"HELP GORBI" von Heinz-Joachim Schubert
Dieser dunkelblaue Schriftzug auf indischrotem Hintergrund, links und rechts begleitet von etruskischen oder sunnitischen Kürzeln. Ecke A – Gasse 1 B – Gasse 6 fast unversehrt hat er die letzten fünfzehn Jahre überstanden. Von nachgemachten Einschusslöchern flankiert. Ich lese ihn mehrmals laut und zum Spaß auch rückwärts – IBROG PLEH. Zwei Zwerge mit MP3 Hörgeräten bleiben kurz stehen. Ich zeige mit dem Finger auf den Schriftzug, die zeigen mit ihren Fingern auf ihre Ohren, ihre Hörgeräte scheinen ihnen sehr wichtig zu sein. IBROG PLEH – diese Worte werden mich zu meinem Lieblingsplatz in G. begleiten. Sie werden mir helfen zu verstehen, warum dort alles so ist, so "platz" ist.
Bedächtig betrete ich den Platz vom Süden her, mein Favorit, mein Platz der Plätze, er scheint sich auch nicht verändert zu haben. Die zügellose Weite ist ihm nicht abhanden gekommen. Vom Norden wie vom Süden her leicht abfallend, eine Mulde welche ihrerseits gen Westen in eine staubig dunkle Unterführung mündet. Im Osten flankiert von mächtigem Mauerwerk. Acht eichenfässergroße Steinfindlinge ruhen auf roh gezimmerten Paletten. Dahinter verschmilzt eine Sicherheitsglasfront mit dem Gemäuer. Die Schriftzüge wie zwei mal Türöffner, Ticket, Ruftaste machen mir Mut. Eine weitere Botschaft – zuerst zum Kassaautomat, dann zum Auto – geben mir recht, hier war alles immer schon so, hier darf sich nichts verändern. Das Eckbild runden eine kühn geschwungene Dachrinne, verstaubte Lammellen einer Lüftungsklappe sowie ein auf den Boden gerichteter mit Taubenkot überkrusteter Scheinwerfer ab. Eine kleine Ecke, die es gehörig in sich hat, die beleuchtet und beachtet werden möchte. Langsam, entlang der Ostseite, zieht meine Aufmerksamkeit ein mächtiges ehemals kupferfarbenes Tor, von Rost zerfressen, an, ein kleines Guckloch mit einem Gitter, höchstens 10 x 10 cm, fordert zum Verweilen auf. Türe und Guckloch bleiben heute geschlossen. Links davon eine kleine Türe, mit Pressspanplatten hübsch verziert, ist das gewachsene Gegenstück zu einer teerverschmierten mit weißer Farbe aufgelockerten Wandbemalung. Jackson Pollok, Hermann Nitsch oder Fritz Aduatz? Den Steinplattenboden etwas weiter nach Norden hin ziert ein eingelassenes Rasenstück. 250 x 250 cm. Mein Interesse aber weckt ein rotweißrotes Absperrband. Lässig hingeworfen im verdorrten Rasenstück nachvollziehend – Landart a la Robert Smithson oder Raumbestimmungen eines Fred Sandback. Alsbald nehme ich ein Bodengitter und eine anmutige Minibühne wahr.
Stellt sie wirklich eine Bühne dar, ein Podium etwa einen Kultplatz? Rohes Pressspannplattengehölz mit maulwurfgroßen Löchern, darunter Sägespäne, kühn umrahmt vom Süden her mit einem windschiefen Rest eines Geländers aus gelbbräunlichen Brettern. Die gezimmerte Einfriedung lässt auf einen interessanten Materialmix schließen. Ein Podium für Besserwisser nehme ich an. Gemächlich lenke ich meine Schritte zum herausragenden architektonischen Element dieses Platzes. Ein Halbkreis oder besser ein Kreissegment; dreißig Zentimeter in der Höhe schmiegt es sich an die Gemäuer der Ostseite des Platzes. Irisierend brechen sich die Sonnenstrahlen auf seiner extra dicken Verbundglasoberfläche. Dies scheint das gewollte Zentrum des Platzes zu sein. Ebenso neugierig wie verstört versuche ich in die Tiefe zu blicken. Angenommene zwanzig Meter darunter nehme ich Reflexe von Wellen ja Wasserwellen wahr. Eine Melancholie bemächtigt sich meiner. So tief unten und doch Wasser und eiserne Fahrzeuge die sich auf Spiralen bewegen. Ein Vorhof zur Hölle und des Grundwasserspiegels. Schweigend gedenke ich all der Menschen da drunten.
Hindizeichen an der Fassade, dann rechts ein Schild – Skaten verboten – dazu ein Piktogramm, dessen Inhalt eindeutig "Skaten verboten" bedeutet. Weitere Hinweise wie "Der Platz ist videoüberwacht", "Bei Nichteinhaltung dieses Verbots erfolgt eine Anzeige", geben dem Platz die Bedeutung, die er verdient. Weitere Hinweise beanspruchen die ganze Aufmerksamkeit "Betreten verboten!", "Eltern haften für Ihre Kinder!". – Unterhalb die Botschaft "R 391" ist keck mit grünem Spray angebracht. Rechts und links unser altbekanntes syrisches Zeichensystem. "Anzbrfrbz -stern". Andere zeichenhafte Botschaften umfließen das Gemäuer zu Nordostseite des Platzes hin. BLNR, GECO, DNI? Diese farblichen Kontrapunkte werden meine Wegbegleiter zur Westseite des Platzes. da sich der Blick nach Norden erstreckt, gibt der Blick nach Westen nicht den Anblick auf den Fluss "Muah" frei. Irgendwo tief eingesunken gurgelt die "Muah" unverschämt gen Süden. Nach der Unterführung bildet die Strasse eine natürliche Westgrenze zum Platz. Wehrhafte rautenförmige sargähnliche Wuchshilfen aus grauem Waschbeton, Ranken (Weinreben aus Chimisau?).
Mit munterem Bambusgehölz versuchen sie sich Tag für Tag gegen die Abgase der ehernen dumpf dröhnenden Fortbewegungsmittel zu behaupten. Bladerunnerlampen wie wehrhafte Zinnen geben dem Platz ihr Geleit. Strahlen wahrscheinlich nächtens wie auch untertags eine betont lässige Hässlichkeit aus. Beleuchten die von Abgasen grau und schlaff gewordenen Farne am Eingang der Unterführung. Findlinge auch hier: Hunderte Kilo schwere ehemalige Vagabunden der umliegenden Steinbrüche vor der Stadt. Hingeworfen, einfach hingeworfen. Mein Blick schweift wieder über das skulpturale Gesamtkunstwerk. Entschlossenen Schrittes trete ich wieder vors Gemäuer, staune über die kühl geschwungenen Dachrinnen im Betonboden verschwindend. Die vier Dachrinnenmanifeste – jawohl so ist es. Meine Gedanken verweilen beim Platzgestalter. Drei winzige, in der Abendsonne glitzernde Messingschildchen möchten noch beachtet werden. Ich lese daraus dreimal die Bezeichnung Ges.m.b.H. Die wichtigen Schildchen sind in cirka drei Meter fünfzig Höhe angebracht, unweit einer weißen, schlechtgestrichen Metalltüre mit zwei kleiderhackenartigen Wülsten (der Klopftest bestätigt es). Wohl um dem Gehrock beim Verweilen einen sicheren Ort zu gönnen.
Erst jetzt nehme ich auch Bewohner dieser Stadt wahr, Arm in Arm schlendernd, manche mit MP3 Hörgeräten wie schon vorhin, manche die Pedale tretend oder einfach mit den Armen rudernd ins Gespräch vertieft. In mir tut sich eine Frage auf: Können oder wollen sie diesen Platz nicht so bestaunen, warum ist ihr Gang so unstet? Der Ticketautomat an der Glasfront piepst dreimal, er ruft mich nochmals an die Südseite des Platzes. Am Gemäuer grünlicher Riffelputz, leicht geschwärzt ein bezauberndes Kästchen – eine Miniatur, darauf die Worte Raychem, Chemelux Auto Trace JP 4 PG 1621-01.
"Nicht unter Spannung öffnen", "Ne pas ouvrir sous tension", "Do not open while energised". Das ist es, das wollte mir dieser Ort noch sagen, dieser Ort mit dem architektonischen Waffeleisen aus dem Teig der Stadt gestanzt. In einer grünlichen Riffelputznische steckt ein kleiner Button – ich reibe an der Schmutzschicht bis ich die Inschrift entziffern kann – "Built to resist" – heißt die Botschaft.
Wer denkt da schon an Santiago Calatrava, Norman Foster, Frank Gehry, Daniel Libeskind, Jean Nouvel, Zaha Hadid oder gar Akitekt Tengara 2. Rohbau reloaded denk ich mir oder meinetwegen HELP GORBI und ein zufriedenes Lächeln gesellt sich dazu.
Jetzt gehe ich und kehre meinem Platz den Rücken zu, präge mir nochmals seinen Namen ein – Kaiser-Franz-Josef-Kai 6, 8, 10, 12 –, gehe, bis ich Peter Glaser zitierend, "eine selbstbewusste Ziellosigkeit erreicht habe".
IBROG PLEH-Built to resist
Biografie:
Heinz-Joachim Schubert, geboren 1956, lebt und arbeitet in Graz, Mitglied des Künstlerkollektivs RHIZOM.
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