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sonnTAGs-Geschichten im Juni zum Thema: Orte schreiben. Teil 3 „Piran, Slowenien“ von Karl-Markus Gauß

18/06/2006

sonnTAGs-Geschichten im Juni zum Thema: Orte schreiben. Teil 3 „Piran, Slowenien“ von Karl-Markus Gauß

Auf seiner geringen territorialen Fläche vereint Slowenien fast alle europäischen Landschaftsformationen: das reicht von der pannonischen Tiefebene im Osten über den Karst, die Alpenkämme mit ihren hohen Gipfeln und dem legendären Triglav, den jeder Slowene, da er nicht nach Mekka reist, einmal in seinem Leben bestiegen haben sollte, bis an die Küsten des Mittelmeeres. Erst recht in Istrien, von dem Slowenien nur ein kleiner Teil zugehört und das heute auf schmalen Landstraßen von einer Grenze durchschnitten wird, die zu den historisch sinnwidrigsten zählt, die man sich nur denken kann, erst recht in Istrien empfindet der Besucher, daß er hier in ein Europa im Kleinen geraten ist, an dem vielleicht das große seine Probe halten wird.

Piran, dicht gedrängt auf eine kleine Halbinsel, ragt an der nordwestlichen Spitze Istriens in der Form eines Piratenschiffes ins Meer. Als unsere Kinder noch klein waren, sind wir oft hier gewesen, meistens im September, bis die Bora, der Fallwind mit seinem unvergleichlichen Knattern, die Stadt über Nacht in einem Sturmangriff eroberte, die lockeren unter den Schindeln von den Dächern wischte und die Abfalltonnen die steilen Gassen abwärts donnern ließ. Wer ein wenig in Piran flaniert, den wird es immer wieder an die Mole, italienisch Riva genannt, führen; das ist jene schmale Straße, die die dem Meer zugewandte Seite der Stadt im Bogen umfaßt und mit großen Steinblöcken sichert, auf denen Kinder spielen, aber auch Erwachsene, die noch nicht alles verlernt haben, dem Meer dabei zuschauen können, wie es gegen die aufeinander geschichteten Blöcke brandet. Unermüdlich waren meine Kinder damit beschäftigt, die kantigen Blöcke hinauf- und hinunterzuklettern und nach den Schiffen der Seeräuber Ausschau zu halten, dabei beobachtet von meiner Frau und mir, die wir wehmütig wußten, daß in ihrer Zeitverlorenheit gerade eine glückliche Zeit unseres Lebens verstrich.

An der Punta, der Spitze der Mole, dort, wo sie ihre Kehre macht, stehen eine kleine Kirche, ein alter Leuchtturm und ein Eissalon. Der wurde all die Jahre von zwei albanischen Brüdern geleitet, die das beste Eis von Piran herstellten. Der eine wurde jedes Jahr um ein Kilo schwerer, was sich im Laufe von zehn Jahren doch bemerkbar machte, der andere immer dünner. Sie werkten von elf Uhr vormittags bis spät in die Nacht in einem winzigen Salon, und eine gar nicht kumpelhafte Höflichkeit schien ihnen so wesensgemäß zu sein, daß ich sie nie anders als freundlich, aber distanziert erlebte. Um neun Uhr abends, wenn das Geschäft am besten ging, spazierten meist zwei junge Frauen am Salon vorbei, die mit ihren Kopftüchern geradezu gegen die Kleiderordnung einer Badestadt zu verstoßen schienen, ließen ihre Kinderwägen kurz stehen und brachten ihren Männern in einer Tasche jene Nahrung, deren auch Eisverkäufer bedürfen, die sich nun einmal nicht nur von dem Stoff ernähren können, mit dem sie ihre Existenz bestreiten.

Zwei-, dreihundert Meter weiter auf der nördlichen Seite der Mole führt eine schmale Gasse nach rechts ins Gewirr des Städtchens, öffnet sich aber zuvor, nur wenige Meter vom Meer entfernt, zu einem kleinen Platz, auf dem damals ein Gasthaus fast versteckt lag. Es hatte eine dunkle, zumeist völlig leere Stube und ein paar Tische im Freien, um die sich die Besucher rissen, weil man von hier aus auf den Golf von Triest schauen und dabei die besten Dateli-Muscheln von Istrien essen konnte. Das Wirtshaus hieß Galeb, „Die Möwe“, und die meisten Gäste, bedient von einer resoluten wie flinken Wirtin, werden sich das Innere des Lokals kaum je genauer angeschaut haben. Dies war das Reich des Kochs, der ein bißchen aussah wie jener Peppone, der in den Filmen mit Don Camillo bekanntlich ein wenig wie Väterchen Stalin aussehen sollte.

Als Slowenien als erste der jugoslawischen Teilrepubliken seine Unabhängigkeit erklärte, haben viele meiner österreichischen Freunde den Slowenen das übel genommen. Als hätte einzig ökonomischer Egoismus sie veranlaßt, der sozialistischen Idylle vieler Völker ein Ende in Schrecken zu bereiten, galten ihnen die Slowenen als jene Verräter, die Jugoslawien eigennützig zu zerstören begonnen hatten. Auch ich war nicht gefeit gegen solchen Unmut, der mir umso berechtigter erschien, je hemmungsloser unsere Serbenfresser mit ihrem notorisch unstillbaren Appetit den Zerfall Jugoslawiens akklamierten, doch habe ich mich von Freunden wie Paul Parin, der einst als Partisan gegen die Faschisten gekämpft hatte, und Drago Jancar in zweierlei belehren lassen. Erstens, daß die einstige multinationale Struktur Jugoslawiens gerade in Serbien der Nomenklatura längst dazu diente, ihre nationalistischen Interessen ideologisch zu verbrämen; und zweitens, daß man nicht andere dazu nötigen darf, für seinen eigenen Traum von einer gerechten Gesellschaft zu bezahlen.

Und trotzdem: Die verheerenden Balkankriege, die Slowenien nur gestreift hatten, waren fast zu Ende und in meinem „Galeb“ hing über der Tür zur Küche, aus der der wortkarge Wirt nur selten herauslugte, noch immer das Bildnis des Marschalls Tito. Dieses Gasthaus war vielleicht die letzte funktionierende jugoslawische Institution in Slowenien. Zwei-, dreihundert Meter entfernt schufteten die beiden Albaner, die mir schon vor Jahren unverhohlen zu erkennen gegeben hatten, daß sie einen Gutteil ihres Geldes in das Kosovo schickten, und nicht nur, um arme Familienangehörige zu unterstützen. Kosova, wie sie es nannten, hatte übrigens zu Titos Zeiten noch den Status einer autonomen Provinz besessen, der unter seinen Nachfolgern gewaltsam beseitigt wurde, und nachträglich, da es wohl beide Lokalitäten nicht mehr gibt, denke ich mir, daß sich immerhin über dieses Unrecht der Wirt und die Eisverkäufer vielleicht hätten verständigen können.

Mittlerweile ist längst der schädliche wie schändliche Wettkampf im Gange, wer von den Ländern des Balkans nicht mehr zu jener Domäne der Barbaren, sondern zu Europa gerechnet werden darf, diesem Reich der Humanität und des Wohlstands, aus dem die explosive Ideologie des Nationalstaates erst auf den Balkan exportiert worden war. Zu meinem Slowenien, nach dem ich mich sehne, gehören jedenfalls auch der einsame Wirt, der sich weigerte, von Jugoslawien zu lassen, und die albanischen Eisverkäufer, die ihr schwer verdientes Geld nach Prishtina bringen ließen. Und Slowenien, nach der Euphorie des Aufbruchs, auf die eine ziemlich rücksichtslose Ära der Kommerzialisierung folgte, wird gut daran tun, nicht zu vergessen, was zweifellos seine geografische Besonderheit ausmacht, vielleicht aber auch seine Bedeutung für die Europäische Union erheblich stärken könnte: nicht allein Westen, sondern auch Osten, nicht nur Norden, sondern auch Süden zu sein und sogar etwas von jenem heute so selbstvergessen abgelehnten Balkan zu haben.

BIOGRAFISCHES:

Karl-Markus Gauß wurde 1954 in Salzburg geboren, wo er auch heute lebt. Er ist Essayist, Literaturkritiker und seit 1991 Herausgeber der Zeitschrift "Literatur und Kritik". Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und schreibt für große Zeitungen wie die „Die Zeit“, die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die "Neue Zürcher Zeitung" und die "Die Presse".

Im Auftrag der Tageszeitung „Der Standard“ ist er im Frühjahr 2004, kurz vor dem Beitritt von zehn Mittel- und Osteuropäischen Staaten zur Europäischen Union, zu einer langen europäischen Reise aufgebrochen. Die zehn melancholischen Reisebilder von Estland bis nach Malta, von Litauen bis nach Slowenien, von der östlichsten bis zur südlichsten Stadt erschienen zwischen 1. und 12.Mai 2004 im Standard und sind im Buch

Karl-Markus Gauß

Wirtshausgespräche in der Erweiterungszone

Otto Müller Verlag Salzburg-Wien (2005)

ISBN 3-7013-1102-1

enthalten.

Werke, Anthologien: Das Buch der Ränder, 1992; Das reiche Land der armen Leute, 1992 (mit M. Pollack). - Essays: Tinte ist bitter, 1988; Der wohlwollende Despot, 1989; Die Vernichtung Mitteleuropas, 1991; Ritter, Tod und Teufel, 1994; Das Europäische Alphabet, 1997; Ins unentdeckte Österreich. Nachrufe und Attacken, 1998; Der Mann, der ins Gefrierfach wollte. Albumblätter, 1999; Die sterbenden Europäer, 2001; Mit mir, ohne mich. Ein Journal, 2002; Von nah, von fern. Journal 2003; Die Hundeesser von Svinia, 2004; Wirtshausgespräche in der Erweiterungszone, 2005.

Verfasser/in:
ausgewählt von Karin Tschavgova
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Der Autor (1995) Foto: Fritz Lorber
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