Ende August 2005 reist Caroline Kleindienst, Absolventin der Akademie der bildenden Künste in Wien, nach Namibia, um an einer Schule in Otjikondo ein Jahr lang das dortige Kunstatelier zu betreuen. Erschüttert über die Erziehungs- und Bildungsmaßnahmen an der Schule, die in keinster Weise die Kultur Namibias berücksichtigen, bricht sie den Aufenthalt im September 2005 vorzeitig ab.
Otjikondo liegt im Norden Namibias, 500 Kilometer von der Hauptstadt Windhoeck entfernt. Im Jahr 1989, als im damaligen Südwestafrika zum ersten Mal freie Wahlen stattfanden, kaufte eine englische Lehrerin mit Unterstützung ihres deutschen Ehemanns eine Farm in Otjikondo, renovierte die bestehenden Gebäude und gründete 1991 eine Grundschule für die Kinder der auf den umliegenden Farmen beschäftigten Landarbeiter, ausschließlich Schwarze.
"Skizzen aus Otjikondo
Das Leben in einem Schuldorf in Namibia"
Von Caroline Kleindienst
Michelle
„In Namibia sterben viele Menschen“. Winnie sitzt neben mir und zeichnet, während sie mit mir spricht. Die Nachmittagshitze ist mittlerweile etwas erträglicher geworden, weiches Licht scheint durch die roten Vorhänge des Kunstateliers der Schule in Otjikondo.
Meine Kunstgruppe besteht heute nur aus wenigen Kindern im Alter zwischen sieben und vierzehn Jahren.
Michelle, 13, fragt mich, ob in Europa auch so viele Menschen sterben. Sie erzählt von ihrer Tante, die immer so lustig war, die sie so mochte. In den Ferien ist sie einfach umgefallen und war tot.
Die Otjikondo-Internatschule liegt im abgelegenen Norden Namibias zwischen Outjo und Kamanjab. Vor zehn Jahren wurde die Schule von dem englisch-deutschen Farmerehepaar Gillian und Rainer Stommel gegründet, um den Kindern der Umgebung eine Schulbildung zu ermöglichen. Ungefähr 250 Kinder leben in dem Schuldorf, mitten im Busch, 80 Kilometer von der nächsten kleinen Stadt entfernt. Mittlerweile gibt es Strom, der durch eigene Generatoren erzeugt wird, Häuser für Schüler, Lehrer und Arbeiter, eine Kirche, eine eigene Tischlerei, Schweißerei. Das Dorf ist auf die „Außenwelt“ nicht mehr angewiesen, kann sich selbst versorgen.
Die wenigsten der Kinder haben noch beide leiblichen Eltern. Die Lebenserwartung der schwarzen Bevölkerung Namibias liegt bei ca. 40 Jahren. Das Durchschnittseinkommen pro Monat bei 1200 ND, das sind ungefähr 100 Euro. Eine Behandlung im Krankenhaus mit Laboruntersuchung kostet ca. 700 ND.
Michele erzählt weiter, während sie ein Bild malt, das ein Mädchen im Sarg liegend zeigt.
„Das ist Christine“, sagt sie, ihre Schulfreundin. Vor drei Monaten sind die Kinder aus den Ferien zurückgekommen. Am ersten Schultag ging es Christine morgens noch sehr gut, mittags hätte sie sich nicht wohlgefühlt, wäre zur Krankenschwester gegangen, am Abend war sie tot. „Ich weiß nicht warum. Sie haben uns erzählt, Christine hätte irgendwelche Pilze gegessen.“ Michelle zuckt mit den Schultern und malt weiter.
Ndahambelela
Es ist zehn Minuten vor sieben Uhr morgens. Ich gehe von meinem Haus, das ich mit zwei anderen Lehrern teile, zum Art Room. Von weitem höre ich die Kinder beten. Vor Schulbeginn müssen sie sich im Schulhof einfinden, um die Worte aus dem Evangelium für den heutigen Tag zu vernehmen.
Die Kinder sollen im Otjikondo-Schuldorf nach streng katholischen, europäischen Wertvorstellungen erzogen werden. Tägliches, oftmaliges Beten, Disziplin und Gehorsamkeit stehen an erster Stelle.
Punkt sieben Uhr stehen die 32 Schüler der zweiten Klasse vor dem Kunstraum, in einer Linie aufgereiht, Mädchen und Buben getrennt. „Good morning, Mrs!“, heißt es im Chor. Dann gehen die Kinder in den Raum und nehmen ihre Plätze ein. Es ist die erste Stunde für die Achtjährigen mit ihrer neuen Lehrerin. Ich möchte mit den Kindern über ihre Wünsche und Träume sprechen, was sie gerne wären, was sie gerne hätten. Das sollen sie dann versuchen darzustellen. Ndahambelela schreit begeistert aus der Gruppe: “I want to be a good Christ!”
Ein anderes Kind ruft: “Please, can I draw the Bible?” Alle Kinder wollen jetzt die Bibel zeichnen. Dazu fragen sie nach Linealen. Ich nehme die Schachtel mit den Linealen und verstecke sie. Sie sollen versuchen, eine gerade Linie ohne Lineal zu ziehen und ich zeige es ihnen. Ein Raunen geht durch die Klasse. „Das können wir nicht. Wir können nicht ohne Lineal zeichnen.“ Ndhambelela versucht ihren Zeigefinger als Lineal zu verwenden, fährt mit dem Stift daran entlang.
Ich frage die Kinder, ob sie keine anderen Wünsche hätten, außer der Bibel. „No“, kommt die Antwort wie dressiert.
Ndahambelela schaut mich länger an, dann sagt sie leise, fast verlegen: “Ich mag Süßigkeiten.“ Sie beginnt neben ihrer angefangenen Bibel einen Kuchen zu zeichnen, diesmal ohne „Fingerlineal“. Jetzt kommen auch andere Ideen aus der Klasse: Schokolade, Eiscreme, Schuhe, ein Mädchen wünscht sich einmal Lehrerin zu werden, ein Bub will Autofahren lernen. Ndahambelela kommt zu mir und verlangt nach einem zweiten Zeichenblatt: “Wir brauchen Regen“, sagt sie. „Das letzte Mal hat es im April geregnet. Ich wünsche mir Regen.“
Mrs. Eagleton
Mrs. Eagleton, weiße, ursprünglich aus Südafrika kommende Farmersfrau und Klassenlehrerin des dritten Jahrgangs gibt mir gerne pädagogische Ratschläge:
„Die Kinder sind es von zuhause gewohnt, oft geschlagen zu werden. Mit Reden erreicht man hier nicht viel. Wenn sie schlimm sind, dann stell sie in die Ecke, lass sie auf einem Bein stehen, die Arme hochgehoben, dann werden sie schnell müde.“
Offiziell ist die Prügelstrafe in Namibia nicht erlaubt, dass Kinder jedoch hin und wieder mit blauen Fingern oder sonstigen blauen Körperteilen aus dem Unterricht kommen oder siebenjährige eine halbe Stunde, einen Sessel über ihren Kopf haltend, stehen müssen, weil sie schlechte Noten haben, finden weder die Schulleitung noch Mrs. Eagleton weiter schlimm.
Nachts läutet die 53-jährige unerwartet an meiner Tür und bittet um Hilfe. Eine Fledermaus hätte sich in ihr Haus verirrt. Gemeinsam mit zwei anderen Kolleginnen komme ich mit in ihr Haus. Die kleine Fledermaus hängt im Vorzimmer an der Wand. Bei ihrem Anblick beginnt Mrs. Eagleton zu weinen. Diese Biester würden Malaria übertragen, und die Pest auch. Während die anderen versuchen, das Tier mit einem Besen zu erschlagen, schüttet mir Mrs. Eagleton im Wohnzimmer ihr Herz aus. Fünf Mal war sie schon an Malaria erkrankt, ein sechstes Mal würde sie nicht überleben. Überhaupt hasse sie dieses Land, und die Kinder auch. Als sie hierher gekommen ist, hätte sie anfangs monatelang jeden Morgen geweint. Doch es war Gottes Wille, hierher zu kommen und hier zu bleiben. Er hat sie hierher geschickt. Hier müsse sie ihre Aufgabe erfüllen.
Maria
Es wird Mittag und die Hitze macht mir zu schaffen. Die Schüler der Grade 3 sind damit beschäftigt, den Kunstraum aufzuräumen. In zehn Minuten ist die Unterrichtsstunde vorbei, dann bekommen sie das Mittagessen. Als ich noch in Österreich war, hat Gillian Stommel, die Direktorin der Schule, am Telefon von der ausgewogenen Ernährung geschwärmt, die den Kindern geboten würde. Bis jetzt habe ich jedoch auf ihren Tellern nur Brei gesehen – dreimal täglich. Die Kinder sitzen vor ihren Tellern im Dining-Room, die Aufsichtsperson und Köchin steht neben ihnen und schreit: „Eat! Eat! Eat!“ Wenn die Kinder nicht zum Essen gedrängt würden, würden sie nichts essen, weil sie das Essen nicht mögen, sagt sie.
Meine zwei europäischen Kollegen und ich bekommen von der Direktion europäische Nahrungsmittel, die wir uns selbst zubereiten. Mir fällt ein, dass ich vergessen habe, den Müll zu verbrennen. Die Essensreste müssen vor unserem Haus in einer Blechtonne verbrannt werden, die Kinder würden den Müll ansonsten durchsuchen und an den Resten knabbern.
Maria reißt mich aus meinen Gedanken. Sie kniet am Boden und weint herzzerreißend. Ich laufe zu ihr, taste ihren Kopf ab. Am Hinterkopf hat sie eine Platzwunde und blutet. Während sie den Boden gekehrt hat, hätte ein Junge sie gestoßen, sodass sie gefallen ist. Ich versuche Maria zu beruhigen, bringe sie zur Krankenstation. Am Weg dorthin bemerke ich ihr Blut auf meinen Händen. In Otjikondo werden keine HIV-Tests durchgeführt, laut einer Schätzung sind jedoch mindestens 20 Prozent der Kinder HIV-positiv. Die Schulleitung lehnt es dennoch ab, wie vom Unterrichtsministerium vorgeschrieben, Aufklärungsarbeit zu leisten oder Kondome zu verteilen. „Wir wollen das nicht und erwarten diese Einstellung auch von unseren Lehren“, meint Gillian Stommel gereizt. „Wenn wir jetzt Kondome verteilen, dann fangen die Kinder nur noch früher mit dem Geschlechtsverkehr an.“ Stattdessen empfiehlt die 63-jährige zum Kampf gegen Aids die strikte Trennung von Mädchen und Buben und angemessene Bekleidung.
Auch das Problem der vielen Vergewaltigungen auf den Heimatfarmen der Kinder möchte die Direktorin mit einer sittlicheren Bekleidungsvorschrift in den Griff bekommen.
Elton
Grade 4 steht in Zweierreihen vor dem Kunstraum und wartet auf meine Begrüßung. Elton geht zwischen den Reihen aufgeregt auf und ab.
In den Unterrichtsklassen gibt es jeweils ein besonders verlässliches, vom Lehrer eingesetztes Kind, das die Unterrichtsstunde damit verbringt, seine Klassenkollegen zu kontrollieren und gegebenenfalls zu verpetzen.
Das ist Eltons Job in der vierten Klasse. Während der ganzen Stunde geht er zwischen den Bänken herum, rüttelt die Kinder an den Armen und seine Stimme bricht immer wieder durch das übliche Unterrichtsgeschehen hindurch: „Be quiet! Sit down! Mrs! - Paulus is laughing!“ Ich möchte, dass Elton sich auch setzt und selbst etwas arbeitet. Elton versteht die Welt nicht mehr. „But I have to make them quiet“, sagt er fassungslos.
Rainer Stommel
„Bevor die Weißen nach Namibia gekommen sind, herrschte hier Mord und Totschlag. Die Schwarzen haben sich hier nur gegenseitig abgeschlachtet.“ Rainer Stommel macht kein Geheimnis aus seiner Zuneigung für den Kolonialismus. Etwas abgelegen vom Schuldorf liegt das Haus, in dem er mit seiner Frau Gillian Stommel lebt. Schon von weitem hört man das feine Zischen der Bewässerungsanlagen und es tut dem Auge gut, zwischen der rötlich sandigen Erde der restlichen Umgebung im Garten der Stommels begrünte Flächen zu sehen. Auch Palmen, ein Swimmingpool und ein Kühlhaus gibt es hier. Rainer Stommel ist begeisterter Farmer. Eigentlich möchte er von dem Stückchen Otjikondo-Erde niemals weg, und mit Grauen blickt er einem Urlaub in Europa entgegen, den er mit Gillian in den nächsten Wochen antreten soll, erzählt er mir. Hier in Otjikondo hat er sich sein eigenes Reich geschaffen. Theoretisch müsste man hier auch nicht mehr weg, alles ist vorhanden. Die eiweißhaltige Nahrung liefert das Wild, das geschossen wird, auf den Feldern wird Gemüse angebaut. In unmittelbarer Nähe des Stommel-Hauses liegen Werkstätten, in denen gearbeitet, geschweißt und getischlert wird. Fast alle Möbel in Otjikondo hätten die Arbeiter unter seiner Leitung selbst hergestellt, erzählt er stolz, und auch das Planen der Häuser fällt in seinen Zuständigkeitsbereich.
Gillian und Rainer Stommel sind Herrscher von Otjikondo, und das kleine ökonomische System erhält sich selbst. So gibt es einen kleinen Store, in dem die angebauten Nahrungsmittel verkauft werden, dazu Toilettartikel, Telefonkarten, Kleidungsstücke, Haushaltsgeräte. Die Farmarbeiter und ihre Familien kaufen in diesem Store ein mit dem Geld, das sie bei den Stommels verdient haben, denn in die nächste, 80 Kilometer entfernte kleine Stadt kommen sie vielleicht zwei oder dreimal im Jahr, wenn sich eine Gelegenheit bietet, mit einem Auto mitzufahren. So bekommen die Stommels das Geld, das sie den Arbeitern ausbezahlen, wieder über den Store zurück.
Rainer Stommel führt Interessierte gerne durch das Schuldorf und erzählt von seinen Visionen. Tatsache ist, dass die meisten Kinder keine Schulbildung bekommen würden, wenn es die Schule nicht gäbe – und wahrscheinlich auch kein regelmäßiges Essen, dreimal pro Tag. Seit wenigen Jahren betreibt Rainer neben dem Schuldorf auch einen Kindergarten in den Townships von Windhoek, um die Ärmsten der Armen zu unterstützen. Die Frage, wie die neue Landverteilung in Namibia vonstatten gehen soll, wie Schwarze eine Farm führen sollen mit dem Hintergrund einer Erziehung zur absoluten Unmündigkeit, bleibt ungestellt. Ich kenne Rainer Stommels Antwort ohnehin.
McFerrin
Am Sonntagvormittag, nach der Messe, sperre ich die Tür zum Birthday Cupboard auf. Hinter mir warten bereits einige Kinder ungeduldig. Jeden Sonntag dürfen sich die Kinder, die in der vergangenen Woche Geburtstag hatten, drei Dinge aus dem kleinen Raum aussuchen. In Kästen sind Kleidungsstücke, die von Spendern geschickt wurden, fein säuberlich nach Größen sortiert. T-Shirts, Hosen, Röcke, Jacken, Unterwäsche, Schuhe. Gewöhnlich wollen alle Kinder Unterwäsche und Schuhe, die sind Mangelware in Otjikondo, und viele Kinder träumen von Sportschuhen, mit denen es sich auf dem groben Sandboden besser Fußballspielen lässt. Die Kinder sollen einzeln in den Raum kommen, sonst wäre das Chaos zu groß. McFerrin, gerade zwölf geworden, ist der erste. Zielsicher steuert er auf den Kasten zu, auf dem "Shoes" steht. Ich sehe auf seine bloßen Füße und versuche eine richtige Größe zu finden – es sieht jedoch nicht gut aus. Es gibt zwar einige Sandalen und auch Sportschuhe, jedoch hauptsächlich in kleinen Größen. Ganz hinten im Schrank finde ich ein Paar abgetragene Sportschuhe. Die könnten vielleicht passen. McFerrin probiert sie an. Ich sehe, dass sie doch etwas zu klein sind und drücke zur Probe mit dem Finger auf die Schuhspitze. „They are too small“, sage ich zu McFerrin. „No, they fit! They fit!“ und zum Beweis trampelt er begeistert mit den zu kleinen Schuhen vor mir auf dem Boden herum. Trotz kurzer Diskussion gelingt es mir nicht, ihn zu überzeugen, dass sie nicht passen. Er behält die Schuhe an und schnappt sich, bevor er geht, noch eine Hose und ein T-Shirt.
Michelle
Es ist zehn Minuten vor sechs Uhr. Die Nachmittagsstunde geht dem Ende zu. Michelle ist mittlerweile eingeschlafen. Ihr Kopf liegt am Tisch auf, darunter die Zeichnung mit Michelles Freundin Christine im Sarg. Die anderen Kinder beginnen aufzuräumen, stecken sorgfältig die kostbaren Stifte in ihre Behälter zurück, sammeln Zeichnungen ein.
Melli, Tochter eines Farmarbeiters, die offiziell die Schule nicht besucht, da ihre Familie das Schulgeld nicht aufbringen kann, sich jedoch gerne auf dem Schulgelände herumtreibt, hat sich der Gruppe auch heute Nachmittag wieder mit Begeisterung angeschlossen. Sie ist stolz auf ihre Zeichnung mit dem Apfelbaum und beginnt übermütig mit dem Besen den Boden zu kehren. Plötzlich entgleitet ihr das Ding und fliegt krachend auf den Steinboden. Die knapp daneben schlafende Michelle schreckt verdutzt hoch, dann wird ihr Gesichtsausdruck ärgerlich. „You disturbed my dreams“, sagt sie vorwurfsvoll.Caroline Kleindienst wurde 1976 in Feldbach (Stmk.) geboren. 2005 Diplom an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Peter Kogler.
- Verfasser/in:
- Caroline Kleindienst
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