Die Geister – Sampler einer Reise auf 13 m²
Er hatte Sanchos Hinweis, dass es sich nicht um Riesen, sondern um Windmühlen handelte, missachtet. Der gleich folgende Sturz sollte sich als ebenso schmerzhaft erweisen wie die vielen Prügeleien, in denen er stets unterlag und nach denen er immer wieder von Sancho gesund gepflegt werden musste, um sich alsbald wieder in – aus der Illusion erwachsende – Gefahren neuer Abenteuer zu begeben. Sanchos stete Warnungen, es sei die wirkliche und nicht die Welt der Ritterromane, sollten bei dem passionierten Leser kein Gehör finden ...
Im Cockpit eines merkwürdigen Gefährts sitzend, das ich einmal Rosso nannte, begebe ich mich immer wieder auf Reisen durch eine vergleichsweise kleine Bibliothek in einem Arbeitszimmer von vielleicht 12 oder 16 Quadratmetern. Es sei nur ein roter Fauteuil, sagt Sancho, kein Fahrzeug, das wegen des geringen verfügbaren Raumes unbenutzt zum Teil unter die Schreibtischplatte geschoben werden muss. Aber es hat immerhin Rollen, auf denen es zu Beginn jeder Reise zwischen Schreibtisch und zwei Kommoden geschoben werden kann, in denen eine Stereoanlage untergebracht ist. Die Kommoden wiederum waren vormals Unterteile von Schrankvitrinen der aufgelassenen Bibliothek einer Villa aus dem 19. Jahrhundert. – Doch hier ist kein Platz für Authentizität.
Jede Reise beginnt so mit dem Rücken zur östlich gelegenen Schweiz oder vielmehr, korrigiert Sancho, der Abteilung mit Literatur aus der Schweiz, vor der sich ein unheimliches Chaos aus Kabelgewirr befindet, das den Zentralrechner des Bibliotheks- und Arbeitsraumes beschickt und das die Einreise immens erschwert. Auf allen Vieren also, unter dem Niveau der Schreibtischplatte, dringen wir in die zum Teil vom Rechenturm verstellte Schweiz vor und zu Autoren wie Peter Bichsel, Urs Widmer, Paul Nizon und zu anderen, bei denen die Farbe Rot, wie Rosso, eine tragende Rolle spielte. So bei Hermann Burger, ausgezeichnet zu Klagenfurt mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis. Der Autor und Literaturwissenschafter Burger gab sich in der Öffentlichkeit eher verschlossen, weshalb er einen Manager für Öffentliches, Lobbying würde man heute sagen, beschäftigte. Außerdem fuhr Burger, entgegen allen Klischees des Bohemiens, in einem Ferrari zu seinen Lesungen. Er rauchte auch immens viele Zigarren und teilte den einzig fertiggestellten Band seines mehrteilig angelegten Romans um das Leben von Arbogast Brenner in 24 Kapitel, entsprechend dem Inhalt einer Zigarrenkiste. Seinem „Traktatus logico suicidalis“ offenbar im Sinn einer Betriebsanleitung zum finalen Abschalten folgend, machte er sich im Jahr 1989 von dannen. Dann steht hier Adolf Muschgs Nachdichtung von Parzivâl als „Der rote Ritter“. Wolfram von Eschenbach, der durch Franken, Bayern, Schwaben und die Steiermark gereist war, erzählte die âventiuren des tumben Toren in Nachfolge der Artusromane und den wundersamen Werdegang eines Amateurs, der infolge eines äußerst unorthodox geführten Duells bis zum nicht mehr ganz frischen Gralskönig findet, dem er die richtige, weil einfachste aller Fragen stellt: Onkel, was fehlt dir?
Dem Ithêr aber, diesem Maulaffen feil haltenden Stutzer, der in seiner roten Rüstung und vom hohen Ross herab fragt, wer denn da sei, als ihn ein Bürscherl herausfordert, worauf dieses – der Parzivâl ist`s – sagt: Nur ich! und meint: Ich nur. Und Parzivâl gewinnt den Kampf, der in Wirklichkeit gar keiner ist, weil er nicht weiß, was ritterlicher Kanon zu tun vorgibt und Ithêr, der Ritter, nicht weiß, welches Ei er in Parzivâl vor sich hat. Einen Sauspieß schmeißt der ihm durch’s offene Visier, das zu schließen der Rote nicht für notwendig befunden hatte gegenüber einem, den er nicht als Knecht akzeptiert hätte. Und der kleine Parzivâl reißt zu Boden, was von jenem noch geblieben ist und nimmt sich, was ihm zusteht: Ross, Rüstung und Respekt. – Ich war dabei, ich war sogar Parzivâl. Doch Sancho lässt sich nicht überzeugen und beharrt: Du hast gelesen!
Und gleich daneben, immer noch die Schweiz, steht Jürg Laederachs publizierte Poetikvorlesung, die er 1987 in Graz gehalten hatte und die ich – einer von vielen – in der Meinung besucht hatte, so das Schreiben zu erlernen. Aber es ist das Lesen, das es zu erlernen gilt, um Laederach recht zu geben, als er feststellte: Ich bin der narzisstischen Ansicht, ich könne prinzipiell alles, jedes Zitat beispielsweise, wovon ich je spräche, selbst geschrieben haben. Eine spezielle Kennzeichnung sei deshalb überflüssig. So spricht der Appropriierungs-Wunsch, mittels welchem ich mir eine, selbstverständlich umfassende und alles beinhaltende Identität zuspreche. Die letzten Ausläufer meiner Selbsterkenntnis, also, meiner realistischen Einsicht in psychische Dinge, sind der Ansicht, ich existierte ohnehin nicht, es sei also alles, worüber ich sprechen könne, ohnehin von einem anderen, den es dieser Theorie zufolge auch nicht gibt; es stamme demnach alles, wovon einer, der sich für ein (oder „das“) Ich hält, spricht, ohnehin von allen anderen. – Wer spricht hier also? – Ich bin es, der hier erzählt! Müßig daher, Anführungszeichen zu setzen. Nur Sancho, gnadenloser Realist, Wissenschafter wenngleich Autodidakt, ist nicht einverstanden und zieht einen skeptischen Schnofel.
Aber, die Bücher sprechen hier ohnehin miteinander und brauchen mich als Leser vielleicht gar nicht. Nichtsdestotrotz bin ich Steuermann, Cybernes, nach dem Norbert Wiener seine Kybernetik benannt hat, und führe mein merkwürdiges Gefährt über Zusammenhänge und Assoziationen nach Italien. Über eine aufsteigende Luftlinie von gut zwei Metern zwischen den Regalabteilungen, jetzt wieder aufrecht stehend, wäre Umberto Eco nur durch einen Handstreich aus dem Regal zu kippen. Für „Der Name der Rose“ hatte ihm Jorge Luis Borges mit seiner vergleichsweise kurzen Erzählung „Die Bibliothek von Babel“ schon 1941 ein Exposé geliefert, in dem nicht nur das Universum als Bibliothekssystem erscheint, als Archiv des Denkens der Welten, Borges beschreibt Eco auch die Architektur der Anlage als Anordnung von Galerien in Räumen mit sechseckigem Grundriss, die, zwar über Gänge verbunden, ähnlich wie Bienenwaben aufgebaut ist. Eco dagegen nennt selbst in der Nachschrift zur Rose Borges nicht; allein der blinde Bibliothekar Jorge von Burgos, als Bewahrer des geheim zu haltenden zweiten Bandes der Poetik des Aristoteles, erinnert an Ecos kongenialen Kollegen, der in diesem Raum nur ein Regal höher und eineinhalb Meter entfernt lebt, und ein bisschen scheel auf Umberto herunterblickt. Eine Art Rechtfertigung findet sich aber doch in der „Nachschrift zum Namen der Rose“: Alle Bücher sprechen immer wieder von anderen Büchern und jede Geschichte erzählt eine längst schon erzählte Geschichte. Das wusste Homer, das wusste Ariost, zu schweigen von Rabelais und Cervantes ... (keine Anführungszeichen, ich spreche, das sind Eco, Laederach und die anderen). Eco, Borges und Alberto Manguel bilden in ebendiesem Regal die Eckpunkte eines nahezu gleichschenkligen Dreiecks, wobei Manguel, zu unterst, im rechten Winkel unter der Hypotenuse, sitzt. Er war Sekretär und Vorleser von Borges in Buenos Aires, nachdem dieser erblindet war, zum blinden Leser geworden war. Manguel, inzwischen hochdotierter Autor, ist – neben anderen Bänden mehr – mit einer umfangreichen Geschichte seiner Entwicklung als Leser vertreten und leitet mit einem Zitat aus einem Brief von Gustave Flaubert ein: Lies, um zu leben.
Flaubert aber steht in der Abteilung für noch zu lesende Bücher und bildet mit den drei Erwähnten, eher zufällig, die vierte Ecke eines Rechtecks in diesem Regal. „Bouvard und Pécuchet“ ist die Geschichte zweier Autodidakten, die sich in ein Landhaus zurückziehen, um sich nach einem lexikalischen Verfahren möglichst viel Wissen anzueignen. Ein Unterfangen, das nur scheitern kann, das aber wieder als Motiv in Sartres „Der Ekel“, ein Meter nach links oben, auftaucht, in dem ein so genannter Autodidakt versucht, sich in alphabetischer Abfolge durch vielbändige Enzyklopädien einer Stadtbibliothek zu arbeiten. Daneben Georges Perec von Oulipo (Ouvroir de littérature potentielle) mit „Das Leben. Gebrauchsanweisung“, Roman um die Bewohner eines mehrgeschossigen Hauses, die durch den Erzähler Biografien erhalten, die in diesem Haus wie in einer Bibliothek versammelt erscheinen.
Borges’ poetischer Strategie, Fiktion und Historizität schier unentwirrbar aneinander zu knüpfen, verdanke ich allerdings ein wunderbares, vielschichtiges Missverständnis anlässlich eines Privatissimums zur Kunstgeschichte. In einer auf die Lektüre von Arthur C. Dantos „Die Verklärung des Gewöhnlichen. Eine Philosophie der Kunst“ folgenden Diskussion um Probleme des Plagiats, der Kopie, der Replik und Möglichkeiten der Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Simulation gingen der – nur in seinem Buch anwesende – Danto, 15 angehende DoktorInnen und ein Professor seiner Fabel, und damit Borges selbst, auf den Leim. In der 1944 erschienenen Erzählung – damit könnte schon alles erklärt sein – „Pierre Menard, Autor des Quijote“ beschreibt Borges die Ambitionen Pierre Menards, Miguel de Cervantes’ Don Quijote nicht mechanisch zu kopieren, nein, er hätte diesen vielmehr Wort für Wort und Satz für Satz nachgedichtet und wäre schließlich zum eben gleichen Ergebnis wie Cervantes vor 400 Jahren gekommen, weil dies die einzige, so präzise wie perfekte, Möglichkeit sei, den Quijote nachzuerfinden. Indem Borges diesen, seinen Menard mit Bio- und Bibliografie ausstattet und wohl auch einige Probleme seiner Literatur in scheint’s wissenschaftlicher Manier behandelt, ging der ansonsten beachtete Kunsthistoriker Danto in seiner als Philosophie der Kunst erschienenen Betrachtung ganz offensichtlich und ohne zu recherchieren davon aus, Pierre Menard wäre ein historischer, also realer Autor. Wir, die Seminaristen und Professoren, setzten nun voraus – hatte doch bis dato keiner den Borges gelesen – Danto wüsste schon, worüber er philosophierte. Wir also waren bass erstaunt, dass es möglich sein sollte, einen Roman wie den Quijote von Cervantes Wort für Wort nachzudichten. Hätten wir uns aber um die Lektüre bemüht, wären wir wohl nicht um den Titel des Erzählbandes herumgekommen - „Fiktionen (1944)“. Hier ist nachzutragen, dass Dantos Band im Regal recht leger vor Jean Baudrillard auf dem Bauch liegt.
Im Vergleich zum eingangs angeführten unritterlichen Duell führt François Rabelais – in diesem Raum irgendwo in der Abteilung der Franzosen – 330 Jahre nach Wolfram von Eschenbach die weit feinere Klinge. Rabelais’ Erzähler gibt in „Gargantua und Pantagruel“, der Geschichte eines Geschlechts von Riesen, die nach Unmengen von Kutteln, Anstalten machen, in ihrem Heißhunger die Welt zu verschlingen, eine Kampfszene wieder, in der sich der obsiegende Kombattant als versierter Anatom erweist, der Rabelais ja war: „Plötzlich zieht er ihn [den Säbel] und versetzt damit dem Bogenschützen, der ihm zur Rechten stand, einen Hieb, der diesem die jugularen Venen und sphagitischen Arterien am Hals wie die Kehle bis zu den beiden Halsdrüsen mitten durchschnitt, beim Zurückziehen aber das Rückenmark zwischen dem zweiten und dritten Wirbelknochen bloßlegte, sodass der arme Teufel tot zu Boden fiel. Dann ... stürzte er sich auf den anderen ... Damit spaltete er ihm den Schädel, indem er die Schuppe über dem Felsbein durchhieb, Stirnbein und Hinterhauptbein, Pfeilnaht nebst einem großen Teil des Scheitelbeines mitnahm, die beiden Hirnhäute durchschnitt und die beiden hinteren Gehirnventrikel vollständig bloßlegte, sodass ihm der abgetrennte Kopf an der Haut des Perikraniums hinten auf die Schulter hinabhing wie ein Doktorhut, auswendig schwarz und inwendig rot. Ohne einen Mucks von sich zu geben, stürzte er tot zu Boden.“ Und hier spricht Rabelais, der Erfinder der literarischen Zeitlupe, der hier nicht allein seine Figuren seziert, sondern auch den zeitlichen Verlauf zweier Säbelhiebe. Ich wäre dazu nicht in der Lage.
Die Protagonisten der literarischen Zeitlupe leben im Süden meines Arbeits- und Reiseraumes. Da ist Arno Schmidts „Zettels Traum“, die Revanche auf James Joyce’ „Ulysses“, nur zwei Meter von diesem entfernt. Leopold Blooms 24-stündige Odyssee durch Dublin auf 1015 Seiten pariert Schmidt mit einem nur vierstündigen Spaziergang von vier Personen durch die Heidelandschaft auf 1304 Seiten, während dem die erzählte Zeit zur Erzählzeit in einem kaum mehr zu bewältigenden Verhältnis steht, in dreispaltigen Synopsen angelegt und als Faksimile des Tiposkripts im Format A3, acht Hefte, 12 Zentimeter breit, 9,5 Kilogramm schwer. Hier wird allein schon der Raummangel zum maßgebenden Faktor für die Lektüre. In der gleich anliegenden Umgebung steht der Ulysses-Übersetzer Hans Wollschläger mit seinem Kasus „Der Fall Adams“ in dem er anmerkt, dass stets die großen Bücher so einsam seien – klar, wer liest das schon –, während nur dreißig Zentimeter entfernt die Abteilung Klaus Theweleits steht, darunter die insgesamt 25 Zentimeter breiten Bände „buch der könige“ gegenüber dem in der Raumdiagonale von ca. vier Metern aufgestellten Buch mit den titelgebenden Kapiteln.
Hier beginnt das Prahlen, merkt der verlässliche Sancho an. Der allerdings pflegte mich ein weiteres Mal gesund, nachdem ich vor einigen Jahren versucht hatte, „Arno Schmidts Wundertüte“ aus der weit oben gelegenen Regalabteilung zu ziehen. Der hart gebundene, 50 Dekagramm schwere Band, entglitt und schlug mir ein blaues Auge. Selbstredend, dass meine daher stammenden Warnungen um die Gefahren, die von Literatur ausgehen, stets ignoriert werden, schlimmer noch, man sagte mir Prügeleien nach.
Literatur isoliert: während des Lesens sozial und in Regalen an der Wand physisch, weil der Wärmeleitfaktor K des Papiers glücklicherweise gering ist. Die Akkumulation der Literatur aufgrund realen Raummangels bietet dagegen den Vorteil ideeller Weite, die nach eigenem Gutdünken bereist werden kann und besagtes Fahrzeug, das ich einmal Rosso nannte, kann bestens in Hausschlapfen manövriert werden wie es etwa auch der mitreisende Klaus Theweleit zu tun pflegt. Jener reale Raummangel aber wird auch durch die vielleicht einmal größere Wohnung kaum behoben werden, weil sich weitere Bücher hereinzwängen wollen. Diesbezügliche Aussichten eröffnet nebenstehende Fotografie der Abbildung des Arbeits- und Reiseraumes von Werner Oechslin, Schweizer Literaturwissenschafter, in einer Ausgabe der Zeitschrift DU, durch die paradox anmutende Möglichkeit, einen größeren Raum im kleineren zu verpacken.
Das ist lange noch nicht alles, keine Geschichte kann von ihrem wirklichen Anfang bis zu ihrem wirklichen Ende erzählt werden, respektive beginnt keine Geschichte und sie endet auch nicht. Immer ist da noch viel mehr, das in weiteren Geschichten erzählt werden will. Doch Sancho beharrt, es sei jetzt genug, er möchte wirkliche Abenteuer erleben – und Dulcinea will mir ihre Geschichte vorlesen.
Nachsatz: Neben den unzähligen in diesem Raum nicht vertretenen Autoren und Geschichten befindet sich hier tatsächlich kein Don Quijote von Cervantes und ich muss gestehen, ihn nicht einmal gelesen zu haben.
Wenzel Mraček, geb. 1962 in Klagenfurt, Kunsthistoriker, Kulturredakteur, Autor, Seefahrer, lebt in Graz.
Literatur: W.M., Simulierte Körper. Vom künstlichen zum virtuellen Menschen. Wien, Köln, Weimar 2004 (Böhlau, www.boehlau.at).
- Verfasser/in:
- Wenzel Mracek
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