sonnTAGsgeschichten im Juni zum Thema: Orte schreiben.
Textauszug aus "Palermo unter Professoren" von Franz Schuh
In meine Knochen, ja, in die Knochen, ist mir etwas anderes von Palermo gefahren, und zwar während einer Nachtfahrt. Daß Dunkelheiten sich im Inneren eines Menschen manchmal wie eine Erleuchtung ausnehmen, darüber muß ich verlegen (wenn auch nicht um eine Erklärung verlegen) behaupten, daß solche Eindrücke wohl urtümlichen Ursprungs sind: als der Mensch noch in Höhlen lebte und zwischen Licht und Dunkel Welten lagen. Das Taxi fuhr langsam durch die Stadt, und auf einmal lag ein großer Platz vor uns, dessen genaue Ausmaße wegen der Sichtverhältnisse nicht einzuschätzen waren. Dem Platz gegenüber bestand in diesen Augenblicken alles aus Ahnungen, aber sie ersetzten bestimmt, was den Wahrnehmungen entzogen war, und den Rest an Einsicht besorgte der im Fond des Taxis nachdenklich gewordene Kopf So entstand in jener Nacht ein ganzes, ein integres Bild, schon bereit für die spätere Erinnerung. Die an Ort und Stelle fehlenden Details konnte man ruhig übersehen, ein Ganzes heißt nicht alles, dachte ich, ein noch unbekanntes Gesetz des Wahrnehmungstotalitarismus aufstellend. Es war ein Moment, in dem das Abgründige des Daseins eine Kulisse gefunden hat. Aber genau so darf ich es nicht sagen: Ironie ist nicht am Platz, also keine Kulissen.
Der Platz war für sich in Dunkelheit getaucht; das Licht des Taxis zerteilte sie zuerst allmählich, dann plötzlich schneidend, und es verlor sich am Ende im Nichts. Das Taxi fuhr wie im Triumphzug in den Platz ein, aber da das Licht am Ende nicht hielt, was es versprach, war der Triumph auch schnell vorüber. Es gab - neben den Scheinwerfern - nur noch einzelne, verwischte Lichtfetzen am Horizont. Hätte ich die Lage aufgrund meiner Eindrücke beurteilen müssen, dann hätte ich gesagt, diese Stadtlandschaft ist eine Vorkriegs- oder eine Nachkriegslandschaft: Die große Erschöpng steht entweder bevor oder sie ging gerade vorüber. Vorübergehend herrschte auf dem Platz Friede. Die Vorstellung dieser Übergangszeit, dieser Unentschiedenheit, verlieh meiner Taxifahrt etwas Schwebendes. Mir fiel der Grund ein, aus dem ich vor vielen Jahren meinen ersten Videorekorder gekauft hatte: Ich hatte einen Film gesehen, in dem die Menschen nicht auf Straßen fuhren, sondern sich durch die Häuserschluchten in kleinen, in der Luft schwebenden Raumschiffen bewegten. Diese Bewegung wollte ich mir unbedingt nach Belieben vorspielen, und so trug ich eines Tages einen Fernseher mit einem Rekorder nach Hause. Den Rest des Films, ein Heldengewirks, haßte ich, aber die Leichtigkeit, mit der sich die luftgeeichten Raumschiffe in der Höhe bewegten, habe ich den angenehmen Seiten meines Lebensgefühls hinzufügen können.
Auf dem Platz, der gewiß vor Hunderten von Jahren erbaut worden war, ergriff mich schlagartig eine Feierlichkeit, ein Gefühl, das die Unschuld erst in seiner Beschreibung verliert, während es doch im Taxi noch ganz echt war. Der Platz war ein Fest aus Architektur; seinen Namen und seine Geschichte wollte ich nicht wissen, um das Allgemeine seiner Schönheit, die sich mir in Augenblicken bot, auch in der Erinnerung feiern zu können. Ich wollte es bei der Flüchtigkeit der Durchfahrt belassen, wollte nicht bei einem anderen Licht wiederkommen. Obwohl der Platz, sieht man eben von den Scheinwerfern des Taxis ab, fast vollständig im dunkeln lag, erschien er mir in diesem Moment als die einzig mögliche Verkörperung von Öffentlichkeit, gemacht für Ansammlungen von Menschen, die entschlossen waren, »die Wahrheit«, also das, was sie ehrlich dafür hielten, auch zu sagen. Eine Öffentlichkeit, in der Menschen stolz sind, keine Geheimnisse zu haben, und die in der architektonischen Schönheit ein Äquivalent für diesen Stolz findet; in der Schönheit ist das Geheimnis bewahrt, das die Offenheit des Platzes und seine allgemeine Zugänglichkeit nicht zuläßt. Egal, ob der Bauherr Aristokrat war und er den Ausdruck des Platzes in diesem Sinne haben wollte, offene Plätze sind immer auch im Gegensinn da; sie sind anfällig fürs Bürgerliche und für die Plebs, die anerkannt sein will.
Die erstaunliche Schönheit, wie man bei uns sagt, des Südens, der zu dieser Jahreszeit gar nicht bei sich war, und der Platz als Erinnerung an eine Zivilisation, die wenigstens an manchen Stellen würdevoll erscheinen wollte (auch um ihre Würde weiterzugeben) - wenn von diesem Willen, so dachte ich, etwas geblieben ist, und sei es ein Platz in der Stadt, dann ist damit auch ein Motiv überliefert, aus der Erscheinung, aus dem schönen Schein, Schlüsse für den Lebensernst zu ziehen. Das ist das utopische Moment, das selbst nur scheinbar gelungenen Vergangenheiten innewohnt. Dieser idealistische Gedanke war das Resultat einer Ergriffenheit, derer ich mich nicht erwehren konnte. Der Stolz, den ich in die Architektur des Platzes hineinprojizierte, galt heute wie damals, ungeachtet der Barbarei, die schon um die Ecke spürbar war. So idealistisch war ich also nicht, um das zu übersehen. Die Menschenleere des Platzes verstärkte seine ästhetische Eindringlichkeit, und durch die Lichtfetzen und Schattenrisse hindurch fuhren wir endlich an ihm vorbei.
Der hier mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Zsolnay-Verlags wiedergegebene Text ist ein Auszug aus „Palermo unter Professoren“, einer Geschichte aus dem 2006 erschienenen Buch „Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche“.
„Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche“ von Franz Schuh
Paul Zsolnay Verlag Wien, 2006
ISBN-10: 3-552-05370-0
www.zsolnay.at
Franz Schuh ist 1947 geboren in Wien, wo er als Schriftsteller und Kritiker lebt. Studierte Philosophie, Geschichte und Germanistik, ist Lehrbeauftragter an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien und Kolumnist u.a. für die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit. 1985 erhielt er den Staatspreis für Kulturpublizistik, im Jahr 2000 den Jean-Améry-Preis für Essayistik.
- Verfasser/in:
- ausgewählt von Karin Tschavgova
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