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sonnTAGs-Geschichten zum Thema: Architektur denken. Teil 4: Der harte Kern der Schönheit. Von Peter Zumthor, aus dem Band "Architektur denken", der unserer Februar-Serie

26/02/2006

sonnTAGs-Geschichten zum Thema: Architektur denken. Teil 4: Der harte Kern der Schönheit. Von Peter Zumthor, aus dem Band "Architektur denken", der unserer Februar-Serie den Namen gegeben hat.

John Cage sagt in einer Vorlesung sinngemäss, er sei kein Komponist, der im Geiste Musik höre und dann versuche, diese aufzuschreiben. Seine Arbeitsweise sei eine andere. Er erarbeite sich Konzepte und Strukturen und lasse sie aufführen, um erst dann zu erfahren, wie sie tönen.

Als ich diese Aussage las, ist mir in den Sinn gekommen, wie wir im Atelier ein Projekt für ein Thermalbad in den Bergen entwickelten, ohne uns zunächst einmal geistige Bilder für diese Bauaufgabe vorzugeben und diese dann auf unsere Bauaufgabe bezogen abzuwandeln, sondern wie wir versuchten, grundsätzliche Fragestellungen zu beantworten, die den Ort, die Bauaufgabe und die Baumaterialien — Berg, Stein, Wasser — betreffen und die zunächst nicht bildhaft waren.

Erst nachdem es uns möglich geworden war, die Fragen an den Ort, das Material und die Bauaufgabe schrittweise zu beantworten, sind nach und nach Strukturen und Räume entstanden, die uns selber überraschten und von denen ich glaube, dass sie das Potential einer ursprünglichen Kraft haben, die hinter das Arrangieren von stilistisch vorgefertigten Formen zurückreicht.

Sich mit den Eigengesetzlichkeiten von konkreten Dingen wie Berg, Stein, Wasser auf dem Hintergrund einer Bauaufgabe zu befassen, birgt die Möglichkeit in sich, etwas vom ursprünglichen und gleichsam „zivilisatorisch unschuldigen“ Wesen dieser Elemente zu fassen, zum Ausdruck zu bringen und eine Architektur zu entwickeln, die von den Dingen ausgeht und zu den Dingen zurückkehrt. Vorbilder und stilistisch vorgefertigte Formvorstellungen können den Zugang hier nur versperren.

Meine Schweizer Kollegen Herzog und de Meuron reden davon, dass es — ich zitiere sinngemäss — die Architektur als Ganzheit heute nicht mehr gebe und sie deswegen künstlich, sozusagen im Kopf des Entwerfers, in einem Akt des Denkens, herzustellen sei. Die beiden Architekten leiten aus diesem Ansatz ihre Theorie der Architektur als Denkform ab, einer Architektur, die, so nehme ich an, ihre erdachte und somit künstliche Ganzheit auf eine besondere Weise reflektieren soll.

Die Architektur als Denkform-Theorie dieser Architekten möchte ich hier nicht weiter verfolgen, wohl aber die dieser Anschauung zugrundeliegende Annahme, dass es die Ganzheit eines Bauwerkes im alten, baumeisterlichen Sinne heute nicht mehr gebe.

Ich persönlich glaube an die sich selbst genügende, körperliche Ganzheit des architektonischen Objektes, wenn auch nicht als selbstverständliche Gegebenheit, sondern als schwieriges, jedoch unabdingbares Ziel meiner Arbeit.

Aber wie ist es möglich, diese Ganzheit in der Architektur zu erreichen, in einer Zeit, in der das sinnstiftende Göttliche fehlt und die Wirklichkeit sich im Strom der vorüberziehenden Bilder und Zeichen aufzulösen droht?

Bei Peter Handke lese ich vom Bemühen, Texte, Beschreibungen Teil der Umgebung werden zu lassen, von der sie handeln. Wenn ich seine Aussagen richtig verstehe, begegnet mir hier nicht nur das mir bekannte Bewusstsein von der Schwierigkeit, den in einem künstlichen Akt zu schaffenden Dingen ihre Künstlichkeit zu nehmen und sie der Welt der alltäglichen und naturhaften Dinge anzuverwandeln, sondern auch und einmal mehr der Glaube daran, dass die Wahrheit in den Dingen selbst liegt.

Ich denke, dass in künstlerischen Prozessen, die nach der Ganzheit ihrer Hervorbringungen streben, immer wieder versucht wird, diesen eine Präsenz zu verleihen, wie sie den Dingen in der Natur oder in der gewachsenen Umgebung eigen ist.

So verstehe ich gut, wenn Handke, der sich im selben Interview als ein Schriftsteller der Orte bezeichnet, von seinen Texten verlangt: „Dass da keine Zutat passiert, sondern eine Erkenntnis der Einzelheiten und deren Verknüpfung zu einem (.....) Sachverhalt.“

Das Wort Sachverhalt, das Handke hier wählt, erscheint mir erhellend im Hinblick auf das Ziel, ungekünstelte, ganzheitliche Dinge zu schaffen: Genaue Sach-Verhalte herstellen, Bauwerke als Sach-Verhalte denken, deren Einzelheiten richtig erkannt und in ein sachliches Verhältnis zueinander gebracht werden müssen. Ein sachliches Verhältnis.

Was hier aufscheint, ist die Reduktion auf die Sachen und Dinge, die sind. Handke spricht in diesem Zusammenhang auch von der Treue zu den Dingen. Er möchte, so sagt er, dass seine Beschreibungen als Treue zum Ort, den sie beschreiben, erlebbar sind und nicht als zusätzliche Färbung oder Farbigkeit.

Sätze dieser Art helfen mir, mich mit der Unlust abzufinden, die mich häufig überkommt, wenn ich neuere Architektur anschaue. Immer wieder begegne ich Bauten, die mit Aufwand und dem Willen zur besonderen Form gestaltet sind, und bin verstimmt. Der Architekt, der das Ding gemacht hat, ist zwar nicht anwesend, aber spricht zu mir ohne Unterlass aus jedem Detail des Gebäudes, und er sagt mir immer das gleiche, das mich doch so rasch nicht mehr interessiert. Gute Architektur sollte den Menschen aufnehmen, ihn erleben und wohnen lassen, ihn nicht beschwatzen.

Warum, denke ich oft, wird das Naheliegende, Schwierige so selten versucht? Warum begegnet man in jüngeren Architekturen so wenig Vertrauen in die ureigensten Dinge, die Architektur ausmachen: Material, Konstruktion, Tragen und Getragenwerden, Erde und Himmel, und Vertrauen in Räume, die wirkliche Räume sein dürfen; Räume, zu deren raumbildender Umhüllung und raumprägender Stofflichkeit, zu deren Hohlform, deren Leere, Licht, Luft, Geruch, Aufnahmefähigkeit und Resonanzfähigkeit man Sorge trägt?

Persönlich stelle ich mir gerne vor, Häuser zu entwerfen und zu bauen, aus denen ich mich als Entwerfer am Ende des Bauprozesses gleichsam zurückziehe und dabei ein Bauwerk zurücklasse, das sich selber ist, das dem Wohnen dient als Teil der Welt der Dinge, das ohne meine persönliche Rhetorik auskommt.

Es gibt für mich ein schönes Schweigen von Bauten, das ich verbinde mit Begriffen wie Gelassenheit, Selbstverständlichkeit, Dauer, Präsenz und Integrität, aber auch Wärme und Sinnlichkeit; sich selber sein, ein Gebäude sein, nicht etwas darstellen, sondern etwas sein.

Say that it is a crude effect, black reds,

Pink yellows, orange whites, too rnuch as they are

To be anything else in the sunlight of the room,

Too much as they are to be changed by metaphor,

Too actual, things that in being real

Make any imaginings of them lesser things.

Dies ist der Anfang des Gedichtes „Bouquet of Roses in the Sunlight“ des amerikanischen „Lyrikers des stillen Schauens“, Wallace Stevens.

Wallace Stevens, so lese ich im Begleittext zum Gedichtband, hat sich der Herausforderung gestellt, lange, geduldig und genau hinzuschauen und die Dinge zu entdecken, ganz zu verstehen. Seine Gedichte sind nicht Protest oder Klage um die verlorene Ordnung, auch nicht Ausdruck einer Verstörung, sondern sie suchen eine dennoch mögliche Harmonie, die — in seinem Falle — nur die des Gedichtes sein kann. (Calvino argumentiert ähnlich, wenn er sagt, dass er dem Verlust an Form, den er überall konstatiert, nur eine einzige Abwehr entgegenzusetzen habe: eine Idee der Literatur.)

Für Stevens ist die Realität das gesuchte Ziel. Der Surrealismus, so wird er zitiert, beeindrucke ihn nicht, denn er erfinde, ohne zu entdecken. „Eine Muschel Akkordeon spielen zu lassen, heisst erfinden, nicht entdecken“, sagt er. Hier erscheint er noch einmal, dieser Grundgedanke, den ich von Williams und Handke zu kennen glaube und den ich auch aus den Bildern Edward Hoppers herauszuspüren vermeine: Nur zwischen der Wirklichkeit der Dinge und der Imagination zündet der Funke des Kunstwerkes.

Wenn ich den eben zitierten Satz ins Architektonische übersetze, sage ich mir: Nur zwischen der Wirklichkeit der Dinge, von denen ein Bauwerk handelt, und der Imagination zündet der Funke des geglückten Bauwerks. Und der Satz ist mir keine Offenbarung, sondern Bestätigung einer Erfahrung, die ich in meiner Arbeit immer wieder mache, und Bestätigung eines Wollens, dessen Wurzeln in mir selber zu liegen scheinen.

Nun nochmals die Frage: Wo finde ich die Wirklichkeit, auf die ich meine Einbildungskraft richten muss, wenn ich versuche, ein Gebäude für einen bestimmten Ort und Zweck zu entwerfen?

Ein Schlüssel zur Antwort auf diese Frage liegt in den Wörtern Ort und Zweck, glaube ich.

In seinem Aufsatz „Bauen Wohnen Denken“ sagt Martin Heidegger: „Der Aufenthalt bei den Dingen ist Grundzug des Menschseins“, was ich so verstehe, dass wir uns niemals in einem Abstraktum, sondern immer in einer Dingwelt befinden, auch wenn wir denken. Und weiter lese ich bei Heidegger: „Der Bezug des Menschen zu Orten und durch Orte zu den Räumen beruht im Wohnen.“

Der Begriff Wohnen, so weit gefasst wie das Heidegger tut als Leben und Denken an Orten und in Räumen, enthält einen genauen Hinweis auf das, was Wirklichkeit für mich als Architekt bedeutet.

Es ist nicht die Wirklichkeit der von den Dingen abgelösten Theorien, es ist die Wirklichkeit der konkreten Bauaufgabe, die auf dieses Wohnen zielt, die mich interessiert, auf die ich meine Einbildungskraft richten will. Es ist die Wirklichkeit der Baumaterialien — Stein, Tuch, Stahl, Leder ... — und die Wirklichkeit der Konstruktionen, die ich verwende, um das Bauwerk aufzurichten, in deren Eigenschaften ich mit meiner Vorstellungskraft einzudringen versuche, um Sinn und Sinnlichkeit bemüht, damit vielleicht der Funke des geglückten Bauwerkes zündet, das den Menschen zu behausen vermag.

Die Wirklichkeit der Architektur ist das Konkrete, das Form-, Masse- und Raumgewordene, ihr Körper. Es gibt keine Idee, ausser in den Dingen.Der Text von Peter Zumthor wurde dem Buch

„Architekturtheorie im 20. Jahrhundert“. Eine kritische Anthologie, herausgegeben von Akos Moravánszky, entnommen.

Erschienen im Springer-Verlag Wien, 2003. ISBN 3-211-83743-4

Verfasser/in:
ausgewählt von Karin Tschavgova

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Der Text von Peter Zumthor wurde dem Buch „Architekturtheorie im 20. Jahrhundert“. Eine kritische Anthologie, herausgegeben von Akos Moravánszky, entnommen. Erschienen im Springer-Verlag Wien, 2003. ISBN 3-211-83743-4
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Der Text von Peter Zumthor wurde dem Buch „Architekturtheorie im 20. Jahrhundert“. Eine kritische Anthologie, herausgegeben von Akos Moravánszky, entnommen. Erschienen im Springer-Verlag Wien, 2003. ISBN 3-211-83743-4

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