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"Aus dem Rahmen gefallen" - von Susann Sitzler. Nicht weit von San Francisco wurde für die Liebhaber des Idyllenmalers Thomas Kinkade ein Dorf nach seinen Gemälden gestal

09/10/2005

Aus dem Rahmen gefallen

Von Susann Sitzler

Nicht weit von San Francisco wurde für die Liebhaber des Idyllenmalers Thomas Kinkade ein Dorf nach seinen Gemälden gestaltet

Bruce Herbert ist ein Mann, der die Ordnung schätzt. Als die Kellnerin seinen Teller abräumt, sind die Pommes, die er nicht gegessen hat, parallel ausgerichtet. Bruce ist stattlich, mit welligem Haar und gut gebräunter Haut. Er ist Fan und Sammler des amerikanischen Malers Thomas Kinkade, der sich als »meistgesammelter Künstler der Nation« bezeichnet. Kinkades Bilder von reetgedeckten Cottages mit milden Bächlein und summenden Gärten hängen in jedem zehnten amerikanischen Haushalt. Kunstkritiker verabscheuen die historisierenden Landschaftsidyllen mit Namen wie Victorian Evening oder The Blessings of Autumn zwar als reaktionären Kitsch, aber das kümmert Bruce nicht. Kinkade wurde 1958 in einer kalifornischen Kleinstadt geboren und lebt heute südlich von San Francisco.

Vor zwei Jahren hat Bruce mit seiner Frau eine Sonntagsausfahrt gemacht und dabei eine Siedlung entdeckt, die ihn von weitem an eines der Gemälde von Kinkade erinnerte. »Die Vision einer einfacheren Zeit«, wie Kinkade sie auf jedem seiner Bilder von neuem malt. Wunderbarerweise war das, was Bruce sah, real. »The Village – a Thomas Kinkade Community« stand auf einem Schild in der Nähe eines besonders schönen Hauses, an dessen Ecken der Putz den Blick auf eine grobe Steinmauer freigab. Kein Jahr später hatten Bruce und seine Frau das Haus verkauft, in dem sie fast dreißig Jahre lang lebten. Seither wohnen sie im Village und sind glücklich wie nie. Bruce sagt: »Es war wie sterben und in den Himmel kommen.« Vielleicht sollte man an dieser Stelle erwähnen, dass um das Village ein meterhoher schwarzer Eisenzaun gezogen ist, den nur überwinden kann, wer den Code des Eingangstores kennt. Das Village ist die einzige gated community – eingezäunte Gemeinde – in der Masterplan-Siedlung Hiddenbrooke, knapp eine Stunde nördlich von San Francisco. Eingezäunte Gemeinden gibt es Tausende in den Vereinigten Staaten. Aber noch keine wurde nach den historisierenden Fantasien eines Genremalers des 21. Jahrhunderts gestaltet.

Am Horizont sieht man gelb gedörrte kalifornische Hügelketten, wenn man sich Hiddenbrooke nähert. Die altertümlichen Häuser der Siedlung erscheinen in einer Talebene, still und anmutig wie eine Geisterstadt des Wilden Westens. Obwohl man es schon besser weiß, beginnt die Fantasie zu greifen: Wer hat hier einmal gewohnt, was war das Schicksal dieses Ortes? Man bemerkt zwischen den Häusern eine pralle Rasenzunge und bekommt die unamerikanische Lust, spazieren zu gehen. Dann sieht man, dass das Grüne ein Golfplatz ist und die Geisterstadt frisch gestrichen. Dass jedes der altmodischen Häuser die gleiche Größe hat und keines irgendeine Narbe der Zeit trägt. An einem Ausläufer des Greens sieht man ein Reh, das unbeeindruckt vom Auto grast. Zuerst hat man nach der ganzen kalifornischen Weite aufgeatmet, weil hier die Proportionen europäischer sind. Jede Ecke erinnert einen entfernt an etwas. An französische Dörfchen, an englische Mittelalterstädtchen. Nun geht man vorsichtig durch die Straßen und hält sich auf dem Bürgersteig, obwohl kein Auto kommt.

Bruce Herbert wohnt im Haustyp Winsor, lindgrün, Eingangstür links. Wenn er an die Außenmauer klopft, klingt es hohl. Die Wände sind aus Pressholz, wie überall im Village, in Hiddenbrooke, in Kalifornien. Je nach Geschmack und Vorschrift werden sie mit einer dünnen Schicht Stein, mit einem Fachwerkfilm oder mit Schindelpaneelen überkront. »Wir können hier nicht in Stein bauen wie ihr Europäer, wegen der Erdbeben.« Bruce lächelt ungerührt. »Und kalt wird es hier auch nicht.« Er klopft noch einmal. »Für uns ist das stabil genug. Nur wenn ein Golfball hineinfliegt, gibt es ein Loch.« Schäden durch Golfbälle sind neben Falschparkern das Hauptärgernis im Village. Einige Häuser liegen in der Einflugschneise von Anfängerbällen und werden im Jahr 30-, 40-mal getroffen. Wenn er einen Verursacher erwischt, zwingt Bruce ihn, eine Schadensanerkennung zu unterschreiben. Zur Sicherheit hat er einen solchen Vandalen kürzlich auch noch fotografiert, »der kam mir komisch vor«. Unter anderem deshalb, weil dessen Frau zu Bruce gesagt habe, es sei auch nicht gerade schlau, direkt am Golfplatz zu wohnen.

Im Innern saugt der Teppichflor jeden Ton auf. Die kleinen Zimmer sind komplett mit dunklen Stilmöbeln eingerichtet. »Meine Frau liebt das Putzen«, sagt Bruce. Auf einem Foto im oberen Stockwerk lächelt sie neben ihm, jetzt ist sie gerade nicht zu Hause. Das erste Kinkade-Bild hängt unten im Eingang. Ein liebliches Landhaus, aus dessen Fenstern warmes Kerzenlicht quillt. Dafür ist Kinkade so berühmt, dass er sich selbst den gesetzlich geschützten Namenszusatz »Painter of Light« – Maler des Lichts – verliehen hat. An allen Wänden hängen solche Motive. Es sind keine Originale, denn Kinkade verkauft nur Kunstdrucke seiner Werke. Bruce besitzt die hochwertigste Variante: von offiziellen »Highlightern« wurden einzelne Stellen von Hand mit Farbe versehen.

Das Village ist der teuerste Teil von Hiddenbrooke. Die Häuschen kosten etwas mehr als eine halbe Million Dollar, hier lebt die Mittelklasse. Dazu kommen im Monat 150 Dollar für den Unterhalt der Straßen, für den die Bewohner der eingezäunten Gemeinde selbst aufkommen müssen. Als die Kinkade-Siedlung 2001 eröffnet wurde, reisten Tausende von Gästen aus dem ganzen Land an. Danach hörte man nur noch, dass die zuständige Abteilung der Vermarktungsfirma komplett entlassen wurde, weil sich die Häuser zu schleppend verkauften. Kinkade selbst hat sich seither im Village nicht mehr blicken lassen.

»Das hier ist ein Ort, der gerade zu leben beginnt«, sagt Paul Norberg. Norberg wohnt außerhalb des Eisenzauns und ist Präsident der Hiddenbrooke Community Association. Dieser Verein von Freiwilligen kümmert sich seit kurzem um das Gemeindeleben des Village und von ganz Hiddenbrooke, organisiert neue Mülleimer, die Reparatur des Wasserfalles an der Dorfeinfahrt, die Picknickpartys, die manchmal stattfinden, und auch den Aufbau eines privaten Schulbetriebes, der allmählich nötig wird, weil immer mehr junge Familien nach Hiddenbrooke ziehen. Bisher werden die Kinder in Vallejo unterrichtet. Aber die Stadt ist pleite, und entsprechend schmuddelig ist die dortige Infrastruktur. Im Village gibt es, anders als auf Kinkades Bildern, keinen Krämerladen, keine Post, keine Kirche. Das enttäuschte am Anfang die Interessenten. Das ganze Gebiet von Hiddenbrooke ist als residential only-Zone erschlossen worden, Gewerbe ist untersagt. Aber Pauls Verein engagiert sich für ein Geschäftszentrum mit kleinen Läden, das bald gebaut wird. »Irgendwann gibt es hier vielleicht sogar ein Hotel.« Noch ist das Clubhaus mit dem Restaurant, einer Golfboutique und einem Swimmingpool das Zentrum. Der schwarze Zaun des Village grenzt direkt an den Parkplatz, Bruce wohnt wenige Schritte dahinter, und wenn er das Kinkade-Idyll sehen will, muss er in die andere Richtung schauen.

»Wir haben viel mehr Freunde, seit wir hierher gezogen sind«, sagt Paul. »Wir nicht«, brummt Bruce. Er ist kein besonders geselliger Typ. Obwohl es ihm hier gerade deshalb so gut gefällt, »weil es jeden Tag etwas zu erleben gibt«. Fast täglich kommt er zum Clubhaus herüber, wo er an Versammlungen teilnimmt oder die Golfer beobachtet. Manchmal feiern auch Gäste von auswärts im Saal eine Hochzeit. »Das höre ich dann in meinem Wohnzimmer. Stört mich weniger als die Golfbälle.«

Die Masterplan-Siedlung Hiddenbrooke sollte 1987 zunächst zu einem exklusiven Golfresort mit einer Umgebung von mehrstöckigen, loftartigen Wohnungen werden. Masterplan-Siedlung bedeutet, dass ein Immobilienunternehmen das ganze Gebiet erschließt und danach in Stücken an verschiedene Unternehmen zur Vermarktung verkauft. Der Investor unterschätzte aber die Erdrutschneigung des krümeligen Bodens und ging Pleite. Überdies stellte sich heraus, dass hier niemand ein Loft wollte, sondern, wenn schon, Einfamilienhäuser. 1999 stieg eine neue Immobilienentwicklungsgesellschaft ein. Ihre Idee war, sich den enormen kommerziellen Erfolg des Malers Thomas Kinkade zunutze zu machen. Für das Village kaufte sie von Kinkades Firma die Lizenz für vier Fertigbauhäuser, die den Cottages auf seinen Bildern nachempfunden sind. Jedes Modell trägt den Namen von einer der vier Töchter des Malers, und jedes Modell kann durch drei Optionen – Arbeitszimmer über der Garage, andere Farbe, offenes Treppenhaus – in sehr begrenztem Maß individualisiert werden. Die Käufer erklären sich vertraglich bereit, nichts anderes als Gardinen oder Rolljalousien an ihre Fenster zu hängen – keine Handtücher oder Bettlaken – und das Innere ihrer Garagen so zu streichen, dass es ordentlich aussieht, wenn die Garage offen steht. Mittlerweile haben alle 101 Häuser des Village einen Besitzer gefunden, vor etwa einem halben Dutzend steht wieder ein for sale-Schild.

Beim Spaziergang durch das Village merken Bruce und Paul, dass die Besucher aus Europa Schwierigkeiten haben, die Geborgenheit zu verstehen, die dieser Ort ihnen gibt. Die beiden Amerikaner empfinden die Makellosigkeit nicht als leblos und die Regeln, die alle zur Gleichheit zwingen, nicht als beengend. »Wir sind sehr liberal hier«, versucht Bruce sich verständlich zu machen. »Das ist kein Gefängnis.« Es sei sogar unerheblich, ob man als Village-Bewohner überhaupt Bilder von Kinkade besitze.

Noch liegt das eingezäunte Dorf in nachmittäglicher Ruhe. Wenn doch einmal ein Auto vorbeikommt, wird es sofort von der Stille aufgesogen, verschwindet unsichtbar hinter irgendeinem Garagentor. In einem Haus übt jemand Klavier. Mit den schiefen Tönen im Ohr erkennt man plötzlich doch Zeichen eines echten Alltags im Village; kleine Windspiele in den Blumentöpfen, selbst gebastelte Namensschilder, das Kinderfahrrad neben einer Tür. Wie von selbst beginnt man sich nach einem Café umzusehen, wo man im Schatten ein Nachmittagsgläschen trinken könnte. Aber plötzlich weiß man, dass niemals jemand zwischen diesen altertümlichen Häusern, den schattigen Winkeln, den malerischen Steinmäuerchen flanieren wird.

»Der Zaun macht dich sicher«, hat Bruce gesagt. Aber sicher wovor? Dieser Zaun hat keine menschlichen Feinde abzuhalten, auch wenn das gut in das gegenwärtige Bild von den Amerikanern passen würde. Der Zaun ist der Versuch, die Leere auszusperren. Das blutjunge Village erzählt von einer uramerikanischen Furcht. Der Zaun und die dahinter liegende Kleinteiligkeit soll Schutz bieten vor der allgegenwärtigen Übermacht des Nichts, das überall zwischen den bewohnten Gebieten lauert. Diese großflächige, undefinierte Weite gibt den Rhythmus des ganzen, riesigen Landes an, fast nur unterbrochen von den öden Innenstädten, den Gewerbegürteln mit den immer gleichen Taco Bells und McDonald’s, den immer gleichen Suburb-Siedlungen. Es ist diese Grenzenlosigkeit unter einem leeren Himmel, die einen im Innersten bedroht, wenn man nicht sehr sicher in seinem Glauben ist oder wie die Vorvorfahren seine Tage damit ausfüllen kann, Indianer zu vertreiben oder Gold zu suchen. Auf einmal wirkt die umzäunte Pressholzidylle des Village rührend und liebenswert. Es ist vollkommen fremd, und man ist froh, dass man sich einmal so tief ins Innere Amerikas hineingeschlichen hat.

Als die Schatten länger werden, öffnet und schließt sich das Eingangstor des Village fast im Minutentakt, und die Wagen fahren nacheinander hinein. Eine Gruppe Jugendlicher schlurft mit Handtüchern über den Schultern zum Clubhaus und macht dabei echten Jugendlichenlärm. Eine Frau führt einen Hund an der Leine. Maximal zwei Hunde darf man im Village pro Haus besitzen, für Fische gibt es keine Begrenzung. Ein Pärchen stretcht nach dem Joggen die Waden an der Einfahrt. Im ersten Moment sieht es aus, als ob sie die Wand umstoßen wollten.

Zum Abschied hat Bruce uns fest angeschaut und uns dann eine Erlaubnis gegeben: »Ihr könnt noch im Village herumspazieren, so viel ihr mögt. Niemand wird euch belästigen.« Und auch das Reinkommen sei für uns kein Problem: Auf der Rückseite des Dorfes, dort, wo der Parkplatz des Golfhauses direkt an den Zaun grenzt, ist für Fußgänger immer ein Tor offen.Susann Sitzler, 1970 in Basel geboren, Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte. Journalistische Arbeit seit 1993; lebt seit 1996 als freie Printjournalistin und Radioautorin in Berlin. Reportagen und Porträts für Zeitungen und Magazine, publizistische Beiträge in Anthologien. Features und Reportagen für Deutschland Radio Berlin, Schweizer Radio DRS u.a.

2004 erschien im Ch. Links Verlag Berlin von der Autorin eine Mentalitätsgeschichte der Schweizer unter dem Titel "Grüezi und Willkommen. Die Schweiz für Deutsche«

ISBN 3-86153-331-6.

Verfasser/in:
ausgewählt von Karin Tschavgova zum herbstaktuellen Thema "Stadt und davor"

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