Von Hollywood bis nach Dimitrovgrad. Eine nicht nur bauhistorische Rundreise durch Bulgarien
Teil 2 der sonnTAGsgeschichte von Iris Hipfl.Vom Kommunismus zum Kapitalismus
Eine Sofioter Kuriosität stellt der Platz gegenüber dem Zarenpalast dar: Einst stand dort das in nur sechs Tagen und Nächten erbaute Mausoleum des 1949 verstorbenen ersten Ministerpräsidenten der Volksrepublik Bulgarien, Georgi Dimitrov. Nun, nach seiner mehrere Wochen dauernden Sprengung Ende der 90er-Jahre, hält eine nicht anerkannte Splittergruppe der bulgarisch orthodoxen Kirche dort ihre Messen unter freiem Himmel.
Das bulgarische Parteihaus, links und rechts flankiert von Staatsrats- und Ministerratsgebäude, fällt in die Periode des urbanistisch-stalinistischen Stils und beherbergte bis 1989 das Zentralkomitee der Bulgarischen Kommunistischen Partei. Beim Versuch antikommunistischer Demonstranten, am 26. August 1990 den roten Stern vom Dach des Gebäudes zu entfernen, wurde die nunmehrige Parteizentrale der Bulgarischen Sozialistischen Partei (BSP) in Brand gesteckt. Der Stern ist nun Vergangenheit und wenn es nach den Sofioter Politikern ginge, wäre auch das restliche Gebäude bereits seit einiger Zeit von Wiener Architekten in einen Multifunktionsbau mit zweischaliger Glaskuppel umgestaltet worden, um damit den Demokratisierungsprozess seit 1989 zu demonstrieren – allein es fehlt am Geld.
Ehemals kommunistische Prestigeobjekte wie das Dimitrov-Mausoleum, das Denkmal anlässlich der 1300-Jahr-Feier Bulgariens 1981 oder eine Leninstatue im Zentrum der Stadt wurden entweder ganz abgebrochen oder erodieren allmählich, allerdings nicht immer nur witterungsbedingt. Die Bemühungen der Stadt, mit einem modernen Erscheinungsbild an andere europäische Hauptstädte anzuschließen, sind im Bahnhofsbereich am deutlichsten: Neben dem Hauptbahnhof, der unverändert rustikalen Balkancharme versprüht, wurde mit dem Zentralen Busbahnhof 2004 ein hochmodernes Transportcenter errichtet.
Dass der Kapitalismus binnen 15 Jahren all das aufgeholt hat, was er in den vorangegangenen Jahrzehnten versäumt hatte, machen beispielsweise von Coca-Cola oder Husqvarna gesponserte Christbäume deutlich, die in der Weihnachtszeit irritieren. Vielleicht aber ist die leuchtende Cola-Flaschen-Silhouette neben der Kunsttanne einfach nur ehrlicher.
Auch im Sog des bevorstehenden EU-Beitritts versuchten Sofioter Politiker möglichst viel Balkan-Touch aus dem Stadtbild zu entfernen. So vertrieb man zeitweilig Straßenhändler und Kunstmaler vom Platz vor der Banja-Baschi-Moschee, um ihm durch die Einsäumung mit Blumentrögen ein ordentliches Gepräge zu geben. Anscheinend hat man in der fernen Steiermark Anleihe genommen, was die Einzäunung von Objekten und die Parzellierung urwüchsiger Stadtplätze betrifft – vielleicht im Rahmen eines Twinning-Projekts?
Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ist in Sofia noch an vielen Ecken spürbar, am deutlichsten wird sie vielleicht, wenn eine Straßenbahn an einem eingeparkten Eselsgespann vorbeirauscht.
Auf 500 km eine Brücke der Freundschaft
Doch wieder zurück zu meinem Ausgangspunkt Veliko Tarnovo, meiner Zentrale. Während der Zarevez mehrmals pro Woche mittels Licht- und Tonshow spektakulär präsentiert wird, beginnt rund 25 km nördlich der Stadt buchstäblich Gras über die Ausgrabungen einer der größten römischen Städte der Balkanhalbinsel zu wachsen – Nikopolis ad Istrum. Die im Jahr 106 von Kaiser Trajan anlässlich seines Sieges über den thrakischen Stamm der Daker gegründete Stadt wurde Anfang des 20. Jhs. ausgegraben, mangels Geldes konnte das Projekt jedoch nicht beendet werden. Ein Spaziergang zwischen den jahrhundertealten römischen Säulen, prachtvollen Tempelgiebeln und Mauerresten mutet seltsam an, doch auch sympathisch. Wenngleich es heißt, dass viele Bauern der Umgebung sich längst ihre Römersäule als Zierde für den Garten abgeholt hätten.
Fährt man weiter Richtung Norden, erreicht man schließlich Russe an der Donau, die Geburtsstadt Elias Canettis. Als eine der europäischsten Städte Bulgariens besitzt sie mit dem rumänischen Giurgiu eine Partnerstadt, mit der Russe durch die nach wie vor einzige Donaubrücke zwischen Bulgarien und Rumänien auf 500 km verbunden ist. Diese so genannte „Freundschaftsbrücke“ (Most na drushbata) wurde zwischen 1952 und 1954 von bulgarischen, rumänischen und sowjetischen Fachleuten erbaut und ist mit ihren 2,8 Kilometern die längste Stahlbrücke Europas. 2003 wurde die Anlage mit EU-Geldern restauriert. Die Überfahrt gestaltet sich allerdings als unberechenbar: Je nach Laune der Grenzbeamten dauert die Wartezeit zwischen 10 Minuten und eineinhalb Stunden, auch der Spielraum für Taxen, Brückenbenützungs-, Straßenbenützungs- und Desinfektionsgebühr variiert beträchtlich und hängt auch vom Strafausmaß für angeblich fehlende Dokumente ab (etwa zwischen 23,- und 260,- Euro). Jedenfalls ein Abenteuer.
Will man es beschaulicher haben, wendet man sich besser gegen Osten und besucht das Schwarze Meer bei Varna. Auf dem Weg dorthin lohnt sich ein Abstecher zum von der UNESCO in den Rang eines Weltkulturerbes erhobenen Reiter von Madara. Der im 9. Jh. in 23 m Höhe in den Fels gemeißelte Reiter samt erlegtem Löwen und Jagdhund ist das einzige frühmittelalterliche Monumentalrelief Europas. Dafür erklimmt man gern auch einige Stufen.
Vom Busludsha nach Dimitrovgrad
Richtung Süden erreicht man von Veliko Tarnovo aus nach etwa 50 km den Balkan, den man über den Schipka-Pass überquert. Ein mehr als 30 m hohes Freiheitsdenkmal erinnert dort an entscheidende Schlachten 1877/78, in denen die russische Armee den Pass gegen die vorrückenden Osmanen verteidigen konnte.
Auf einem Nebengipfel, dem Busludsha, befindet sich ein Denkmal ganz anderer Art. Am 2. August 1891 fand dort der Gründungskongress der Bulgarischen Sozialistischen Partei statt. 1981 wurde anlässlich des 90-jährigen Bestehens der Partei von den bulgarischen Kommunisten unter Shivkov, die sich als deren legitime Nachfolger betrachteten, ein gigantischer Memorialkomplex eröffnet. Das nun sehr verlassene Bauwerk wirkt äußert bizarr und ich kann nicht verstehen, wie Bulgaren nicht verstehen können, dass es gerade deshalb anziehend ist. Der Plan, es zu einem „Museum totalitärer Kunst“ umzugestalten, wurde anscheinend wieder fallen gelassen. Außer ein paar Kommunisten oder Antikommunisten, die das Monument aus unterschiedlichen Motiven demontieren, scheint sich für den bis weit ins Rosental sichtbaren Komplex nur noch die Bulgarische Sozialistische Partei zu interessieren. Sie feiert dort nach wie vor bei Showprogramm und Barbecue jährlich im August ihren Gründungstag.
Von dort führt der Weg in den Süden etwa bei Kilometer 90 nach Dimitrovgrad, einer der jüngsten bulgarischen Städte. Nach Georgi Dimitrov benannt, wurde die heute 45.000 Einwohner zählende Stadt 1947 durch die Vereinigung dreier Dörfer gegründet. Tausende Brigadisten, darunter viele junge Studenten – wie auch der Vater eines der beiden Helden in Dimitré Dinevs „Engelszungen“ – gingen in den folgenden Jahren daran, ihre Traumstadt zu bauen. Dass die Stadt mit reichem Braunkohle- und Kalksteinvorkommen arbeiterfreundlich geplant wurde, spürt man sofort: Die teils verspielte Architektur mit Schmuckelementen wie Säulenerkern strahlt eine Freundlichkeit aus, die man nicht vermuten würde. Großzügig angelegte Fußgängerzonen, weite Plätze und zahlreiche Parks, die Wäldern gleichen, sind Zeugnisse der Bemühungen um ein menschengerechtes Leben in der Industriestadt. So erscheint es geradezu natürlich, dass hier 1957 der erste Cineasten-Club Bulgariens gegründet wurde.
Pak in Hollywood
Zurück in meiner Wohnung „Hollywood“ in Veliko Tarnovo. Am Fuße des „Sweta Gora“, des heiligen Walds, auf dem sich die Universität befindet, liegt das Roma-Viertel der Stadt. Ein Minarett und eine Moschee tummeln sich inmitten der Häuser, gerade ist ein neues in Bau, Baracken gibt es keine, dafür viele SAT-Schüsseln. Regelmäßig ist der Muezzin zu hören. Passend zur Licht-Show am Zarevez wird für Touristengruppen im neu eröffneten Luxushotel Jantra das Sound-Spektakel via Boxen direkt in den Speisesaal geliefert. Gegen Abend ist oft Hufgeklapper von Pferdefuhrwerken zu hören, dazwischen Standgasspielereien stolzer Opelfahrer. Und wenn in ein paar Wochen vielleicht die Ziegenherde vom Herbst wieder kommt, um den Campus abzugrasen, fühle ich mich in eine andre Welt versetzt, in der nicht nur hinsichtlich der Architektur spannungsvolle Vielfalt herrscht.
Iris Hipfl ist seit Oktober 2005 Deutsch-Lektorin an der Universität Veliko Tarnovo in Bulgarien.
Literatur:
Engelbrecht, Elena u. Engelbrecht, Ralf: Bulgarien-Handbuch. 4., akt. Aufl. Bielefeld: Reise-Know-how-Verl. 2003.
Knaus, Gerald: Bulgarien. München: Beck 1997.
Dinev, Dimitré: Engelszungen. Roman. Wien-Frankfurt a. Main: Deuticke 2003.
Zone Bulgarien.
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