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"Starthäuschen" von Wolfgang Wildner

04/09/2005

"Starthäuschen" von Wolfgang Wildner

Österreich ist frei. Sei frei. Das habe er, Läufer, einst gehört, so der Läufer in jenem Haus, das zum Zwecke des Starts errichtet, zum Zwecke des Starts des Laufes des Läufers. Das Vernehmen des Satzes, beheimatet in seiner Erinnerung. Österreich frei. Er, Läufer, hingegen im Kerker des Siegenmüssens in Serie für Österreich gefangen.

Als kleines Kind, unfähig zu chronologischer Wahrnehmung. Seine Eltern seien aufs Feld gestürmt, wo er gespielt, habe gespielt. Er, späterer Läufer, olympischer Läufer, der im Schnee stochern, auf dem übermenschlicher, unmenschlicher Druck lasten würde, auf dem Feld spielend, spielend auf dem Feld, als die Meldung, Österreich sei frei, sich in Gestalt seiner Eltern ihm mitgeteilt habe, dem Kind, späteren Läufer. Dunkel sei die Erinnerung geworden. So der Läufer. Heuschrecken sprangen lustig von Halm zu Halm. Wiese duftete nach den ersten Blüten des Löwenzahns. Lauer Wind wehte von den mächtigen, noch schneebedeckten Bergen, Gänseblümchen auch. So könne, könnte es gewesen sein: Eltern, Vater, Mutter, Heugabeln schwingend stürmend. „Stell dir vor, Kind, späterer Läufer, auf dem Druck lasten wird, enormer, unmenschlicher, olympischer Druck, Österreich ist frei! Frei, frei, frei!“ Mutter im kindshohen Gras. Liegend. Die blonden Zöpfe wie Schlangen. Sein Vater, Vater, sich vor ihm aufpflanzend mit der Heugabel. Wie der Läufer später die Skier im Falle des Triumphes empor strecken würde, so stach Vater, der Vater des späteren Läufers, des nachmaligen Siegers in Serie die Heugabel in den Himmel über Kärnten. „Österreich ist frei.“

Später: Das Starthäuschen sei ihm niemals zur zweiten Heimat geworden. Die Aussicht sei gut. Im Rennen fahre jeder für sich, für sich selbst. Die Einsamkeit im Starthäuschen verdichte sich.

Es sei im Lager der Alpinen der Seriensieger häufiger anzutreffen als der sich wiederholende Mörder, der Druck der Millionen Erwartungen an einem stinkend normalen Donnerstag im Februar, Februar 1976, lasse ihn, so der Läufer, Klammer Franz, einsam im Starthaus stehen und bringe ihn, Klammer Franz, dazu, im Schnee zu stochern, und verurteile ihn, Klammer Franz, dazu, vor dem inneren Auge die Abfolge der Bewegungen beim explosiven Start wie in Zeitlupe wahrzunehmen. Heimat sei das Starthäuschen seinem Wesen nach nicht, so der Läufer. An der Unfähigkeit des Häuschens zur Heimat ändere auch dessen rustikale Architektur nichts, null. Starthäuschen tauge nicht zum Heimatland. Er werde sich aus dem Kerker des Starts, euphemistisch Häuschen genannt, abstoßen, so der Läufer. Einzig eine von ihm selbst unter seinem Gewand mitgeführte, streng genommen vielmehr dort verborgene Mariamuttergottes würde ihm, so der Läufer, im Falle des erfolgten explosionsartigen Hinauskatapultierens aus dem Starthäuschen moralisch von Vorteil sein. So sei er mit seiner unter der zweiten Rennhaut verborgenen Madonna jedenfalls sentimentaler Sieger, auch wenn er nicht als Sieger durch das Ziel gehen sollte.

Es komme auf die Form des Tages an. Da helfe die kompakteste Hocke nichts. Auf das Wachs. Die Bedingungen. Seien auch die Verhältnisse noch so unwidrig, die Tagesform müsse stimmen. Unwesentlich die Architektur des Starthäuschens. An diesem sonst (eigentlich) so stinknormalen Donnerstag im Februar (1976) würde, so der Läufer stochernd, alles, aber auch schon alles von der Tagesform abhängen. Vom Griff in die Tube voll Wachs, die jedoch, so der Läufer: eine auszudrückende sei. Eine Tube sei durch das Drücken zu entleeren, nicht durch das Greifen. Aus ihm gegenüber vom internationalen Verband des Skis geltend gemachten Gründen der Sicherheit, so der Läufer, sehe er sich gezwungen, seine Frisur unter einem Helm zu verbergen. Dem Zufall seien Tür und Tor geöffnet.

Wenig ratsam, im Falle des Verlustes der Kontrolle über die Richtung der Fahrt ohne Helm zum Beispiel mit einer Zirbe zu kollidieren. Zumal er im Zuge der Abfahrt einen, wie es heiße, kriminellen Fahrstil an den Tag lege und kaum jemals eine Kontrolle über die Richtung der Fahrt für den Außenstehenden, also am Pistenrand oder vor dem TV-Gerät Anwesenden, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verbürgt sei. Ihm selbst erscheine, so der Läufer (Klammer Franz), sein eigener Stil des Abfahrens der Abfahrt als eine Brüskierung der ihre persönlichen Hoffnungen sowie ihr nationales Begehren auf ihn, den Läufer, richtenden Zuschauer. Die Bewegung seiner Arme im Zuge der Anstrengung, den Verlust der Kontrolle über die Richtung der Fahrt zu verhindern, werde von Beobachtern am Pistenrand, aber auch zuhause an den Fernsehgeräten als Rudern bezeichnet. Auch die Zuhörer an den Radioempfangsgeräten vermöchten sich durch die immer mehr zu hysterischem Schreien sich steigernden Erläuterungen des Kommentators ein Bild von seiner häufig als abenteuerlich bezeichneten Fahrweise zu machen. Ein Durchkommen durch alle Tore und ein Einlaufen ins Ziel werde Rennen für Rennen trotz der nicht zu leugnenden Tatsache seiner Siege in Serie auch von emotional unbeteiligten Zusehern als Wunder gepriesen.

Dass gerade dem Sieger in Serie das neuerliche Gewinnen eines Rennens von der Nation auferlegt werde, habe ihn verwundert. Warum müsse gerade der Sieger in Serie durch ein neuerliches Siegen beweisen, dass er zu siegen in der Lage sei, warum?

Wäre dieses unmittelbar bevorstehende nächste Mal dann auch (bitte!) das letzte Mal, dass er von den tausend Millionen Träumen der vor den Fernsehgeräten verharrenden Österreicherinnen und Österreicher zum Sieg gezwungenermaßen verurteilt sei. Wäre dieses nächste Mal im Falle seines Sieges das bis zum Ende aller Zeiten ihn als Sieger in Serie bestätigende, ihn zur Unsterblichkeit erhebendes letzte Mal? Endgültiger Sieg, Endsieg? Der Sieg des Siegers in Serie über das Müssen des Siegens in Serie?

Manchmal wünsche er sich, Klammer Franz, im Sprung erlöst zu werden. Nicht mehr auf der pickelharten Piste aufkommen, nicht mehr die messerscharfen Kanten einsetzen, nicht mehr in die Hocke gehen, nicht mehr die Stöcke unter die Achseln klemmen, nie mehr an den Start gehen müssen, nie mehr in das Starthäuschen einziehen, nie mehr es verlassen durch Hinauskatapultieren. Erlöst zu werden im Flug. In ein anderes Sein geworfen, so der Läufer. Sei es auch in ein Nichtsein. Der Aufgabe enthoben, als Träger der Hoffnungen ins Tal zu jagen, als olympischer Sieger abzuschwingen, die Arme in die Höhe zu reißen. Diese der Abfahrt immanente schreckliche Angst – Zeit zu verlieren, Zeit auf der Strecke liegen zu lassen.

Franz Klammer (Österreich) gewann am 5. Februar 1976 die Olympiaabfahrt vom Patscherkofel bei Innsbruck in 1:45,73 min vor Bernhard Russi (Schweiz) und Herbert Plank (Italien).

Der am 3. Dezember 1953 in Mooswald (Kärnten) geborene Klammer gewann insgesamt 25 Weltcup-Abfahrtsrennen. An seinen Olympiasieg hat er nur positive Erinnerungen.

Wolfgang Wildner wurde 21.01.1962 in Mannheim geboren, wohnhaft in Graz; Beruf: Chefredakteur des Magazins "Steirer MONAT"; Hobbys: diverse; Schreiben: wenn es sein muss, sonst kaum.

Verfasser/in:
ausgewählt von Wenzel Mracek

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