"Kinder in der Stadt". Von Anna M. Hohmann-Vogrin
Kurzfassung des Vortrags vom 17. Jänner 2006 im Rahmen der Reihe ARCHITEKTUR – KINDER(T)RÄUME. Wie kindgerecht ist, kann und möchte Architektur sein?".
Der Untertitel dieser Vortragsserie auf die Stadt bezogen lautete: Wie kindgerecht ist, kann und möchte die Stadt sein? Daraus ergibt sich die Frage, der ich nachgehen möchte, was denn eine kindergerechte Stadt wäre. Eine Stadt in der Kinder mitreden können? Eventuell in einem Kinderparlament? Initiativen und Versuche dieser Art gibt es. Was aber würden sich Kinder wünschen? Wahrscheinlich einfach mehr von dem, was wohlmeinende Erwachsene ihnen ohnehin schon zugedacht haben, was aber meist anderer Prioritäten wegen nicht umgesetzt wird.
Es hat den Anschein, als wüssten wir alle, wie eine Stadt Kindern gerecht werden könnte oder meinen, dass Kinder ohnehin besser auf dem Land oder in ländlich anmutenden Umgebungen aufgehoben seien. Im Gegensatz dazu muss aber festgestellt werden, dass insgesamt wenig konkretes Wissen vorhanden ist über die Auswirkungen des räumlichen Gefüges einer Stadt, dessen Analyse und Veränderung in den Kompetenzbereich des Städtebaus fällt.
Andere Disziplinen haben eine Menge an Detailwissen über Kinder und kindliches Verhalten generiert. Auch einzelne städtebauliche Fragen wurden, soweit sie in den Bereich der unmittelbaren Umweltauswirkungen auf Gesundheit, Leib und Leben fallen, ausführlich thematisiert. Dazu gehören vor allem die Probleme des Straßenverkehrs: Kompendien an Vorschlägen und Regeln wurden da erarbeitet. Im „Handbuch Kindergerechte Verkehrsplanung“ aber wird deutlich gemacht, wer Vorrang hat, der motorisierte Verkehr nämlich. Fußgänger, vor allem Kinder, sind Randgruppen. Trotz aller den Verkehr sichernden Maßnahmen ist Verkehrserziehung also der wesentliche Beitrag von Eltern und Schule, die Kinder der verkehrsdominierten Stadt gerecht zu machen. Das stadtgerechte Kind weiß, auch der Gehsteig darf nur zielorientiert benützt werden. Auf der Strasse spielt man nicht, dafür gibt es Spielplätze, als notwendigen „Auslauf“, die einzelnen Anlagen – zumindest in der Theorie- wieder jeweils für unterschiedliche Altersstufen, unterschiedliche Bedürfnisse, ausgelegt und getrennt: „Sandkisten“ für Kleinkinder, „Kinderspielplätze“ für Kinder und „Bolzplätze“ für Jugendliche.
Wir gestehen der Kindheit, der Jugend zwar wesentlich mehr Raum als früher zu, wollen aber im Allgemeinen nicht damit belästigt werden. Vielleicht wollen Kinder und Jugendliche aber wahrgenommen werden?
Damit sind wir beim Thema, bei den sozialen Dimensionen des Städtebaus.
Funktionale Einteilungen und Trennungen, wie oben angeführt, durchziehen die gesamte Planung der Moderne mit dem impliziten Versprechen des reibungslosen Funktionierens. Es funktioniert aber nicht oder nur partiell, denn die Stadt ist kein Werkzeug, sie ist eine Einrichtung. (1) Sie ist ein Raumgebilde in dem sich insgesamt das mannigfaltige und vielschichtige Leben der Menschen ereignet. Obwohl der „Funktionalistischen Stadt“ längst zumindest verbal der Kampf angesagt wurde, geht die Entwicklung fast überall ungebremst in diese Richtung. Das führt zu zunehmender Segregation, bis hin zu den so genannten Gated Communities.
Kinder betrifft das in besonderem Maße. Da ihr eigenständiger Aktionsradius eingeschränkt ist, sind sie auf das Transportunternehmen Elternhaus angewiesen, das sie zu den diversen Aktivitäten bringt, wie Schule, Sport, Einzelunterricht oder Treffen mit bestimmten Freunden. Das führt zu einer so genannten Verinselung ihres Lebensraumes und trotz aller Bemühungen um die nächste Generation wird schon davon gesprochen, dass damit ein Verlust der Kindheit einhergehe. Dies selbstverständlich nicht in dem Sinne wie wir das in Ländern beklagen, die durch Kinderarbeit und mangelhafte Schulsysteme bestimmt sind. Bei uns ist es der Verlust an Möglichkeiten, dem Alter entsprechende Selbstständigkeit zu erwerben, weil die Kontrolle zu groß ist und zu lange kaum „Raum“ bleibt für eine autonome Entwicklung.
Der Mangel an Integration könnte auch zu anderen Problemen führen. Wenn Kinder ohne Berührung mit anderen Schichten aufwachsen, wird das vermutlich auch ihre soziale Haltung und ihre politischen Vorstellungen nachhaltig beeinflussen.
Einigermaßen verlässliches Wissen um die Zusammenhänge zwischen Gesellschaft und Raum wäre die Voraussetzung für seine positive Veränderung.
Woraus besteht nun das eventuell zu verändernde städtische Gefüge konkret?
In einer Stadt wie Graz sind im Wesentlichen drei unterschiedliche Bebauungsweisen festzustellen:
• Locker bebaute Einfamilienhausgebiete, wo der öffentliche Raum, im Wesentlichen bestehend aus Zufahrtsstrassen, sonst so gut wie unbenutzt bleibt. Er ist also weitgehend unkontrolliert und unsicher. Eben deshalb werden besonders solche Wohnformen anderswo als Gated Communities errichtet.
• Geschosswohnanlagen und Siedlungen aller Größenordnungen und unterschiedlichster Qualität, zwischen den einzelnen Blöcken meist große Abstandsflächen– teils Parkplätze teils so genannte „soziales Grün“ – das meist funktional getrennt verschiedenen Benutzergruppen zugeordnet ist.
• Straßenbezogene – eigentlich urbane – Bebauung entlang von Straßen, mit heute sehr unterschiedlichem Verkehrsaufkommen. Hier bewegen sich Kinder zwangsläufig in Gegenwart Erwachsener, die gegenseitige Wahrnehmung ist möglich.
Kann das Gebaute überhaupt irgendwelche sozialen Gegebenheiten beeinflussen oder gar hervorrufen, müssten dafür relevante Unterschiede feststellbar sein. Im Folgenden soll gezeigt werden, dass verlässliche, nachvollziehbare Zusammenhänge feststellbar sind zwischen der Konfiguration von Raum, dem Individuum, dem individuellen Verhalten und dem Verhalten von Gruppen.
Im Rahmen einer Forschungsrichtung, der so genannten Space Syntax, werden in den letzten beiden Jahrzehnten entsprechende Ergebnisse erzielt. (2) Wohnsiedlungen, die mehrere Phasen städtebaulicher Moden seit den 1950er Jahren abdeckten, wurden beispielsweise mit straßenbezogener Bebauung verglichen. Es konnte festgestellt werden, dass die gleichzeitige Anwesenheit unterschiedlicher Personengruppen signifikante Unterschiede aufwies. In den untersuchten Wohnsiedlungen, bewegten sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene in unterschiedlichen Räumen: wo Kinder unterwegs waren, da gab es wenig Erwachsene und umgekehrt. In straßenbezogener Bebauung waren die unterschiedlichen Gruppen gleichermaßen anwesend. Das war nun nicht nur durch entsprechend systematische Beobachtung nachweisbar, sondern auch durch eine Analyse der räumlichen Integration der einzelnen Bereiche vorhersagbar. Diese „Vorhersagen“ sind eigentliches Ziel der Space Syntax Forschungen. Unter räumlicher Integration ist hier – stark verkürzt – die Distanz jedes Raumelementes von allen anderen Elementen zu verstehen und seine visuelle Verbindung mit angrenzenden Elementen.
Wie kann man diese Resultate generalisieren?
Erwachsene nutzen die Stadt für ihre täglichen Verrichtungen, also eher funktional! Kinder sind „Raum-Erforscher“. Kinder erforschen die Potentiale des Raumes (wie etwa beim Verstecken spielen). In straßenbezogener Bebauung gibt es wenige Möglichkeiten für unkontrollierte Aktionen.
In Wohnanlagen finden Kinder und Jugendliche anziehende Lücken und kreieren Territorien für ihre Gruppen. Diese Lücken sind immer jene Orte, die noch nah am „Integrationskern“ liegen, aber doch unbenutzt sind. Was oft so positiv gesehen wird, als Möglichkeit zur freien unkontrollierten Entfaltung im Spiel, kommt aber auch anderen, eher unerwünschte Gruppen von Raum-Erforschen zugute, etwa Obdachlose oder anderen „Randgruppen“. Wenn der Raum also keine multiplen Schnittstellen mehr aufweist und nur mehr von einer Gruppe benutzt wird, stehen wir vor dem Phänomen von räumlicher Segregation, mit all seinen sonst anerkannten Nachteilen.
Raumkonfigurationen und ihre Effekte auf die Anwesenheit von Menschen sind allgegenwärtig und beständig. Sie haben Auswirkungen auf die kleinsten Details des täglichen Lebens.
Raumkonfiguration und Raumnutzung sind das Bindeglied zwischen dem Gebauten und seinen sozialen Folgen!
Es können also folgende Feststellungen getroffen werden:
• Das Raumgebilde Stadt ist in seiner Wirkung vorhersagbar.
• Die Rangordnung und das Maß der Integration von Räumen sind von Bedeutung.
• Belebte Räume sind gute Räume, denn Bewegung durch den Raum ist nicht Nebenprodukt desselben, sondern der eigentliche Grund für seine Existenz.
Ein zusammenhängendes Netz von Straßen, definiert und auch kontrolliert durch anliegende Bebauung, schneidet da im Vergleich immer gut ab. Diese gut integrierte Struktur ist auch das Potential der alten Innenstädte; der historischen Zentren, da hat die damit einhergehende soziale Integration ja auch immer stattgefunden.
In unserer modernen demokratischen Gesellschaft wird oft versucht, städtebauliche
Probleme durch Partizipationsmodelle in den Griff zu bekommen. Diese haben aber hauptsächlich lokale Interventionen zum Ziel und lösen nicht die „Netzprobleme“, die grundlegenden Integrationsprobleme.
Worauf wäre dann also, ganz pragmatisch, bei städtebaulichen Interventionen zu achten?
Bei Neuplanungen müssten immer Kriterien der Integration und Übersichtlichkeit, die mühelose Orientierung erlaubt, beachtet werden. Im Bestand sollten durch entsprechende Interventionen klar gegliederte öffentliche Räume, die eindeutig und verständlich miteinander und mit kinderspezifischen Einrichtungen der Stadt verbunden sind, angestrebt werden. Spielplätze und andere Aufenthaltsbereiche sind offen in das System der übergeordneten Stadt- und Landschaftsräume einzugliedern, so dass es vielleicht, in Anlehnung an die schon verschiedentlich angestrebte und teilweise auch verwirklichte Biotopvernetzung zu einer „Soziotopvernetzung“ kommt.
Dann muss man natürlich auch den Mut dazu haben, Kinder in die Welt hineinwachsen, sie die Stadt erforschen und erleben zu lassen.(1) Helga Zeiher, 1994: Kindheitsträume- Zwischen Eigenständigkeit und Abhängigkeit, in: U. Beck und E. Beck-Gernsheim, Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften. Frankfurt/M.
(2) Bezeichnung laut Dieter Hassenpflug, 1999: Erlebnisraum Stadt. Leitbild für eine kinder- und jugendgerechte Stadt Weimar. Weimar
Ao.Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr.techn. Anna Margaretha Hohmann-Vogrin lehrt am Institut für Städtebau der Architekturfakultät an der TU Graz. Kontakt: hohmann-vogrin@TUGraz.at
Die Vortragsreihe "ARCHITEKTUR – KINDER(T)RÄUME. Wie kindgerecht ist, kann und möchte Architektur sein?" wurde vom Kinderbüro Steiermark in Kooperation mit dem Institut für Städtebau der TU Graz veranstaltet.
- Verfasser/in:
- Anna M. Hohmann-Vogrin
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