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"Im Labor der russischen Gesellschaft" - Über die wechselvolle Geschichte eines Insel-Klosters im Weißen Meer. Von Juris Vulis, Moskau

18/09/2005

Im Labor der russischen Gesellschaft

von Juris Vulis, Moskau

Als Labor zur Umformung von Menschen hat man Anfang des 20. Jahrhunderts die Inseln von Solovki im Weißen Meer bezeichnet. Ein Kloster, das Mönche hier vor fünf Jahrhunderten errichtet haben, wurde zum Vorboten des traurig berühmten Archipel GULAG.

Im Weißen Meer, 160 Kilometer vom Polarkreis entfernt, liegen die Inseln von Solovki. Die Völker, die auf dem Festland in diesen Gegenden vor ca. 4000 Jahren gelebt hatten, waren der Überzeugung, dass diese Inseln die Grenze zum Jenseits bilden und man sie nur unter Einhaltung religiöser Riten oder zum Zweck der Beerdigung der Helden und Stammesführer besuchen könne. Neben den heiligen Grabstätten wurden Labyrinthe aus Stein errichtet, die nach Ansicht ihrer Erbauer die Welt vor der Rückkehr der verstorbenen Seelen bewahren sollten.

Erst im 15. Jahrhundert wurden die Inseln durchgehend besiedelt, als Mönche auf der Suche nach Abgeschiedenheit hier landeten und ein Kloster erbauten, das bald zum ökonomischen und geistlichen Vorposten im Norden Russlands und jährlich von Tausenden orthodoxen Pilgern besucht wurde. Um die angehäuften Reichtümer und die Ruhe zu sichern, zogen die Mönche rund um das Kloster mächtige Befestigungen hoch. Die Höhe der Festungsmauern erreichte elf Meter, die Stärke der Fundamente an die sechs. Alles wurde gemäß den allerletzten Errungenschaften der militärischen Befestigungskunst errichtet.

Dem Kloster fiel u.a. die Aufgabe zu, Funktionen der weltlichen Macht wahrzunehmen: bewaffnete Kräfte zu halten, richterliche und gesetzgebende Befugnisse auszuüben. Anfang des 16. Jahrhunderts entstand hier ein eigenes Gefängnis, das bald durch Größe und harte Ordnung berüchtigt war. Die große Mehrheit der Inhaftierten kam schon in den ersten Jahren ihrer Gefangenschaft um. Fast vier Jahrhunderte haben die Mönche die Rolle der Gefängniswärter ausgeübt, und diese mit dem gleichen Eifer betrieben, wie sie ihre Gebete lasen, Kartoffeln setzten oder Holz fällten. Das Kloster von Solovki, in dem die Gläubigen das Alleinsein suchten, um in Ruhe für die Rettung ihrer Seelen zu beten, wurde gleichzeitig zum Zentrum der Zwangsisolation für die religiöse und politische Opposition in Russland.

Im Jahr 1903 wurde das Gefängnis liquidiert. Das Kloster mit seinen ökonomischen Errungenschaften ging sicheren Schrittes ins 20. Jahrhundert. Zu dieser Zeit hatte es seine eigene Flotte, das erste Trockendock im Norden des Reiches, ein Wasserkraftwerk, das die Energie von Flut und Ebbe nützte, eine Radiostation, eine entwickelte Landwirtschaft und Handwerksbetriebe. Das Kloster nahm an internationalen Ausstellungen teil, handelte mit fremden Staaten, half dem Staat mit Finanzdarlehen aus. Gleichzeitig aber schlich sich in das Unterbewusstsein der Mönche eine Unruhe ein, deren Grund die schöne Idee von der allumfassenden Gleichheit und dem Glück aller Menschen war. Doch das Prinzip der Gleichheit war umstritten und löste im Kloster einen Machtkampf aus. Entgegen den Gesetzen gelang es den Mönchen, den obersten Klostervorsteher Joaniki zu stürzen und eine „demokratische“ Abstimmung durchzusetzen. Aber auch der neue Abt wurde rasch wieder abgesetzt. Man kann die Vorgänge für eine kleine Revolution halten, auf die schon bald im Jahr 1917 in Russland die Große folgte sollte. Zunächst hofften die Mönche noch, dass die neue sowjetische Staatsmacht ihnen dabei helfen würde, ein „gerechtes“ Leben zu organisieren. Doch die folgenden Ereignisse sollten zeigen, wie bitter sie sich darin geirrt hatten.

„Die rauen klimatischen Bedingungen, die Arbeit und der Kampf mit der Natur wird eine gute Schule für jegliche verrufene Elemente sein!“, beschlossen die Kommunisten und gründeten 1923 in der „Brutstätte des religiösen Betäubungsmittels“ das „Solovezker Lager für spezielle Zwecke“ (SLON). Paradoxerweise waren die ersten Inhaftierten dieses Lagers Mitglieder jener politischen Parteien, die die Bolschewiken in ihrem Kampf um die Macht unterstützt hatten.

Am Polarkreis wurde ein Versuchsgelände errichtet, wo man fern von den Augen der Gesellschaft allmählich die Methoden zur Beaufsichtigung der Gefangenen, ihre Erschießung und die Bestattung der Leichname auszufeilen begann. Verpflegungssätze wurden ausgearbeitet, Möglichkeiten zur Anwendung von Zwangsarbeit für Gefangene wurden studiert. Die Aufseher von Solovki, die hier die Schule durchlaufen hatten, wurden später zu Lagerleitern auf dem gesamten Territorium der Sowjetunion.

Wenn man auf die Wortverbindung „Lager für spezielle Zwecke“ achtet, so kann man bemerken, dass sich im Lauf der Zeit die Bedeutung geändert hat – in den 20-er Jahren waren die „besonderen Zwecke“ andere als in den 30-er Jahren. Immer von Gültigkeit jedoch war der Spruch der Gefangenen: „Heute auf Solovki, morgen in ganz Russland“. „Neueinführungen“ nämlich, die auf den Inseln ausgefeilt wurden, wurden später im ganzen Land angewendet.

In den 20-er Jahren wurde der Akzent auf die Schaffung eines Menschen mit neuem sowjetischem Bewusstsein gelegt. Deshalb schickte man zu dieser Zeit vor allem so genannte „sozial fremde Elemente“ auf die Inseln – die Intelligenzija, Priester, Vertreter der alten Elite. Unter ihnen befanden sich im ganzen Land bekannte Leute wie der Literat Dmitri Lichatschev, der Philosoph und Theologe Pavel Florenskij und viele andere. Die einzige Schuld dieser Leute lag darin, dass sie schon allein durch ihre Existenz die sowjetische Idee in Zweifel zogen, insofern nämlich, als sie aus einer nichtproletarischen Gesellschaftsschicht stammten. Dieses „Material“ musste verbessert und umerzogen werden.

Um eine Effizienz darin zu erlernen, wurde auf dem Archipel von Solovki ein riesiges Laboratorium geschaffen. Praktisch war dies ein Staat im Staat mit eigener Gesellschaftsstruktur, mit Hauptstadt, einem Kreml (1917 hatte man das Kloster dahingehend umbenannt), mit Armee, Flotte, Gericht und Gefängnis. Selbst ein eigenes Lagergeld wurde hergestellt, Zeitungen und Journale herausgegeben, einige Theater wurden organisiert und sogar eine wissenschaftliche Gesellschaft, die die Naturbesonderheiten der Inseln und die historischen Denkmäler erforschten. Der Arbeit wurde anfänglich die Rolle der Umerziehung zugewiesen – unter der Aufsicht von kriminellen Verbrechern, ehemaligen Tschekisten und Kommunisten wurden die verbannten Professoren, Ingenieure und Priester gezwungen, etwa den ganzen Tag in Eimern Wasser aus einem Eisloch in ein anderes zu schleppen oder Holz auf Stapel unterschiedlichster Art zusammenzulegen. Es ist interessant anzumerken, dass in der Organisation dieser Arbeiten – unter Berücksichtigung der alten Tradition – sogar mehr als 60 Klostermönche teilnahmen, die als bezahlte Instruktoren angeheuert wurden. Die Leiter dieses ganzen Systems meinten, dass es ihnen gelungen war, eine „Fabrik zur Umformung von Menschen“ zu schaffen. Der Inhaftierte Michail Nikonov jedoch nannte es eine „Verwirklichung der Hölle auf Erden“.

1929 endete die Periode der „Umerziehung“ im Lager infolge eines Massensterbens der Gefangenen. Das Wesen der „speziellen Zwecke“ wurde abgeändert, weil die „Umerziehung“ ihre Aktualität verloren hatte – die beginnende Industrialisierung brauchte billige Arbeitskräfte.

Der nächste Schritt in der „Entwicklung“ des Lagers von Solovki war mit den Versuchen verbunden, eine maximale Effizienz aus der Zwangsarbeit von Gefangenen und der Verbreitung dieser Erfahrung in ganz Russland zu erreichen. Die Anzahl der Gefangenen wuchs stark an, und unter ihnen tauchten vermehrt technische Spezialisten, qualifizierte Arbeiter und Bauern auf. Nunmehr lautete das Hauptgesetz des Lagers: „Die Brotmenge entsprechend der Produktionsleistung!“ Kranke, Geschwächte und Ältere waren der Erschöpfung und dem Tod preisgegeben, die aber, die die Arbeitsnorm erfüllten, erhielten ausreichend Lebensmittel, wurden mit Urkunden und Piroggen ausgezeichnet, ihre Portraits wurden auf der „Ehrentafel“ des Lagers ausgehängt. Stalin hatte sogar vorgeschlagen, Gefangene mit Orden auszuzeichnen, sie jedoch nicht aus dem Lager zu entlassen, „damit sie nicht in der Freiheit wieder verdorben würden“.

Nach einer gewissen Zeit begannen sich die Umstände abermals zu ändern – auf den Inseln waren alle Wälder abgeholzt worden, wodurch das Anwendungsobjekt für die „Produktionsarbeit“ verloren gegangen war. 1931 begann Stalin die Realisierung seines Pharaonenprojekts – den Bau des Weißmeer-Baltischen Kanals. Dahin schickte man einen Großteil der Gefangenen des Archipels. Mit dem Heranrücken der Massenrepressionen des Jahres 1937 änderte sich der „spezielle Zweck“ des Lagers ein weiteres Mal. Die Wärterordnung wurde massiv verschärft, und das Lager verwandelte sich allmählich in ein Gefängnis. Auf Instruktion der Administration wurden 2000 Gefangene ausgewählt und erschossen. Es heißt, dass mehr als 1000 Menschen anlässlich des 20. Jahrestages der Oktoberrevolution erschossen worden sind. Die Höllenmaschinerie freilich, die die Bolschewiken geschaffen hatten, verschonte niemanden – nach einiger Zeit wurden viele der Henker selbst entweder erschossen oder erlitten Repressalien. So kam der Tschekist, der als erster die rote Flagge über dem Lager gehisst hatte, nach drei Jahren dorthin als Gefangener zurück. Auch viele der Errichter und Leiter des Lagers von Solovki wurden erschossen.

Wegen der großen Zahl der Gefangenen auf den Inseln wurde 1939 ein eigener Gefängniskorpus errichtet, den man jedoch nicht mehr in Betrieb nehmen konnte, da inzwischen der Zweite Weltkrieg begonnen hatte, und das Gefängnis von Solovki erneut umgestaltet wurde – die Inseln brauchte man nun für die Schaffung einer Basis für die Meeresflotte der Armee. So kam es zu einem weiteren Paradoxon: der einzige Platz auf den Inseln, wo niemals Gefangene gelebt hatten, war ausgerechnet das Gebäude des neuen Gefängnisses. Im Spätherbst verbrachte man die Gefangenen auf Schiffe und fuhr sie in Lager, die sich auf dem Festland befanden – dort konnte man die Gefangenen noch lange an ihren speziellen Kleidern erkennen. Das Lager von Solovki (SLON) verschwand im Nichts, aber in der Zeit seiner Existenz hat es eine neue, der Welt noch unbekannte Bestie geboren – den GULAG (wörtlich: Hauptverwaltung der Lager). Diese Institution, die Solschenizyn in Analogie zu Solovki auch „Archipel“ genannt hatte, erfasste das gesamte Territorium der Sowjetunion.

Schlussfolgerung: Fünf Jahrhunderte nach seiner Gründung wurde das Kloster in die „UNESCO-Liste des Welterbes“ als Meisterwerk der Architektur aufgenommen. Bis zum heutigen Tag bleibt es ein Ausdruck der vielen Probleme des modernen Russlands. „Soweit ich weiß, gibt es bislang in den Ländern Osteuropas kein einziges Museum, das gänzlich dem Andenken an die Opfer des kommunistischen Terrors gewidmet wäre. Ja, und auch hier auf Solovki wollen viele dieses Denkmal weghaben. Die Mönche wollen die Inseln ganz in ihren Besitz nehmen, deshalb versuchen sie alles, was ans Lager erinnern könnte, zu beseitigen – die ehemaligen Gefangenenzellen richten sie her und machen aus ihnen Wirtschaftsräumlichkeiten. Die örtliche Bevölkerung weiß praktisch nichts von der Geschichte des Lagers. Man kriegt den Eindruck, dass man diese Zeiten einfach lieber vergessen will“. So äußert sich verärgert und betrübt die Direktorin des Informationszentrums der Menschenrechtsorganisation „Memorial“, Irina Flige. Jeden Sommer Anfang August finden auf den Inseln von Solovki Gedenktage für die Opfer des kommunistischen Terrors statt. An diesen Tagen kann man hier ältere Menschen mit silberweißen Haaren treffen. Und es übermannt einen Trauer, wenn man zufällig erfährt, dass sie Kinder oder Enkel ehemaliger Gefangener sind. Von denen, die seinerzeit in das Lager von Solovki gerieten und dabei nicht umkamen, lebt heute niemand mehr.

Der Autor dankt der Direktorin des Informationszentrums „Memorial“, Irina Flige, und dem Gründer des Museums des Lagers von Solovki, Juri Brodski, für Auskünfte und Unterstützung.

Übersetzung aus dem Russischen: Eduard Steiner

Weiterführende Links

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Blick von der Bucht Blagodenstvije (= „Wohlstand“) auf das Kloster von Solovki
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Einer der wenigen Plätze im Kloster, der unverändert die Erinnerung an die Lagerzeiten bewahrt hat
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Prozession um das Kloster
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Mönche segnen das Kirchenvolk und die Pilger
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Kapelle und kleiner Friedhof
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Die Verbindung zwischen Mutterland und Archipel wird sowohl von Schiffen, die dem Kloster gehören, als auch von kommerziellen Schiffen aufrechterhalten. Die Überfahrt kostet für Ausländer zwei Mal soviel wie für Russen
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Blick vom Heiligen See auf das Kloster
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Die Frauenbaracken sind bis heute erhalten und bewohnt. Touristen können hier am billigsten ein Zimmer mieten. Dem Autor gelang es nicht herauszufinden, warum die örtliche Bevölkerung dieses Gebäude Shanghai nennt
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Zwischen den Baracken ist die Spitze des Klostergebäudes zu sehen
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Vorbereitungen für den Winter, der auf den Inseln von Solovki rau und wegen der Polarnächte dunkel ist. Der Polarkreis liegt nicht weit entfernt, im Dezember scheint die Sonne lediglich für wenige Augenblicke
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Eines von vielen Labyrinthen auf der Insel Bolschoj Zajacki. Eine Hypothese besagt, dass die Labyrinthe Beerdingungsanlagen waren, in denen die Seelen der Verstorbenen umherirren müssen, um nicht mit einem plötzlichen Auftauchen ihre Verwandten zu erschre
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Blick vom Schiff auf die Insel Bolschoj Zajacki. Die Kirche des Heiligen Apostels Andrej Pervozvannyj

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