Gedanken zum kindergerechten Bauen - von Christian Andexer
Zusammenfassung des Vortrags vom 30.05.2006 im Rahmen der Reihe des Kinderbüros Steiermark "ARCHITEKTUR – KINDER(T)RÄUME. Wie kindgerecht ist, kann und möchte Architektur sein?", an der TU Graz.• Kindergerechtes Bauen evoziert den Terminus Gerechtigkeit. Kann es eine Gerechtigkeit für nur eine Gruppe von Menschen geben?
• Partikularinteressen nennt man das heute. In der globalen und trotzdem kleinen Welt finden wir Arme und Reiche, Große und Kleine, Junge und Alte, Gemeinsame und Einsame, Menschen in weiter Ferne und so nahe.
• Die Beschreibung der vielfältigen Zustandsformen des Menschseins konnten bisher Gott sei Dank noch nicht in einer Norm beschrieben werden. Jedes Leben ist sein eigener Entwurf, unvergleichbar, auch nicht ablösbar.
• Architektur ist immer noch für die Menschen da. Angesichts der den Markt bestimmenden Trademarks der Architekur, in der das Architekturprodukt und seine Verpackung, seine Hülle den Marktwert der Architekturschaffenden zunehmend definiert ist muss man sich das immer wieder ins Gedächtnis rufen.
• Man muss sich zum Beispiel die Frage stellen- Warum sind auf Architekturfotografien nur so selten Menschen zu sehen?
• Architektur kann durchaus auch autochthoner Selbstzweck sein, aber sicher nicht als Kernaufgabe. Wenn die Aufgabenstellung erst einmal da ist kommt man zum Kern der Sache:
• Architektur schafft Räume für Menschen und wird von Menschen gemacht
• Kinder haben uns gegenüber, unserem Ehrgeiz, unserer Zeitnot, unserer
Fragestellung zum Leben überhaupt einen großen Vorteil:
Kinder nehmen die Welt so wie sie ist.
• Als Kind habe ich mir zwar manchmal vorgestellt die Decke wäre der Boden und ich würde darauf spazierengehen- wie angenehm leer und frei waren dann die Räume- ich habe aber die Räume der Kindheit, die Zimmer, die Plätze der alten Stadt, den Naturraum angenommen wie sie eben sind, ohne die Frage nach der Berechtigung zu stellen.
• Dies ist auch keine Frage der Not in der Welt. In den Favelas von Rio wird sicher herzhafter Fußball gespielt als bei uns im Fußballclub, egal ob die Welt gerecht ist oder nicht.
• Die Tiefe dieser Empfindung in die Räume der Kindheit bedeutet für uns ArchitekInnen die größte Verantwortung überhaupt.
• Wir erfüllen bei altengerechten, behindertengerechten, singlegerechten, kindergerechten, frauengerechten, bei wohnen und arbeiten, 50+ oder 50- Wohnungen, kostenbewusstem Wohnen, ökologischem und energiegerechten Wohnen, humane Funktionen, die auf der Verstandesebene definierbar sind.
• Bei Räumen für Kinder übernehmen wir aber zusätzlich eine emotionale Verantwortung, denn Kinder nehmen unsere Räume eben wie sie sind und reagieren intuitiv
Diese Verantwortung sollte uns allen bewusst sein, wenn wir unsere Räume planen und umsetzen.
• In der Kinderentwicklung geht es darum, Boden unter den Füßen zu bekommen, räumlich
geerdet zu sein.
• Die Kraft des Erfassens des Raumes erweitert sich erst allmählich. Nicht umsonst befindet
sich über einer Wiege ein Baldachin, um dem Kleinkind ein Erfassen seiner ersten Räumlichkeit nach dem Mutterleib zu ermöglichen.
• Erst nach und nach werden in der Kindesentwicklung Dimensionen und Räumlichkeiten
begriffen und in Besitz genommen.
• Über Möglichkeiten der Kinder aus Räumen ins Freie und untereinander zu sehen, möchte ich als Selbstverständlichkeit gar nicht eingehen. Dass Farben auf Menschen und somit auch auf Kinder eine Wirkung haben ebenso wenig.
• Das Spiel mit Raumhöhen, Nischen, Bereichen zum „Anlehnen“ schafft auch für Kinder persönliche Projektionsflächen, wie wir sie eigentlich das ganze Leben brauchen.
• Im real existierenden staatlich geförderten Wohnbau sind wir von emotional geschützten
Raumsituationen, insbesondere im Außenraum, immer noch weit entfernt, da das spärliche
Geld meistens in den Wohnungen selbst und nicht im Wohnumfeld aufgeht.
• Gestaltung ist immer auch ein Beitrag für den sozialen Frieden, der uns angesichts der
globalen Entwicklung nicht als etwas Selbstverständliches bewusst sein sollte, sondern als etwas, für das wir jeden Tag etwas tun können – für unsere Kinder und alle Menschen.
KURZBIOGRAFIE:
Arch. DI Christian Andexer (*1958 in Salzburg) studierte an der Architekturfakultät der Technischen Universität Graz. 1986 erhielt er das Diplom. Seit 1991 ist Andexer freischaffender Architekt in Graz und arbeitet seit dieser Zeit in Arbeitgemeinschaft mit Architekt DI Georg Moosbrugger und immer wieder mit DI Ute Klocker. Er ist Mitglied der Grazer Altstadtsachverständigenkommission, seit 1994 Ortsbildsachverständiger und seit 2003 Lehrbeauftragter an der TU Graz. Bis Juni 2006 war er Vorsitzender der Sektion Architekten der Kammer der Architekten und Ingenieurskonsulenten für Steiermark und Kärnten.
> > LITERATURHINWEIS:
Kinderfreundlicher Wohnbau. Ein Leitfaden für die Planung
2002, Herausgegeben vom Kinderbüro Steiermark
BESTELLUNG BEIM:
Kinderbüro Steiermark
Nikolaiplatz 4a, A-8020 Graz
T ++43 (0)316/83 36 66
F ++43 (0)316/83 36 66-24
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Die Vortragsreihe "ARCHITEKTUR – KINDER(T)RÄUME. Wie kindgerecht ist, kann und möchte Architektur sein?" wurde vom Kinderbüro Steiermark in Kooperation mit dem Institut für Städtebau der TU Graz veranstaltet.

