"Nachtleben in Graz" - Ute Angeringer
Kein Ausflug in die aktuelle Lokalszene, keine Geheimtipps nie schließender Gastgärten und keine kühlend, nachtschwärmerischen Kulturhighlights.
Während das, was wir herkömmlich unter Nachtleben verstehen, saisonal-, wetter-, mondphasen- und tagesverfassungsbedingt Schwankungen unterliegt und auch was die zeitliche Ausdehnung betrifft sehr individuell gestaltet werden kann, gibt es parallel dazu ein, den immer gleich strikten Regeln ohne Ausnahmen folgendes, von allen äußeren Faktoren und Befindlichkeiten unabhängiges, weitgehend unbemerktes Nachtleben. Es sei denn, im Falle der Ausnahme. Der nächtliche Müll frequentiert auch am Morgen noch den Weg zum Bäcker, oder was meist noch schlimmer ist: Die Zeitung zum Frühstück fehlt!
„Night Streetwork muss doch irgendwie interessant klingen für alle, die noch nie die andere Seite des sozialen Lebens kennen gelernt haben,“ schreibt ein Betroffener und ich bin mir nicht sicher, ob ihm die Bedeutung von Streetwork im Deutschen bewusst ist. Dass es in diesem Fall nicht um die Betreuung drogengefährdeter Jugendlicher geht, scheint nur auf den ersten Blick klar, denn diese Tätigkeit hat durchaus auch dieses Potenzial. Besonders zu später Stunde. Night Streetworker tragen Uniform, ihr Werkzeug sind Scheibtruhe und Schaufel. Sie beginnen pünktlich um 22:00 Uhr, arbeiten bis 5:30 Uhr mit einer halbstündigen Pause um zwei. Während der Arbeit dürfen sie sich nicht hinsetzen, Lokale und Bars zu betreten ist streng verboten. Sie arbeiten im Wochentakt entweder durchgehend zwei oder durchgehend vier Wochen von Montag bis Freitag. Die Tätigkeit unterliegt der strengen Kontrolle. In Abhängigkeit des Verhaltens der, dem anderen Nachtleben Zugehörigen, verändert sich ihr Arbeitsaufkommen.
„Während der Arbeit trifft man auf viele Menschen und wird mit ihren Gefühlen und Erfahrungen konfrontiert, man kann sehr viel über sie lernen und auch für sich selbst. Was ich entdeckt habe ist, dass Trunkenheit eine Art von Verhalten ist, von der viele Menschen sagen, dass es sie glücklich macht. Aber aus meiner Beobachtung bezweifle ich das. In jedem Falle geben diese Menschen in dieser Situation mitunter unglaublich viel von sich preis. Manche behaupten z.B., dass trinken besser sei als Frauen, manche werden aber auch aggressiv und manche wiederum ganz ruhig, andere wollen weitertrinken und dich unbedingt einladen, um ihre Gedanken mit dir zu teilen.
Das Unangenehmste ist, wenn Betrunkene auf die Straße kotzen. Es tut den Augen nicht gut und macht den Job schwierig.
Insgesamt ist es aber ein sehr interessanter Job, weil man sich täglich neuen Herausforderungen stellen muss. Vergessen wir nicht: Das Leben ist eine Herausforderung, der wir uns täglich stellen müssen, auch wenn die Wettervorhersage miserabel ist, muss man froh sein über seine Arbeit. Es ist die Übereinkunft einer jeden Gesellschaft, dass man arbeiten muss, um gut leben zu können.“
Es muss nicht ausdrücklich erwähnt werden, dass es für diese Arbeit keine Nachtarbeitssonderzulagen gibt, sie wird zum größten Teil von Menschen ausgeführt, die sonst wenig Möglichkeit der Arbeit haben. Sie wird von Menschen ausgeführt, von denen manche behaupten, sie seien es, die kulturell bedingt nicht so sehr auf die Umgebung achten und unsere schönen Städte schmutzig machen, weil sie es nicht anders kennen, denn in südlicheren Ländern sind die Städte schmutziger als bei uns. Mitunter frage ich mich: Was mag sich wohl jemand über unsere Kultur denken, der das Grazer Nachtleben täglich aus diesem Blickwinkel miterlebt?
Ein anderes Segment, dass außer der Kontrolle der korrekten Ausführung, zum größten Teil Ausländern obliegt, ist die morgendliche Zeitungszustellung: Sie ist gesellschaftlich anerkannt, weil wir alle gerne morgens pünktlich unsere Zeitung direkt vor der Haus- oder Wohnungstüre vorfinden.
Im Rahmen dieser Tätigkeit gibt es hierarchische Unterschiede, denn die Verteilung wöchentlich erscheinender Blätter, die jeder Haushalt erhält, ist weniger anspruchsvoll als die Sieben-Tage-in-der-Woche Hauszustellung aller gängigen Tageszeitungen für ein bestimmtes Gebiet unter Berücksichtigung aller Sonderwünsche der Abonnenten. Und dann gibt es auch noch gebietsweise Unterschiede, die eine unterschiedliche körperliche Konstitution erfordern. Sieben Tage in der Woche um zwei Uhr morgens aufzustehen ist ohnehin eine Herausforderung, der man gewachsen sein muss, verbunden mit mehr oder weniger „körperlichen Übungen“ des stundenlangen Stiegensteigens, unabhängig der eigenen Tagesverfassung.
Gibt es kurzfristige Änderungen oder Probleme mit der zeitgerechten Anlieferung zum jeweiligen „Depot“, heißt es warten, dann dafür umso schneller laufen, denn die Abonnenten wollen ihre Zeitung zeitgerecht.
Solche Änderungen kann es aufgrund tagesaktueller Ereignisse immer geben, z.B. wenn ein Fußballspiel mit Nachspielzeit und Elfmeterschießen länger als geplant dauert und wir am nächsten Morgen bereits die Analyse des ohnehin mitverfolgten Spieles zum Kaffee serviert haben wollen, die spektakulärsten Fotos eventueller Kopfstöße etc. inklusive und eventuell auch die bösen Worte des Angegriffenen, der einen anderen besonnenen Spieler dazu bringt, unfair zu handeln.
Das Arbeitsgerät des Zeitungsausträgers ist das Fahrrad mit den Körben hinten und vorne und ein umsichtiger Zeitungsausträger hat immer auch einige Plastiksäcke eingesteckt, damit er im Falle eines Regens die Zeitungen trocken an ihr Ziel bringen kann.
Schwarz auf weiß können wir es dann am nächsten Tag vor allem in Vorwahlzeiten lesen: Es gibt zu viele Ausländer in unserem Land, viele sind kriminell, die meisten werden es usw. Die seit Jahren gleichen Litaneien bestimmter Parteien zu bestimmten Zeiten. Eines aber ist gewiss: Würden die Zeitungskolporteure streiken, alle würden es sofort merken! Aber wozu sollten sie streiken, sie haben keine Interessensvertretung.
- Verfasser/in:
- Ute Angeringer
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