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"DIE ZEIT RENNT"

30/04/2006

von Claudius Pratsch

DIE ZEIT RENNT

Besonders in Shanghai, sagt man - und tatsächlich: schon bin ich zwei Wochen hier und es ist mir doch, als wäre ich gerade angekommen, und die Suche nach meinem mit der Lufthansa Cargo vorausverschickten Koffer auf dem Fughafengelände von Pudong wäre gerade erst gestern gewesen. Doch das ist vielleicht eine andere Geschichte, von roten Stempeln, Dokumenten, sonnenblumenkernkauenden Zollangestellten, die erst strikt auf ihre Mittagspausen beharren wollen und dann doch unerwartet unkompliziert eine Bestätigung erteilen, sodass mein kleiner kaum 40 kg schwere Samsonite nach 3-stündigen Irrwegen von einem riesigen Gabelstapler aus einer ebenso riesigen Halle unter freundlichen Blicken der Lagerarbeiter unversehrt ausgeliefert werden konnte.

Heute wurde ich früh geweckt. Um 6 Uhr begann die Renovierung an der Fassade des Gästehauses. Rot und gelb behelmte Arbeiter in Camouflageanzügen hatten in den letzten Tagen, ohne ein Wochenende -vermutlich kennen sie hier keine Sonntagsgeschichten- die herangeschafften Bambusstangen zu einem Baugerüst gruppiert. Mit Schabern, Meißeln und anderen Handwerkzeugen wird die Farbe des 4-geschossigen Massivbaus abgekratzt und kleine Stellen ausgestemmt. Es ist kein Elektrogerät zu hören. Junge Frauen fegen den herabgefallenen Bauschutt aus den Hecken ums Haus und bieten Handreichungen.

Ich schiebe mir eine CD in den Laptop - Friedrich Gulda und die paradise band spielen "Mozart no End" - und schnappe mir meinen warmen Rollkragenpullover. Mozartfreie Zone? Hier sicher auch nicht.

Aus dem Fenster sehe ich auf zwei Häuser in der Nachbarschaft meiner im Nordosten Shanghais nahe dem Campus der Tongji Universität gelegenen Unterkunft, an denen Tag und Nacht geschweißt wird. Sie wachsen unmerklich in die Höhe und entsprechen wohl dem, was in der übrigen Welt über den Boom dieser Metropole immer zu lesen ist. Es fehlt mir aber nun doch noch der Zeitrafferblick, obwohl die Erinnerung an die kleinen einstöckige Geschäftshäuser, die bei meinem ersten Besuch vor einem Jahr noch an dieser Stelle standen und deren Raum jetzt die 20-geschossigen Stahlskelettstrukturen einnehmen, ganz frisch ist. (Bild 01) Eines der beiden Häuser gehört zur Universität, die im kommenden Jahr ihr 100-jähriges Jubiläum feiert. Mit 58.000 Studenten sei sie zurzeit, neben mehr als 50 anderen, teilweise inzwischen privaten Universitäten, die größte in Shanghai, so wird von offizieller Seite berichtet. Das "college of architecture and urban planning" kurz CAUP ist wohl das kleinste Department und eines der jüngsten auf dem Campusgelände, an dessen Haupteingang

Mao ganz selbstverständlich von seinem gut vier Meter hohen Steinpodest grüßt. (Bild 02)

Mir klingt es noch in den Ohren, als ich zu Kinderzeiten, Ende der 60er Jahre, meiner Mutter in Heidelberg durch die Haupteinkaufstraße folgte. "Mao Mao Mao Tsetung" riefen die Demonstranten und hielten das kleine rote Buch in die Luft. Alles war damals doch so positiv belegt, als die Kulturrevolution ihren Höhepunkt erfuhr. Inzwischen sind alle eines Besseren belehrt und dennoch ist und bleibt dieser Mann hier eine Ikone.

Der Ursprung dieser Uni geht auf die Gründung einer medizinischen Fakultät im Jahr 1907 durch den Deutschen Erich Paulun zurück. Seither behielt die Tongji eine traditionell starke Verbindung mit der Deutschen Universitätslandschaft. Der Name “Tongji” ist von einem chinesischen Sprichwort abgeleitet und heißt soviel wie “Kooperation durch das gemeinsame Steuern eines Bootes” und weist somit auf einen starken Team-Geist hin. Viele der hier tätigen Professoren und Dozenten haben in Deutschland studiert oder promoviert und können sich hervorragend in unserer Sprache ausdrücken. Dieser internationale Anspruch erklärt auch, dass die Studenten einige ihrer Studienprojekte ganz selbstverständlich am Beamer in Englisch vorstellen.

Das Jubiläum im nächsten Jahr ist Anlass für die Universitätsleitung alte Institutsbauwerke vorbildlich renovieren zu lassen und dabei auch den Aspekt der Energieeffizienz Aufmerksamkeit zu widmen. Doch aus den bunt gerenderten Fassadenbildern eines externen chinesischen Ingenieurbüros ist unschwer zuerkennen, dass diese Thematik hier noch weitestgehend Neuland ist. (Bild 03/04) Meine chinesische Kollegin nimmt mich zu dieser Beratung mit, in der über die notwenigen Maßnahmen an einem ziemlich desolaten Institutsgebäude gesprochen wird. Nach der Begehung und einer Diskussion, die sie mir weitestgehend übersetzt, gibt es ein Mittagessen und sowieso immer Tee ohne Ende. Es bleibt mir unklar, ob sich die Verantwortlichen wirklich der Notwenigkeit solcher

Modernisierungsmaßnahmen bewusst sind.

Südlich des Jangtsekiang werden in die Häuser keine Heizungen eingebaut, das ist so bestimmt und daran wird auch nicht gerüttelt. Europäer bekommen das in der winterlichen Jahreszeit hier bitterlich zu spüren. Wattierte Bekleidung ist also auch Voraussetzung für die Behaglichkeit beim Unterricht in den Universitäten, denn der mannshohe Heizlüfter im Vorlesungssaal schafft es allenfalls einen Radius von zwei Metern zu bedienen. (Bild 05)

Aber auch andere Themen wie Sonnenschutz werden noch viel zu wenig berücksichtigt, sodass energiefressende Klimakleingeräte, scheinbar wahllos mit ihren Schnorcheln die Fassaden der Neubauten durchdringen. (Bild 07) Das CAUP legt großen Wert auf die Entwicklung dieses Lehrgebiets und sucht Kooperationspartner. Gerade ist eine Delegation von der Stiftung Bauhaus aus Dessau hier, mit der über ein Masterstudienprogramm verhandelt wird. Gerne wird vorgeführt, dass in den großen verglasten Atrien des erst zwei Jahre alten, engagierten CAUP- Neubaus neben Bambusanplanzungen Wasserzerstäuber eingebaut sind, um im Sommer die Überhitzung zu regeln. Das Prinzip von "try and error" ist aber kaum zu übersehen, denn beim Einschalten der Anlage zu Vorführungszwecken ergreifen die Studenten mit ihren Laptops unterm Arm die Flucht aus diesem Aufenthaltsbereich. (Bild 06)

Energie ist das Thema der nächsten Dekaden, das liest man ja überall. Besonders nahe kommt einem diese Thematik sofort dann, als unangekündigt eine ganze Straße fast einen Arbeitstag lang ohne Stromversorgung auskommen muss. Keine Computer, kein www - das macht den Architektenalltag auch in China schwer. Doch man nimmt es gelassen hin. Der chaotisch wirkende Straßenverkehr läuft auch ohne Ampel recht flüssig. Einsatzkräfte mit roten Fahnen übernehmen die Regelung an den Fußgängerübergängen. Und in den Büros werden Gesellschaftsspiele aus dem Regal geholt, die die gesamte Belegschaft mit größtem Engagement stundenlang fesseln, sodass man bis kurz vor der Dämmerung ganz vergisst zu prüfen, ob der Strom vielleicht schon wieder funktioniert oder nur eine Sicherung ausgefallen ist. (Bild 08) Einige Damen üben den Fächertanz auf dem Hausflur. (Bild 09) Sport und Spiel spiegeln die Gelassenheit des Alltags in der hektischen Stadt an allen denkbaren Orten wieder. Eine Rendering-Firma namens "shining concepts" schickt ihre Mitarbeiter mit samt den betriebseigenen Computern nach Hause, um dort die Auftragsarbeiten fristgerecht weiterbearbeiten zu können. Am Abend, als das Licht wieder brennt, kehren sie gehetzt mit dem Rechner unterm Arm ins Büro zurück, um noch bis spät in die Nacht weiter zu tun. (Bild 10) So können also am folgenden Tag, wie vereinbart, zwei alternative Fassadenentwürfe für ein Gebäude, das bereits im Bau ist, an die Investoren verschickt werden, die um Hilfe gebeten haben, weil sie mit den mindestens acht vorliegenden Entwürfen ihrer Planer bisher nicht zufrieden waren. (Bild 11, 12) „Wo bleibt da die Architektur?" frage ich laut und erhalte verständnislose Blicke. "Man kann immer etwas besser machen, das ist die Aufgabe", lautet die Antwort in gespannter Erwartung des Feedbacks der Investoren aus Wenzhou.

Um den Arbeiten der Handwerker zu entfliehen, packe ich nun meine Sachen und mache mich auf zu einem ausgiebigen Stadtspaziergang durch die Straßen und Gassen traditioneller Lilong Quartiere, in denen das Leben und der Handel auch mitten im Abriss noch pulsiert. Die Brüche in dieser Stadt sind vielfach beschrieben. Doch wenn man selbst durch diese Stadtteile geht, entsteht eine merkwürdige Betroffenheit, ja fast eine romantische Verklärung, vor dem Hintergrund der mit Wucht herannahenden Hochhäuser, die die Geschichte von "shrinking cities noch nicht kennen. (Bild 13) Wo liegt der richtige Weg? Wie kann Architektur diese sozialen Probleme lösen? Wo werden verantwortungsvoll die Antworten auf all diese Fragen erforscht?

Die Freundlichkeit der Menschen in ihrer offensichtlich heruntergekommenen und durch den unweigerlichen Abriss ihres Lebensraums stark bedrohten Situationen verblüfft. Sie handeln mit Fischen, Gemüse, Kleidungsstücken, Maschinenteilen. Da sitzt ein Schuster mit seiner Handnähmaschine und deutet heftig auf meine Schuhe, daneben bemüht sich einer der zahllosen Fahrradreparateure einen Reifen zu wechseln, während aus Körben der Garküche an der Ecke weißer Dampf aufsteigt. (Bild 14, 15) Die Farbigkeit ist einzigartig. Einige schlafen auch auf ihre Verkaufstische gelehnt, als wäre es ihnen ganz egal ob jemand etwas kaufen möchte. Auf der einen Straßenseite putzt sich ein alter Mann die Zähne, gegenüber wäscht sich eine junge Frau ihr langes schwarzes Haar. Alles geschieht auf der Straße. Freilaufende Hunde sind untersagt, hin und wieder quert eine Katze den Weg. Im Hintergrund hört man neben dem Hupen und Klappern der Radfahrer das Zwitschern kleiner Singvögel in winzigen Käfigen. Dort bergen und sortieren einige noch kurz vor der Dämmerung Kabelteile aus einem Schuttberg, beladen ihre Dreiräder bis kurz vorm Zusammenbrechen, um sich dann mit einem Pulk von anderen Recyclinghändlern voll beladen auf den Heimweg zu machen.

Oft läuft noch eine Frau nebenher, um das Gefährt mit anzuschieben. (Bild 16)

Ich träume inzwischen von den immer wieder erzählten, zweistündigen Fußmassagen und lande nach einer kurzen Busfahrt in einem chic designten Restaurant im Bereich der französischen Konzession, die Atmosphäre ist angenehm, das Essen fantastisch. Inzwischen bin ich auf den "Knorpel" gekommen: Hühnerfüße, Entenflössen, Seetang, Oktapus, Bambus und Tofu in den verschiedensten Arten gekocht. Kein Gedanke an Schnitzel und Knödel mehr. Beim Bier habe ich dann zum ersten Mal das Bedürfnis, auch ein Hochhaus zu entwerfen. Vielleicht war es aber auch ein "Tsingtao" zu viel, das mich zum Schluss zu dieser Collage bewegte. (Bild 17)KURZBIOGRAFIE DES AUTORS:

Claudius Pratsch studierte Architektur an der HdK Berlin bei Eilfried Huth.

1989-90 Auslandsstipendium TU Graz, 1999 - 2004 Assistenz FB Architektur TU Braunschweig. 2001-03 Galerie-Projektraum studio63 in Berlin und Organisation von Studienreisen nach Japan und China von 2003-04.

Pratsch lebt in Berlin und ist freiberuflich tätig. Er widmet sich neben der Architektur auch diversen Projekten mit Künstlern und ist leidenschaftlicher Querdenker. Zurzeit ist Pratsch Gastprofessor am CAUP der Tongji Universität in Shanghai.

LINK: www.studio-f-architekturen.de

Verfasser/in:
Claudius Pratsch, dzt. Gastprofessor am CAUP der Tongji Universität in Shanghai

Weiterführende Links

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Bild 01: Schweißen Tag und Nacht
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Bild 02: Der allmorgentliche Gruß
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Bild 03: Beratungsgespräch Institutsumbau
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Bild 04: lunchetime
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Bild 05: Energieverbrauch wird Thema Nr. 1
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Bild 06: CAUP Neubau
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Bild 07: Funktionsfassade
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Bild 08: Warten auf den Strom
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Bild 09: Fächertanz
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Bild 10: Die PCs kehren zurück
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Bild 11: shining concepts
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Bild 13: Kein Weg zurück
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Bild 14: Ein freundlicher Schuster
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Bild 15: Lilong Shops
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Bild 15 a: Das Viertel ist noch immer bewohnt
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Bild 12: Ratlose Stille
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Bild 16: Recycling
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Bild 17: Virus_Buildings, Shanghai - Nanpu Fotos: C. Pratsch

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