Stadt ohne Städter – Handel ohne Händler.
Plädoyer für eine Baukultur des Konsums. Vortrag von Prof. Wolfgang Christ anlässlich der Preisverleihung „Vorbildliche Handelsarchitektur NRW“ am 22. April 2004
1.
In Zeiten eines allgemeinen Umbruchs und der damit einhergehenden Unübersichtlichkeit und Widersprüchlichkeit sind wir gelegentlich dankbar für so genannte einfache Wahrheiten. Im Dialog von Stadt und Handel zum Beispiel taucht gerne eine Spruchweisheit auf, wenn strategische Richtungsentscheidungen anstehen. Dann heißt es: „Die Stadt braucht den Handel – der Handel aber nicht die Stadt!“ Ein Blick auf die Stadtentwicklung der USA in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts genügt, um die Richtigkeit der Behauptung bestätigt zu finden.
Doch wann braucht die Stadt den Handel? In größeren Städten gibt der Zentralitätsindex das Maß für Defizite und Interventionen an. Wenn die Kaufkraftströme in die falsche Richtung fließen – in die konkurrierende Stadt etwa, oder auf die grüne Wiese –, nimmt die Projektentwicklung in Sachen Stadt und Handel ihren Lauf: Die Umsatzlücke wird typischerweise durch die Ansiedlung eines Shopping Centers geschlossen. Die Fußgängerzone wird im besten Fall mit den Mitteln des Stadtmarketings, die City insgesamt neuerdings vielleicht mit Hilfe einer Central-Business-District-Initiative (CBD), „neu aufgestellt“.
Nun ist es in der Tat kein schöner Anblick, wenn Schaufenster blind sind, Läden leer stehen und in den Erdgeschosszonen einstiger Magneten 99-Cent-Angebote vom nahen Ende der alten Pracht künden.
Aber wie ist es beim gegenteiligen Eindruck um Stadt und Handel bestellt, wenn die City offensichtlich »brummt« und das pralle Leben die Szenerie beherrscht? Was sagt in diesem Fall der Zentralitätsindex über den Urbanitätsindex? Wie viel Stadt bringt Handel ein? Und, wenn die Relation beider Partner so gewichtet ist, wie der eingangs zitierte Spruch unterstellt: Welche Qualität muss der Handel haben, damit in der Folge Stadt Qualität hat?
2.
Wir wissen, Stadt und Handel sind dynamische Systeme. Mit dem Ende des Industriezeitalters werden beide neu strukturiert und wird ihr Verhältnis zueinander neu austariert. Obgleich ein Paradigmenwechsel mit Sicherheit ansteht, können wir doch nur eine Momentaufnahme in einem ablaufenden Transformationsprozess festhalten. Die von vielen prognostizierte Informations- und Dienstleistungsgesellschaft – manche reden von der Wissensgesellschaft – kündigt sich mit Entwicklungen an, auf die wir wenig vorbereitet sind. Mein Eindruck ist, dass wir uns tendenziell auf eine Stadt ohne Städter und einen Handel ohne Händler einstellen müssen – so wie wir uns schon an Bäckereien ohne Bäcker und Restaurants ohne Köche gewöhnt haben.
Stadt und Städter, Handel und Händler verstehe ich als Begriffe im traditionellen Sinne. Ich möchte daran erinnern, dass die Europäische Stadt eine geborene Handelsstadt ist. Die Stadt europäischen Typs wächst vom 11. Jahrhundert an mit der Kultur der Händler. Läden, Markt und Messe bilden ein Dreigestirn aus lokalen, regionalen und transeuropäischen Handelsnetzen.
3.
Die Reibung zwischen der Handelskultur der Städte, in der Händler Bürger sind und Bürger Händler, und des Handels, der von außen kommt – und wieder geht –, bringt jene Spannung hervor, die Urbanität ausmacht: Weltläufigkeit, geistreiches, vornehmes Benehmen. Das Institut des Handels bringt Ort und Welt zusammen – bis heute! Ein selbstbewusstes Bürgertum, ortsansässig und in der Welt zu Hause, macht die Europäische Stadt zum Raum der Zivilgesellschaft, zum Ort aufgeklärter Individuen.
Die Handelshäuser legendärer Handelsstädte wie Venedig, Augsburg oder Lübeck sind zu ihrer Zeit „global player“ und die Unternehmer zugleich Ratsherren. Macht und Einfluss des Handels hat sich in den Städten unmittelbar in der Handelsarchitektur ausgedrückt. Die Händler sind Bauherren und ihr Standort ist selbstverständlich die Mitte der Stadt. Das ist auch noch so Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem Boom der Kauf- und Warenhäuser. 1908 erscheint eine erste Monografie des Warenhauses. Darin heißt es: „Das Warenhausfieber grassiert in allen Städten… Jede Stadt hat auch die ihrer Individualität entsprechenden Warenhäuser, …Wenn heute in den großen Verkehrsadern der Reichshauptstadt Geschäftspalast sich an Geschäftspalast reiht, wenn lichtdurchflutete Schaufenster mit den hervorragendsten Erzeugnissen sämtlicher Industrien der Kulturvölker nicht nur zum Kauf anreizen, sondern auch rein zu unserem ästhetischen Sinn sprechen, wenn heute auch der kleine Mann in der Lage ist, sich für Preise in den Besitz von Luxusartikeln zu setzen, für die er sonst kaum brauchbare Bedarfsmasse erhielt, so ist dies einzig und allein das Verdienst des modernen Warenhausorganismus.“ (1) 1903 wird der „Verband Deutscher Waren- und Kaufhäuser e. V.“ gegründet. 1908 beläuft sich die Mitgliederzahl auf 2300, das heißt nahezu jede Stadt hat „ihr“ Warenhaus! Das Warenhaus setzt den Schlusspunkt in einer jahrhundertelangen Symbiose von Stadt und Handel. Die nächste Stufe der Entwicklung des Handels – das Shopping Center – wird schon für Suburbia konzipiert. (2)
4.
Wir wissen, dass die Zeit der eigentümergeführten Läden und der auf eine Stadt und ihre Region ausgerichteten unabhängigen Warenhäuser zu Ende geht. Der Konzentrationsprozess schreitet voran, der Filialisierungsgrad nimmt unaufhörlich zu. Flächenausweitung in 1a-Lagen und Probleme in 1b-Lagen, Discounter, internationale Konkurrenz und neue Handelsformen via Internet etablieren auch im Handel industrielle Strukturen. So begegnet uns mit dem „Future Store“ ein strukturimmanenter Fortschritt in Gestalt eines mehr oder weniger freundlichen, begehbaren Verkaufsautomaten. Wir können diese Entwicklung beklagen und wie die Einzelhändler im Angesicht des „Paradies der Damen“ in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Emile Zolas gleichnamigem Roman den Fortschritt verfluchen. Helfen wird dies alles nichts. Denn dem Prozess der Modernisierung ist Zweckrationalität eingeschrieben – und zwar auf beiden Seiten: Noch vor ein bis zwei Generationen war es durchaus vernünftig, bei Tante Emma einzukaufen. 1950 besitzen weniger als 30 von 1000 Bundesbürgern ein Auto, geschweige denn einen Kühlschrank. Heute lockt die Mutter aller Schnäppchen, und statt uns für eine Scheibe Wurst oder Werthers Echte zu bedanken, schieben wir freiwillig die Payback Card durch den Scanner. Wir sind doch nicht blöd. Das Industriezeitalter hat aus König Kunde einen Konsumspezialisten gemacht, der private Kostensenkungsprogramme über alles liebt. Renommierte Handelsexperten gehen davon aus, dass das so bleibt. Ein Filialisierungsgrad von über 90 Prozent wie in Schweden und ein Anteil der Shopping Center von mehr als 50 Prozent am Einzelhandelsumsatz in den USA zeigen die schlummernden Potenziale des Fortschritts, dem wir unseren Wohlstand verdanken. Gleichwohl bin ich davon überzeugt, dass die Perspektive „Future Store“ ein überkommenes Konzept repräsentiert. Als Architekt und Urbanist nehme ich einen Paradigmenwechsel der Industriekultur wahr, dessen erste Auswirkungen sich auch im Verhältnis von Stadt und Handel andeuten:
Die Billiganbieter vereinen typische Eigenschaften des Industriezeitalters wie die große Serie, eindimensionale Funktionalität, Masse und technische Form. Architektur und Städtebau der ersten Moderne folgten genau diesen Prinzipien. In der banalisierten Form steht auch über dem Plattenbau ein imaginäres „Geiz ist geil“. Und es ist daher nur folgerichtig, wenn die Sprengung einer „Siedlung“ des sozialen Wohnungsbaus in den USA am 15. Juli 1972 als Geburtsstunde der Postmoderne gilt. (3) In den USA sind heute das Besondere, die Atmosphäre, die Qualität und die Begabung des Ortes markttreibende Faktoren einer erfolgversprechenden Immobilien- und Retailwirtschaft. (4) Die Stichwörter hierzu sind „de-malling“, „pedestrian oriented development“, „sustainability“ und zu allererst „place making“. Das Besondere dabei ist, dass 24 Jahre nach der symbolträchtigen Sprengung in Pruitt-Igoe, St. Louis mit der Gründung des „Congress for the New Urbanism“ 1996 eine integrative Plattform geschaffen wurde, die Theoretiker und Praktiker, Architekten, Stadtplaner, Ökonomen, Ökologen, Geistes- und Sozialwissenschaftler, die Wirtschaft und private Aktivisten vereint. In dieser Hinsicht ist der Fortschritt wirklich eine Schnecke – aber so weit sind wir in Deutschland dennoch nicht. Die Preisträger des Wettbewerbes „Vorbildliche Handelsarchitektur NRW“ beweisen ebenso wie die beispielgebenden MPreis-Läden in Tirol, dass Handelsarchitektur den Wertewandel der Gesellschaft nachvollzieht. Eine synergetische Beziehung im Verhältnis von Stadt und Handel erscheint möglich, wenn der Handel eine Kultur des Ortes pflegt – und die Städte die Voraussetzung dafür schaffen. Die Lage ist durchaus dramatisch: die Oberzentren der alten BRD haben allein zwischen 1935-1998 rund 2,7 Millionen Einwohner an ihre Umlandgemeinden verloren, im Saldo waren es knapp 1 Million. (5) Meine Hypothese ist, dass die Reformulierung der Stadt europäischen Typs mit der Wertschätzung des Raumes als Medium der Kommunikation, der sozialen Interaktion und der Identifikation beginnt. In diesem Sinne brauchen Handel und Stadt einen dritten Partner – und dies ist der Typ des „Städters“. Ich möchte ihn/sie jenseits eines „urban professional“-Klischees skizzieren, der als gesellschaftliches Wesen agiert, bürgerschaftliche Verantwortung übernimmt, kultivierte Orte und Räume braucht, um sich selbst darin zu finden, Schönheit genießt und Kreativität anderer sucht, auch weil dies, alles zusammengenommen, zu den Produktivitätsfaktoren der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts zählt.
5.
Stadt und Handel eint mit dem Blick in ein neues Zeitalter der Bedarf an Städtern. Beide müssen in Zukunft einen ästhetischen Gebrauchswert bieten, um konkurrenzfähig zu sein, zum Beispiel mit dem Internet, das vieles kann, was früher nur vor Ort, in bestimmten Räumen und Zeiten möglich war. Hinzu kommt, dass nur Städte und Stadtzentren im Angebot haben, was im Industriezeitalter selbstverständlich war: Da die Zeiten vorbei sind, wo tausende Arbeiter und Angestellte durch ein Werktor gingen und gemeinsam unter den Dächern von Industriekathedralen arbeiteten, müssen heute Städte helfen, „Community“ zu erleben. Dabei steht der Handel im Mittelpunkt. Doch wir werden in der Regel nicht gerade architektonisch und städtebaulich pfleglich behandelt, um nicht wie der „Spiegel“ in seinem Rückblick auf das 20. Jahrhundert zu sagen: Unsere Städte seien hässlich geworden. An diesem Dilemma tragen viele Schuld. Nicht zuletzt meine Disziplin. So rächt sich bitter, dass sie die Stadt- und Baukultur des Handels aus ihrem Bewusstsein verdrängt hat. Für Industrie, Wohnen, Verkehr und Erholung hat die Moderne leidenschaftliche Modelle und Manifeste entworfen, Idealpläne gezeichnet, Kongresse organisiert und Musterbauten erstellt. Einzig der Bereich des Alltags, der von Beginn Synonym der europäischen Stadt ist und mit Markt, Passage, Warenhaus, Kinopalast, Bars und Restaurants, Leuchtreklame, Flaniermeilen und Boulevards Urbanität par Excellenze repräsentiert, fristet in den Diskursen des Neuen Bauens und der Neuen Stadt eine Randexistenz oder kommt schlicht nicht vor. Als Symptom für diese Haltung mag der Austausch des Marktplatzes durch die „grüne Mitte“ gelten. Es ist allerhöchste Zeit, dass Architektur und Städtebau des Handels wieder in den theoretischen Diskurs integriert werden. Was wir brauchen, ist eine Baukultur des Konsums: Kulturell aufgeladene Orte und Räume des Handels sind die urbanistische Antwort auf die Herausforderung der Globalisierung und Rationalisierung. Die Stadt braucht den Handel – und beide brauchen Städter!
(1) Colze, Leo Berliner Warenhäuser, Reprint der Originalausgabe von 1908, Seite 11, Berlin 1989
(2) Christ, Wolfgang Centerstadt, in Shopping – Center – Stadt, Gelsenkirchen 2003
(3) Wolfe, Tom Mit dem Bauhaus leben, Seite 72, Frankfurt
(4) Christ, Wolfgang Los Angeles 2001 – Europäisierung von Stadt und Center, www.uni-weimar/staedtebau1.de5_Der Spiegel Die Hässlichkeit der Städte, Seite 139, 21/1999
(5) Brake, Klaus, Der suburbane Raum als Standorttyp, unveröffentlichtes Manuskript Ladenburger Kolleg 2004
KURZBIOGRAFIE:
Prof. DI Wolfgang Christ ist seit 1982 freiberuflich als als Architekt und Städtebauer tätig und seit 1995 Professor für Entwerfen und Städtebau I am Institut für Europäische Urbanistik der Bauhaus-Universität Weimar.
Veröffentlichung des Vortrags in GAT mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Der Vortrag ist auch im ISG Magazin des Internationalen Städteforums Graz, 4/2005 erschienen.
Bestellung des ISG Magazins unter office@staedteforum.at
Website: www.stadteforum.at
- Verfasser/in:
- Prof. Wolfgang Christ
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