sonnTAG 109

Schwitters in der Makulaturlawine. Von Männern und Müll. Teil 2

01/01/2006

Schwitters in der Makulaturlawine. Von Männern und Müll. TEIL 2

Von Wenzel Mraček

> Was bisher geschah siehe sonnTAG 108 "Schwitters in der Makulaturlawine. Von Männern und Müll", TEIL 1 (zu finden über unten angeführten LINK)

TEIL 2

Aus gegebenem Anlass folgt nun der Zwischentitel: Als ich Christtagsfreude holen ging reloaded.

Der alte Müller hatte die unangenehme Eigenschaft, auch seinen Sohn für sein Faible einzuspannen. Unangenehm für den Sohn, der alles liegen und stehen lassen und parieren musste, wenn der Alte glaubte, es müsse nun wieder an die Arbeit gehen; angenehm dagegen für mich, der ich solcherart in den Besitz der Geschichten kam, der Namen und der Personen, vom jungen Müller an mich weitergegeben. Aus heutiger Distanz betrachtet, verursachten diese Einsätze des jungen durch den alten Müller naturgemäß ein Gutteil des zwischen den beiden schwelenden klassischen Vater-Sohn-Konfliktes, war sich der Alte doch gewiss, seinen Sohn auf diese Weise zu lebenslanger und wertvoller Sparsamkeit an- und ihn von schlechten Einflüssen und Freunden fernzuhalten (wie man sich diese Einflüsse und Freunde vorzustellen hat, spielt im Detail keine Rolle, den alten Müller interessierte überhaupt nicht, was sein Sohn und dessen Freunde erlebten, es konnte jedenfalls nichts Gutes sein und war deshalb zu unterbinden). Es sollte schlicht der Sohn für die eigene Sache erzogen und vor den eigenen Karren gespannt werden. Basta. (3)

Karren: Es gilt nun, einen Zen-Koan in eine mir selbst nur als Ahnung vorschwebende Beziehung mit dem Fortgang der Geschichte zu bringen, einem Zen-Lehrspruch einen neuen Sinn zuzuweisen – das also soll nun die Aufgabe sein:

Meister Gettan sagte zu einem Mönch :"Keichu machte einen Karren, dessen Räder hundert Speichen hatten. Nimm die Vorder- und Hinterteile weg und entferne die Achse. Was ist es dann?"

Während des Folgenden sollten Leser diesen Koan mit einer Art in Gedanken flüsternder Stimme wieder und wieder repetieren, während die Erzählung der Geschicke Müllers (der Vater) und Müllers (der Sohn) ihren Lauf nimmt:

Karren: Müller (der Vater) besaß eine Ruine von einem FlAT-Kombi, mit dem er natürlich auch die Transporte aus der Mülldeponie durchführte. Genauer gesagt, das Fahrzeug trug in einer ambivalenten Beziehung den Namen FIAT zu Recht wie zu Unrecht. Zu Recht, als von jeher „Fehlerhaft In Allen Teilen“, zu Unrecht, als das Fahrzeug nur mehr zu ungefähr 70 Prozent aus Teilen der Marke FIAT bestand, die restlichen ungefähr 30 Prozent stammten aus der Mülldeponie. Dieserart war nun in genauer Betrachtung der Sachlage nicht eindeutig zu entscheiden, ob sich der metamorphe FIAT sukzessive in die Mülldeponie bewegte, er Teil für Teil seiner eigenen Existenz dort ablieferte, zugleich aber, einerseits in seiner Funktion als Lieferwagen, fuhr er diversen Schrott und nun umgewidmeten ehemaligen Müll aus der Deponie hinaus, andererseits wurden ihm Teile der Deponie in Form von Organen eingepflanzt, wodurch wiederum die Deponie selbst, in einer Art von Reinkarnation, als metamorpher siebzigprozentiger FIAT aus den Umrissen ihres Corpus gelangte und, wenn auch nur zum Teil, in die Umgebung ihrer selbst fuhr. – Kurz, es bleibt die Frage, bewegte sich das Auto in die Deponie, oder bewegte sich die Deponie in Form eines Autos aus ihr selbst heraus?

Eines Abends nun hatte der alte Müller, auf der Suche nach Brauchbarem, die Zeit übersehen. Der Deponieportier hatte den Schlagbaum heruntergelassen, versperrt und sich dem verdienten Feierabend ergeben. Der metamorphe FIAT aber stand, entsprechend dem Müllerschen Privileg, auf dem Deponiegelände und es gab ohne Schlüssel für den Schlagbaum keine Möglichkeit, dieses fahrend zu verlassen. Ein besonderes Kriterium bei der Lösung des entstandenen Problems stellte die keine Gnade kennende Mentalität der Herren Louie und Molotow dar, wenn es darum ging, ein Fahrzeugwrack als bekannt zu verleugnen und sofort auszuschlachten. Es musste also jemand bei dem Auto Wache halten, während der andere auf das vier Kilometer entfernte Gemeindeamt ging, um den Deponieschlüssel zu besorgen. Das war natürlich die Aufgabe des Sohnes, hatte der doch „die jüngeren Beine". In der Zwischenzeit musste der alte Müller, wie mir sein Sohn später erzählte, eine Art mystisches Erlebnis gehabt haben, das seinen Charakter um wenige Grade verfeinerte. Es geschah ihm die Erinnerung an seine Jugend in der Form eines Lehrsatzes: „In der Schule haben wir gelernt, dass die Kuh elf Mägen hätte, deren Namen wir auswendig zu lernen hatten. An drei kann ich mich noch erinnern: Pansen und Skrotum." – Dank sei Müller, dem Sohn, dem Non writing Poet, dem Wortsportler, der sich schließlich gegen alle erzieherischen Maßnahmen insofern behaupten konnte, als er nun zwar in der Elektronikindustrie Beschäftigung gefunden hat, dort aber immerhin seine Vorgesetzten als Schaffner oder Halbschaffner bezeichnet, was seiner Wiederübersetzung des englischen conductor oder semi conductor entspricht, nämlich dem sogenannten Halbleiter.

Alles, was der Fall ist, ist je ein Knoten und hängt aneinander und das in jeder Richtung; so ist das mit dem Netz der Wirklichkeit(en), mit der verwebten Textur, mit dem prime world wide web, von dem das gegenwärtige nur das paradoxerweise rudimentäre wie unbeholfene Modell darstellt, welches schon im Anfangsstadium seiner Entwicklung einem Schrotthaufen ähnelte, den abstruse Mülljunkies auf der Suche nach Brauchbarem von allen Seiten durchbohren und das ja tatsächlich zugleich als Modell für das prinzipiell Unerreichbare steht, für die Utopie, eine perfektere Welt über eine ruinierte zu legen, wie man in einer Müllhalde heutzutage vorgibt, eine Müllschicht zu isolieren und abzudecken, um darauf eine weitere aufzulagern; ein Vorgang, wie er unabhängig von den technischen Versuchen, schon der Mythologie der Hopi entspricht. – Und allein in einer Schrift mit dem Titel „Schwitters in der Makulaturlawine“ wurde bisher die technische Utopie und die ethnische Mythologie miteinander vertextet, ja ich behaupte schließlich: Von Müller zu Schwitters. Alles ist Generaltext und unterliegt einem geheimen Schaltplan.

Eine weitere, progressiv einem Ende zustrebende Vorbemerkung: Es bleibt auch der von mir gehegte Verdacht, Recycling habe etwas mit Reinkarnation zu tun und umgekehrt, in vermutlich unaufklärbarer Schwebe. Betrachtet man den Müll als Zwischenstadium – sowohl das Ding, als auch seine Bezeichnung – so findet er sich in einem Kreisen um (und zugleich in einem scheinbaren Kreisen, weil Einspiralisieren der Dinge des Weltkonsums in) den Ziel- oder End- oder Null- oder Abzweig- oder Umkehrpunkt. Das Wortding Müll lässt das Wortding Tod assoziieren und beides hat über folgende Zustände noch nichts ausgesagt und kein Ende, nie.

Oder noch ein Beispiel zur Verwirrung: Von der Idee bis zur Ausführung (Recycling) der Armanschen „Poubelles“ wurde der dazu verwendete Müll vorerst unbeabsichtigt zwischengelagert, weil beabsichtigt, nämlich in Mülltonnen, zur Endlagerung aufbewahrt. In Form der Wieder-Holung Poubelle (Müll) wurde er zum Kunstwerk befordert und, nach Walter Benjamin, mit einer Aura versehen.Wenn das eine Wahrheit ist, bekam dieser spezielle Müll eine Seele implantiert, daher die Aura, und heißt jetzt Kunstwerk. Ausgewählter Müll wurde also von Arman umgewidmet und auf den Weg in die Ewigkeit geschickt. Rückwirkend verdienen die glücklichen Mülltonnen die Bezeichnung Kunsttonnen beziehungsweise Müllkunsttonnen. Aber das ist immer noch keine Unter- oder Anweisung in/zur Reinkamation(sfragen).

Warum Schwitters? – Schwitters war auf Material versessen. In der Druckerei Molling in Hannover war er in seinem Element. Dort suchte er mit Leidenschaft unbrauchbares Papier, Erstzustände von Mehrfarbendrucken, Fehldrucke und Makulaturen, die er rettete, um sie später in seinen Collagen zu verkleben. Denn, so wird gesagt, Schwitters labte sich am Kleister. Molling hatte einen Abfallkeller, in den durch eine Falltür ein- bis zweimal am Tag alles verdruckte Papier gekehrt wurde. Beinahe täglich, auf dem Heimweg von seiner MERZ Werbezentrale und bevor er sich wieder der Arbeit an seinem MERZbau widmete, kehrte Schwitters dort ein. Dann kniete er auf dem Boden des Abfallkellers und suchte, packte Papierrollen, sortierte Blätter wie ein Kenner kostbare Drucke. Und plötzlich wurde oben die Falltür geöffnet, eine Papierlawine stürzte auf Schwitters herab und drohte, ihn zu begraben. Doch Schwitters stand gebückt und wehrte sich mit den Schultern, richtete sich im Papierwirbel auf wie Meindl oder Gargantua und zugleich schnappte er mit beiden Händen nach Papier, Papier. Zu seinen Füßen türmten sich Berge von Papierklumpen, und Schwitters stöhnte und lachte wie auf der Serie von Fotografien beim Vortrag der Ursonate.

(3) Man müsste nun die Verbindung zu öffnen können oder wie unter einem Mikroskop betrachten, darin sich die Struktur oder der Schaltplan meiner Textur zwischen Müller/Schwitters befinden soll. Lassen wir zu aber verschlossen, entsteht ein quasi theologisches – oder aber, im Sinne der Alchemie, ein hermetisches – textiles Geheimnis.Der Verfasser las den Text auszugsweise im Rahmen des vorweihnachtlichen GAT-Festes am 22.12.2005 im Atelier Expositur, Glacisstraße 9, Graz.

Wenzel Mraček, geb. 1962 in Klagenfurt, Kunsthistoriker, Kulturredakteur, Autor, Seefahrer, lebt in Graz.

Literatur: W.M., Simulierte Körper. Vom künstlichen zum virtuellen Menschen. Wien, Köln, Weimar 2004 (Böhlau, www.boehlau.at).

Verfasser/in:
Von Wenzel Mracek

Weiterführende Links

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Lesung von Wenzel Mracek im Rahmen des GAT-Festes am 22.12.2005, mit Musik von Hannes Kawrzka, Saxophon
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v. li.: Wenzel Mracek und Hannes Kawrzka
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v. li.: Wenzel Mracek und Hannes Kawrzka
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Der Verfasser las den Text auszugswese im Rahmen des vorweihnachtlichen GAT-Festes am 22.12.2005 im Atelier Expositur des Künstlers Franz Motschnig Yang, Glacisstraße 9, Graz.

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