Nachfolgend lesen Sie ein Schreiben Bernhard Hafners an Konrad Frey und darauffolgend den Artikel "Vom Körper der Stadt", der samt Abbildung von Bernhard Hafner 1998 im Auftrag des Forum Stadtpark Graz verfasst und am 11.09.2006 ergänzt wurde.
Lieber Konrad Frey,
Nach dreiwöchiger Abwesenheit zur Erneuerung meiner Gesundheit habe ich Deine Nachricht und Stellungnahme im GAT vorgefunden und gelesen. Ich habe mich, dadurch angeregt, entschlossen, einen früheren Artikel zu übernehmen und zu ergänzen, um ihn Dir, GAT und Matthias Boeckl zu schicken. Den letzten Anstoß gaben dazu gestern (11.09.2006, Anm.) die Wortmeldungen der Herren Prix und Eichinger im Treffpunkt Kultur, ORF1:
23.40 Uhr "Zukunfts-Vision: Architektur Biennale in Venedig".
Zur Abb. auf der Website der Architektur Biennale Venedig 2006 (siehe Bildleiste, 3. Bild v. o.) schreibt Hafner:
So schauen heute Zukunfts-Visionen aus. Man darf sich nicht alles gefallen lassen, vor allem dann, wenn man sachlich bleiben kann. Du schreibst: "In der Sommerakademie Salzburg mit Jakob Bakema haben Wolfgang Prix, Konrad Frey, Heidulf Gerngross u.a. 1966 physische Stadtmodelle entworfen und – infiziert auch von den genialen Zeichen "City in Space" und Flugzeugträger im Marchfeld – geglaubt, was Brauchbares für die Stadtentwicklung vorzuschlagen (ich ergänze: auch Herbert Murauer war dabei). Wie Du Dich erinnerst, lief damals gerade meine Ausstellung "Struktureller Städtebau" mit der "City in Space" in der Neuen Galerie in Graz, die in Salzburg zu präsentieren mich Bakema eingeladen hat. Ich erinnere mich noch recht gut an das Plexiglasmodell von Prix. Was ist nur daraus geworden, welcher Anspruch wird heute auf welcher Basis erhoben! Wie doch Seilschaft Seilschaft schafft.
Mit freundlichen Grüßen,
Bernhard Hafner
"Vom Körper der Stadt"
Ein Individuum hat einen Körper. Vom Körper einer Gemeinschaft zu sprechen ist ungleich schwieriger, denn es handelt sich dabei um einen Komplex von sozial organisierten Einzelwesen, die latenten, im Großen wirkenden Verhaltensregeln gehorchen und nur wenig Spielraum dabei haben. Kann man vom Körper einer sozial organisierten Gemeinschaft sprechen, deren viele Akteure mit Eigennutz handeln und deren Streben nach größtmöglichem, eigenen Vorteil nur durch anerkannte Regeln des Zusammenlebens in der Gemeinschaft beschränkt werden- Regeln, für die es zwar einen breiten Konsens geben mag, die der Einzelne aber jederzeit zu übertreten bereit wäre, wenn es ihm nützte und wenn er damit durchzukommen hoffte? Kann man vom Körper einer Stadt sprechen? Der Körper der Stadt, von dem ich spreche, ist virtuell.
Ein Körper hat räumliche Ausdehnung, die sich zeitlich mehr oder weniger ändert. Ein Feld von Kräften gibt ihm Form und verändert ihn. Für die Stadt sind die Kräfte, die dem Handeln von Bewohnern, Gruppen und Körperschaften zugrunde liegen, sozialer und wirtschaftlicher Art. Sie manifestieren sich in raum-zeitlichen Verhaltensmustern, deren jedes eine Art von Körper definiert. Alle zusammen ergeben in ihrer Überlagerung einen komplexen, sozio-ökonomischen Raum. Diesen Komplex können wir als eine Art Körper der Stadt verstehen, als ihren sozio-ökonomischen Körper. Es gibt auch andere Körper einer Stadt: die Konfiguration ihrer Gebäude als Ergebnis von behördlich genehmigten, architektonischen Einzelaktionen im Gefüge einer räumlichen Infrastruktur; Körper, die nicht durch Koordinaten zu messen sind, etwa eine kulturelle Identität und künstlerische Muster als einer Art von geistigem Raum.
Der "Körper" der Stadt ist also ein Feld, in dem Menschen in unterschiedlicher Funktion in sozialer oder ökonomischer Weise in Beziehung zueinander treten. Wir sprechen von Patronat und Patronatsbevölkerung. Jeder Einzelne definiert für sich ein derartiges Feld als den geographischen Bereich, in dem er Ziele für seine Tätigkeit findet oder finden kann. Es mag sein- es ist sogar sicher so-, daß das Feld potentieller Ziele sich wesentlich vom Feld tatsächlich benützter Ziele unterscheidet. Wenn das für alle Akteure gilt: daß sie alle potentiellen Ziele für ihre Handlungen in Betracht ziehen, dann gibt es, für die gegebene Aktivität, ein Feld für alle und jeden und ein anderes Feld für eine andere Aktivität. Jedes ist für sich ein sozio-ökonomischer Körper; ihre Überlagerung- die Überlagerung unterschiedlicher sozio-ökonomischen Verhaltensmuster- definiert ein komplexes, sozio-ökonomisches Feld einer sozial organisierten Gesellschaft, etwa der Stadt.
Abb.1 zeigt Abbildungen von Gehirnaktivitäten nach William Grey Walter: Das lebenden Gehirn, Knaur, 1963. Dieses Buch bestärkte den Verfasser, sich der Städteplanung nicht nur von der Seite der Architekturtradition zu vertiefen (Ausstellung Struktureller Städtebau, Neue Galerie Graz, Sommer 1966), sondern sozio-ökonomisch Verhaltensmuster mit „mathematischen“ Modellen zu simulieren (USA, 1967-71)
Das Feld, von dem wir sprechen, ist mehr als ein geographischer Raum: es ist geographischer Raum plus soziale Aktivität. Das besondere ist, daß der Raum nicht a priori fixiert ist- er ist etwa nicht ident mit Verwaltungsgrenzen-, sondern er wird erst durch die Aktivität determiniert. Er muß für jede gewählte Aktivität individuell identifiziert werden.Man muß die Aktivität verstehen und dieses Verständnis bestimmt, welchen Ausschnitt aus dem geographischen Raum man in Betracht zieht. Er ergibt sich aus einer Art von Wahrscheinlichkeit mit den Personen, Firmen u.dgl. Ziele ihrer Tätigkeit in prinzipiell unbegrenztem Raum suchen. Ihre Suche wird allein dadurch beschränkt, daß weit entfernte Ziele geringer Attraktivität höchstwahrscheinlich außer Betracht bleiben oder, besser gesagt, daß wir den Raum auf jene Quellen und Ziele begrenzen zu können meinen, die nicht mit einer nur marginalen Wahrscheinlichkeit frequentiert werden. Er ist eine Art fiktiver Raum und ist dem handelndem Individuum nicht oder nur undeutlich bewußt.
Ein Körper ändert sich mit der Zeit: er wächst, altert, verfällt und erneuert sich. Die Zeit ist eine wichtige Determinante. Einmal im Sinne einer Aufeinanderfolge von Momentaufnahmen, deren Unterschiede wir als Auswirkungen der Volkswirtschaft des Feldes sozio-ökonomischer Kräfte verstehen. Wir erklären sie durch eine sozialwissenschaftliche Hypothese, die wir ändern, wenn sie durch Beobachtungen falsifiziert wird.
Zum anderen ist die Zeit ein Teil der Aktivität im Sinne einer zeitlichen Frequenz: täglich, wöchentlich,..., mit der sich diese wiederholt. Die Beziehung zwischen Mensch und Arbeitsplatz ist hochfrequent, der Raum, in dem sie sich manifestiert, von größerer Ausdehnung als etwa das Feld der Beziehung Mensch- Einkaufen. Die Frequenz des Besuches von Kultur-, Sport- oder Einrichtungen der Naherholung ist noch geringer. Da die existentielle Priorität größer ist, muß der Mensch auch bereit sein, einen ausgedehnten, geographischen Raum als Tätigkeitsfeld in Betracht zu ziehen. Anderseits ist dieses Feld- besonders in einer wenig mobilen Gesellschaft- in seiner Form in einem vergleichbaren Zeitraum wenig veränderlich: es ist mittelfristig gleichbleibend frequentiert und starr. Gesellschaftspolitisch und volkswirtschaftlich rentiert sich ein räumliches Optimieren der Beziehung Mensch- Arbeitsplatz weit mehr als das anderer Felder. Es ist nachweisbarer und politisch ergiebiger.
Wie erkennt man solche Stadtkörper und was nützt uns deren Erkennen?
Ohne zu wissen, wie er für den Einzelnen aussieht, kann man vergleichsweise leicht, wenigstens qualitativ, feststellen, wie das Feld für eine Gemeinschaft von Menschen in einem Raum mit gegebener Angebotsvielfalt aussieht, etwa durch Eigenschaften wie dicht - zersiedelt/ zerstreut, leer - verstopft/ überfüllt, bestens/ reichhaltig/- schlecht ausgestattet, etc. Manches sieht man im Luftbild, anderes am Verkehrsaufkommen im Allgemeinen und am zweckgebundenen Verkehrsaufkommen im Besonderen. Und so ist dieser Stadtkörper wegen der hohen Kosten, die der Gesellschaft durch den Verkehr infrastrukturell und finanziell entstehen, der am häufigsten, mit größtem Aufwand und am besten untersuchte: Die Gesellschaft ist bestrebt-, wenn auch vor allem unter dem Druck, den Personen und Organisationen wegen schlecht funktionierender, städtischer Hardware auf die Politik ausüben, dieses Feld zum Funktionieren zu bringen (- seien wir also Verkehrsüberlastungen dankbar, denn ohne sie würde sich Stadtpolitik noch mehr auf Personalpolitik und dem Schaffen von Beamtenposten für Parteigänger beschränken). Sie versucht, einen sozio-ökonomisch funktionierenden Stadtkörper durch Verkehrs-, Flächennutzungs- und Stadtentwicklungsplanung hoheitsrechtlich zu steuern. Sie tut es für den Verkehr relativ bereitwillig, da Scheitern dabei besonders evident wird, Unzufriedenheit schafft und Wirtschaftskraft vergeudet; Flächennutzungs- und Stadtentwicklungsplanung sind in der Praxis allerdings nicht unähnlich der Tätigkeit von Kindern, denen weisgemacht wird, das farbige Ausfüllen von umrandeten Flächen sei Malen.
Kann man einen sozio-ökonomischen Stadtkörper anders als durch qualitative Aussagen erfassen und durch hoheitspolitische Maßnahmen beeinflussen? Kann man über die statische Zeit hinaus gelangen, um Aussagen über die zukünftige Verfassung des Stadtkörpers zu machen; um zu planen?
Nehmen wir den Fall eines einfachen, qualitativen Handelns. Ein Investor befaßt sich mit dem Körper der Stadt, um daraus finanziellen Gewinn zu ziehen. Da der Politik die Bereitschaft fehlt, Ressourcen für ein quantitatives Verständnis des räumlichen Wirkens sozio-ökonomischer Kräfte bereit zu stellen, braucht er kein besonderes, quantitatives Wissen. Ihm kann das Erkennen von Größenordnungen genügen. Wenn er ein Feld ohne Einkaufsmöglichkeiten, bewohnt von einer großen, zerstreut angesiedelten Bevölkerung im städtischen Randbereich vorfindet, reduziert sich die Frage, ob und wo er Mittel in das Schaffen eines Einkaufszentrums investieren soll, auf eine qualitativ vergleichsweise größere Gunst der Verkehrsanbindung an das übergeordnete Netz und das Umland und auf die Preisgunst verfügbaren Landes. Die Verkehrsanbindung braucht nicht einmal tatsächlich, sondern nur potentiell vorhanden zu sein, da eine der Entwicklung hinterherhinkende Hoheitsverwaltung schon nachhinken und die für die Investition benötigte Infrastruktur schaffen wird, wenn sie gefordert wird. Dies geschieht dann zum Nachteil etwa zentrumsnaher, kleinflächiger und räumlich/funktionell kleinteiliger Einrichtungen, deren Niedergang man zugleich bedauert. Tatsächlich ist häufig der sichere Garant für ein innerstädtisches Slum eine "funktionierende" Stadtplanung.
Ein viel differenzierteres Verstehen des Stadtkörpers erfolgt durch Simulationen mit "mathematischen" (besser: quantitativen, sozio-ökonomischen) Modellen, deren Aussagen durch Beobachtungen des realen Verhaltens im Feld kalibriert werden. Jedes Simulationsmodell basiert auf einer Hypothese, warum sich die Teilnehmer im Feld wie verhalten. Die Hypothese wird in einem Algorithmus gefaßt, um als Modell gelten zu können. Dies gelingt am besten auf dem Gebiet der Wirtschaftstheorie. Deshalb sind die wenigen urbanen Simulationsmodelle sozio-ökonomischer Art, wobei Verkehrsmodelle, die Flächennutzung und Verkehrsnetze in Beziehung zueinander bringen, die weitestverbreiteten Modelle sind. Deshalb spreche ich hier vom sozio-ökonomischen Körper der Stadt.
Wie genau muß man diesen Körper kennen, um daraus welche Schlüsse zu ziehen? Für eine Planung muß das Verstehen eines Stadtkörpers ungleich größer sein, als für ein Beschreiben. Für eine Stadtplanung muß sie ungleich größer sein, als für eine Verkehrsplanung und für das Verstehen von Verkehrsflüssen. Was ist mit der Zeit? Was soll es uns nützen, eine Momentaufnahme zu haben: einen statischen Zustand eines Stadtkörpers zu kennen, wenn dieser sich ständig ändert?
Mit quantitativen Modellen stellt man räumliche Verhaltensmuster dar, ohne zu wissen, wie sich Akteure im Einzelnen verhalten. Es wird ein Verhalten anonymer Akteure unter der Annahme, daß sie sich insgesamt ökonomisch sinnvoll und zu ihrem Vorteil verhalten, dargestellt und simuliert. Dazu muß das Feld, das man mathematisch darstellt, mit dem, das man beobachtet, zur Übereinstimmung gebracht werden. Diese Übereinstimmung gilt dann für einen bestimmten Zeitpunkt und ein zu diesem Zeitpunkt festgelegtes Beziehungsmuster unter ausgewählten Quantitäten, von denen man annimmt, daß sie Einfluß auf das Verhalten von Akteuren haben. (Diese Quantitäten werden häufig irrtümlich „Variable“ genannt. Nicht die Größen aber sind variabel, sondern ihre Argumente, die sich auf Raum und Zeit beziehen.) Der so definierte Körper ist statisch: für einen bestimmten Zeitpunkt und- je nach Erfolg der Abbildung realen Verhaltens- mehr oder weniger gültig. Für einen anderen Zeitpunkt wie auch für einen Stadtkörper mit anderen Akteuren ist die Gültigkeit ungewiß. Der wesentliche Aspekt ist jedoch nicht das Erfassen eines Momentzustandes sondern das Durchspielen von Alternativen und Zukunftsvarianten; deshalb spricht man von Simulation: man stellt beliebig viele, sinnvoll oder möglich erscheinende, virtuelle Stadtkörper und Verhaltensmuster einander gegenüber. Die Ergebnisse sind überprüfbar; man kann sie bewerten und ihre Realisierbarkeit einschätzen. Erst dadurch plant man: man äußert nicht fachlich "persönliche" Meinungen, man plant und gibt Rechenschaft, die überprüfbar ist.
Dies ist in Abb. 2 aufgrund einer mathematischen Simulation von Prototypen- einer Forschungsarbeit während meiner Lehrtätigkeit an der University of California- dargestellt. Es zeigt sich, wie die Entscheidung des Investors auch quantitativ nachvollzogen werden kann. Es können die Anzahl zu erwartender Besucher für gegebene Geschäftszweige (solange dafür Daten vorliegen), ihr Umsatz, ihre Kaufkraft u.a. ermittelt werden (auch wieviel Treibstoff sie verbrauchen, wie sehr sie das Verkehrsnetz belasten etc., aber das interessiert den Investor nicht, darum möge sich die Stadtverwaltung kümmern).
Meist ist die Stadtplanungsrealität so, wie sie der Investor gestaltet. In der Realität ist er der eigentliche Stadtplaner. Sollten wird dann nicht den Investor, der an einem bedürftigen Körper operiert, walten lassen und Stadtplanungspersonal einsparen, denn die Hilflosigkeit von Stadtplanern wird nur übertroffen von ihrer Überzeugung in die Rechtschaffenheit ihrer Bemühung? Sie wissen zwar nicht, was sie tun, aber dafür tun sie es um so überzeugt- und engagierter. Nicht, daß die Aufgabe einfach ist. Aber komplexe Aufgaben bedürfen mehr als einfachen Verständnisses.
Wirklich komplex wird die Sache in der großen Stadt. Obwohl der Einwohner in ihr sein Leben nur in einem Teilbereich führt, und obwohl eine solche „Stadt“ aus Hunderten von selbständigen Verwaltungsbereichen bestehen kann, kann man sich „planerisch“ ihr nur in ihrer Gesamtheit nähern. Das tut die Sozialwissenschaft. Die im Hintergrund wirkenden, latenten Strukturen zeigen sich unmittelbar in Verhaltensmustern wie Verkehrsflüssen, der Dichte der Verteilung von Einrichtungen, der Besiedlungsdichte und Bodenpreisen. Sie manifestieren sich in der körperlichen Erscheinung in Verkehrsnetzen, Verdichtungen vs. Entdichtung, in Höhe und Typ der Gebäude etc. Wenig davon ist durch Planung kontrollierbar: Große Städte und städtische Agglomerationen sind Ausdruck des von Hoheitsrecht und Obrigkeit nicht determinierbarem Verhalten der Einwohner, das sich dem Diktat von oben, der Kontrolle des CEOs der Städteplanung entzieht. Sie ist, abseits der Wildnis, und trotz den sozio-ökonomischen Beschränkungen durch Einkommen, Status, Abstammung, Ausbildung, Alter oder Hautfarbe sozusagen das letzte Refugium individueller Freiheit.
Planung, deren Rechtfertigung es ist, eine Entwicklung zu steuern, ist ohnmächtig, wenn sie sich diesem Kräftefeld entgegen stellen will. Die große Stadt und, mehr noch, die Agglomeration, sind entropische Gebilde. Um auf ihre Form einzuwirken bedarf es großer sozialer Energie in Form von Willen, Kapital und Macht, die der Verwaltung nicht zur Verfügung stehen. So entwickelt sich dieses Gebilde entsprechend dem Spiel sozio-ökonomischer Kräfte, vor allem finanzieller, deren Sachwalter Investoren sind. Investoren aber haben nicht das Gedeihen des Gemeinwohles im Sinn, sondern ihren wirtschaftlichen Erfolg, der Lohn für ihren finanziellen Einsatz ist. Sie sind genau so Gefangene des Wirkens von durch sie nicht kontrollierbaren Kräften wie es die Stadtverwaltungen sind. Sie sind aber erfolgreicher, da durch keine planerischen Postulate belastet, und erfüllen dabei auch eine entscheidende soziale Funktion, ohne die es das Gebilde „Stadt“ gar nicht gebe.
Kommen wir auf den Körper der Stadt zurück. Mit zunehmender Größe gibt es eine Unzahl städtischer Körper, die durch das Verhalten von Personen in Teilen der Stadt bestimmt werden, ohne daß man diese identifizieren könnte. Wenn man von einem Körper sprechen will, so kann es sich nur um die Überlagerung dieser Teilkörper handeln. Was ist damit gemeint?
In der großen Stadt bewegt sich das Leben des Einwohners in einem Teilbereich. Weit entfernte Standorte sind für ihn ungünstig, mit zu großem Aufwand verbunden, als daß er sie als Ziele seiner Suche nach Angeboten in Betracht zöge, solange er ähnliche in größerer Nähe vorfindet. So gibt es innerhalb der großen Stadt sozusagen Teilstädte. Das ist schon bei einer Einwohnerzahl von etwa 250.000 der Fall, wie in Graz, entschieden so ist es beispielsweise in Wien. Sehr große städtische Siedlungsgebiete, die insgesamt immer noch wie eine Stadt in Erscheinung treten, also als mehr oder weniger kontinuierliches Siedlungsgebiet, sind Agglomerationen mit großer Anzahl von eigenständigen Verwaltungsbereichen. In ihnen wird stadtkörperliche Vielfalt offenkundig. In den USA werden sie als SMSAs (Standard Statistical Metropolitan Areas) statistisch erfaßt.
Die Agglomeration, und nicht etwa ein selbstverwalteter Teilbereich davon, wird in Simulationen modelliert (was, wegen des großen (finanziellen) Aufwandes und der mangelnden Bereitschaft der Gesellschaft, sich objektiv und bei unsicherem Ausgang mit der Stadt auseinander zu setzen, eigentlich nur für den Individualverkehr geschieht). Auf diese Weise erhält man Einsicht in einen virtuellen Körper, für dessen Beeinflussung durch Planung es in Agglomerationen nicht einmal einen übergeordneten Verwaltungs-dienst gibt. Diejenigen, die vorhanden sind, können sich nur mit dem (erweiterten) Teilbereich befassen, für den sie zuständig sind.
Die Hoffungslosigkeit, dem mit Architektur gerecht zu werden, ist offensichtlich. Und doch stellt sich Hr. Prix hin vor ein Fries von Bildern großer Städte, deren einige nicht Städte, sondern städtische Agglomeration sind, etwa „Los Angeles“ mit über hundert Stadtverwaltungen bzw. Gemeinden, und meint staunend, daß da Architekten nichts mitzureden hätten, wo sie dafür doch ausgebildet seien. Sind sie es? Keineswegs. Nirgendwo wird meines Wissens in der Architekturlehre, wenn es eine solche im Gegensatz zum Architekurerlernen durch Selbststudium überhaupt gibt, etwas über Sozialwissenschaften und deren Verfahren auch nur im Ansatz gehört. Hier melden sich Verblendung, Eitelkeit, Hochmut und Überschätzung der Fähigkeiten eines Baukünstlers zu Wort. Die Show zeigt aber auch, da sie sich in Fotos des physischen Körpers der „Stadt“ erschöpft, wo der Architektenberuf steht: abseits und mir dem Lukrieren von Aufträgen befaßt. So sind die Aussagen zu verstehen. Er hat sich auch in den letzten 50 Jahren nicht bewegt. In welchem Beruf kann sich jemand hinstellen und, ohne sich lächerlich zu machen, behaupten, eine Bar sei eine Bar, aber mehrere Bars könnten eine Stadt sein?
Städtischen Agglomerationen steht Planung im allgemeinen hilflos gegenüber und der Ar-chitekt im besonderen. Er und sie sollte sich darauf beschränken, was man wirklich kann: in die Struktur der Stadt durch gut entworfene, schöne Gebäude eingreifen. Abseits von der Darstellung in fotografischen Bildbänden werden sie am ehesten erfolgreich sein, wenn diese der Bevölkerung und dem Gemeinwohl dienen. Die Sozialwissenschaft bietet eine Alternative, eine Alternative, die von der Bestandsaufnahme, dem Befund ausgeht, statt von Person und Vision. Sie ist ähnlich hilflos, weil sie total im Abseits des von Architekten verwalteten Hergebrachten steht.KURZBIOGRAFIE
BERNHARD HAFNER wurde 1940 in Graz geboren. Er studierte an der Technischen Universität Graz und an der Harvard University. Hafner war Professor und Gastprofessor an der University of California, Los Angeles (bis 1974), Cornell University (1974), University of Texas, Arlington (UTA, 1977-79) und am New Jersey Institute of Technology (2000, 2005). Er ist seit 1976 als freischaffender Architekt tätig und betreibt seit 1980 ein Architekturbüro in Graz. Außerdem ist er Verfasser zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten und theoretischer Texte zur Architektur.
- Verfasser/in:
- Architekt Bernhard Hafner
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