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„Zuagroast’n-Architektur“ von Sylvia Kislinger - Über die Motivationen, seine urbanen Zelte aufzugeben für ein Leben im Dorf

28/08/2005

„Zuagroast’n-Architektur“

von Sylvia Kislinger

Wo, so ist man geneigt zu fragen, liegen die wahren Beweggründe eines mit allen kulturellen und infrastrukturellen Annehmlichkeiten des städtischen Lebens vertrauten Menschen, seine urbanen Zelte abzubrechen und in spärlichst bevölkerte Dörfer im extrem ländlichen Bereich „zuazuroas’n“? (1)

Die Motivationen dafür mögen breit gestreut sein – als entscheidender Faktor für die „Roas“ erweist sich nicht selten der weit gespannte Bogen der Architektur. Waren es einstens Exponate der Extravaganz wie desolate Mühlen, verlassene Herrenhäuser, stillgelegte Kornspeicher, aufgelassene Gestüte, heruntergewirtschaftete Gutshöfe, aufgelassene Dorfschulen oder morbide Schlösschen aus vergangenen Jahrhunderten, ist es heute bereits als Glücksgriff zu werten, eines der letzten „unberührten“, einfachen Bauernhäuser im dörflichen Kontext käuflich erwerben zu dürfen.

Einer infolge persönlicher, knapp zehnjähriger „Zua- und Weiterroas“ erstellten Milieustudie entstammt der erste von drei Typen des sogenannten „Zuagroast’n“:

Er kommt, sieht und zieht (zu)! – Der KLASSIKER in dem extravaganten Grüppchen der „Nicht-Oahoamischen“. Nicht selten ist es das wildromantische Margaritendickicht, das er durchs nicht mehr schließbare, verzogene Hoftor auf der Durchfahrt erspäht hat und das ihn, noch ehe die erste Blüte gewelkt war, den desolaten Hof erwerben, sämtliche unweigerlich damit verbundenen beruflichen und privaten Mäander auf sich nehmen und für die Dauer von zumindest 10 Jahren Schritt für Schritt seinem Traum vom Landleben sich nähern ließ.

Es sind dies die stimmigen Höfe im Dorfverband, die unweigerlich ins Auge stechen; kein Experiment auf der Farbskala der Fassadenputze, kein Fensterflügel, der da aus dem Stilrahmen fiele; Vorhänge – zumeist gehäkelt oder in Reinleinen - und Hoftore in überlieferten Sonnenmotiven sind über jeden Zweifel erhaben; Innenhöfe (stets begrünt), in denen an Stelle einstiger Misthaufen Sonnenplätze und Biotope den neuen Bedürfnissen entsprechen, als Visitenkarte eines jeden Zuagroast’n-Hofes.

Wer sind sie also, die Abenteurer, die Mutigen, die mit dem unerschütterlichen Glauben an die Kraft des Landlebens? Der Arzt mit Praxis in einem der umliegenden Gemeinden; Künstler, in Folge der Umsiedlung nicht selten auch in pädagogischer Tätigkeit in allgemein bildendenden- aber auch Volkshochschulen; junge Menschen in alten Berufen, wie Hafner oder Hufschmiede – sie alle verbindet letztlich das selbe Ziel: Das auf die ursprünglichen Ansprüche und Bedürfnisse der ländlichen Bevölkerung ausgerichtete und zumeist rein funktional gestaltete Hofambiente bis ins Detail in ein auf die individuellen Bedürfnisse ausgeklügeltes Wohnobjekt zu transformieren.

Ich habe im Laufe der Jahre in unzähligen ehemaligen Kuhställen auf das Angenehmste diniert und nach kultivierten Gesprächen bei Kerzenlicht und stets ausgesucht guten Rotweinen in vitalisierten Heuschobern auf Gästefutons übernachtet – und dennoch komme ich nicht umhin, bei aller Bewunderung vor den zumeist durchaus als gelungen zu betrachtenden Transformationen, tiefen Respekt zu empfinden vor einem funktionalen Bauernhaus mit voll betoniertem Innenhof samt Misthaufen, einer Bauernstube mit Plastikbelag und unüberhörbarem Fernsehapparat und einer zumeist atemberaubenden Fassadengestaltung, die wiederum einzig Funktionalismus zum Thema hat.

Es muss der Charme sein, den das Landleben ohne städtischen Verschnitt auf mich als „Zuagroaste“ ausübt, nach einer (ungewöhnlich langen) Phase des Fremd-Seins.

Möglicherweise ist es aber auch nur Resignation in Folge von langjähriger erfolgloser Suche nach DEM Wohnobjekt, das die eingangs in Frage gestellte Tat rechtfertigen könnte, und die stattdessen einen Bungalow in vorgefertigter Holzbauweise mit Flachdach auf jungfräulich unbebauten 3000 Quadratmeter ehemaligem Weideland zur Folge hat, allerdings mit atemberaubender Aussicht (Typ 2 in der Zuagroast’n-Trilogie und somit ein Fokus ohne Gewähr auf sonntägliche Fortsetzung).

(1) Zuagroaster zu sein beinhaltet vorab den Status des Nicht-Einheimisch-Seins im ländlichen Bereich. Der gespiegelte Blick sucht indessen vergebens nach einem adäquaten Begriff für einen in einen städtischen Bereich Zugezogenen.

Sylvia Kislinger, zuagroast seit 10 Jahren (oder mehr) in die tiefe Provinz des Waldviertels.

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