Barcelona / Februar 2006 - ein Fotoessay von Zita Oberwalder und Daniela Mitterberger mit
einem Zitat aus:
Der Raum
Prolegomena zu einer Architektur
des gelebten Raumes
Von Franz Xaver Baier
1999, Verlag der Buchhandlung Walther König
..."Und auch der für die Chaosforschung und Raumwahrnehmung so wichtige Mathematiker Henri Poincare, der sich an die erlebte Dreidimensionalität desRaumes dransetzte, kam erst entschieden weiter, nachdem er frustriert an dieKüste fuhr und „über die Felsen wanderte“ (213). Warum also Landschaft? Und warum Spaziergänge? Wie das Wort schon sagt handelt es sich beim Spaziergang um eine Spatialisierung, also eine räumliche Ausdehnung. Aber die Ausdehnung ist nicht leer. Es ist zugleich eine Erweiterung des Einfalls-Fensters, so dass eben „die Einfälle“, vor denen sich Nietzsche z.B. nicht retten konnte, passieren können. Dann spielt der Dimensionenreichtum eine Rolle. Die Umbrüche beim Gehen, Steigen. Das auf und ab. Innerlich wie äußerlich. Die Umsprünge von fern zu nah, weit zu eng, fremd, vertraut. Vor allem vielleichtdie Naturvorgänge, wachsen, gedeihen, blühen, reifen, die Entsprechungen in unserer Existenz aktivieren und das Denken in Gang und in Schwung bringen. Man kann hier die Aussagen des jungen Autors Marcel Beyer hinzunehmen, der auf die Frage was er sonst so tut, wenn er nicht gerade schreibt, antwortet. „Ich gehe Spazieren. Stundenlang. Viele Gedichte fallen mir beim Gehen ein. Das entsteht aus dem Geh-Rhythmus, an den sich die Wörter dranheften. Gehen ist genau die richtige Geschwindigkeit (214)
Banales Gehen hat mittlerweile auch in der Tourismusbranche ein Klientel. Hetze und Kulturstress wird eine slow-motion Tour entgegen gesetzt. Man macht sich darin die Erkenntnis zu nutze, dass Gehen Energie frei setzen kann und den Strom der ständig kreisenden Gedanken durchbricht und wieder erdet. Auch in der Kunst ist Gehen Kunstwerk-reif geworden. Die Künstler greifen damit eine Tradition auf, beginnend mit rennenden Pueblo-Indianern, die dadurch Erkenntnis gewinnen wollen, über Rimbaud, der damit seine Zauberbilder auflösen wollte, über Kierkegaard, bis zu heutigen Bergsteigern, die die übernormale Gedankenklarheit nach der Plage preisen.
„Das Wandern wird zur Vergewisserung der eigenen Person und zur Positionsbestimmung innerhalb der Welt. Es schafft Freiräume. Wird zum Beleg für das Am-Leben-Sein. Und ist denn nicht unser ganzes Denken ohnedies von Bewegung geprägt, so sehr, dass auch die Sprache diesem Muster folgt: Es gibt kein Zurück. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Eine Sache führt zur nächsten. Die Zeit vergeht. Wo wird das alles enden? Und so weiter, und so weiter.
So weit, so gut." (215)
213 H. Poincaré, zit.nach Briggs/Peat, Die Entdeckung des Chaos, S.295.
214 M. Beyer/Th.Jahn, Flughunde, Süddeutsche Zeitung 09.10.1995
215 F. Langner, Im Zweifelsfalle weiterwandern/Fulton, Long, Abramovic: Unterwegssein als Kunst, ZEIT 07.03.1996
Fotonachweis:
Zita Oberwalder, Fotos 1-8, 19
Daniela Mitterberger, Fotos 9-18
Zita Oberwalder
Architektur Fotografin Graz Lienz
oberwalder_zita@inode.at
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