HALBZEIT - von Claudius Pratsch
Kein verfrühter Bericht aus Berlin von der WM, sondern die Schilderung neuer Erlebnisse aus der Stadt, von der die ganze Welt spricht: Shanghai.
Inzwischen kam ich nun auch schon in den Genuss einer ausgiebigen Fußmassage, und es war wirklich extrem entspannend, obwohl die kleinen und nur scheinbar zarten und zerbrechliche Hände der ebenso filigran gebauten Masseurin mit einer Donnergewalt in rhythmischen Wellen auf meine vorher in brühend heißem Wasser vorgegarten Waden einhämmerten. Von einem bequemen Liegesessel aus konnte ich derweil auf dem gegenüber montierten, riesigen TV-Schirm durch die mehr als 40, immer gleich wirkenden CCTV Kanäle zappen. Meine chinesische Kollegin Prof. Dr. Qu (Bild 01), die mich nach einem langen Fußmarsch bei Nieselregen durch die Innenstadt von Shanghai begleitet und an diesen Ort in der 7. Etage eines unscheinbaren Hochhauses geführt hatte, nutze, nachdem wir noch ein Bier bestellt hatten und sich die Percussion ähnlichen Behandlungsrhythmen der beiden Masseurinnen ihrem Höhepunkt näherten, die Gelegenheit zu einem kleinen Schlummerschläfchen.
Auf dem Heimweg mit dem Taxi durch den verregneten Abend werden die impressionistisch verwischten Ausblicke auf die hell beleuchteten historischen Gebäude aus der englischen Gründerzeit am "Bund" (eine der bekanntesten Straßen von Shanghai) durch das ewige Hupen des drängelnden Straßenverkehrs untermalt. (Bild 02, 03) Oft ist es nicht so einfach, dem Taxifahrer klar zu machen, wohin man gebracht werden möchte. Abgesehen davon, dass meine Aussprache der in lateinischen Buchstaben im Stadtplan geschriebenen Straßennamen mit der wirklichen Betonung nicht viel zu tun hat, führen offenbar auch die vielen chinesischen Dialekte dazu, dass sogar Einheimische es schwer haben, sich zu verständigen. Daher habe ich inzwischen einen beträchtlichen Stapel an Visitenkarten mit Adressen von z. B. Restaurants und Bars angesammelt, die die in der Regel sehschwachen Chauffeure dann, um die winzigen aber eindeutigen Schriftzeichen entziffern zu können, dicht vor ihre platte Nase halten oder sogar aussteigen, vor den Wagen ans Licht der Scheinwerfer gehen, um dann endlich Kopf nickend mit chinesischem Grummeln loszufahren. (Bild 04) Nur einmal, als ich ziemlich müde auf dem Heimweg von einem Barausflug frühmorgens kurz eingenickt war und erst aufwachte, als das Taxi anhielt, war ich etwas verdutzt, wo mich der Fahrer abladen wollte. Nach einer kurzen Erklärung konnte ich ihm dann doch gestikulierend klarmachen, dass er sich verfahren hatte, während ich von riesigen Eisbergen geträumt hatte, die auf Fahrräder gebunden neben dem Taxi durch die Stadt fuhren.
Diese Nacht wurde kurz, denn am Morgen, es war Sonntag, war ich zu einer Jury geladen, die unter 44 Kandidaten zirka 15 Stipendiaten für ein Masterprogramm an der TU Berlin und der Bauhaus Universität Weimar auswählen sollte. Jeder der chinesischen Bewerber, von denen ca. 2/3 Frauen waren, hatte sechs Minuten Zeit, an Hand einer Powerpoint-Präsentation ein Statement zu "urban planning" abzugeben. Unter den durchwegs in sehr gutem Englisch gehaltenen Vorträgen waren einige hoch interessante und kreative Ansätze. Der Vergleich Stadtplanung mit Akupunktur zum Beispiel wurde mit witzigen piktogrammartigen Skizzen, wie in einem medizinischen Lehrbuch, illustriert. Andere Themen wie Licht und Schatten, die Mauer als städtischer Raum, oder eine Analyse der Funktion der Attikabereiche über den Eingängen der Lilong Wohnquartiere waren dann eher ordentlich wissenschaftlich analytisch aufgearbeitete Themen. Sobald sich aber ein Bewerber an ein europäisches Thema wagte (San Marco oder auch Potsdamer Platz ), wurde ich mir sofort wieder meiner Herkunft bewusst und der Verantwortung, die man hier als Europäer hat, darauf hinzuweisen, dass China seine eigenen wertvollen städtischen, kulturellen und architektonischen Potentiale erkennen und ausbilden muss und nicht nur blindlings alles aus der westlichen Welt kopieren kann. Zum Abschluss der Veranstaltung wurde natürlich ein Gruppenbild gemacht und die Jury aus den Professoren zog sich in ein Besprechungskämmerchen zurück, wo man sich gleich auf die bereitgelegten Bananen stürzte. (Bild 05, 06) Die Diskussion ging darum, wie die Auswahl getroffen werden sollte. Jeder füllte seinen Bewertungsbogen nach einer Notenskala (100 Pkt. = sehr gut, bis 60 Pkt.= ausreichend) aus. Daraus sollte ein Querschnitt getroffen werden. Allerdings stellte sich heraus, dass das nicht die einzigen Bewertungsart war, es sollten auch die Betreuer der jeweiligen Studenten befragt werde. Denn einige Studenten arbeiten nebenbei in den Büros der Dozenten und auf gute Leute verzichtet man dort verständlicherweise ungern. Ein chinesischer Kollege, der in den USA promoviert hatte, und ich versuchten klar zu machen, dass das aber kein Hinderungsgrund für den Auslandsaufenthalt sein dürfe. Inzwischen sind zwei Wochen vergangen und ich habe noch nichts von der endgültigen Entscheidung gehört.
Der Blick der chinesischen Studenten in die internationalen Magazine und das Repertoire ist selbstverständlich ebenso verbreitet wie in Europa, manchmal sind Skrupel vor dem "Spranzen" vollkommen unbekannt. Die Studenten in meinem Kurs sind überwiegend sehr engagiert und extrem fleißig, sodass ich mich selbst manchmal frage, wie sie es eigentlich schaffen, neben den vielen anderen Fächern pro Semester zwei neunwöchige Entwürfe zu bearbeiten. (Bild 07, 08) Wie ein Plakat zeigt, versuchen Europäische Universitäten, die unter sinkenden Studentenzahlen leiden, daher auch Nachwuchs aus China anzuwerben. (Bild 09) Wie wäre es mit einer Anzeige für GAT? Wann seid ihr zweisprachig?
Ich traf hier in Shanghai auf Hanna, Stefanie und Lisa, drei österreichische Studentinnen aus Innsbruck und Wien. Hanna und Lisa absolvieren einen Studiengastaufenthalt am college of architecture and urban planning der Tongji Universität und trafen in dem Büro "sino-sun", in dem sie neben dem Studium etwas praktische Erfahrungen sammeln, auf Stefanie. Das Büro hatte auf der Fachschaftsseite in Wien eine Praktikumsstelle annonciert und die drei gerne genommen. Um etwas mehr von ihren Erlebnissen und Hintergründen zu erfahren, lud ich sie zu einem Ausflug nach ZhuJiaJiao, eine historischen Wasserstadt, zirka eine Busstunde westlich vom Stadtzentrum Shanghais (abzüglich Verkehrsstau) ein. (Bild 11) Lisa konnte nicht mitkommen, sie hatte eine Woche lang hohes Fieber, so berichtete Hanna mir. Mit Hilfe einer chinesischen Freundin waren sie am Vortag zu einem chinesischen Krankenhaus gefahren, wo man eine Lungenentzündung diagnostizierte und diverse Medikamente und eine Infusion verordnete. Hannahs bildhafte Beschreibungen von den Zuständen in diesem Krankenhaus - lange Gänge mit wartenden Patienten, Familienangehörige, die die Betten ihrer kranken Verwandten herumfuhren, Untersuchungsstationen, wie Kartenschalter, in denen einem im Beisein der gaffenden anderen Kranken das Blut abgenommen wird etc. - verursachten mir Gänsehaut und die Erinnerung an die 500 €, die ich vor meiner Reise für diverse Vorsorgeimpfungen im Berliner Tropeninstitut bezahlt hatte. Sicher war in diesem Fall die Entscheidung richtig, mit der hoch Fiebernden dann doch noch ein internationales Krankenhaus aufzusuchen, das nach den Schilderungen einem Spacelab wie in amerikanischen Seifenopern gleicht, und statt der Lungenentzündung nur eine schwere Bronchitis feststellte. Doch der Vergleich zwischen chinesischer und westlicher Medizin ist so einfach nicht herzustellen. Neulich abends in eine Bar erzählte mir eine Brasilianerin mit internationalem familiärem Background, die hier in Shanghai lebt und arbeitet, wie die chinesische Medizin ihr das Leben gerettet hatte: In Europa hatte man bösartigen Krebs im Bein diagnostiziert und ihr zur Amputation geraten. Der chinesische Doktor riet ihr keine Produkte aus dem Meer zu essen. Seitdem sie auf Fisch und Seetang verzichtet wurde sie gesund.
In ZhuJiaJiao drängelten Hanna, Stefanie und ich uns zwischen den vielen Verkaufständen, die Seidenwaren, Steppdecken, Schnitzereien und diverse ungewöhnlich deftig wirkende Lebensmittel anbieten (Bild 12), mit vielen anderen Touristen durch die schmalen Gassen. Der Vergleich mit Venedig ist da nicht weit hergeholt und sogleich freute ich mich auch schon auf die Architekturbiennale in diesem Herbst. Die beiden Studentinnen erzählten vom "Hennenrennen" am studio3 der Uni Innsbruck und der Story von der verschollenen Schlange, die hier sicher in einem Suppentopf gelandet wäre. Ein paar alte Bewohner betrachteten skeptisch das Drängeln aus den Nischen der dichtstehenden Häuser. Es war heiß und schwül. (Bild 13). Meine Begleiterinnen und ich unterhielten uns über "pecha kucha", eine witzige Veranstaltung von www.sinocities.net, die wir eine Woche vorher, unabhängig von einander im 50 Moganshan Lu Bereich besucht hatten. Dies ist eines der Kunstareale hier in Shanghai, wo sich auf einem ehemaligen Gewerbegebiet am Suzhou River neben Künstlerateliers (Bild 15-18), kleinen Modemachern und Designstudios auch internationale Galerien angesiedelt haben. Mit der Kunst ist es im internationalen Vergleich noch nicht so weit her, aber Sammler aus aller Welt haben das Geschehen schon längst im Visier. Chinesische Studenten trifft man an solchen Orten in der Regel nicht, weil sie jede Minute für ihr Studium verwenden, das neben Entwurf, Darstellungstechniken, Gebäudetechnik, Baugeschichte etc. auch Politische Bildung beinhaltet. Nicht weit entfernt vom 50 Moganshan Lu Bereich liegt "Island 6" www.island6.org, ein auf einer verwucherten Wiese romantisch ruhendes Backsteingebäude, in dem unter dem Titel "reappropriation of geometry“ soeben eine Ausstellung eröffnet wurde. (Bild 19) Solche Initiativen sind fest in der Hand von Ausländern, die sich gerade beruflich oder temporär in Shanghai aufhalten.
Diese Woche sind am CAUP(*) wieder Gäste aus Europa eingetroffen, neben einer zirka 20-köpfigen französischen Journalistengruppe, die innerhalb von zwei Wochen in einem Workshop ein Magazin über Lebensmittel produziert, läuft ein städtebaulich ausgerichtetes Programm der Uni Hamburg miit der Tongji Universität. Gefördert durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) können so deutsche und chinesische Stundenten in Shanghai eine Kooperation, die im letzten Sommer in Hamburg begonnen hat, fortsetzen. (Bild 20) Wie mir Hannah berichtet sind die Fördermittel in Österreich für solche studentischen Projekte leider wesentlich geringer.
Langsam muss ich zum Ende kommen, denn ich habe begonnen, etwas im "fashion design" zu experimentieren und der Stoffmarkt schließt um 18 Uhr. Heute sollen die Stücke fertig sein, die ich den Stoffhändlern vor einer Woche mit ein paar Strichen skizziert habe. Meine Angaben wurden mit meinen Körpermaßen auf Konfektionszettel umgesetzt und nun bin ich natürlich sehr gespannt, was daraus geworden ist. (Bild 21-23) Sollte es ein neues Label werden, schalte ich selbstverständlich gleich eine entsprechende Anzeige in GAT.
In dem Gebäude in der Nähe der Nangpu Brücke, in dem der Stoffmarkt untergebracht ist, begegnet man auf drei Etagen wieder vielen Ausländern, die sich in den kleinen Ständen, die neben bester Seide bis 100 % Kaschmir auch allerhand Schund vertreiben, neu einkleiden. Handeln ist dabei natürlich wichtig und birgt immer ein kleines Erfolgserlebnis, wenn man das Prinzip verstanden und der Test einmal geklappt hat, einen Stand einfach zu verlassen, wenn der Händler nicht auf das Angebot des Kunden eingeht, diesem aber dann doch sofort hinterherläuft, um das Geschäft zu machen.
(*) college of architecture and urban planning der Tongji Universität in Shanghai
KURZBIOGRAFIE DES AUTORS:
Claudius Pratsch studierte Architektur an der HdK Berlin bei Eilfried Huth.
1989-90 Auslandsstipendium TU Graz, 1999 - 2004 Assistenz FB Architektur TU Braunschweig. 2001-03 Galerie-Projektraum studio63 in Berlin und Organisation von Studienreisen nach Japan und China von 2003-04.
Pratsch lebt in Berlin und ist freiberuflich tätig. Er widmet sich neben der Architektur auch diversen Projekten mit Künstlern und ist leidenschaftlicher Querdenker. Zurzeit ist Pratsch Gastprofessor am CAUP der Tongji Universität in Shanghai.
LINK: www.studio-f-architekturen.de
- Verfasser/in:
- Claudius Pratsch
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