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"Von Lernkäfigen und Lebensräumen - wieweit nehmen Räume Einfluss auf die kindliche Entwicklung?" - DI Margit Schwarz

06/08/2006

"Von Lernkäfigen und Lebensräumen - wieweit nehmen Räume Einfluss auf die kindliche Entwicklung?" - DI Margit Schwarz

Vortrag vom 13.12.2005 im Rahmen der Reihe ARCHITEKTUR – KINDER(T)RÄUME. Wie kindgerecht ist, kann und möchte Architektur sein?" an der TU Graz.

In einer Zeit elektronischer Informationstechnologien und Kommunikationsmedien wird ein starkes, Leben prägendes Medium oft übersehen: RAUM

Wir leben vom Anfang an ununterbrochen in Räumen, die wir immer wieder neu schaffen und verändern, durch TUN, oder allein durch drinnen sein. Egal was wir tun, es beansprucht Raum und im Gegenzug nimmt Raum ständig Einfluss auf uns, unsere Bewegungen, Haltungen, Verhalten und Gesundheit, Stimmungen und Handlungen, unser Denken und Tun.

Schon das ganz kleine Kind erobert sich, wenn man es ihm zugesteht, genau den Raum, den es für seine Entwicklung braucht. Schauen, Greifen, Drehen, Krabbeln, zum Stehen kommen, in die Welt hinein laufen! Dieser RAUM entsteht ursprünglich aus einem Gedankengebäude, aus den Einstellungen von Familie und Gesellschaft dem Kind gegenüber, aus prinzipiellen Lebensbedingungen auf der Erde, später auch aus der Einstellung des jungen Menschen zu sich selbst.

Leben lernen heißt be-greifen, verstehen, in Beziehung setzen – kommunizieren.

Lernen ist Bedingung für menschliche Existenz und beginnt bereits im Mutterleib.

Es ist ein natürliches Bedürfnis, das letztendlich bewusstes Wahrnehmen und Beziehungen des Menschen zu sich selbst und zu seiner Mitwelt möglich macht.

„Man kann nicht nicht kommunizieren“(P. Watzlavik), aber die Qualität hängt von der Wahrnehmung ab. Die Sinneswahrnehmung ist wiederum raumabhängig. Wache Sinne sind der Zugang zum Leben als Abenteuer! Sie bieten die Chance, Qualitäten unterscheiden zu lernen und eigene Maßstäbe zu entwickeln. Die Sinnesorgane und die damit zusammenhängenden Organsysteme entfalten sich analog ihrer Inanspruchnahme.

Organgesetzmäßig gestalteter RAUM (LebensRAUM) trainiert die Sinne.

„Man kann den menschlichen Geist lahm legen, indem man den Sinnen ihre natürlichen Betätigungsfelder raubt“ (J.W.v.Goethe)

Alles, was an uns lebt und sich ent-wickelt, entwickelt sich durch Betätigung, bleibt aber auch nur durch Betätigung erhalten und durch die feinen Unterschiede in den Betätigungen lebendig! Widernatürliche Beanspruchung oder Nichtbeanspruchung der Sinnesorgane erzeugt Stress. Es kommt zu einer Verzerrung und Dämpfung der Wahrnehmung. Störendes wird nicht mehr als solches wahrgenommen. Bewegung ist Bedingung für das Funktionieren der Sinnesorgane und um den RAUM überhaupt als solchen überhaupt erkennen zu können.

Sie brauchen Training! RAUM ist Trainingspartner.

RAUM spricht eine deutliche Sprache.

Architektur ist sichtbarer, hörbarer, erlebbarer Ausdruck gesellschaftlicher und persönlicher Haltungen und Einstellungen.

„Wir erzeugen mit starrem Denken Realität (Raum) und manifestiertes Denken beeinflusst uns wieder und lässt keine Bewegung aufkommen.“ (Vester/Kükelhaus)

RAUM hat eine Fülle von Einflussfaktoren – Jeder der Einflussfaktoren besteht wieder aus einem Netzwerk aller anderen.

Grenzen

Dimensionen, Proportionen

Farben

Formen

Material, Strukturen, Oberflächen

Licht

Luft

Akustik

Menschen

Funktionen, Inhalte

RAUM ist ein lebendig pulsierendes, komplexes Netzwerk – weil der Mensch ein Teil davon ist.

Lenken

Leiten

Bremsen

Dynamisieren

Mobilität

Fließen

Verweilen

Kommunikation

Überblick

Universum

Städtische und ländliche Räume

Häuser, Straßenräume, Plätze

Innenräume

Zwischenräume

Natur – Kultur

Menschen

SPIELraum

ZEITräume

Unsichtbare Räume der PHANTASIE -

Atmosphäre, Stimmungen, Räume der Angst, der Geborgenheit, des Duftes,

KLANGräume

ZEICHENräume - Gruppen, Marken, Frisuren, Ansichten

RAUMWAHRNEHMUNG

Verbindung zwischen RAUM und Mensch schaffen die Sinne, die Beziehung zum Raum entsteht durch die Wahrnehmung (auch unbewusst). Raum eröffnet sich uns erst durch bewusste Wahrnehmung. Raum gibt dem Menschen die Möglichkeit sich selber wahrzunehmen. Wir könnten nicht leben ohne uns wahrzunehmen.

Ein Kind ist in seinem Wahr-nehmen ganz Auge, ganz Ohr, nimmt mit seiner ganzen Existenz wahr. Seine Wahrnehmungs wird durch RAUMbedingungen geschult. Die Entfaltung seiner Sinnesorgane und der damit zusammenhängenden Organsysteme hängt von deren Inanspruchnahme ab. Organgesetzmäßig gestalteter RAUM ist LebensRAUM und gibt Antworten auf die Bedürfnisse des ganzen Menschen.

In ihren Extremen sind RÄUME LebensRÄUME (LeR) oder Lernkäfige (LK).

LebensRÄUME (LeR)

sind lebensfördernd und bieten dem Menschen Platz und Möglichkeiten, die er für optimale Entwicklung seiner Potentiale und Lernen von Neuem braucht.

LEBENSRÄUMe geben Antworten auf die natürlichen Bedürfnisse der Kinder, haben hohe Trainingsqualität, d.h. sie bieten Anregung zur Betätigung aller Sinne, zum Erforschen und damit spielen. Hier ist die kindliche Phantasie gefordert zu erfinden und mit der greifbaren Realität in Beziehung zu setzen!

Eine SINN-volle Grenze kann das Kind schützen und ihm gleichzeitig Herausforderung sein, seine Talente, Fähigkeiten und Sensibilität weiter zu entfalten.

LERNKÄFIGe (LK) sind behindernd, entwicklungshemmend und manipulierend, erzeugen Stress und führen letztlich auch zu einer Dämpfung der Wahrnehmung! Kinder empfinden sie als bedrohlich und verschließen sich um sich zu schützen. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich nach innen oder sie reagieren aggressiv. Lernkäfige schränken die Möglichkeiten des Kindes ein, sich den, für sein Entwicklungsstadium passenden und für weitere Entfaltung nötigen, RAUM zu erobern und zu kreieren.

LERNKÄFIGe sind gebaute Machtstrukturen und zwingen Menschen, sich anzupassen. Besonders deutlich wird das Prinzip LK in den ständigen Versuchen der Erwachsenen, die große unbekannte kindliche (Lebens)kraft unter Kontrolle zu halten. Lernkäfige erzeugen Gehirnkäfige.

LEBEN = BEWEGUNG = LERNEN

BEWEGUNG ist Bedingung für jede Art der Wahrnehmung.

Entwicklung und Entfaltung brauchen immer die Bewegung, den tastenden Wechsel zwischen bekannt und unbekannt, im Denken und im TUN. Bewegungsfreiheit (bedeutet nicht grenzenlos) ermöglicht Entwicklung. Ein Kind will immer in Bewegung sein!

Wenn seine Sinne ausreichend genährt werden, in Form von natürlicher Betätigung, im Spiel mit den feinen Unterschieden, der Herausforderung, die Lust weckt, die Welt zu erforschen, dann gewinnt das Kind zunehmend an Sensibilität, nimmt immer besser wahr, was es wirklich braucht und findet auch Ausdrucksformen dafür (Zeichnen, Körpertheater, Sprache).

Die Lernspirale bewegt sich vom Bemerken, etwas Gewahr-werden, Wahr-nehmen über das Erforschen und Entdecken von Zusammenhängen, über das Unterscheiden Lernen von Qualitäten zur Betroffenheit, in der man begreift, dass man nicht außerhalb sondern mitten drinnen steht. Alles Lernen ist ein sich erinnern - wusste schon Platon – und der gesamte Lebensraum (alle Einflussfaktoren) ist Impulssetzer und Trainer.

DI Margit Schwarz (* 1955), aufgewachsen im Hügelland der Oststeiermark. Studium der Architektur an der TU Graz, Hugo Kükelhaus als Lehrer. Schwerpunkt Beziehung von Mensch und RAUM. Freischaffend tätig seit 1994 / Forschung, Seminare, Bauen, Möbeldesign, Kinder als Partner. Entwicklung des RAUMlabors®

KONTAKT:

RAUMlabor®

Grazerstraße 4, A-8650 Kindberg

T +43 (0)3865/2338, F +43 (0)3865/2338-4

office@raumlabor.at, www.raumlabot.at

Die Vortragsreihe "ARCHITEKTUR – KINDER(T)RÄUME. Wie kindgerecht ist, kann und möchte Architektur sein?" wurde vom Kinderbüro Steiermark in Kooperation mit dem Institut für Städtebau der TU Graz veranstaltet.

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