"Schweifendes Wohnen" - Alfons Dworsky
Betrachtungen zum Wohnen als eines der wichtigsten Dinge über den Aufenthalt des Menschen in Raum und Zeit.
Unter Wohnen möchte ich nicht im engeren Rahmen der technisch - ökonomisch - juridischen Definition von Wohnen, dem Verfügen über eine Miet- oder Eigentumswohnung, bleiben, sondern eher in einem heideggerschen Sinne über das ”Sich Aufhalten in der Welt” diskutieren. Dieses Wohnen ist untrennbar und wesentlich mit den menschlichen Selbstdefinitionen in Raum und Zeit verflochten, berührt Seins- und Sinnfragen, vermutlich seit den frühesten Tagen der Menschheitsgeschichte.
Dieses Wohnen muß auch ohne jede ”Hardware Architektur” funktionieren. Wie sich Menschen ohne Gebautes sozial in Raum und Zeit orientieren können, mag folgende Geschichte zeigen: Die Aborigines in Australien haben keine Siedlungen oder Behausungen. Sie leben fast nackt, fast ohne technische Infrastruktur schweifend in der Wüste. Aber was sie unbedingt brauchen, ist z.B. ein eingegrabener Stein, der mit einer symbolischen Ritzung sozusagen Gemeinschaftsordnung und -recht über ein bestimmtes Territorium stiftet, der regelmäßig ausgegraben, betrachtet und wieder zurückgelegt wird. Dieser Stein kann – aus unserem Blickwinkel gesehen – wie eine magische Landkarte, ein Grundbuch, ein kosmisches Manifest eigener, unwidersprochener Existenz verstanden werden.
Anthropologen in den 50er Jahren haben einen solchen Churingastein eines Clans ausgegraben und weggenommen, und dies hatte völlig unerwartete, tragische Folgen: Der Clan fand die Selbstreferenz in der Welt nicht mehr, begriff sich selbst nicht mehr als wohnend, existierend und daseinsberechtigt, sodaß es für die Leute galt, auch aufzuhören zu leben. Nach zwei Monaten waren alle tot, ohne Krankheiten oder Gewalteinwirkung.
Ich möchte den eingegrabenen Churingastein als geradezu idealtypisches Beispiel für das Depot nehmen und vorweg behaupten, daß ein Depot - in unterschiedlichsten Ausformungen - eines der drei elementaren Konstituenten von Wohnen ist.
Offensichtlich braucht der Mensch sowohl in der Gruppe als auch als Individuum solche Depots. Dort müssen identitätsstiftende Objekte sicher, respektiert und unangefochten aufgehoben sein. Modernere, komplexere Erscheinungsformen von Depot sind z.B. Nekropolen, Kultplätze, Thesauri, Museen, Urkundensammlungen, Bibliotheken im öffenlichen Sektor und die wichtigen persönlichen Dinge im Privaten und Grabbeigaben als das letzte individuelle Depot.
Ein weiteres elementares Konstituens von Wohnen ist der Initiationsplatz.
Jede soziale Organisation kennt Strukturen sozialer und funktioneller Gruppen, die das Einzelindividuum sowohl als Lebensabschnitte (vom Säuglings- bis zum Greisenalter) als auch als Aufgabengebiete (Lernen, Kochen, Pflanzen, Jagen, Heilen, u.s.w.) stufenweise durchläuft. Die individuell-biographischen Übertritte aus einem Status in den anderen werden in aller Regel öffentlich, an bestimmten, konsekrierten Initiationsplätzen nach zumeist dreiteiligen Übergangsritualen vollzogen. Die Typologie dieser Plätze ist von eminenter Bedeutung für das Wohnen.
Mit einer Skizze zur tribalen Raumkonstruktion möchte ich ein Basismodell vollständiger sozialer Raumkonstruktion illustrieren. (Abb.1) An einer ”heiligen” Stelle hat ein Clan seinen Churingastein eingegraben, womit das Schweifgebiet gesichert ist. Vielleicht reizt es zum Widerspruch, wenn ich gegen den zur Zeit inflationären Gebrauch der Begriffe ”Nomaden”, ”Neonomaden” im Globalisierungsdiskurs argumentiere und von Irreführung spreche. Traditionelle Nomaden, ob Pastoralnomaden oder andere, haben immer eine sehr genaue Aufenthaltsregion gehabt, eben das unscharf berandete Schweifgebiet. Sie sind nie irgendwo herumgegangen; es sind auch niemals Nomaden zufällig etwa im Wuppertal gelandet, weil sie sich verirrt hätten. Hier sind Verwechslungen mit den strukturell völlig andersartigen Läuterungs-, Glücks-, Erkundungs- und Kriegszügen strikt zu vermeiden.
Das Mosaik von nebeneinanderliegenden Schweifgebieten ist in der Regel nicht flächendeckend geschlossen. Wie durch flüssiges Plasma sind die Schweifgebiete etablierter Lokalgrupen von neutralen Zonen, von Durchzugsräumen umspült, voneinander getrennt und miteinander verbunden.
In den neutralen Zonen, den Durchzugsräumen, jenseits der Alltagswelt, liegen bevorzugt die besonderen Orte des Austausches, bedenkliche und verbotene Orte und die Initiationsplätze. Bedrohlich und attraktiv zugleich. Dort finden die Auseinandersetzungen rivalisierender Lokalgruppen statt, dorthin werden Unreine und Unangepaßte verbannt, dort wird aber auch unter Beachtung strikter Übergangsrituale Exogamie praktiziert.
Um legal dorthin gelangen zu können, sind gewisse Überschreitungsrituale, also ”rites de passage” wie Gennep das in seinem Buch beschrieben hat, notwendig.
Das ist genau das gleiche, wenn ein Augsburger Goldschmied auf Wanderschaft gegangen ist: Zuerst wurde ein Verabschiedungsritual durchgeführt, (verlassen der Heimat), dann eine Neutralisierung (die Wanderschaft in Durchzugsräumen) und zuletzt ein Angliederungsritual, z.B. eine zünftige Aufnahme bei einem Goldschmied in Hamburg (rituelle Aufnahme in einer korrelierten Lokalgruppe). Wir beobachten damit ein elementares räumliches Verhalten etwa im Lebenszyklus junger Männer.
Nicht nur die Walbiri auf Brautschau, der süddeutsche Handwerksgeselle auf der Walz, sondern fast alle Menschen verlassen aus bestimmten Gründen, zu bestimmten Zwecken suchend ihr heimatliches Schweifgebiet.
Mit der nächsten Skizze (Abb. 2) soll das theoretische Raummodell etwas konkretisiert werden: Der Grüne Clan hat in seinem Schweifgebiet zwar keine Wohnungen im technischen Sinn wohl aber ein Depot, wo die Toten, die nicht mehr Lebenden, möglicherweise auch die Noch-nicht-Lebenden verortet sind.
Es ist nicht erstaunlich, daß man von sehr alten Baukulturen fast nur Kultplätze ausgegraben hat und nur selten weiß, wie die Menschen faktisch gewohnt haben. Oft hatten sie nur ihr Schweifgebiet und regelmäßig aufgesuchte Kultplätze zur Wohnung.
Der grüne Clan hat sein Territorium gleichartig strukturiert, getrennt sind beide rivalisierende Gruppen durch die neutrale Zone, den Durchzugsraum.
Dort werden sowohl Kult als auch Exogamie praktiziert.
Denken Sie an die heutigen neutralen Zonen etwa zwischen zwei Dörfern: Irgendwo in der Gegend steht ein Discoschuppen und hat exakt die genannte Funktion.
Ein großräumigerer Blick zeigt die eminente Raumrelevanz des skizzierten Modells:
Im nacheiszeitlichen Mitteleuropa wurden die sonnseitigen, eisfreien Ränder der Urstromtäler gangbar und von paläolithischen Rentierjägerstämmen bewohnt, die halbnomadisch, den Herden ständig nachziehend, ihre Schweifräume nutzten und sie gegen gleichartige Rivalen und andersartige Fremde schützten. Depots an besonderen Orten dienten als Begräbnisplätze, Winterlager und Kultstätten. Das saisonale Wiederauffinden unbeschädigter Depots dürfte von besonderer und schicksalhafter Bedeutung für den Clan gewesen sein.
Punkte dieser Qualitäten in der Landschaft lassen auch heutige Menschen nicht unberührt: Zumindest eine Aussichtsbank, oft auch eine Kapelle, manchmal auch eine Kirche finden sich auf genau den Plätzen, von denen aus die Eiszeitjäger die Herdenzüge beobachtet und verfolgt hatten. Die Formschule des südchinesisch-daoistischen Feng-Shui wäre zu den gleichen Ergebnissen gelangt.
Ein kleiner Exkurs zum Raumsystem von beweglichen Pastoralnomaden (Abb. 3), echten Nomaden, jurtenbewohnenden Völkern. Sie organisieren ihr Territorium auf eine doppelte Art und Weise: einmal ist das Schweifgebiet, also Sommerweiden, Winterweiden in saisonal ziemlich genau festgelegten Zügen mit marschfähigen Tieren durch eine neutrale Zonen gegen andere rivalisierende Gruppen abgepuffert. Mit der Aufstellung einer Jurtengruppe ist das gesamte, bis zum Horizont sichtbare Umfeld ”organisiert” in rechts- und verhaltensrelevante, konzentrische Zonen. Man muß das semantische System kennen und lesen, um sich konfliktfrei bewegen zu können und gegebenenfalls in den Genuß des Gastrechtes zu kommen.
Um die Jurte herum gibt es einen ersten Kreis, der entspricht etwa so dem, wo die Hunde herumlaufen, dann folgt ein zweiter Kreis, in dem das Weidevieh ist und ein dritter Kreis, der vom Sichtbereich gebildet ist. Jeder Übertritt eines anderen bzw. Fremden aus einem ferneren in einen näheren Kreis erfordert Überschreitungszeremonien. D.h. ganz außen, wenn jemand vorbeireitet, nicht schaut und seine Geschwindigkeit nicht verringert, dann wissen die da drinnen: ”Geht mich nichts an, kümmere ich mich nicht darum” und schauen zu. Kommt jemand auf das Zelt zu, dann gibt es die Anrufdistanz, die im mongolischen Grasland relativ weit ist. Darauf muß man irgendwie sagen, wer man ist und was man will, muß vor allem vom Pferd absteigen, d.h. man muß sich in eine situationelle Wehrlosigkeit begeben und dann erst beginnen nach den zeltinternen Angliederungsritualen die Gastrechtsregeln zu wirken.
In der Jurte gibt es eine ganz präzise Achse vom Eingang über den Feuerplatz zum Ehrenplatz. Da sitzt linkerhand die hochrangigste Frau und die nächste, die mit dem Weben zu tun hat. Sie sitzen auf dem Teppich und dann folgt der Knüpfplatz. Die niederrangigen Frauen sitzen auf Filzmatten und dann kommen die Kinder und zuletzt beim Eingang die Hunde. Auf der rechten Männerseite beginnt die Sitzordnung analog: der Chef, der hat das Gewehr mit dem Zielfernrohr, der schießt aber nicht, weil der nicht jagt, dann die Jäger, sie haben schlechtere Waffen. Anschließend die Hirten, die Buben und zuletzt wieder Hunde. Wenn ein Gast hereinkommt, muß er/sie genau klassifiziert werden und dann kann ein Platz zugewiesen werden. Die Jurte hat also eine Achse zunehmender sozialer Exklusivität sozusagen von niederrangig zu hochrangig und eine Links- Rechtsdifferenzierung, männlich, weiblich.
Verglichen mit einem Basilikagrundriß oder einer Kirche: da findet man auch eine Achse zunehmender sozialer Exklusivität bis in den geschützten Raum, wo der Priester ist, und sortiert in männlich und weiblich. Wenn Sie in eine Familienstube hineingehen z.B. in ein oststeirisches Rauchstubenhaus, dann schauen Sie sich die Sitzordnung der Leute am Tisch an, dann werden Sie das gleiche Prinzip dort wieder vorfinden, also d.h. auch innerhalb eines Raumes gibt es so etwas wie eine soziale Raumkonstruktion, die eigentlich auch ohne Architektur funktioniert.
Unsere heutigen, komplexeren Raumnutzungen sind fast immer als komplementäre, aufeinanderbezogene Schichten von verorteten, beweglichen und freiflutenden Raumordnungen zu sehen.
Bereits in der Tripolje-Kultur, 6. - 5. Jh. v. Ch. ist die genannte Differenzierung festzustellen(Abb. 4): Die seßhafte, binnenstädtische Gartenbauwirtschaft betreibende Siedlung besteht aus Kleingehöften in Lehmbauweise. Größere Hofanlagen mit innerer Stützenreihe weisen auf ausgeprägte soziale Differenzierung hin. Die ”Stadt” ist großteils mauerumschlossen. Auf einer Seite, durch Geländeformen geschützt, ist eine Sondersituation: Dort sind kleine Speicher und auch die Totenhäuser eingegraben, die ”heilige” Depotzone mit Anschluß an die ”Unterwelt”. Funktional hochrangig, waren Speicher und Gräber innen bemalt mit apotropäischen Mustern usw. Vorläufer sakraler Baukunst. Wir können uns eine fast autarke, kleine Gartenstadt vorstellen, ein Stück weg vom Fluß angelegt. Der Fluß ist ein internationaler Handelsweg, es führt die Salzstraße vorbei. Überregionale Handelswege - Durchzugsräume - gehen nie durch den Ort direkt durch. Es könnte sich auch Gesindel herumtreiben, das wollte man ja vorderhand unter Beobachtung und Kontrolle draußen haben. Im spannenden Austauschbereich zwischen den niedergelassenen Wohnplätzen der Gartenstädter und dem fahrenden Volk spielen sich Handel, Kontakte, Innovation und Exogamie unter strikter Beachtung der Übergangsrituale ab.
Am Verhältnis zu diesen Durchzugsräumen entscheidet sich, ob die Siedlung in selbstgenügsamer Beschränkung verharrt oder weltoffen, innovative Risken und Chancen wahrnimmt.
Diese Alternative zwischen lokaler Beschränkung und offener Entwicklung mit der Dorf-Stadt-Typologie gleichzusetzen wäre vorschnell und unrichtig.
Erst die nationalromantischen, später auch nationalistischen Fundamentalisten des 19. Jh. behaupteten, daß die Bauern der Inbegriff der Niedergelassenheit seien, daß erst mit der bäuerlichen Kultur eine ”anständige” Seßhaftigkeit in die Welt gekommen sei.
Vermutlich ist die bäuerliche Kulturlandschaft erst seit dem Hochmittelalter von fest verorteten Dörfern im heutigen Sinn gekennzeichnet.
Genauere archäologische Untersuchungen in Jütland (Vorbrasse) und in neuester Zeit in Schwaben lassen ein geradezu fremd anmutendes Raummodell hervortreten: Das ”Dorf” ist im wesentlichen nur die Gemarkung, das bewirtschaftbare Land. Die baulichen Anlagen sind eher als mittelfristige Provisorien vorzustellen, die immer wieder, etwa im Generationentakt verlegt werden. Individualeigentum war unbekannt. Lediglich Kult- und Bestattungsplätze bleiben über längere Zeit am gleichen Ort. Damit tritt uns sogar in der mitteleuropäischen Geschichte der Kulturlandschaft so etwas wie ein Halbnomadismus, eine innerhalb eines Schweifgebietes oszillierende und nur auf ein ortsfestes, kultisches Depot bezogene Raumkonzeption entgegen. Alpwirtschaft, Staffelwirtschaft und die mediterrane Transhumance sind rezente Formen bäuerlicher schweifender Lebensformen.
Das Schweifen scheint den Menschen doch nicht ”im Blut” zu liegen. Werden die Überlebenschancen am Ort problematisch, muß die Seßhaftigkeit aufgegeben werden. Dann werden Bauern wieder halbnomadisch, ein Vorgang, den wir als oszillierende Kulturform in vielen Fällen kennen.
Wenn Sie so wollen, die neue globale Mobilität kommt ja auch nicht voraussetzungslos daher, es ist nicht so, daß die Leute plötzlich reiselustig werden, sondern weil sie einfach ihren Unterhalt auf Dauer am gleichen Ort nicht mehr aufbringen können. Das fängt mit den Marktfahrern an, die nur einmal in der Woche in einem Ort sind und dort Scheren und Pflugscharen verkaufen, weil ein Dauergeschäft dort nicht existieren kann. Wenn der lokale Bedarf so groß ist, daß die ganze Woche Scheren und Pflugscharen verkauft werden können, wird der Marktfahrer zum ortsfesten Eisenhändler. Wenn das Geschäft wieder dünner wird, muß der Eisenhändler das Geschäft aufgeben und wieder nur noch mit dem Wagen einmal in der Woche kommen. Denken Sie an Dörfer, die keinen Laden mehr haben, wo einmal in der Woche die schweifenden Händler mit Gemüse und Fleisch kommen.
Wenn dann jedoch ein Biobauer einen Hofladen eröffnet und reüssiert, wird das Schweifen von Seßhaftigkeit abgelöst. Derartige Oszillationen sind offensichtlich zeitlose Systemeigenschaften räumlicher Organisationen.
Die Römer haben mit Talent für Bürokratie und Verwaltung einen neuen Aspekt zum europäischen Raummodell beigesteuert (Abb.5): die römische Reichsstraße. Eine privilegierte Straße - nur für privilegierte, ausgewiesene Benutzer. Es gab Mansiones, also Raststätten, vergleichbar mit heutigen Autobahnen und parallel dazu, denken Sie an autobahnbegleitende Wirtschaftswege, war die lokale Erschließung, und da war vielleicht ein mittelalterliches kleines Dorf des 5. oder 6. Jhs., das vielleicht zwei feste Häuser auf einem Platz hatte. Die Bauern haben sich in unscharf berandeten Gebieten, der Gemarkung bzw. dem Schweifgebiet etabliert und ihre Häuser plaziert, Fluren genutzt und waren eigentlich auf das Zentrum dieser beiden festen Häuser fokussiert, dem Depot. Die begleitenden Durchzugsräume sind von polar entgegengesetztem Reglement: Die (römische, kaiserliche...) Reichsstraße als Bereich intensivster Kontrolle und abseits davon die mehr oder weniger geheimen, alten Schweifbahnen der Venediger, Zigeuner, Schäfer, Jäger usw.
Im Wald, der sozusagen frei war, da hat sich das bedenkliche Volk herumgetrieben, im rechtsfreien Raum, da haben sich die Abdecker, die Schäfer immer in den Schweifsäumen abseits der Öffentlichkeit, Vagabunden, Wanderhändler, fahrendes Volk bewegt. Sie sehen, Sie haben da eine Dreiteilung des Siedlungsraumes in einem hochritualisierten, mit sehr starken Privilegien ausgestatteten, internationalen Verbindungsweg mit einem lokalen Netz, wo die Lokalgruppe ihre Binnenidentität findet und praktiziert und nebenher einen Schweifsaum mit bedenklichen, beweglichen Leuten.
Das führt dann weiter zu einer feudalen europäischen Raumkonstruktion (Abb. 6), wo man einen Grundtypus identifizieren kann: Es gibt einen Königshof, eine Stadt als Zentrum, eine Königsstraße oder wie man in spanischsprechenden Ländern heute noch sagt: caminos reales, und da sind die königlichen öffentlichen Wege zu Verwaltungszentren, in diesem fiktiven Beispiel als Grafensitz bezeichnet. Und rundherum die einzelnen Bauerngüter, die gemeinsam eine Lokalgruppe bilden. Am Rande zieht wieder das fahrende Volk.
Daß Abgrenzungen zwischen Lokalgruppen und fahrendem Volk unter Umständen prekär werden können, kennt man vom Beispiel des Sixtinischen Roms. In den Bildern unseres Raummodells könnte man sagen: Inseln von Depot-Charakter waren die Klöster, Ziele der Pilger, dazwischen, in den Durchgangsräumen gab es einen unkontrollierbaren, verwirbelten Strom von Pilgern, die zum Teil erwünscht, manche jedoch höchst unerwünscht waren. Papst Sixtus war der Meinung, daß das Konzept freiflutender Pilgerscharen um die Klostermauern, unkontrollierte Durchzugsräume, nicht dauerhaft funktionieren wird. Mit dem stadtstrategischen Setzen von Obelisken wurden kontrollierte Durchzugsräume geschaffen, eine Kommunikationsstruktur innerhalb derer die rivalisierenden Lokalgruppen eins, zwei, drei und vier mit ihren Depots, das sind die Klosterschätze und Reliquien, befriedet existieren können.
Der städtebauliche Plan von Hoffmann-Axthelm für Berlin, das sogenannte ”Planwerk” verfolgt heute noch das Konzept der sixtinischen Raumplanung: Disziplinierung. Wenn ich das jetzt ganz schnoddrig sagen darf, die alten Lokalgruppen (Ossis) in ihren Plattenbauten mit Himbeerbeeten und Wäschespinnen in der Mitte werden isoliert, abgeschottet und neue hochkontrollierte Durchzugsräume sollen neuen Lokalgruppen (Wessis) als Kristallisationsachsen dienen.
Ähnliches zeigt auch der pombalinische Wiederaufbau von Lissabon Ende des 18. Jhs. (Abb. 7): 1755 hat ein großes Erdbeben das Zentrum von Lissabon völlig zerstört. Der Aufbauplan im Geiste des aufgeklärten Rationalismus bestand im wesentlichen aus dem Rasterviertel der Baixa, dem seeseitigen Praca do Commercio, flankiert von Börse und Stadtverwaltung, Depot.
Deutlich ist das Konzept isolierter Lokalgruppen: Barrio Alto plus Chiado und Alfama als Schweifgebiete von eingesessenen Traditionsgruppen, ergänzt durch den hochkontrollierten, auf eine neue kommerzielle Elite abgestellten Durchzugsraum, der Achse Rossio - Baixa.
Der zum Tejo, zum Hafen hin geöffnete Platz jedoch repräsentiert jenen Typus von vermindert kontrollierbarem Durchzugsraum, wie er in Hafenvierteln von Küstenrandstädten, aber auch in binnenländischen Bahnhofsvierteln existiert.
Dann darf ich Ihnen eine sehr abstrahierte Skizze vorlegen (Abb. 8): Das ist eine Idealstadt, die es nicht gibt. Die hätte einen Bahnhof, eine moderne Wohn- und Geschäftsstadt mit historischem Kern, einen politischen Platz, der zwischen Kirche und Rathaus liegt, einen alten Markt und renovierte Patrizierquartiere in der Altstadt. Das sind die Reviere der alteingesessenen Lokalgruppen, die an der neuen Mobilität nicht teilnehmen werden. Sklerotisiertes Depot in Form des Stadtmuseums.
Ein altes Gewerbegebiet mit historischen Mühlen drinnen, ein neueres Fabrikareal, das der Deindustrialisierung zum Opfer fällt, sind die Bereiche hoher Veränderungsdynamik. Fremde siedeln sich an, der Charakter des Durchzugsraumes kulminiert am Bahnhof, sozusagen genau an dem Diaphragma zwischen Bewegungsraum, Bahn und den Lokalgruppen. Dort werden sich die Unterstandslosen, Junkies, Drogenleute, sozusagen die Unterschichtschweifenden niederlassen und ein Ärgernis bilden. Da wird es einen Verdrängungskampf geben, wenn die Unbehausten in die Fußgängerzonen hineinwollen, höchstens wird irgendwann eine Sozialarbeitsstelle eingerichtet und damit hält man sie im Bahnhof ein wenig unter Kontrolle. Etwa wie in Wien, am Karlsplatz, der auch ein urbanes Einstiegstor ist.
Der zweite Platz ähnlicher Problematik ist die Alte Lände, d.h. ein schwer kontrollierbarer Schweifsaum am Wasser entlang.
Die allgemeinste Formel ist (Abb. 9), daß ein Stadtgebilde aus einzelnen Quartieren besteht, die starke Gruppenidentität haben, die sich als ”Wir” begreifen und in einem fast egalitären Rivalitätsverhältnis zu den anderen (Gruppen) stehen. Sie teilen sich ihre Depots und Initiationsplätze.
Abgegrenzt davon ist der Verbindungs- und Durchzugsraum durch hochriualisierterte Grenzen. Ambivalenz ist ein Charakteristikum des Durchzugsraumes: Kommunikation und Innovation, aber auch die Gefahren und Risiken des Unbekannten und Fremden.
Wenn Sie an einer Vision mitspekulieren (Abb. 10): Legen wir eine neue Kommunikationsschicht über die bestehenden Städte. In Form von Bereichen wie Bahnhof, Autobahndreieck, Flugplatz, also Bereichen, in denen die historischen Durchzugsräume in neuen Formen wiedererstehen, wo eine nicht kontrollierbare Menge von nicht kontrollierbaren Schweifenden sich bewegt und an Plätzen eigenartiger urbaner Entwicklung Depots in neuartigen Formaten anlegt. Daß aber in den niedergelassenen Lokalgruppen eine sich versteifende, immer bockiger werdende Binnenmentalität, Abschlußmentalität entsteht.
Daß dazwischen die neuen Schweifgebiete entstehen, von denen man noch nicht weiß, was sich dort abspielt.
Verstehen Sie dies als ein Plädoyer dafür, daß man im Bereich des Städtebaus noch nicht etablierte Durchzugsräume in ihrer innovativen Funktion samt ihren ambivalenten Aspekten der Bedrohung und der Innovation als solche zuläßt, urbane Experimentierfelder als Kristallisationspunkte und Ausgangspunkte neuer Entwicklungen betrachtet und sich mit dieser neuen Beweglichkeit identifiziert und
daß man Entfaltungsräume für neue Mobilitäten freihält.
Erst die Komplementarität von niedergelassenem und schweifendem Wohnen ergibt ein komplettes Raum- und Wohnmodell.Alfons Dworsky, Univ. Prof. Dipl. Ing. Dr., ist Architekturtheoretiker und Professor an der Technischen Universität Hannover.
Wissenschaftliche Arbeitsgebiete:
Geschichte und Theorie der einfachen bzw. regionalen Architektur, kulturwissenschaftliche Randgebiete
Vorliegender Text ist die bearbeitete Wiedergabe eines mündlichen Vortrages, gehalten im Rahmen des 1. Grazer Wohnbaukongresses im Jahr 1999 mit dem Titel "wohnbau ...haltbar bis" an der TU Graz, veranstaltet vom Institut für Städtebau und Umweltgestaltung, Fakultät für Architektur.
Alle 17 Kongressbeiträge sind in Buchform erscheinen:
wohnbau ...haltbar bis. Band 1
Beiträge zum 1. Grazer Wohnbaukongress
22.-24 . April 1999
housing ...best before. volume 1
Contributions to the 1st Graz Housing Congress 22nd - 24th April 1999
Hg: Ute Angeringer, Jörg Kindermann, Hansjörg Tschom, Wolfgang Winter
Verlag der TU Graz ISBN 3-901351-44-2
Der Beitrag folgt konsequent der alten Rechtschreibung, die zum Zeitpunkt seiner Erstveröffentlichung noch erlaubt war.
- Verfasser/in:
- ausgewählt von Ute Angeringer
Weiterführende Links










