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"Die SAULEN der AARCHIDEKTUHR" von Georg Christian Novak

12/03/2006

Die SAULEN der AARCHIDEKTUHR. ca. 3.700 Zeichen.

Von Christian Novak

Bis heute hab ich nicht kapiert, was Architektur ist. Beschäftigt hat sie mich seit meinen ersten Schulferien.

Gerade hatte ich das Alphabet eingetrichtert bekommen. Lesen konnte ich leidlich und hatte gemerkt, dass es bei der Schreiberei nicht mit rechten Dingen zuging. Niemand sprach so, wie er schrieb. Sogar unsere Lehrerin, Frau H., die Verkörperung der Schreibkunst, schrieb anders, als sie redete. Dieser Sache war ich auf der Spur.

Meine Eltern und ich besuchten den Dom ZU Gurk. Der liegt, damals wie heute, mitten IN Gurk. Überhaupt, das Wort GURK: der? die? das GURK? die GURKEN? die GURKS?

Ein Mönch in brauner Kutte und Sandalen führte uns. Mönche hatte ich schon gesehen. Dieser war besonders mönchisch, vor allem, weil er so komisch redete. Er werde uns jetzt etwas zeigen, die WELTBERÜHMTE ARCHITEKTUR des Domes ZU Gurk.

Das Echo des weihevoll ins Unendliche gedehnten Ar- und des dröhnend gutturalen –tur in der riesigen, menschenleeren Kirche klingt mir bis heute im Ohr.

Während sich die kleine Besuchergruppe über eine Kellertreppe dorthin bewegte, wo diese Weltberühmtheit zu sehen sein würde, tüftelte ich, wie dieses wunderbare neue Wort zu schreiben wäre.

Die Regeln waren klar. Lang gesprochene Selbstlaute entweder mit stummem H oder verdoppelt. Ich tippte auf ein doppeltes A am Anfang und, zum Ausgleich, auf ein stummes H hinter dem eindrucksvoll langen U.

Das T in der Mitte war unzweifelhaft ein hartes, das davor wahrscheinlich weich, Doppel - R am Schluss verwarf ich.

Also nahm ich „AARCHIDEKTUHR“ in meine Liste interessanter Wörter auf, ohne die geringste Ahnung von dessen Bedeutung zu haben.

Die Kellerdecke war abgepölzt, das Wort kannte ich seit dem Hausbau meiner Eltern, mit dicht nebeneinander stehenden steinernen Säulen. Klar, der wuchtige Kirchenbau darüber war nicht leicht und diese Konstruktion vermittelte ein Gefühl der Sicherheit.

Die Gruppe scharte sich um den Pater und der begann zu erklären. Das Weltberühmte seien die vielen SAULEN.

SAULEN– er sprach es mit jaulendem AU, so wie man irgendeinem Arschloch „du Sau“ nachschreit. Das EN am Schluss betonte er derart grimmig, dass ich ein doppeltes N in Erwägung zog.

Bevor ich mich aber ernsthaft mit der Schreibweise befasste, dachte ich an den Judenkönig Saul aus der Religionsstunde, einen Ururururururopa des Jesuskindes, schließlich waren wir in einer Kirche. Mit biblischem Saul unseres Pfarrers hatten die Gurker SAULEN aber offenbar nichts zu tun.

Das Gerede von den SAULEN, Einzahl SAULE, nahm kein Ende. Gehorsam pilgerten wir von einer zur anderen, um über die jeweiligen Spezialitäten aufgeklärt zu werden. Weitere Spezialvokabel fielen: dorisch, attisch, korinthisch, römisch, griechisch. Aus aller Herren Länder schien der Dombaumeister seine SAULEN aufgesammelt zu haben. Mir war nur nicht klar, wie man damals, ohne Lastwagen, die sauschweren Steintrümmer hertransportiert hatte, aus Rom und aus Griechenland.

Wir verließen endlich den saukalten Kirchenkeller, ich in der festen Überzeugung, Säulen heißen „Saulen“, wenn sie nur irgendwie gemeinsam mit einer AARCHIDEKTUHR vorkommen.

Mittlerweile hat sich das Missverständnis aufgeklärt. Die SAULEN sind Pfeiler. Wie man Architektur richtig schreibt weiß ich jetzt auch. Nach der Bedeutung hab ich meinen Sohn efragt. Immerhin studiert er das seit etlichen Semestern in Graz, der Heimat der Grazer Schule der Architektur, die weltberühmt ist in ganz Graz. Eine klare Antwort hat er mir verweigert. „Architektur ist das, worüber die Professoren immer reden“ - mehr war aus dem Kerl nicht herauszubekommen.Georg Christian Novak, Jahrgang 53, als magister rerum socialium oekonomikarumque Fachmann dafür, lebt in und von Graz als Unternehmensberater und Gelegenheitsjournalist.

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