sonnTAGs-Geschichten im Juni zum Thema: Orte schreiben. "Und noch ein Beckham-Outing" von Franzobel - aus aktuellem Anlass zum Auftakt der Fußball-WM.
Es war letzten Sommer, da haben wir uns kennen gelernt in einem Nachtklub namens Pekingente in Seoul. Er, David Beckham, war mit dem Baiser Real Madrid auf Asien-Tournee, und ich hatte mit Herrn Li, meinem Übersetzer ins Südkoreanische, zu tun, der, weil zufällig sein Schwager, ebenfalls ein Herr Li, die Realstars betreute, uns bekannt machte. Wir redeten über asiatisches Essen, SARS, die Herrn Li und Li, über Flugängste und Freistöße. Keine halbe Stunde später flüsterte mir der Flankengott ins Ohr:“ Normalerweise mache ich das nicht, aber würdest du mich später in meinem Hotelzimmer besuchen?“
Zugegeben, ich war etwas baff, Steirertor, trank, um mich zu fangen, einen Schlangenschnaps, schluckte ein paar von den Tigerpenis- und Affenschwanzpillen, die mir ein anderer Herr Li für die Eventualität, dass ich etwas machen wolle, was ich normalerweise nicht mache, schon am Flughafen angedreht hatte, und eilte dann stracks wie ein von einer Flanke geschickter Mittelstürmer in den Strafraum namens Shangri-La-Hotel, wo mich David im Abseits schon erwartete. Pst, hatte er einen Finger an den Lippen, normalerweise mache er das nicht. Dann führte er mich in seine Suite, an sein Bett, und begann mich überall zu küssen und zu massieren. Gurke! Er schob seine Hand in meine Hose und mir wurde gleich bewusst, zu viel von dem pulverisierten Tiger- und Affengehänge geschluckt zu haben. Torraub! Gelbe Karte! Trotzdem war fast alles perfekt, sehr leidenschaftlich, sinnlich, enge Manndeckung, mit sehr viel Drall und Gablereien lernten wir uns kennen, und hätte er nicht ständig Elfmeter verlangt und Foul oder Out gerufen, es wäre richtig schön gewesen.
Nachher zündeten wir uns Havannas an, dachten an den armen dicken Diego Maradona, dem es schon damals nicht besonders gut gegangen ist, und David war in Gedanken auch bei seiner Frau, sagte:“ Weißt du, ich liebe Victoria, aber es ist mehr wie Bruder und Schwester. Ich finde sie nicht mehr so attraktiv wie früher, sie ist so dünn.“ Aha, dachte ich, zu wenig abgespicet, streichelte mein Bäuchlein, zog es ein, stülpte es heraus. Doch bevor mir klar wurde, was das bedeuten konnte, rief er schon bei der Rezeption an und orderte russischen Champagner und französischen Kaviar, „weil diese Falschheit des Falschen oft schon wieder echter als echt ist“. Sein Chauffeur wurde losgeschickt, um noch ein paar Gummis zu besorgen, schließlich war die Nacht noch jung, wir erst in der Halbzeitpause.
So jung war die Nacht wie die Hotelwände dünn. Plötzlich stand Becks prinzipientreuer Mannschaftskollege Ronaldo an der Tür und hat wie wild gebrüllt: „Aufhören! David! Denk an Victoria, denk an deine Kinder.“ Aber das war vermutlich nur ein Ablenkungsmanöver, denn parallel dazu hatten sich Roberto Carlos und Luis Figo einer Fensterputzgondel bemächtigt, mit der sie nun vor der Glasfassade der Suite auftauchten, um „My pony is over the ocean“ zu intonieren. Gleichzeitig hat sich Zinedine Zidane mit einer Flasche Sangria im Belüftungssystem des Shangri-La verkrochen und so laut meditiert, dass aus allen Lüftungsschächten sein lautes Om ertönte. Der Rest der Mannschaft war dabei, sich mit Reisschnaps zuzuschütten. Doch damit nicht genug, hat zu allem Überfluss auch noch Raúl meine sämtlichen Verleger informiert, die nun ebenfalls an die Tür klopften, sich präventiv um Rechte stritten und kreischten: „Nicht locker lassen, Franzobel, das wird ein Bestseller. Endlich! Die Fernsehrechte sind bereits verkauft, dann kommt der Film. Normalerweise mache ich das nicht, ein Musical.“
Als ich, erschrocken von so viel Reichtum, erwachte, fand ich eine Hochglanzillustrierte neben mir, in der auf mehreren Seiten über die Beckhamschen Halloderien berichtet wurde. Scheinbar war ich darüber eingeschlafen. Das kommt davon, dachte ich und griff zum wild läutenden Telefon, wo eine Stimme hauchte: „Wenn was herauskommt, habe ich jede Menge Ärger.“
Der hier mit freundlicher Genehmigung des Autors wiedergegebene Text stammt aus dem vor kurzem erschienenen Buch "Der Schwalbenkönig oder Die kleine Kunst der Fußball-Exerzitien". Franzobel, Fußballkenner und -begeisterter, sagt von sich, dass Fußball ein Teil seiner Sozialisation ist. Die Lektüre der übrigen Texte und lyrischen Kurzformen in diesem Band - in der Mehrzahl den Fußball umkreisend - sei dem Leser in WM-Zeiten wärmstens ans Herz gelegt.
"Der Schwalbenkönig oder Die kleine Kunst der Fußball-Exerzitien" von Franzobel
Ritter Verlag, Klagenfurt und Wien, 2006
ISBN-3-85415-386-4
www.ritterbooks.com
Franzobel
Geboren 1967 in Vöcklabruck, Oberösterreich, lebt in Wien und Pichlwang.
Bis 1991 bildender Künstler mit gelegentlichen Ausstellungen (u.a. Galerie ArtStart, Wien 1990, Kunsthalle Ritter Klagenfurt 1996), seit 1991 vor allem Autor mit sporadischen Beteiligungen in diversen Feldern (coming up, Junge Kunst aus Österreich im Museum des 20.Jhs. 1996, De Valigia 1998, Auftritte mit The Naked Lunch, Freizeitfußballer, Fahrradfahrer, etc.) Seine Texte enthüllen einen opulenten, amüsanten Worterfindungsmeister und barocken Geschichtenerdenker, dessen Metaphern und poetische Bilder kühne Sprachformationen bilden.
"Franzobels Welt ist verschroben aktuell, zeitgeschichtlich auf dem neuesten Stand und massenpsychologisch vielleicht sogar noch weiter. In deutschen Feuilletons schmückt man ihn mit den Beinamen Worterfindungsmeister, barocker Geschichtenerdenker und Menschenkenner. Fußballmetaphorisch ist der regelmäßig in Argentinien weilende Schriftsteller eindeutig der Goleador der österreichischen Gegenwartsliteratur. Franzobel kreiert einen Erzählstil, der vor skurriler Metaphorik und semantischen Finessen, vor Neologismen und Klangmalereien nur so sprüht und funkelt. Vorsicht: Suchtgefahr!" (Die Zeit)
Und eine andere, ergänzend:
Franzobel, gezeugt am Tag des Lattenpendlers in Wembley, geboren während der ersten Frühjahrsrunde 1967, war mit der Hauptschule Lenzing im Schülerligabezirksfinale als Vorstopper. Heute ist er mit einer Argentinierin verheiratet und eingetragenes Mitglied bei den Boca Juniors Buenos Aires. Er hat bereits diverse Fussballspiele kommentiert, ist eng befreundet mit Gogo Golautschnig und spielt in diversen Hobbymannschaften als Ausputzer mit.
Seit 1970 hat er kein Spiel der österreichischen Nationalmannschaft verpasst. Zwischen den Spielen vertreibt er sich die Zeit mit dem Erfinden von Olympiaden und mit Schreiben, so sind zuletzt erschienen: Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt, 2000 (ein schönes Interview hat das Günter Kaindlsdorfer im Jahre 2000 mit Franzobel geführt); Austrian Pycho oder der Rabiat Hödlmoser, 2001; Mayerling. Die österreichische Tragödie, 2001; Lusthaus oder Die Schule der Gemeinheit, 2002; Mundial. Gebete an den Fußballgott, 2002; Luna Park. Vergnügungsgedichte, 2003; Zirkusblut. Ein Austrian-Psycho-Trashkrimi, Zweiter Teil, 2004; Das Fest der Steine oder Die Wunderkammer der Exzentrik, 2005.
- Verfasser/in:
- ausgewählt von Karin Tschavgova
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