"Städte in Europa" - Vortrag von Prof. Manfred Prisching im Rahmen der Vollversammlung der "Europapreisträgerstädte" von 4. bis 6. Mai 2006 in Graz.
Es gibt widersprüchliche Meldungen. Die Stadt ist tot, sagen die einen. Die Stadt erlebt eine Renaissance, sagen die anderen. Die Dritten wieder verkünden: Die alte Stadt ist wirklich dahingeschwunden, aber es gibt anstelle der Städte globale Räume, Ströme und Netzwerke, als Wirkungen der Globalisierung oder der Europäisierung. (Castells 2001)
Wir sind hier in Graz. Irgendein Gebilde mit diesem Namen gibt es inmitten der Steiermark, am Ufer der Mur, im Schatten des Schlossbergs; ob wir es nun als „Stadt“ bezeichnen wollen oder nicht. Und die Vertreter anderer derartiger Gebilde quer durch Europa haben sich hier versammelt. Also halten wir vorläufig die Vermutung aufrecht, zumindest als Arbeitshypothese, dass es „Städte“ noch gibt.
Dennoch kann kein Zweifel bestehen, dass es in diesem Europa eine Vielfalt von „Stadt-Schicksalen“ gibt, eine Vielfalt von Glücksfällen und Missgeschicken. Diese Vielfalt wird noch größer, wenn wir in die Zukunft blicken – weil diese Zukunft auch von der europäischen Politik in vielen Dimensionen abhängt. Ich werde für die Zukunft fünf wenig erfreuliche Bilder der Stadt und ein sechstes, attraktiveres Bild der Stadt skizzieren.
1 Stadtbilder
1.1 Die geplatzte Stadt
Städte sind aus ihren Grenzen ausgebrochen. Lewis Mumford (1979) hat gesagt: Der urbane Container ist geplatzt. Die Stadt ist nicht nur über ihre Mauern und ihr Glacis hinausgewachsen, die Menschen haben die Attraktivität des Unvereinbaren gesucht, Vogelgezwitscher auf der grünen Wiese und die Urbanität eines Zentralraums. Denn die multioptionale Gesellschaft (Gross 1994) glaubt, dass nichts unmöglich ist.
Somit wuchern die Städte im 21. Jahrhundert erst recht in die vormals ländlichen Gebiete hinaus: nicht nur entlang der Ausfallstraßen, sondern mit neuen Knotenpunkten und Subzentren. Große Zubringer leiten den Verkehr hinaus und hinein. Die Vororte dehnen sich dazwischen ungeordnet aus, ein Wirrwarr von Siedlungen, Produktionsstätten, Handelszentren. Strukturen lösen sich auf. (Sieverts 1998) Wenn die Stadt „platzt“, wird beides unwirklich: die Stadt und das Land.
Für die Kernstadt heißt Sub-Urbanisierung auch Des-Urbanisierung, und das heißt: Bedeutungsverlust der Kernstädte; Abnahme der Bevölkerung, Entvölkerung, schrumpfende Städte, Verödung, Niedergang, Slumgebiet, deviante Territorien. (Glaeser/Shapiro 2003) Kein schönes Bild.
1.2 Die erstickte Stadt
Eine Zeitlang hat man wilde Verkehrsschneisen in eine dafür ungeeignete Architekturlandschaft geschlagen, aber diese Ära ist vorbei, mancherorts gibt es gar einen Rückbau. Aber Agglomerationen versammeln viele Menschen, viele Menschen mit einem umweltfeindlichen Lebensstil, und diese sind bequem, mobil und unbesonnen – und deshalb ökologisch destruktiv. Man ist bis zum letzten Tropfen Benzin auf dem Gaspedal gestanden, beinahe bis in die Mitte des 21. Jahrhunderts, allerdings zuletzt zu exorbitanten Preisen, in einem breiten Verarmungsprozess, weil es doch nicht zeitgerecht funktioniert hat mit der Wasserstofftechnologie. Vorausschauende europäische Energiepolitik und Verkehrspolitik?
Städte sind Knotenpunkte für Umweltprobleme aller Art: Emissionen, Ozon, Feinstaub, Lärm. Städte sind dort, wo die Schleier über den Tälern liegen, wo man nur noch durch Dunst etwas sehen kann, wo man die (sogenannte) „frische Luft“ vermeiden muss. Städte könnten dort liegen, wo man kein sauberes Trinkwasser mehr hat; dort, wo sich die Allergien am intensivsten verbreiten; wo die Menschen fliehen. Das Selbstvernichtungsstreben der Menschen drückt sich – wie alles – in den Städten am deutlichsten aus, und dieses Streben kann sich austoben, wenn man nicht Einhalt gebietet.
1.3 Die Stadtimitation
Man hat dem Zerfall der Stadt, der Abwanderung aus den Stadtzentren, zu begegnen versucht; denn nicht nur die Wohnstätten haben sich vor die Städte hinaus verlagert, sondern auch die großen Einkaufszentren. Man imitiert deshalb im Stadtzentrum, in den Fußgängerzonen, die Malls: mit ihrer Sicherheit, Modernität, Vielfalt, den Parkplätzen, den Events. Die Innenstädte haben keine „öffentlichen“ Plätze mehr, sondern Plazas, die von Shops gesäumt werden. Es gibt keine flanierenden Passanten mehr, sondern nur noch neugierige Konsumenten. Es gibt viel Event-Marketing. Die Malls haben die Städte imitiert, die Innenstädte haben wieder die Malls imitiert. Man imitiert sich jetzt selbst, man spielt eine künstliche Stadt. Verkaufsraum statt Lebensraum. Die Stadt ist aber nur Akteur einer europäischen Wachstumspolitik, die nicht mehr sein mag als Konsumpolitik.
Erfolgreiche Innenstädte können attraktive Einkaufszentren werden, viel besser als die amerikanischen Slums. Sie sind zudem museale Attrappen im Dienste des Umsatzes, Erinnerungen an eine untergegangene Zivilisation. Denn die Stadtzentren sind in dieser Entwicklung einander auch immer ähnlicher geworden: eine neue Fadesse der Großstadt, in deren Fußgängerzonen man die immergleichen Pizza-Lokale und Boutiquen findet: „kosmopolitische Provinzialität“. Aber die Konzentration auf eine bunte, vielfältige Einkaufslandschaft ist vereinbar mit dem, was eine luxuriöse postmoderne Gesellschaft für das wichtigste hält: Geld und Spaß. (Prisching 2006) Die Stadt besteht, indem sie sich auf diese beiden Elemente – und nichts sonst – verpflichtet und reduziert. Geschrumpfte, verzerrte Urbanität.
1.4 Die fragmentierte Stadt
Wir leben im Zeitalter der Völkerwanderung: Die alte, harmlose Landflucht ist abgelöst worden von der Massen-Immigration armer oder unterdrückter Menschen. Sie bilden ihre Enklaven, ihre eigenen Lebensräume. Oft in der Nähe der Bahnhöfe, zwischen den Autobahnen, entlang der lärmenden Durchzugsstraßen, in alten Industrievierteln, in ausgeleerten Bezirken der Innenstadt. Es sind arabische, türkische, afrikanische Bezirke. Sie entwickeln ihr eigenes Leben, ihre Autonomie. Sie grenzen sich gegeneinander ab, und sie bekräftigen die Grenzziehung zuweilen mit Kämpfen und Schandtaten. Der „clash of civilizations“ findet mitten in den großen Städten Europas statt, zwischen allen beteiligten Kulturkreisen. Es gibt keine Stadt mehr, sondern eine Versammlung feindlicher Camps.
In der Stadt zeigt sich europäische Migrationspolitik, Fremdenpolitik, Integrationspolitik. Die gewollte Segmentierung und ungewollte Exklusion der Fremden hat die Bildung von Subwelten ermöglicht, die von den Werten der Mehrheitsgesellschaft wegdriften. Das ursprünglich gut gemeinte Wort von der „Multikulturalität“ der Städte ist im Laufe des 21. Jahrhunderts zu einem Begriff für soziales Versagen geworden.
1.5 Die implodierte Stadt
In einer europäisierten, globalisierten Welt – im internationalen Konkurrenzprozess nach angelsächsischem Muster – hat die Zahl der Armen zugenommen, die Zahl der working poor, die Zahl der illegalen Fremden. Ein jahrzehntelanger Prozess der Einkommens- und Vermögenspolarisierung findet seinen Niederschlag. Die armen Bezirke finden sich teils in den Innenstädten, teils in den Vorstädten. Die Obdachlosen drücken sich an den Rändern der Wohlstandsinseln herum.
Die Mehrheitsgesellschaft hat ihre Privatstädte gebaut, gated communities, überwacht und kontrolliert, bequem und sicher. Firmen haben solche Siedlungen für ihre Angestellten errichtet. Es gibt solche communities für verschiedene Einkommensklassen. Außer dem Begriff der communities haben sie allerdings nichts mit „Gemeinschaft“ zu tun.
Die Misere der Städte ist vielfältig: mehr Aufgaben, unzureichende Ressourcen, schwierige Steuerbasis. Wie geht die europäische Gemeindepolitik damit um? Die Folgen der Misere bedürfen jedenfalls der Kontrolle: Überwachung der Grenzen zwischen den „besseren“ Bezirken und den desolaten Vierteln. Auch für die Sicherheit gegen terroristische Gefahren hat man sorgen müssen: durch intensive Video-Überwachung in Verbindung mit automatischer Personenerkennung und leistungsfähigen Datenbanken an vielen Kontrollstellen. Die Stadt als überwachtes Panoptikum: Sie ist zum Hochsicherheitstrakt geworden, und doch verhindert das keineswegs steigende Devianz und Ausbrüche von Gewalt. Die Stadt als ein Territorium des permanenten Bürgerkriegszustandes.
1.6 Die blühende Wissensstadt
Jetzt kommt das angenehmere Modell: Städte im herkömmlichen Sinn gibt es nicht mehr, sie sind zu „urbanen Konfigurationen“ geworden: kaum noch wahrnehmbare Zentren, kaum noch die Unterscheidung von Zentrum und Peripherie, Kern und Hinterland. (Fishman 1987, 1991) Suburbanisierung hat sich fortgesetzt, aber nicht bloß als Entleerung der Innenstadt, sondern begleitet von ihrem Umbau.
Es gibt urbane Landschaften, verbunden durch Highways, welche die Regionen zu einer riesigen Megalopolis werden lassen, nicht nur in den Mega-Städten der Dritten Welt, auch in Europa. Nicht Entfernung ist entscheidend, sondern Zugänglichkeit. Im ausgedehnten suburbanen Raum überlagern sich unterschiedliche Netzwerke: des Wohnens, der Produktion, des Konsums. Jeder kann sich seine eigenen Räume strukturieren. Jeder bastelt sich seine eigene „Stadt“. Die herkömmliche Stadt verschwindet, die neue Struktur ist nicht nur dezentral, sondern zentrenlos. (Krämer-Badoni 2004) Ein kleiner musealer Kern ist geblieben; in den ausgelagerten Regionen und suburbanen Zentren finden sich die Normalbetriebe, auch die „Normalsiedlungen“.
Aber die eigentlichen Zentren, die Kernräume, haben ihren Schrumpfungs- und Verfallsprozess stoppen können: Man spricht von der „urbanen Wende“, vom „urban turnaround“ (Simmons/Lang 2003). Städte mit hohem Humankapital stehen sich besser, in ihnen steigt die Wohnbevölkerung (weil neue, attraktive Wohnmodelle und ein ansprechendes Umfeld angeboten werden), und ebenso steigt die Beschäftigung (in den „neuen“ Branchen: Finanzdienstleistungen und andere Services, Beratung, Medien, Tourismus, Bildung). Ein gemischtes, lebendes Gebilde.
Das urbane Zukunftsmodell ist eng mit der Herausbildung einer wissensbasierten Dienstleistungsökonomie verbunden: mit jenen Formen einer Wissens- und Kulturproduktion, die mit kontextabhängigem Wissen zu tun haben, bei denen face-to-face-Kontakte und räumliche Nähe wichtig sind, bei denen Arbeits- und Lebenswelt (Gottschall/Voß 2003) ineinander aufgehen. Die Unternehmen und ihre Mitarbeiter schätzen innerstädtische Räume – und erzeugen ein entsprechendes Umfeld an Dienstleistungen. Leistungsfähige öffentliche Infrastrukturen; eine konsequente ökologische Politik, die erst an der Erstickungsschwelle der Städte durchführbar geworden ist; eine Wiederbesinnung auf kulturelle Stärken, nicht nur auf Event; selbst eine neue Attraktivität für Multikulturalität hat sich entwickelt. Urbane Kernräume haben dadurch einen neuen Charakter gewonnen, sie streben aus dem Verfall wieder zu Qualität und Attraktivität. (Läpple 2005) Und nicht zu vergessen: Sie sind die Orte, an denen ein „europäischer Traum“, ein „European Dream“, an Kraft gewinnt: jenen Traum, der noch schwach ist und den wir so nötig haben.
2 Schlussbemerkung
Das sind sechs kurze Bilder. Ich gebe zu, dass die Situation asymmetrisch ist: fünfmal negativ, einmal positiv. Aber die Gefahren sind uns allen viel bewusster.
Die Skizzen werden der Vielfalt der Städte natürlich nicht gerecht, und die Bilder schließen einander nicht vollständig aus. Es gibt Mischungen, und keiner weiß, wie sie aussehen werden, natürlich auch und nicht zuletzt: je nach der Begabung der Stadtregierungen.
Das führt zur letzten Bemerkung: Wir haben es natürlich nicht vollständig in der Hand, wie die Zukunft der (europäischen) Städte aussieht. Aber György Konrad hat einmal gesagt: Wenn die Stadt langweilig wird, werden auch die Menschen langweilig und gelangweilt. Und jede Stadtpolitik würde sich selbst aufgeben, wenn sie nicht darüber nachdenken würde, wie man die unerwünschten Zukunftsbilder vermeiden und den erwünschten Zukunftsbildern näherkommen kann. Viel Glück beim Nachdenken.
3 Literatur
Castells, Manuel (2001): Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft, 1: Das Informationszeitalter, Opladen: Leske+Budrich.
Fishman, Robert (1987): Bourgois Utopias. The Rise and Fall of Suburbia, New York: Basic Books.
Fishman, Robert (1991): Die befreite Megalopolis: Amerikas neue Stadt, in: ARCH+, Heft 109/110, 73-83.
Gross, Peter (1994): Die Multioptionsgesellschaft, Frankfurt: Suhrkamp.
Glaeser, Edward L./Shapiro, Jesse M. (2003): Urban growth in the 1990’s: Is city living back?, in: Jour- nal of Regional Science 43, 1, 139-165.
Gottschall, Karin/Voß, G. Günter (Hrsg.) (2003): Entgrenzung von Arbeit und Leben. Zum Wandel der Beziehung von Erwerbstätigkeit und Privatsphäre, München/Mering: Rainer Hampp Verlag.
Häußermann, Hartmut/Siebel, Walter (1995): Dienstleistungsgesellschaften, Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Krämer-Badoni, Thomas (2004): Die europäische Stadt und die alteuropäische Soziologie. Kommunaler Sozialstaat oder civil society?, in: Walter Siebel (Hrsg.): Die europäische Stadt. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 433-444.
Läpple, Dieter (2005): Phönix aus der Asche: Die Neuerfindung der Stadt, in: Berking, Helmuth/Löw, Martina (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Städte, Baden-Baden: Nomos, 397-413.
Mumford, Lewis (1979/1961): Die Stadt. Geschichte und Ausblick, München: dtv.
Prisching, Manfred 2006: Die zweidimensionale Gesellschaft. Ein Essay zur neokonsumistischen geisteshaltung, Wiesbaden: VS Verlag.
Sieverts, Thomas (1997): Zwischenstadt. Zwischen Ort und Welt, Raum und Zeit, Stadt und Land, Basel: Vieweg Verlag.
Simmons, Patrick A./Lang, Robert E. (2003); The Urban Turnaround, in: Katz/Lang (eds): Redefining Urban and Suburban America, Washington D.C.: Brookings Institution Press, 51-62.MANFRED PRISCHING
Geboren am 12.12.1950 in Bruck/Mur, Studium der Rechtswissenschaften (Dr. jur. 1974) und der Volkswirtschaftslehre (Mag. rer. soc. oec. 1977), Universitätsassistent an den Instituten für Rechtsphilosophie, für Volkswirtschaftslehre und Volkswirtschaftspolitik und für Soziologie. Habilitation für Soziologie 1985, Verleihung des Innitzer-Preises (1985), des Josef-Krainer-Forschungspreises (1994), des Wilfried-Haslauer-Forschungspreises für Zeitgeschichte (1996). 1987/88 an der Rijksuniversiteit Limburg (Maastricht, NL). Gastprofessor an den Universitäten Salzburg, Innsbruck und Linz. 1994 tit.a.o. Univ.Prof. 1995/96 Schumpeter-Gastprofessur an der Harvard University (Cambridge/Boston). 2005/06 an den Universitäten New Orleans, Little Rock und Las Vegas. 1997-2001 wissenschaftlicher Leiter der Technikum Joanneum GmbH (steirische Fachhochschulen). Korr. Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
Publikationen:
„Krisen. Eine soziologische Analyse“, Wien-Köln-Graz 1986; „Arbeitslosenprotest und Resignation in der Wirtschaftskrise“, Frankfurt-New York 1988; „Soziologie. Themen, Theorien, Perspektiven“, Wien-Köln-Graz 3. Aufl. 1995; „Die Sozialpartnerschaft. Modell der Vergangenheit oder Modell für Europa?“, Wien 1996; „Bilder des Wohlfahrtsstaates“, Marburg 1996; „Die McGesellschaft“, Graz 1998; „Good bye New Orleans“, Graz 2006; „Die zweidimensionale Gesellschaft“, Wiesbaden 2006. Herausgeber der Reihe „Sozialethik“ der Österreichischen Forschungsgemeinschaft beim Passagen Verlag. Aufsätze über Wirtschaftstheorie und -politik, Politiksoziologie, Kultursoziologie, Wissenschaftssoziologie, sozialwissenschaftliche Theorie und Ideengeschichte.
Good Bye New Orleans, 2006; Die zweidimensionale Gesellschaft. Ein Essay zur neokonsumistischen Geisteshaltung, 2006.
- Verfasser/in:
- Manfred Prisching
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