sonnTAG 124

Ostern mit Qualtinger.

16/04/2006

Ostern mit Qualtinger

Im Nachhinein werden Milchzähne immer zu Ostern verloren…das heißt in der Erinnerung, oder lässt es sich im Voraus erinnern? Ostern bedeutete Bastnester, gefüllt nicht nur mit großen, gekochten Eiern und mit kleinen aus Zucker, allesamt in Rot, Grün, Blau. Die Moses-Kähne im Gras waren auch bemannt mit Trostgeschenken für jeden verlorenen Zahn. Kaum brachen dem weinenden Säugling die winzigen Zähne durch den Kiefer, galt dieses Gesetz von der Belohnung des Verlustes, von der Entschädigung für den Todesfall mit neuem Leben.

Zuvor war da eine sich lustvoll hinziehende Qual, dieses nur im Kopfraum vernehmbare Knacksen, wenn die Zungespitze den lockeren Zahn bis über die Schmerzgrenze drückte, das gleichsam musikalische Nachgeben der Zahnwurzel im Gaumen, der noch ungebeizt von Nikotin, Alkohol und schmutzigen Küssen war. Ein Daumen rüttelte sacht am Zahn, oder Daumen und Zeigefinger nahmen ihn sanft in ihre Zange, wo er sich riesig anfühlte. Und dann der süße, finale Schmerz. Für jeden verlorenen Milchzahn gab es eine winzige Tonfigur: Ein kniender Trapper mit dem Gewehr im Anschlag, der Sioux auf dem dahinjagenden Falben, den Tomahawk zum Wurf bereit, ein Cowboy mit kreisendem Lasso, ein Häuptling mit Federschmuck bis hinab zu den Fersen, und natürlich alle Fauna der Welt: Kamele, Grizzlies, Anakondas, spukende Lamas, Rehe, Menschenaffen, Alligatoren, Rilkes Panther, dessen Flanken vom Streicheln glänzten. Jeder Milchzahn fand seinen Ersatz in einer Insignie ferner Welten, jedes Trostgeschenk war ein Versprechen auf niemals endende Abenteuer. Der Teppich wurde zu Hügel aufgeworfen, zu Schluchten gefaltet und zu Savannen geglättet, in denen die mythischen Helden von Karl May oder James Fennimore Cooper sich ihre Hinterhalte legten, Gefechte lieferten oder einander verfolgten. Sein geknüpftes Muster mäanderte zu Blutströmen, aus denen die Toten stets zu neuem Leben aufgestellt wurden.

Und zwischendurch, vor der Erfindung des Cholesterins, mampfte man harte Eier. Gelegentlich drang die Lebensmittelfarbe durch einen Haarriss in der Schale und bildete dann Farbschlieren auf dem schamlos bebenden Weiß. Immer wieder stellte sich die ungelöst bleibende Frage, ob der Geschmack infolge des Fehlers gelitten hätte. Gelegentlich wurden die wenigen Grundfarben gemischt und bildeten ein düsteres Violett oder abstoßendes Braun. Und zuweilen, wenn man die Eier nach dem Kochen nicht mit kaltem Wasser abgeschreckt hatte, ließ sich die Schale nur in kleinen Stücken abkratzen, wobei dicke Schichten von Eiweiß an ihnen haften blieben. Das glatte Rund war dann unregelmäßig geriffelt und von innen heraus, durch das beschädigte Weiß leuchtete grün und gelb der Dotter. Es ließe sich noch lange über Ostereier referieren, über Eierpecken und Eiertutschen, über faule und blöde Eier.

Aber was noch zu den Eiern, den Nestern aus Stroh und dem Zahnverlust, wenn auch auf Umwegen, zu Ostern gehörte, war Helmut Qualtinger. An sich zählt das Genre „Jazz & Lyrik“ zum kulturellen Repertoire von Mittelschullehrern, die sich den Takt der Musik nicht mit dem Fuß mitzuwippen trauen. Aber „VILLON übersetzt von ARTMANN gesprochen von QUALTINGER mit Jazz von FATTY GEORGE, erschienen 1963 ist jenes Beispiel, das alle anderen entschuldigt.

Die relevanten Strophen aus der „balade fon de glanechkeidn gehen ohne Garantie für die Reihenfolge ungefähr so:

i ken en schlof und diaf in eam mein dram

i ken den untaschid fon hengst und

schduadn

i ken e schbundloch und i ken d basena

i ken de eigan und de ostareia

i ken eich oes – nua mii dua i ned kena !

Langspielplatten – LPs – waren damals, als nur wenige von uns einen Schallplattenspieler besaßen, Wertgegenstände. Udo, der die Achte einmal zu oft wiederholen musste, und deswegen in die Maturaschule Roland ausgewichen war, während wir schon im ersten Semester studierten, besaß die Qualtinger-Platte und einen transportablen Plattenspieler mit eingebautem Lautsprecher dazu. Sein Vater, ein Möbelfabrikant aus der Oststeiermark hatte für ihn das Erdgeschoss einer Villa gemietet, die in der Florianigasse zwischen Kärnterstraße und Bahnhofsgürtel lag. Udo war drahtig, trug sein gewelltes, dunkles Haar ein bisschen länger als üblich und seine Cordhosen drückten existenzialistische Eleganz aus.

Es ist immer ein magischer Tag, der das Ende des Winters einleitet, jener Tag an dem die jungen Frauen ihre Körper das erste mal aus den Textilien schälen, an dem ihre wehenden Haare sie wie auf Flügel schweben lassen, ihr Fleisch zu atmen scheint und sie einen mit ihrem Lächeln wie mit süßen Röntgenstrahlen durchdringen - es ist gewissermaßen der Tag von Onkel Fausts Osterspaziergang. Aber für uns, Faust ergebene Neffen, wurde dieses ganze Frühjahr zu einem magischen Tag, unterbrochen nur von Geigenstunden oder lästigen Klausuren. Zu dritt saßen wir das ganze Frühjahr lang am Rand der braunen, dann grünen und schließlich löwenzahngefleckten Wiese und ließen unser Lebensgefühl von Qualtingers Villoninterpretation rhythmisch kontaminieren…

i ken de nareschn me n oasch in feia

i ken en dod und ken sei finztre gruam

i ken eich oes – nua mii dua i ned kena !

Udo teilte sich die leicht heruntergekommene Villa mit einem jungen Paar, dessen männlichen Teil wir, da es sich um einen Handlungsreisenden handelte, selten zu Gesicht bekamen. Scheinbar frei, lächelten wir von Anfang an über ihn. Roza, die aus Yugoslawien stammend Frau des Handlungsreisenden, erwartete aber ein Kind und war deshalb stets zu Hause. Die Schwangerschaft Rozas erfüllte uns mit Abscheu und Ehrfurcht in einem, ihr hoher Leib ließ sie für uns unberührbar werden – ganz abgesehen davon, dass wir vielleicht mit Ausnahme Udos ohnehin noch keine Frau berührt hatten. Aber selbst wenn wir nie die Scheu vor Rozas Reife, ihrer auf das Materielle bezogenen Intelligenz verloren, war es unvermeidlich, dass wir drei alsbald vom Anblick ihrer Augen, ihres Lachens, ihrer Brüste, ihrer Haaren und ihrer Haut umfangen und erfüllt waren. Die Sonne wurde zu einem warmen Gewicht auf unsren Augenlidern. Während sich das Grün der Wiese vor dem Haus täglich vertiefte und die Latten des Zaunes grau vor Hitze wurden, nahmen wir selbst durch die geschlossenen Augen Rozas Bewegungen war, die an sich leicht und schnell waren, aber jetzt beschwert von dem zweiten Leben in ihr. Während Roza nasse Wäsche über die Leine warf und uns dabei ihre Achselhöhlen öffnete, oder wenn sie die trockene Wäsche in den Korb legte und dabei den Ansatz ihrer Brüste entblößte, saßen wir am Rand der Wiese und lauschten wieder und wieder unser Evangelium nach Francois Villon in der genialen Übersetzung von H.C. Artmann.

mia kumd s jez fua, oes herad i

de schene frau, de wos seinazeid

madam in buff zun höömschmid woa,

um ia falurane jugend blean…

Es muss erregend für Roza gewesen sein, aus der kleinen Einsamkeit, in die sie mit ihrem Handelsvertreter eingeschlossen gewesen war, zur pochenden Mitte einer Handvoll junger Typen zu werden. Kaum älter als wir und mindestens ebenso lernfähig, hatte sie sich das Deutsche erstaunlich schnell angeeignet, scheiterte aber natürlich an H.C. Artmanns Kunstversion des Wienerischen. Wir übersetzten also Artmanns Verse für Roza, und sie kochte uns als Gegenleistung Kaffe oder Tee oder kredenzte uns manchmal Bier oder eine Flasche Wein. Wenn wir sie für diesen Service umarmten, war die Dankbarkeit gespielt, und diese junge, schöne Frau kann über dieses Spiel nicht im Unklaren gewesen sein. Sooft sich Roza außer Hörweite in das Obergeschoß, das sie mit ihrem Mann bewohnte, zurückzog, besprachen wir diese Umarmungen. Später am Abend, lauschten wir unruhig ihrem Mann, dem Handelsvertreter entgegen, der aber häufig über Nacht ausblieb. Niemals fragten wir Roza nach der Rückkehr des Handelsvertreters, und gelegentlich, wenn sie das Tak-tak-tak seiner 250er Puch in der Ferne zu hören vermeinte, erschrak sie auch, als ob sie bei etwas Verbotenem ertappt worden wäre.

Es gibt diesen Gedanken, demzufolge jeder Mensch über eine bestimmte Menge von Energie verfügt, die, sobald sie erschöpft ist - ganz gleichgültig in welchem Alter das eintritt - nicht mehr erneuert werden kann. Umgeben von lebendig verrottenden Leibern, begraben in meinem eigenen, vernarbten Misthaufen, bin ich heute geneigt, dieses Energiekonzept mit der Unschuld selbst zu verbinden. Vielleicht existiert eine Unschuld, eine Reinheit des Körpers, die ihm zusammen mit der Energie abhanden kommt. Damals hatten wir, gleichgültig, was wir taten, jede Menge Unschuld; wir waren geradezu auf unerschöpfliche Weise unschuldig, gleichgültig auf welche Weise wir dem Pulsieren in uns nachgaben.

Christus, dessen Auferstehung von den Toten zu Ostern gefeiert wird, hat niemals die klamme Abscheu erregt, wie Lazarus, der ebenfalls von den Toten zurückgekommen ist. Liegt es daran, dass er, Lazarus, einem stets viel älter als Jesus und deshalb bar aller Unschuld erschienen ist?

Vermutlich rührten wir Roza, so jung wie wir waren. Wir waren so jung in diesen Ostertagen, dass wir schon beim Anblick eines Mädchens auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Erektion bekamen; und wenn wir keine bekamen, erwogen wir wegen unserer offensichtlichen Impotenz schon den Selbstmord als letzte Konsequenz für ein verpfuschtes Leben.

Bei Einbruch der Dunkelheit ließen wir Udo stets voll Neid bei Roza zurück, um mit dem alten Ford Transit, den wir uns für einen geplanten Spanientrip gekauft hatten, zurück in das Studentenheim in der Elisabethstraße am anderen Ende der Stadt zu fahren. Am Morgen fragten wir ihn dann, wie es gewesen wäre und ob er Roza endlich geküsst hätte. Das Gras war zu einem dichten Teppich geworden und die Trostgeschenke von früher – an den Marterpfahl Gebundene, Lanzen Schleudernde, oder das Skalpmesser Schwingende - hatten sich in Würmer, Ameisen, kleine Käfer, Bienen oder Hummeln verwandelt, die sich ihren Weg durch die Halme erkämpften. Vielleicht war es das Halbdunkel im Erdgeschoss, das uns die Scheu nahm. Irgendwann fiel es uns leichter vom Rand der glänzenden Wiese aus Roza ohne Verlegenheit zu beobachten. Die Umarmungen wurden häufiger und hielten länger an ohne diese Verlegenheit zu erregen. Rozas Leib konnte nicht weiter anschwellen, als wir ihr an jenem Abend versprachen ihr einen kleinen Schrank für die Kindersachen mitzubringen.

Auf der Fahrt zur Florianigasse kontrollierte am nächsten Tag auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Polizeistreife die aus der Gegenrichtung kommenden Fahrzeuge. Nachdem wir den Schrank abgeliefert hatten, unverletzbar nach all den Küssen, schlugen wir wider besseres Wissen die gleiche Strecke ein, und wurden ebenfalls kontrolliert. Der Polizist setzte sich an das Steuer und erklärte uns, was er vorhatte. Er würde auf die Plakatwand zufahren und wenn er „Jetzt!“ sagte, sollte einer von uns die Handbremse ziehen. Das Plakat auf der Wand zeigte Sophia Loren, die für den Film „Boccaccio 70“ posierte und den Betrachter auf unentrinnbare und laszive Weise direkt in die Augen blickte. „Boccaccio 70“ bezog sich auf die Vermutung, dass der 1961 gedrehte Episodenfilm frühestens im Jahr 1970 von der Zensur unbehelligt bleiben würde. Entweder war es der Blick der Loren oder ihr Dekolleté oder beides, jedenfalls wurde das Plakat alsbald verboten. Der Bus fuhr an, der Polizist sagte „Jetzt!“, die Handbremse wurde gezogen und der Transit krachte in Sophia Lorens Dekollete, drückte ihre Brüste ein und zersplitterte die Planken der Plakatwand. Wir mussten zu Fuß weiter und kassierten wenig später eine gewaltige Geldstrafe, für die wir über Ostern mehrere Wochen ins Polizeigefängnis einrückten. Wieder frei kreuzten wir per Fahrrad in der Florianigasse auf, trafen Udo aber nicht mehr an. Er hatte es auch bei Roland nicht geschafft und war nach Schweden, von wo er niemals mehr zurückkommen sollte. Wir standen alle am Rand der Wiese, peinlich berührt vom Schniefen des Handelsvertreters, als er den Kopf des Säuglings mit einer Windel zum Schutz gegen die Sonne abdeckte. Dann ging er ins Haus, um uns den Patezettel zu zeigen und die Platte zu geben, die Udo für uns zurückgelassen hatte. Sie kracht mittlerweile, aber das Rondo darauf hält auch nach all diesen Jahren noch.

dod i glog dei bosheid au:

du hosd mia mei glane gnuma,

one auf z hean is die hunga

göö, i kum boed söwa drau?

groftlos bin i scho fua kuma;

sog, wos hod s da den nua dau,

dod?!WILHELM HENGSTLER ist Filmregisseur und Autor, ausgezeichnet mit dem Manuskripte-Preis 2004. Er lebt in Judendorf/Strassengel bei Graz.

Verfasser/in:
eine OstersonnTAG-Geschichte von Willi Hengstler

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