"Geplante Spontaneität. Von den Widersprüchen / Widerständen der Spielraumgestaltung" - von Thomas Pilz
Vortrag vom 22.11.2005 im Rahmen der Reihe "ARCHITEKTUR – KINDER(T)RÄUME. Wie kindgerecht ist, kann und möchte Architektur sein?"
TEIL 1 "Von Widersprüchen und Widerständen"
(HINWEIS: zu TEIL 2 "Thesen und gebaute Beispiele" gelangen Sie über den unten angeführten LINK)
Bei der Übermittlung meines Vortragstitels hat sich ein bemerkenswerter Lesefehler durch die Organisatoren der Vortragsreihe eingeschlichen. Aus den Widersprüchen der Spielraumplanung waren kurzerhand die Widerstände der Spielraumplanung geworden. Bemerkenswert ist dieser Lesefehler, weil sich in ihm offensichtlich eine starke Erwartung (oder Erfahrung) des Lesers Ausdruck verschafft: die Spielraumplanung hat Widerstände zu überwinden. Ich möchte die Gelegenheit ergreifen, und einleitend auf zwei Gruppen von Widerständen hinweisen, die wir überwinden müssen, wenn wir versuchen, Spielräume so zu planen und zu gestalten, dass sie dem Spiel und der spielerischen Entfaltung unserer Kinder dienen.
Die erste Gruppe von Widerständen bezieht sich auf alle Absichten, die den Spielraum des Kindes vor allem unter den Gesichtspunkten der Sicherheit und der Vermeidung von Störungen aller Art sehen. In Extremfällen wird dabei das kindliche Spielen selbst als Störung wahrgenommen: es ist frei und unkontrolliert, es überschreitet Grenzen und entwickelt eine akustische Nebenwelt, die sich nicht dem Ruhebedürfnis weltabgewandter Nachbarn unterordnet. Neben den akustischen Störungen werden vor allem die territorialen Störungen registriert: Trampelpfade, ausgetretene Flächen auf dem schönen Rasen, von Fußbällen geköpfte Rosenstöcke, Behinderungen des Verkehrsflusses durch spielende Kinder auf der Straße etc. In der Bewertung solcher Konflikte ist es für alle, die die Interessen der Kinder unterstützen wollen, immer einfach, die richtige Haltung zu finden – zumal dann, wenn sich die Widerstände der Gestörten gegen das Ausleben des kindlichen Spieltriebes an sich wenden.
Schwieriger erscheinen jene Konflikte, die sich im Zusammenhang mit Sicherheitsbestimmungen ergeben; denn zumindest einige Sicherheitsbestimmungen und -forderungen entstehen tatsächlich aus der schwer kritisierbaren Absicht, Kinder vor Gefahren zu schützen. Diese gute Absicht lässt sich jedoch nicht generell unterstellen, da es vor allem im Zusammenhang mit Versicherungsgesellschaften und Produzenten von Sicherheitsgerätschaften auch ökonomisch motivierte und zutiefst unaufrichtige Sicherheitsforderungen gibt.
Viele verdienen an der vermeintlichen Sicherheit, indem sie mit der Angst ihr Geschäft machen. Das Ergebnis ist das perfekt gesicherte Kind, das in einer vom Sicherheitswahn zugerichteten Scheinwelt gefangen bleiben muss: eingegittert zwischen Zäunen, auf aufprallmildernden Gummiplatten wackelnd oder gleich im Kindersitz solide montiert. Dennoch, die Gefahren sind real, und es hat keinen Sinn, ihre Realität zu leugnen.
Ich spreche heute aus der Perspektive des planenden Architekten und möchte deshalb auch jene Widerstände erwähnen, die uns in den Fallen der Gestalter-Eitelkeit gefangen halten. Denn wir sind bei der Spielraumplanung mit den Bedürfnissen und Wünschen von Kindern konfrontiert, und Kinder sind architektonisch ungebildet; sie haben keine primär formalen Interessen; sie suchen nicht nach Ordnung, und sie sind nicht cool. Sie lieben es verspielt bis kitschig, gefühlvoll und wild. Sie lieben das Gestalten, nicht das fertige Produkt; das Baumhaus muss sich von innen anfühlen wie der Traum von der selbst gezimmerten Freiheit im Geborgenen, ohne von außen dem Bild eines coolen Hauses zu entsprechen. Kinder lieben bergende, schützende Räume, in denen sich das Universum des Spiels entfalten kann. Sie lieben klare und intensive Farben, ohne übrigens von sich aus die von Lego, Toysrus und Co verordnete und desensibilisierende Primärfarben-Primitivität einzufordern. Ein Kindergarten, der keine verträumte Raumintimität schafft, wird nicht dadurch kindergerecht, dass kübelweise bunte, grelle Farben drübergeschüttet werden – dadurch kann bestenfalls den Erwachsenen signalisiert werden, dass drinnen nur lauter lustige Kinder sein können. Ein Beispiel für jene Missverständnisse von Kinderfreundlichkeit, denen Wojciech Czaja in seinem Buch „Wir spielen Architektur“ nachspürt. Die Verwendung von Fröbels Bauklötzen als Modellbaumaterial erzeugt noch keine kindgerechte Architektur. Kinder haben eine sensible und differenzierte Farbgestaltung verdient, die ihre Sinne fordert und deren Verfeinerung fördert, anstatt sie durch die Prallheit von Primärfarben zu betäuben.
Von der Straße in das Reservat, von Rändern der unbestimmten Situationen in den geplanten Raum.
Vor dem Übergang von den Widerständen der Spielraumgestaltung zu den Widersprüchen möchte ich kurz an die Entwicklung bespielbarer Räume in den vergangenen Jahrzehnten erinnern und mit einigen kräftigen Pinselstrichen wesentliche Elemente der Geschichte der Spielräume – vor allem im urbanen Kontext – nachzeichnen. Der urbane Raum gilt dabei als die kritische Zone der Bespielbarkeit, weil die Entwicklung der Stadt nicht den Bedürfnissen der Kinder folgt. Eine Situation, die sich verschärft, sobald moderne Städte von immer rasanter befahrenen und damit gefährlicher werdenden Verkehrsachsen durchschnitten werden.
Welche Situationen sind es, die Kinder aufsuchen, wenn sie nicht behindert werden? Es sind die Zonen des Übergangs, mehrdeutige, offene, aber zugleich in einem überschaubaren Horizont abgeschlossene und überschaubare Situationen. Fragen wir nach typischen Situationen, in denen sich das kindliche Spiel ungezwungen entfalten kann, so erscheinen geradezu archetypisch Bilder, die nicht Teil der aktiv gestalteten Stadt sind: der Wald, der Bauernhof; das unkontrolliert fließende Wasser, das verlassene oder gar verfallende Haus; Brachen und aufgelassene Produktionsgelände. Es sind unkontrollierte und unbestimmte Situationen, die sich durch spielerische Intervention verwandeln lassen.
Schon 1935 hat Martha Muchow in ihrer viel zitierten Studie über den Lebensraum des Großstadtkindes auf die Bedeutung von Bewegungs- und Streifräumen für die Entwicklung des kindlichen Raumvorstellungs- und Wahrnehmungsvermögens hingewiesen. Sie definiert den Aktionsraum als jenen Raum, den Kinder so gut kennen, dass sie ihn sich mit geschlossenen Augen vorstellen können. Die Ausdehnung eines Aktionsraumes umfasst bei Vorschulkindern ca. 150 Meter und beträgt bei 14jährigen bereits durchschnittlich 11 Kilometer. Nach ihrem Haupt- und Lieblingsaufenthaltsort gefragt, gab die überwiegende Mehrheit der Kinder in dieser Untersuchung an, dass dies die Straße sei. (Im Rahmen der vom Grazer Kinderbüro organisierten Vortragsreihe "Ist die Kindheit noch zu retten?" in den Jahren 2003/04 hat die Verkehrspädagogin Gudrun Uranitsch in ihrem Vortrag "Von der Kinderstadt zur Autostadt – Perspektiven jenseits der Windschutzscheibe" diese Zusammenhänge eindrucksvoll nachgezeichnet und ihre Metamorphosen bis in die Gegenwart beschrieben.)
Wo Kindern durch das Auftreten von Gefahrenachsen in der Stadt in der kontinuierlichen Erweiterung ihrer Streifräume behindert werden, kommt es zur so genannten Verinselung der Kindheit, denn mit der Blockade der räumlichen Welterschließungsmöglichkeiten werden auch die kommunikativen Möglichkeiten des Kindes eingeschränkt. (Diese Tendenz wird auch dadurch nicht aufgehoben, dass heute nahezu jedes Kind mit einem Mobiltelephon ausgerüstet ist, weil durch die Techniken der Telekommunikation die Möglichkeit von zufälligen Begegnungen und unerwarteten Kommunikationen nicht zurückgegeben werden kann – ganz im Gegenteil bewirken die Filtermechanismen der Apparate das Verharren in abgesicherten Kommunikationskreisen.) Wo Kinder sich nicht frei in den Umgebungsraumraum hinein bewegen können, um ihre Spielräume selbstständig entdecken und erschließen zu können, bewirkt das eine Verarmung der Entwicklungsmöglichkeiten und erzeugt Defizite in der kindlichen Selbstentfaltung und in der Entwicklung des räumlichen Vorstellungsvermögens. So entsteht das Bedürfnis, den Verlust von naturwüchsigen Spielsituationen durch das Errichten von geplanten Spielräumen auszugleichen.
Seit es geplante Spielräume gibt, die von öffentlichen Institutionen errichtet und verwaltet werden, diskutieren Pädagogen über Sinn und Wert unterschiedlicher Ausbildungen von Spielräumen und Spielplätzen. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Idee des heute so genannten Abenteuerspielplatzes, weil dieser am besten in der Lage ist, den naturwüchsigen Spielraum zu simulieren und Kindern jene Möglichkeitsräume zurückzugeben, die ihnen in der modernen Stadt genommen werden. Nils Norman hat in seiner Monographie „An architecture of play: A survey of London‘s adventure playground“ (London 2003) die Entwicklung dieser Idee nachgezeichnet: aufmerksame Pädagogen beobachten, dass Kinder abends heimlich Baustellen aufsuchen, um Abfälle von Baumaterialien als Spielwerkzeuge zu entwenden. Die erste Konzeptidee entsteht. Kindern werden vermeintlich unbrauchbare Dinge (Baustellenabfälle) auf einen Platz gebracht, um sie ohne weitere Vorgabe etwas ‚bauen’ zu lassen. C.T. Sörensen fasst 1931 seine Beobachtungen zu diesem Konzept unter dem Titel „Open spaces for town and country“ zusammen. Er prägt den Begriff „Junk playground“. Später wird von „Waste playground“ gesprochen, bis die englischen Pädagogen George Pepter und Lady Allen endlich eine Namen prägen, der dem vornehmen Stil ihres pädagogischen Engagements entspricht: „Adventure playground“. Sie formulieren die bis heute bestimmenden Elemente der Abenteuerspielplätze: Spiel ist Aktivität; freier Zugang für alle Kinder, „playleader supervision“....
Dipl. Ing. Mag. Phil. Thomas Pilz, geb. 1966, Studium der Philosophie und Germanistik (1985 – 92) und Architektur (1992 –2002). Freier Mitarbeiter in verschiedenen Büros, eigenständige Tätigkeit, kulturwissenschaftliche Studien. pilzthomas@yahoo.com
Die Vortragsreihe "ARCHITEKTUR – KINDER(T)RÄUME. Wie kindgerecht ist, kann und möchte Architektur sein?" wurde vom Kinderbüro Steiermark in Kooperation mit dem Institut für Städtebau der TU Graz veranstaltet.
- Verfasser/in:
- Thomas Pilz
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