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"Vom Architekturmachen". Es liegt so recht im Trend der Zeit: da es Designer Jeans, Designer Menschen und alles mögliche Designer Zubehör gibt, warum nicht auch Designer

07/08/2005

"Vom Architekturmachen" - Bernhard Hafner

Pour bien dessiner, il faut du talent. Pour faire un beau programme, il faut du génie», so spricht die Architektur aus Le Corbusiers Mund. Dem erwidert das Katzengold, dem 3d-Viz die Hand führt : „Alles, was gülden glänzt ist Gold. Der Mistkäfer in schillernd glänzendem Panzer sieht sich als heiliger Scarabaeus, einer wie der andere. Die Oberfläche ist tief, die Tiefe seicht. Und die Achsel weiß schon gar nicht, wo ihr der Kopf steht. Aber den braucht sie auch nicht, denn sie weiß: etwas ruht auf mir“.

Ein Bauwerk zu entwerfen, für das weder Zweck, Funktion noch Kosten vorgegeben sind, scheint die ideale Voraussetzung für Architekturmachen zu sein. Dies mehr noch, als das vage Zur-Kenntnis-Nehmen eines Drehbuch oder dramatischen Textes die Voraussetzung für Filme- und Theatermachen ist. Das In-Szene-Setzen wird zum Original. Welche Avenue eröffnet sich einem Autor, jetzt, da „erschöpfende Interpretationen für immer aufgeschoben werden müssten (la differance), da alle Texte Mehrdeutigkeiten enthielten und in verschiedener Weise gelesen werden könnten (la difference)“. Anything goes? „Es liegt so recht im Trend der Zeit: da es Designer Jeans, Designer Menschen und alles mögliche Designer Zubehör gibt, warum nicht auch Designer Architektur? Ihr … interessantes Erscheinungsbild legt nahe, darin architektonische Qualität zu sehen, womit einst, vor der Postmoderne, ein dauernder Wert gemeint war, Werte, die eine Gegenwart überdauern. Könnte die Erde doch auch einfach eine Scheibe, eine Kugel, eine Tonne, ein Würfel oder ein Dodekaeder sein, wir könnten auf den abwechslungsreichsten Geometrien leben. Könnte sie doch ein digitales 3D-Netz sein, und wir könnten als virtuelle … Menschen darauf leben“.

Derrida ermutigt uns, den Autor über den Leser (Betrachter) zu stellen, der, durch die Unmöglichkeit einer ‚erschöpfende Interpretation’ herausgefordert, so liest, wie er will. Es ist eine Willkür, die man durch diese These erst herausforderte, vor der man sich nun schützen muss. Das Subjektive des Erzeugens bzw. Erzeugenden steht vor Nachvollziehbarkeit und dem Objektiven bzw. dem Streben danach.

Sie ist so leicht geworden, die Bürde des Funktionen-Erfüllen-Müssens, die Finanzierbarkeit-Berücksichtigen-Müssens, des Konstruierens, die der Architekt trägt, jetzt, da Erscheinung als Sein gilt, für das Ganze steht, das Schaubild für den wesentlichen Ausdruck der Vorstellung gehalten wird. Der Juror braucht sich nicht in einen kritischen Dialog mit dem Werk zu vertiefen, denn die Tiefe ist an die Oberfläche getrieben: Öffne die Pupillen weit. Ein neues Architekturergänzungsmittel ist unabdingbar geworden: das Rendern mit 3d-Viz. Es heißt, das Büro Peichl beschränke sich jetzt nur mehr auf die Darstellung eines Projektes im Stadium des Entwurfs. Er, der erst an der Nadel Roland Rainers, dann an jener Ernst Plischkes hing, hängt jetzt an der Nadel virtueller Architektur.

Konsequenterweise braucht man nur mehr Umrisse, ein schattierbares Drahtmodell mit Außenflächen, braucht sich keiner Berufssprache zu bedienen. Das was über den Draht hinausgeht kann zugekauft werden und, damit man ja nicht übersehen wird, wird gerendert, gerendert und wieder gerendert, ein Dutzend allein reicht nicht und wenn es noch nicht genug davon gibt, wird ein Bild an anderer Stelle wiederholt – einen Ankauf ist das konsequenterweise allemal Wert.

Und doch passt das Ganze nicht ganz zusammen. Wenn Sprache über Schrift (Darstellung), der Autor über den Leser (Betrachter) zu stellen ist - dazu fordert uns die Dekonstruktion der Sprache und ihrer darin ‚enthaltenen Hierarchien’ auf -, wieso soll dann auf die Sprache des Berufs des Architekten zugunsten des Lesens von Schaubilden verzichtet werden? Soll uns das Denken erspart werden, erübrigt sich Kritik, ist sie gar unmöglich geworden?

Architekturkritik?(1)

Ich glaube, dass Architekturkritik heute nicht mehr möglich ist und vielleicht auch nie möglich war, außer (theoretisch) in Gesellschaften mit starken Kanons, die aber das Instrument der öffentlichen Kritik von selbst wieder ausschlossen. Architektur entsteht heute in meist längeren, äußerst komplexen Prozessen, die dem Kritiker eine Rolle zuweisen würden (die des kritischen und permanent überforderten Projektbegleiters) die es nicht gibt, oder geben kann. Allein im Ästhetischen hält die Gesellschaft (der Markt?) keine Kriterien bereit, allenfalls Moden. Es gibt im Künstlerischen nur "Setzungen" von denen jeweils das Gegenteil genau so möglich ist. Die Kriterien der Brauchbarkeit ändern sich schon meist während des Baus, im Gebauten liegt schließlich die "letzte Wahrheit". Aber der Bau wird vom Stand weg verändert, stärker noch ändert sich dessen Rezeption. So werden Bausünden, wenn sie lange genug herumstehen, zu denkmalgeschützten Objekten. Die wirksamste Architekturkritik wäre das Gegenprojekt. Und wer kritisiert dieses? Alles Geschriebene kommt zu spät, wenn es überhaupt gelesen wird. Architekturkritik ist also eine Art Wetterkritik, der Urlauber will Sonne, der Bauer Regen. Es gibt aber Mittel, um die Rolle der Architektur gesellschaftlich präsent zu machen: Einfach darüber reden und schreiben. Ob daraus Kritik im richtigen Moment entsteht, ist Glücksache.

(Ich habe nicht einmal darüber gesprochen, was eigentlich eine Kritikerin, ein Kritiker vertreten soll: Die Gesellschaft, bestimmte Nutzer, öffentliche Interessen, Ideologien, Tendenzen, die inszenierte mediale Öffentlichkeit oder gar die "Architektur an sich"? Das Bauen? Womöglich alles in einem. Zu dieser Rolle kann niemand ernannt werden. Dazu kann sich nur jemand selbst ernennen. Wenn das kein Risiko ist?).

Friedrich Achleitner

Keine Architekturkritik? (2)

Dein Ausgangpunkt „Ich glaube, dass Architekturkritik heute nicht mehr möglich ist und vielleicht auch nie möglich war, außer (theoretisch) in Gesellschaften mit starken Kanons“ stimmt meiner Meinung nach nur dann, wenn Architekturkritik ausschließlich gesellschaftliche Architekturkritik wäre. Das kann sie sein, muß aber nicht. Sind diese Kanons von Gesellschaft zu Gesellschaft nicht verschieden, selbst in Gesellschaften ein und desselben Kulturkreises? Hat die Kritik in einer Gesellschaft einer anderen nichts zu sagen? Wenn man Theorie für Kanons einsetzt, dann kann es doch wohl Architekturkritik außerhalb von Gesellschaften mit starken Kanons geben. Dann basiert Kritik nämlich auf den Postulaten dieser Theorie. Man verweist auf sie und bezieht Stellung: arbeitet ihre Vorzüge oder Schwächen heraus, das, was sie unberücksichtigt lassen. Über das Inhaltliche hinaus enthält Kritik die Auseinandersetzung mit dem Wie: Angenommen, der Architekt ist Vertreter der Theorie X (Frage des Inhalts), wie gut, schlecht oder unvollständig (besser: befriedigend oder unzureichend, um sich nicht die Blöße einer ethisch gemeinten Aussage zu geben) sind diese Postulate im Werk realisiert? Dazu kommt, dass eine Kritik eine Theorie überhaupt erst aufstellen kann, denn das Werk zeigt diese ja nicht explizit (Schwäche des Arguments „im Gebauten liegt schließlich die "letzte Wahrheit").

Nehmen wir beispielhaft die Situation am Anfang der Moderne (und sage bitte nicht, das habe keine Relevanz, mit der Postmoderne sei alles ganz, ganz anders geworden). Ein Kritiker Neuen Bauens hätte sehr wohl darauf hinweisen können, ja das Argument an diesem Punkt entwickeln müssen, daß es sich bei dem Bauwerk nicht um ein Gebäude des Eklektizismus (Historismus) handle. Eine objektivierbare Erkenntnis. Er könnte nun Stellung nehmen zum Wert dieser Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit und hätte damit zugleich Theoriekritik geübt, und zwar im Rahmen einer Gebäudekritik. Hätte der Kritiker etwa über LCs Haus Ozenfant schreiben sollen, hätte er darauf hinweisen können, daß es auch in der Moderne keine völlige Einstimmigkeit gebe, er hätte auf Mies hinweisen können, etwa auf den Barcelona Pavillon. Er hätte die Unterschiede herausarbeiten können: Hier so etwas wie ein Bild Mondrians mit hochgezogenen Linien, sozusagen ein zweidimensionales Gebilde mit Höhe, dort ein geschoßweise räumlich differenziertes Objekt. Ich kenne jedenfalls keine derartige Äußerung van der Rohes, der Kritiker hätte also sozusagen einen Satz der Theorie der Moderne aufgestellt. Er hätte darüber hinaus noch Farbe bekennen können im Sinne einer zwar subjektiven Meinung – ist nicht alle Kritik subjektiv, unterscheidet sie sich nicht eher dadurch, wie persönlich und distanziert sie bleibt? - aber auch im Sinne eines kritischen Dialogs, an dem sich auch andere beteiligen könnten.

Etwas zur „letzten Wahrheit“ im Gebauten. Sagt es uns diese? Nein, sie kann sie uns nicht sagen, denn sie ist stumm; wenn sie sich äußert, dann in latenter Art: das Gesagte entsteht in uns selbst. Wir müssen es erforschen, zu enträtseln suchen, und das geschieht im kritischen Dialog, durch die Kritik. Auch der Architekt spricht nicht und wenn er es tut, wer hört schon zu, hört man denn nicht, wen und was man hören will (wenigstens Utisten machen es so)?

Der Auslöser zum literarischen Colloquium 1 war ein Anruf Zschokkes, der über die Laborhalle in Leoben schreiben wollte (ich kenne das Ergebnis nicht). Ich bot an, mich mit ihm am Gebäude zu treffen, was er ablehnte. Er brauche ein Bauwerk nur anzuschauen. Meine Reaktion dazu war (Zitat):

„Alter Ego

Was sagst Du jemandem, der meint, um ein Werk der Architektur – ein Bauwerk – zu beurteilen, brauche man es nur anzuschauen?

Ego

Wie oft schaut er, einmal, zweimal? Sieht er auch, wenn er schaut? Wie vertraut ist er mit dem Werk, das er schaut? Ich vermute, daß jemand, der meint, er könne ein Werk der Architektur oder der Kunst durch Anschauen beurteilen, weiß, von wem es geschaffen wurde, und die Einschätzung des Ranges seines Schöpfers kennt. Seine Beurteilung folgt dann meist solcher Einschätzung. Architektur und Kunst haben mit Erkennen zu tun, mit Verstehen, nicht nur mit Wahrnehmung des Erscheinungsbildes. Sie bestehen nicht außerhalb einer Kultur. Was man durch Anschauen sieht, ist das Ergebnis. Das Ergebnis allein ist nicht das Werk. Man muß dahinter schauen, auf seine Entstehung, auf die Umstände seiner Entstehung. Es geht immer um zwei Dinge: um das WAS und um das WIE. Was ist gemacht und wie gut sind Absicht und gestalterisches Konzept im Werk realisiert. Das Anschauen macht nur zusammen mit dem Willen zur Erkenntnis Sinn.“ (3)

Unlängst war Eugen Gross bei mir. Er hatte im Architekturführer „Architektur_ Stmk“ etwas über die Laborhalle in Leoben geschrieben, ohne mit mir gesprochen zu haben. Er hatte keine Ahnung von den Beziehungen zwischen Straßenfassade und Gartenfassade des Bestandes und der duplizierten, neuen Fassade des Zubaus; wußte nichts von der Verwendung des Schlackensandes der Stahlerzeugung in Donawitz, der in großen Halden mit unterschiedlicher Färbung am Berg lagert und den ich trocken-auf-nass auf diese Fassade und die Tunnels aufgesprüht hatte. Konnte er das sehen? Was kann man eigentlich sehen? Sicher nicht das, was ich geplant habe und gebaut worden ist.

Architekturkritik ist nicht zeitunabhängig (davon gehst du wohl im Besonderen aus). Aber das sind Literatur- und Musikkritik auch. Beide sind vielleicht weniger stark einer Mode unterworfen oder dem Zwang, nur das als wertvoll anzusehen, was medialen Erfolg hat - wofür es, wenn Du mit deinem Text recht hast, ja keine kritische Basis gibt. Soll es sie also auch nicht geben?

Lieber Achleitner, ich halte deine Äußerung wie immer für gescheit aber auch für sehr bedenklich und gefährlich. Öffnet sie nicht einem unreflektierten Subjektivismus das Tor und der Willkür? Alles gilt, alles ist erlaubt; Kritik: die geistige, auch wertende, jedenfalls Stellung nehmende, Licht auf etwas bringende Auseinandersetzung soll nicht mehr möglich sein?

Bernhard Hafner

(1) Erschienen im „bauforum“ und als Mail an den Verfasser

(2) Erwiderung des Verfassers als Mail an Achleitner

(3) Nicht ausdrücklich als Zitate gekennzeichnete Textstellen in Anführungszeichen „…“ sind Zitate aus: Bernhard Hafner, „Architektu und sozialer Raum, Essays über Architektur und die Stadt. LV 2002 (2)

Anm. d. Red.:

Der Autor schrieb den Beitrag anlässlich des Ergebnisses des Wettbewerbs "Haus des Verkehrs in der Neuen Dominikanerkaserne in Graz", dokumentiert im GAT Wettbewerbe-Archiv.KURZBIOGRAFIE

BERNHARD HAFNER wurde 1940 in Graz geboren. Er studierte an der Technischen Universität Graz und an der Harvard University. Hafner war Professor und Gastprofessor an der University of California, Los Angeles (bis 1974), Cornell University (1974), University of Texas, Arlington (UTA, 1977-79) und am New Jersey Institute of Technology (2000). Er ist seit 1976 als freischaffender Architekt tätig und betreibt seit 1980 ein Architekturbüro in Graz. Außerdem ist er Verfasser zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten und theoretischer Texte zur Architektur.

Bauten (Auswahl):

Erweiterung Grabenstraße 21, Graz (1985-90), Wohnanlage Rettenbach (1986 – 91), Laborhalle der Montan Universität Leoben (1990-92), Wohnanlage Andritz (990-94), Altarraum Nestelbach (1994), Reorganisation und Umbau Malervereinigung (1994-95), Lehrwerkstätte der Landesberufsschule 6, Graz (1995-2000).

Publikationen (Auswahl):

"Tanz der Lurche" 2002 Loecker Verlag

"Architektur und Sozialer Raum" 2002 Loecker Verlag

Verfasser/in:
Bernhard Hafner, Architekt

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Architekt DI Bernhard Hafner, Graz

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