des Bundespräsidenten, gleich neben dem Kreuz.“ Hollein fügte dem hinzu, die Leute seien froh, wenn sie sich an möglichst viele Normen halten könnten.
Doch es geht auch origineller: Arthur Krupp, Direktor der Berndorf-Werke um 1900, hat an die Formbarkeit des Kindes geglaubt. Aus diesem Grund – und zwar nur aus diesem einen Grund – hat er in Berndorf zwei Volksschulen errichten lassen, in denen jede Klasse in einem anderen historischen Stil gestaltet und auch eingerichtet wurde. Ganz gleich, ob ägyptisch, maurisch, pompejanisch oder barock: „Krupp war überzeugt“, so fasst Architekturkritiker Jan Tabor in einem Artikel im „Falter“ vor einigen Jahren zusammen, „mit dieser Kunst am Bau seine künftigen Arbeiter und Arbeiterinnen zum künstlerischen Empfinden erziehen zu können und so jene Fertigkeit entstehen zu lassen, die bei der Produktion von hübschen Bestecken […] von Nutzen sei.“
Gesamtkunstwerk Erziehung also? Kaum tut jemand etwas Außergewöhnliches für die Kinder, steht wieder ein ökonomischer Nutzen dahinter. Ein Gedankengang im Sinne eines kommunistischen Regimes, den Krupp hier eingeschlagen hat. Doch bei aller Liebe zum Detail hat selbst Krupp darauf vergessen, die Typologie vielleicht mit zu überdenken. Frontalunterricht bleibt eben Frontalunterricht. Ich selbst habe die Volksschule vor rund einem Jahr besichtigt, die hübsche Standardbestuhlung ist bis heute lediglich modernisiert, in ihren Grundzügen nicht aber geändert worden.
Zeitsprung, anderes Beispiel aus dem Jahre 1964: Die Schule in der Krim, von Gustav Peichl in Döbling. Ein gänzlich neues soziologisches Konzept. Erstmals ist ein Pausenhof in der Mitte und bildet das Zentrum. Ein Bekenntnis zur Freizeit, das ist ein Novum. Was die Proportion und die Raumhöhe der Schule betrifft, so ist sie im Maßstab viel kleiner als man vermuten würde. Peichl hat nämlich den Normmenschen ein wenig zugunsten des Kindes verschoben. Man möge die Schule aus heutiger Sicht schön oder hässlich finden. Doch sie ist definitiv einzigartig. Und es ist eine Schule der Kinder.
Architekt Rüdiger Lainer hat 1995 eine Hauptschule auf dem Laaerberg gebaut. Auf den ersten Blick könnte man ganz einfach meinen, dass sie nur hübsch und bunt ist. Doch Lainer hat sich mit dem Phänomen „Kind“ auseinandergesetzt, hat mit dem Kind an jeder erdenklichen Ecke gespielt. So hat er beispielsweise über die gesamte Schule poetische Liedfragmente verstreut, jeweils in einem Zusammenhang zu jeweiligen Ort. Im Eingangsbereich kann man lesen „Good Morning, little Schoolgirl“. An der Glasscheibe zur Direktion ist das Fragment "Born to be wild" angebracht und an den Glastüren der Toilettenanlagen ist zu finden: "Let´s stick together!" oder "Don´t eat the yellow snow!"
Ich denke, das ist ein Humor, der Kindern dieser Altersgruppe durchaus anspricht. Lainer hat aber noch etwas ganz besonderes gemacht. Er hat kein Kunstwerk geschaffen, das es nie zu verändern gilt, sondern er hat sich damit auseinandergesetzt, was Gebrach und Vandalismus bedeutet und welche Spuren er hinterlassen kann. Und so gibt es auch eine detaillierte Strategie zur Steuerung des Erhaltungsprozesses. Den Werkerziehern wurden bei der Schuleröffnung 2 Holzkoffer übergeben, darin sind Plexiglasschablonen, Malerabdeckbänder, Pinsel, Textschablonen, Lineale, Wasserwaagen und eine Bedienungsanleitung zu finden. An jenen Stellen in der Schule, die beschädigt werden, sollen die Schüler mithilfe der Schablonen verschiedenfarbige Farbflächen anbringen. Collage Einerseits wird dadurch der Schaden behoben. Andererseits bleibt der Schaden insofern sichtbar, als die Schule immer bunter und bunter wird im Laufe der Jahre. Das heißt, die Alterung wird nicht verschleiert, sondern bleibt als Alltagskunst ablesbar. Und drittens – und das ist der wichtigste Punkt – übernehmen die Kinder die Verantwortung für den Schaden an der Wand, indem sie ihn wieder beheben müssen.
Ein weiteres positives österreichisches Beispiel ist die Walz-Schule in Wien. Eine Oberstufen-Schule, die sich allerdings lieber als „Lernzentrum“ versteht. Die Schule ist 1999 gegründet worden, seit 1, 2 Jahren ist sie nun in neuen Räumlichkeiten untergebracht. Die Leiterin ist Renate Chorherr, ihr Ehemann Christoph hat sie dabei unterstützt. Homepage: „Die Walz ist keine Schule im herkömmlichen Sinn, sondern ein Ort des pädagogischen Austausches interessierter und interessanter Menschen.“ Ursprünglich bedeutet Walz Gesellenwandern, Gesellentradition, einige Jahre in der Fremde zu arbeiten, um die eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten zu erweitern. Bis zum 19. Jahrhundert bestand Wanderpflicht als Vorbedingung für die Zulassung als Handwerksmeister. Folgende Fragestellungen haben zur Gründung der Walz-Schule geführt: Was sind die bestmöglichen organisatorischen und institutionellen Rahmenbedingungen, um die vielfältigen Potenziale und Fähigkeiten, die in jungen Menschen schlummern, optimal zur Entfaltung zu bringen? „Die Walz“, so Christoph Chorherr, Mitbegründer des Lernzentrums, „bemüht sich als gesamte Organisation um ein hohes Maß an Offenheit, Innovationskraft und Veränderungsbereitschaft.“ Ziel der Projekte der Walz ist nicht nur die theoretische Wissensvermittlung, sondern auch die Möglichkeit, dieses Wissen in die Praxis umzusetzen. Alleine oder in Gruppen. Die Walzschule ist letztes Jahr umgezogen: Eine alte Industriehalle aus dem 19. Jahrhundert ist ganz grob saniert und umgebaut worden. Nicht nur Klassen, Klassen, Klassen, sondern vor allem viele Freiflächen, immens breite Gangflächen, Lümmelecken. Durch diese architektonischen Gegebenheiten ist die Möglichkeit geboten, das Konzept der Walz zu erfüllen. Eine Ähnlichkeit zu den skandinavischen Schulmodellen ist durchaus gegeben. Ute Woltron schreibt in einem Artikel im Standard: „Die Pausenräume sind mit gemütlichen, zusammen geschnorrten Sofas ausgestattet. Pausenglocke gibt es in der Walz übrigens keine: Wer zu spät kommt, hat sein eigenes Zeitmanagement noch nicht im Griff und lernt es eben über den Peinlichkeitseffekt.“ Der Haken an der Sache: Die Walz ist eine Privatschule. Ein Jahr kostet um die 5.000 Euro, zuzüglich der Kosten für Verpflegung, Exkursionen und Praktika, Alles zusammen, belaufen sich die Jahreskosten somit auf 8.000 Euro pro Jahr. Will heißen, das skandinavische Schulsystem – und damit auch die Innovation – gibt es bei uns bereits. Allerdings ist dieses Modell nur einer bestimmten sozialen Schicht vorbehalten.
Einen etwas neuen Gedanken zum Unterricht, konkret zum Frontalunterricht brachte im Jahre 1996 ein Partizipationsprojekt der Künstlergruppe „Wochenklausur“. Und dieses Projekt beweist, dass es auch im kleinen Maßstab möglich ist, Großes zu leisten. Unter der Leitung von Wolfgang Zinggl entstand in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Angewandte Kunst eine typologisch komplett neue Möblierung für zwei konkrete Klassen der sechsten und elften Schulstufe (2B und 7A). Zentrales Anliegen war die Umsetzung maßgeschneiderter Lösungen. Schüler und Schülerinnen wurden nach ihren Gestaltungsvorschlägen und Bedürfnissen befragt. Um neben Haustieren, versenkbaren Fernsehern und Dschungelpflanzen die weniger phantastischen Wünsche herauszuhören, bedurfte es bei den Zwölfjährigen in der zweiten Klasse einiger Geduld. Schließlich erfuhr die Wochenklausur, dass die Sitzordnung unerträglich war und die Gruppenarbeit behinderte. Aus diesem Anliegen wurde ein Projekt. Seit 9 Jahren nunmehr funktioniert diese Lösung. Die Frage, die sich nun stellt, ist folgende: Ab welchem Alter können Kinder einen konstruktiven Beitrag leisten? Während der Recherchen für meine Forschungsarbeit „Wir spielen Architektur“ (erschienen im Sonderzahl Verlag 2005) bin ich auf ein paar Fakten gestoßen, die mich teilweise sehr verblüfft haben. Zumindest in der Literatur – also in der Theorie – beginnt das Kind schon sehr früh, seine unterschiedlichen Kompetenzen zu entwickeln und zu entfalten.
Mit zwei Jahren beginnen Kinder, architektonische Räume zu konstruieren. Mit vier Jahren sind Kinder imstande, Karten zur Wegfolgung zu benutzen. In diesem Alter beginnt auch das Denken in den so genannten kognitiven Landkarten, also mehr oder weniger in jenen perspektivischen Blicken, in denen sich das Kind mittels bewusst gesetzter Landmarks, so genannter Anker, orientiert. In einer wissenschaftlichen Untersuchung aus dem Jahre 1976 heißt es: „Ein Kind findet seinen Weg, lange bevor es angemessen beschreiben kann, wo es war oder wie es dorthin gekommen ist.“ Was natürlich beweist, dass der Maßstab der Kommunikation, den die Erwachsenen ansetzen, sich nicht immer für eine objektive Beurteilung eignet. Mit fünf Jahren tritt der Verlust der egozentrischen Sichtweise auf. Mit sechs Jahren ist das Verstehen selbst komplexer Landkarten mit abstrahierten Symbolen bereits völlig abgeschlossen. Und mit neun Jahren hat der Prozess der Raumwahrnehmung ein Ende gefunden. Sie sehen, Kinder verfügen über ein gewisses Ausmaß an Kompetenz. Ein handfester Grund mehr, Kinder nicht länger als Randgruppe aufzufassen und zu behandeln, auch wenn die (westliche) Gesellschaft zu diesem Phänomen des randlichen Ausgrenzens stark privilegiert ist.
Ist Kinderfreundlichkeit also ein architektonischer oder ein pädagogischer Wert? Die Antwort lautet: Kinderfreundlichkeit ist beides. Was es aber nicht sein darf: Kinderfreundlichkeit ist kein architektonischer Stil. Kinderfreundlichkeit ist in erster Linie Kommunikation. Doch unsere Aufgabe ist es, mit der architektonischen Komponente umzugehen. Wie geht man mit dieser Wichtigkeit also um? Werden wir jetzt beginnen, die Kinderzeichnungen im Maßstab 1:1 umzusetzen? Ich denke, dass ich mit den guten Beispielen aus Schweden und von der Walz-Schule zu genüge gezeigt habe, dass dies nicht notwendig ist. Doch die Kinderzeichnung, die Sprache der Kinder, ihre Texte, ihre Spiele dürfen auch nicht unkommentiert bleiben, sie dürfen nicht einfach nur beiläufiger Schmuck sein. Kinder können uns über Sprache, Text, Bild, Spiel etc. mitteilen, was sie wünschen. Das wissen Sie hier im Saal wahrscheinlich besser als ich. Zu diesem Zwecke muss man sie lediglich befragen. Mehr ist es nicht, und so schwer kann das auch nicht sein. Weder die schwedischen, noch die finnischen, doch die wenigen österreichischen Projekte, die ganz außergewöhnliche Qualitäten an den Tag legen, wären jemals zustande gekommen, wenn man das Kind nicht als ernsthaften Gesprächs- und Verhandlungspartner mit an Bord genommen hätte. Die LBSInitiative „Junge Familie“ – eine deutsche Plattform – bringt den fragwürdigen Begriff der Kinderfreundlichkeit auf den Punkt: „Kinder sind der Maßstab für Kinderfreundlichkeit. Deshalb lässt sich Kinderfreundlichkeit nicht abstrakt definieren. Sie entsteht konkret und bewährt sich nur im Zusammensein mit den Kindern.“
So wie ich die Situation in Österreich einschätze, die schwarz-blaue, die schwarzorange Regierung, die ihre Farben wechselt, wie ein Chamäleon, die unaufhörliche Jagd nach dem Nulldefizit, wird Partizipation im klassischen Sinne, wie dies bereits in den 70er und 80er Jahren der Fall war, hier in den nächsten Jahren je möglich sein. Denn anstatt sich beispielsweise auf das Kind zu konzentrieren, streitet man über Ortstafeln, schickt Tausende Lehrer und Lehrerinnen indirekterweise in Frühpension. Ich spreche damit die Pensionsreform an, die am 1. Dezember 2003 in Kraft getreten ist. Österreichweit ziehen sich 4000 Lehrerinnen und Lehrer (1.075 allein in Wien) von einem Tag auf den anderen – gezwungenermaßen um ihre finanzielle Zukunft besorgt – aus ihrem Berufsleben zurück. Und selbst aus der Diskussion rund um die Ganztagsschule – ja oder nein – ist genau jene Generation, die es am meisten betrifft – nämlich die Kinder – genau zu 100 Prozent ausgeklammert worden. Und das ist schon eine Kunst. Und so setzt man sich nicht mit einer Architektur auseinander, die für alle Gesellschaftsgruppen geeignet ist – seien es Kinder, Senioren, Behinderte – sondern steckt die jeweilige Klientel in die jeweils vorfabrizierten Räumlichkeiten. Die Werbung für Minopolis beweist beispielsweise, dass Wien selbst noch keine Stadt der Kinder ist.
François Rabelais hat schon im 16. Jahrhundert gemeint: „Ein Kind ist kein Gefäß, das gefüllt, sondern ein Feuer, das entzündet werden will.“ Tun Sie das! Und viel Erfolg dabei. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.
KURZBIOGRAFIE:
Wojciech Czaja (* 1978 Ruda Slaska, Polen), seit 1981 wohnhaft in Wien. Architekturstudium an der TU Wien. Freier Journalist, zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema Architektur u. a. in den Tageszeitungen Die Presse und Der Standard.
Die Vortragsreihe "ARCHITEKTUR – KINDER(T)RÄUME. Wie kindgerecht ist, kann und möchte Architektur sein?" wurde vom Kinderbüro Steiermark in Kooperation mit dem Institut für Städtebau der TU Graz veranstaltet.
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