sonnTAGs-Geschichten zum Thema: Architektur denken.
Teil 2: Der Silberblick. Über die Konstruktion von Stadt und die Praxis des Weltkulturerbes, von Arno Ritter
(Kurzversion des Textes, den Arno Ritter am 14.10.2005 anlässlich des Symposiums "alt_stadt_neu. Weltkulturerbe pro und contra" in Salzburg vorgetragen hat)
In den 80er Jahren wurde von Jean Baudrillard eine Geschichte geschrieben, die den heutigen Grundkonflikt des Menschen mit der Welt bzw. die Ambivalenz seines Umgangs mit ihr recht gut beschreibt.
Ein amerikanischer Spionagesatellit, der im Zuge seines Auftrags zufällig Fotos von einem abgelegenen Tal in den Bergen von Borneo machte, auf dem die militärische Auswertung einen bisher noch unbekannten Ort mit urzeitlich lebenden Bewohnern entdeckte. Dieser einmalige „Fund“ wurde natürlich in unserem Medienzeitalter öffentlich und man organisierte eine internationale Tagung mit anerkannten Ethnologen und Anthropologen, auf der man beratschlagen wollte, wie man mit dieser Sensation umgehen soll. Schon nach kurzer Zeit entbrannte in dieser Konferenz eine Diskussion zwischen Vertretern zweier Parteien, wovon die eine gegen die Erforschung dieser Ethnie war, um sie vor den Folgen der höchst wahrscheinlich nachrückenden Cola-Zivilisation zu schützen und die andere Gruppe aus Gründen der Sichtung wie der Rettung dieser Kultur für die Nachwelt möglichst rasch Wissenschaftler zu ihnen schicken wollte. Nach tagelangen Diskussionen setzten sich die Vertreter der ersten Variante durch und man erklärte letztendlich dieses Tal zur absoluten Sperrzone. Da aber die Wissenschaftler wussten, dass die Medien wie die Öffentlichkeit bereits Wind von dieser Weltsensation bekommen hatten, beschloss man zur Bewahrung dieser ursprünglich lebenden Ethnie einen streng bewachten elektrischen Zaun zu errichten, der sowohl das Eindringen in wie das „Ausbrechen“ aus diesem Tal verhindern sollte. Mit Unterstützung der Unesco und finanziert durch eine weltweite Spendenaktion ging man ans Werk und baute ohne Wissen der Betroffenen diesen Schutzwall vor der übrigen Welt. Ab diesem Zeitpunkt lebten diese bekannten Unbekannten in einer künstlichen Leerstelle, in einem virtuellen Niemandsland bzw. einem blinden, weil öffentlich verdeckten Fleck auf der Weltkarte. Und wenn sie nicht ausgestorben sind, so leben sie unter dem satellitengestützten Auge in aller Öffentlichkeit noch heute.
Sicher, diese Geschichte ist reine Fiktion, aber sie beschreibt einen ambivalenten Punkt unserer Gegenwart, der auch in Bezug auf das Thema Weltkulturerbe von Bedeutung ist. Denn überträgt man die Logik bzw. die Struktur dieser Erzählung mit umgekehrten Vorzeichen auf das Thema, so macht sie etwas lesbar, was man die Schizophrenie der Bewahrung bzw. den Silberblick auf Welt nennen könnte. Denn entgegen dem Ansatz der Wissenschaftler aus der erzählten Geschichte, die Welt aus dem Tal auszusperren, lädt das Schutzprinzip Weltkulturerbe die Welt nicht nur zum Schauen, sondern vor allem zum Konsumieren eines Bauwerks, einer Landschaft oder einer Stadt ein. Denn indem man heute im Zeitalter des globalen Marketings wie des neoliberalen Tourismus etwas schützt und mit dem Label „Weltkulturerbe“ auszeichnet, will man es vor allem für die Augen der Fremden interessant machen, um es letztlich in den Rang eines Konsumgutes heben. In gewissem Sinne entspricht dieser Logik auch eine Beilage der Wochenzeitung „Die Zeit“, wo ausschließlich Touristiker das Wort ergriffen, um die deutschen Stätten bzw. Städte des Weltkulturerbes anzupreisen. Dagegen ist natürlich nichts einzuwenden, zumal der Erhalt des Erbes ja irgendwie zu unterhalten ist und in Zeiten des Rückzugs des Staates die eigene Tradition bzw. Kultur nur über den Umweg des so genannten Fremdenverkehrs zu finanzieren scheint. Auch wenn diese ambivalente Haltung, dieser zivilisatorische Ansatz, etwas vor Veränderung zu bewahren bzw. in letzter Konsequenz vor dem Menschen, schützen zu wollen, in einigen Bereichen nachvollziehbar und sinnvoll erscheint, so kippt dieser Ansatz in dem Bereich, wo es – wie Friedrich Achleitner schön sagt – um das „lebende Erbe“, also nicht um einzelne Monumente, wie z.B. die Pyramiden von Gizeh, sondern vor allem um die Stadt geht. Die Zeit der radikalen Auslöschung von Geschichte und Stadtstruktur, wie es in den ersten Nachkriegsjahrzehnten aufgrund einer einseitig interpretierten Funktionalismusideologie üblich war und die damals sinnvollerweise zur Deklaration des Weltkulturerbes geführt hat, ist zumindest in unseren Breitengraden vorbei. Der damals größtenteils planlose Umbau der Städte wurde in dieser Zeit vor allem als Verlust des Althergebrachten wahrgenommen und man neigte vielleicht auch deshalb dazu, die flächenintensive Verbauung der Landschaft in Form von sich ausbreitenden semiurbanen Peripherien und Agglomerationen planerisch wie politisch in Kauf zu nehmen, solange diese dazu beitrugen, das traditionelle Bild der Altstadt wenigstens halbwegs zu bewahren. Die einseitige Konzentration wie Sensibilisierung der Öffentlichkeit und der Experten auf die historische Stadtstruktur, auf das so genannte „Erbe“ und damit zusammenhängend auf das „Stadtbild“ führte dazu, dass die gleichzeitig vonstatten gehenden städtebaulichen, gesellschaftlichen, sozialen wie ökonomischen Entwicklungen ausgeblendet bzw. zu wenig beachtet wurden. In den letzten vier Jahr-zehnten hat sich aber das europäische Modell der historisch gewachsenen, kompakten Kernstadt insofern verändert, als sich um die Städte und Gemeinden Siedlungs-, Gewerbe- und Freiraumstrukturen entwickelt haben, die nach dem klassischem Verständnis weder Stadt noch Land sind und für die der Begriff der „Zwischenstadt“ in die städtebauliche Diskussion eingeführt wurde. Insofern kann man zur Rettung der europäischen Stadt halb polemisch, halb ernst die Zukunft des Weltkulturerbes in der Unterschutzstellung und damit zusammenhängend in der öffentlichen Aufwertung dieser „Zwischenstädte“ sehen, die heute die meisten Weltkulturstädte umzingeln und im Entree austauschbar gemacht haben. In letzter Konsequenz würde diese Strategie zu einer Umkehrung des eigenartigen wie lebensfremden Stadtmodells des Weltkulturerbes von Kern- und Pufferzone führen, das meiner Meinung nach mehr als zynisch ist.
Wie viele andere Bewegungen auch, die sich den Erhalt von „Etwas“ zum Ziel gesetzt haben – wie z.B. der Heimatschutz, der Alpenverein oder die Grünbewegung – trägt auch der Gründungsakt des Weltkulturerbes eine Janusköpfigkeit in sich. Denn in gewissem Sinne blickt das eine Auge kulturkonservativ in die Konstruktion von Vergangenheit, wogegen das andere Auge im Widerstand gegen eine bestimmte Gegenwart in die Zukunft schaut, um diese verändern und positiv gestalten zu können. Die Qualität dieses ambivalenten Verhältnisses liegt aber im Aushalten gerade dieser Spannung und in der Produktivität dieser Reibungsenergie. Denn nicht selten verliert sich im Laufe der Zeit diese produktive Spannung, dieser skeptische moderne Ansatz und verkommt zu einer einseitigen Ideologie.
Zu einem gewissen Grad ist auch die anfängliche Intention des Weltkulturerbes heute weitgehend zu einem fachlich fragwürdigen Label geworden, das primär die Bedürfnisse eines einseitig orientierten Tourismusmodells und gewisse Marketinginteressen befriedigt. Besonders augenscheinlich ist es in dem Bereich, wo es um das „lebende Erbe“, also vor allem um die Stadt geht. Denn trotz tourismusbezogener Überlegungen und des sinnvollen Erhalts alter Substanz sollte jede lebendige Stadt primär ein Lebensraum für ihre Bewohner sein und Stadtentwicklung bzw. Stadtpolitik vorrangig die Interessen der Bevölkerung vertreten soll. Denn jede lebenswerte und damit zukunftsorientierte Stadt ist auch für Touristen von Interesse und kann aus dieser Kraft eine eigene Identität schaffen, die abseits der Reduktion auf eine Postkartenidylle oder ein Stadtbild liegt. Die derzeitige Praxis des Weltkulturerbes und der damit zusammenhängende Fokus der Medien wie der Öffentlichkeit auf das so genannte Stadtbild unterstützen diese einseitige Stadtbetrachtung und ziehen – wie man am Beispiel Wien sieht – eine eigenartig emotionale, fachlich nicht nachvollziehbare und fragwürdige Diskussion nach sich. Gleichzeitig fördert diese Haltung, gepaart mit der Eigendynamik der touristischen Vermarktung, die Ökonomisierung von Stadtleben bzw. von Stadtkultur, deren Folgen in den seltensten Fällen mit einem Qualitätsprädikat versehen werden können. Und es stellt sich die Frage, ob der Preis dieser Auszeichnung in Relation zu den Folgewirkungen nicht zu hoch ist.
Wie viel und vor allem welche Geschichte braucht die Zukunft?Arno Ritter ist 1965 in Wien geboren. Er studierte Publizistik, Geschichte und Philosophie an der Universität Wien. Eine zeitlang Mitarbeit am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. In den Jahren 1992-94 war Arno Ritter Sekretär der Österreichischen Gesellschaft für Architektur in Wien, seit 1995 ist er Leiter des Architekturforum Tirol AUT in Innsbruck.
- Verfasser/in:
- ausgewählt von Karin Tschavgova
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