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"Streng subjektiv - Ein Streifzug durch die Grazer Bühnenlandschaft" von Jörg-Martin Willnauer

10/09/2006

"Streng subjektiv -

Ein Streifzug durch die Grazer Bühnenlandschaft" von Jörg-Martin Willnauer

"Ein Kabarettist, der Musik studiert hat, sollte zum Thema Architektur die Klappe halten."

Stimmt. Auch nach zehn Jahren Klavier- bzw. Kompositionsstudium finden sich auf meinem musikalischen Atlas viele weiße Flecken. Naturgemäß kenne ich nur einen kleinen Ausschnitt vom Ausschnitt der musikalischen Unendlichkeit. Aber ich kann sehr schnell erkennen, ob ein Mensch, der sich zu einem musikalischen Thema äußert, wirklich etwas davon versteht. Als Komponist habe ich oberflächliche Kommentare über zeitgenössische Musik oft genug ertragen müssen. Auch deshalb werde ich mich hüten, in den Bornierten-Chor über zeitgenössische Architektur einzustimmen.

Trotzdem:

Nach 25 Bühnenjahren und über 2.500 Auftritten in Turnhallen, Squashboxen, feuchten Kellern, Gasthäusern, Amphitheatern, großen Sportpalästen und kleinen TV-Studios erlaube ich mir, die heimische Bühnenlandschaft unter dem Gesichtspunkt architektonischer Funktionalität etwas genauer zu beleuchten.

Bescheiden wie ich bin, beschränke ich meinen Streifzug auf einige ausgewählte Perlen des Kabaretts. D.h. List- und Stadthalle, Kammer- und Stefaniensaal bleiben unberücksichtigt, wiewohl dort mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit fallweise unfreiwilliges Kabarett geboten wird. Weil die Nutzung des Etablissements naturgemäß Auswirkungen auf die architektonische Gestaltung hat, darf ich eine streng subjektive Kabarett-Definition einfügen: Ich definiere Kabarett als Teil- und Kleinkunst als Oberbegriff. Kabarett ist eine im großstädtischen Raum (Paris) entstandene Mischform aus Theater, Musik und Literatur; Kleinkunst umfasst auch die künstlerischen Ausdrucksformen Pantomime, Comedy, Clownerie etc. D.h. der Begriff Kleinkunst bezieht sich immer auf die Form des Dargebotenen, nie auf den Inhalt. (manche "Künstler" vergessen das, schwelgen in Ausstattungsorgien und rufen auch im kleinsten Saal nach einem Mikrophon.)

Die meisten Etablissements, in denen wir Kabarettisten auftreten dürfen, sind für andere Zwecke erbaut bzw. umgebaut worden.

Musterbeispiel ist ein charmantes Grazer Provisorium: das Theatercafe. Der Eingang erfolgt durchs Männerklo, was sich gelegentlich auch olfaktorisch bemerkbar macht. Im Winter windet sich die Zuschauerschlange vom Abort bis auf die Mandellstraße und die Kassiererin vom rührigen Verein "Hin & Wider" sitzt trotz Mantel und Pelzschuh frierend im zugigen Gang. In der Künstlergarderobe fehlen WC und Schminkspiegel; wer einen Blick durch den Vorhang wirft, kann den Künstlern beim Umziehen zuschauen (was die Exhibitionisten in der Branche – also nahezu alle – kaum stört). Die Bühne wird fast jeden Abend auf- und abgebaut, das Klavier muss bei Bedarf auf die Bühne gehievt werden.

Trotzdem (oder deshalb): Synonym für Kleinkunst in Graz ist seit Jahrzehnten das Theatercafe!

"Form follows function" lehrte mich mein Bruder Sigmar Willnauer (www.shelterandroam.de) schon vor 30 Jahren; das Theatercafe widerlegt diesen Klassiker. Hier stimmt laut Lehrbuch vieles nicht und trotzdem ist das Ganze stimmig, weil die Atmosphäre stimmt.

Auch das "Theater im Keller" in der Münzgrabenstraße - wo ich meinen ersten Auftritt absolvierte - funktioniert als Kleinkunstbühne, obwohl besagter Keller wahrlich nicht für diesen Zweck gebaut wurde.

Gustav Peichl wird bei der Planung der österreichischen Funkhäuser kaum an Kabarett & Kleinkunst im Publikumsstudio gedacht haben; trotzdem ist das Grazer ORF-Publikumsstudio für derartige Veranstaltungen durchaus geeignet.

Zu Emil Breisachs Zeiten wurde der Raum auch entsprechend genutzt: Ottfried Fischer, Hanns-Dieter Hüsch, Hermann van Veen und viele andere machten das Publikumsstudio zu einer ersten Adresse.

Heute ruhen die Live-Mitschnitte im Archiv und Radio Steiermark hat seine 60jährige Kleinkunst-Tradition abgebrochen (wofür Gustav Peichl allerdings nicht verantwortlich gemacht werden kann).

Ein Raum, der nicht speziell für Kleinkunst gebaut, aber dennoch ähnlichen Kriterien genügen sollte, ist der Veranstaltungsraum des Literaturhauses.

Dass die Musik des darüber gelegenen Cafes mitunter feine Lyrik überdröhnt ist dem Architekten wohl nicht anzulasten; die niedrige Raumhöhe schon eher. Der Raum hat keinen Focus, ergo ist die imaginäre Bühne überall deplaciert. Die überlaute Lüftung kommt erschwerend hinzu. Alles in allem: kein sonderlich geeigneter Raum, der – mangels Alternativen – dennoch auch für Kleinkunst genutzt wird.

Was in der zweitgrößten Stadt Österreichs fehlt, ist eine Mittelbühne mit ca. 200 Personen Fassungsvermögen. Das "Brot & Spiele", das auf meine Initiative zurückgeht (auch der Name stammt von mir) hätte diese Lücke schließen sollen. Der Betreiber hat es vorgezogen, Billardtische aufzustellen, was mir manch hämischen Kommentare beschert hat. - Das Orpheum mit gut 600 Personen Fassungsvermögen ist bereits eine multifunktionale Mittelbühne mit optimalem Standort und als solche für Graz unverzichtbar. Der im 1.Stock gelegene kleine Spiegelsaal ist keine Alternative. Er verströmt selbst bei 35 Grad Celsius den Charme eines Eiskastens.

Der sogenannten "freien Szene" angeboten wurde das "Amphitheater auf der Mur-Insel".

Dass die Mur"Insel" keine ist, hat sich schon herumgesprochen. Das "Amphitheater" ist eine Fehlkonstruktion und für Kleinkunst jedweder Art unbrauchbar. Hinter der "Bühne" spazieren die Passanten vorbei, d.h. jede Vorstellung wird entsprechend gestört.

Umgekehrt wäre es gegangen: Sitzreihen auf die Mariahilferseite, unter der höchsten Sitzreihe marschieren die Passanten durch und auf der Schlossbergseite befindet sich die Bühne. Diese Lösung hätte auch das richtige Bühnenbild einbezogen: den Schlossberg. Mit Verlaub: Herr Acconci ist ein Dilettant.

Trotzdem: einen Kollateralnutzen hat das "Amphitheater": hier können junge Leute aus unseren Nachbarländern ohne Konsumzwang ihre Jause verzehren. Für Leute mit kleinem Budget ein großer Vorteil. Zudem ist die Mur-"Insel" der einzige garantiert autofreie Platz in Graz. Hier baut niemand eine Tiefgarage.

Last but not least: das Kunsthaus. Um Geld zu lukrieren, wird das Kunsthaus ja auch für "Events" aller Art vermietet. Wahrlich nicht für Kleinkunst gebaut, muss es dennoch fallweise dafür herhalten: ich durfte sowohl in der "Needle", als auch im "Space 4" – welch ein Euphemismus für diese Abstellkammer! – auftreten. Dass das Kunsthaus für Kleinkunst ungeeignet ist, wäre zu verschmerzen. Aber wie soll man dort Ausstellungen organisieren? Stellwände kann ich auch in der Bahnhofshalle aufstellen. Die Rolltreppe schneidet die Räume mitten durch und macht sie nahezu unbrauchbar. Die Stiegenabgänge sind eines Provinzflughafens unwürdig. Und die besten Räume – paradoxerweise das alte Eiserne Haus! – hat sich die Camera Austria für ihr Archiv gesichert. Die Akustik im Kunsthaus-Cafe ist nach wie vor miserabel und im Schanigarten blasen Dir die Autokolonnen ihre Abgase in den Kaffee. Oben auf dem Dach des Eisernen Hauses wäre der richtige Platz fürs Cafe gewesen.

Aber das ist ein anderes Thema.

Wer einen ästhetisch und atmosphärisch gelungenen Kleinkunst-Raum erleben will, möge sich das Porgy & Bess anschauen:

Eine rundum gelungene Lösung, die auch akustisch hervorragend funktioniert. Zeitgenössische Architektur vom Feinsten!

Nur leider befindet sich dieses Etablissement in Wien.

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