Die Beschleunigung unseres Lebens durch Internet und Mobil-Telefonie scheint vor der Haustüre Halt zu machen: Noch immer wohnen wir wie vor Hunderten von Jahren, umgeben von vier statischen Wänden. Damit soll jetzt Schluss sein, meinen Architekten und erschaffen das flexible Heim für den flexiblen Menschen.
Inspiriert von der Raumfahrt wollte die britische Architektengruppe Archigram in den 1960er Jahren dem Wohnen Beine machen und gegen konservative Lebensformen und starre Stadtstrukturen rebellieren. In ihrer ‚Plug-in-City’ (*) leben und arbeiten die Menschen in mobilen Häusern, die aussehen wie Raumkapseln. Ihr Zuhause können sie überall mit hinnehmen, wie die Nomaden ihr Zelt, und in der ganze Stadt an bestehende Großstrukturen andocken. Von Archigrams Zukunftsvisionen sind allein herrliche Zeichnungen übrig geblieben - die von ihnen geforderte Flexibilität wird aber, vierzig Jahre später, mehr denn je von jedem Individuum abverlangt. Die Architekten warten heute mit weit pragmatischeren Lösungen auf. Mobil ist dabei meist das Innere der Wohnungen: Mithilfe von beweglichen Wänden und herausklappbaren Möbeln kann der Bewohner auf neue Lebenssituationen reagieren, ohne jedes Mal die Bleibe wechseln zu müssen. Den Traum vom mobilen Haus aber haben die Architekten noch nicht aufgegeben, auch wenn sich bis jetzt, und das nur im Urlaub, lediglich der Wohnwagen und das Zelt durchgesetzt haben.
Für den Künstler Joep van Lieshout hat das Wohnwagen-Leben viel mit Freiheit zu tun: „Es ist so einfach. Man braucht keine Baugenehmigung, kein Grundstück und man kann überall damit hinfahren.“ Der Niederländer, der derzeit seine neuesten Arbeiten im Wiener Museum für Angewandte Kunst zeigt, baute Anfang der neunziger Jahre einen alten LKW zu einem Wohnmobil um ("Modular House Mobile", 1995/96; Anm. d. Red.) und fuhr mit dem dottergelben Gefährt quer durch Nordamerika. Dabei habe er, erinnert sich der Künstler, viele ältere Leute kennen gelernt, die ihre Wohnung verkauft haben, um die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens in einem Caravan zu verbringen - im Winter mit Station in Miami und im Sommer im Norden der USA. Davon inspiriert, entwarf Van Lieshout eine Serie mobiler Wohn-, Büro- und Ausstellungshäuser und wurde damit international bekannt. In einem seiner Bücher gibt er genaue Anweisungen, wie die von ihm angewandte Polyurethan-Sandwichkonstruktion herzustellen ist – damit in Zukunft mehr bunte, individuell geformte Caravans auf den Straßen Europas zu sehen sind.
Georg Hilbe ist sich noch nicht sicher, wo er seinen Ruhestand verbringen will. Er hat auch noch zehn Jahre Zeit. Trotzdem begab sich der gebürtige Vorarlberger schon einmal auf die Suche nach einem Eigenheim, das er vorerst als Ferienhaus nutzen wollte. Es sollte etwas Unverbindliches und Temporäres sein, das sich leicht woanders hinstellen lässt. „Es hätte natürlich auch ein Wohnwagen sein können“, meint der in Wien lebende Hilbe, „aber eigentlich wollte ich schon etwas Stabileres und Hausähnlicheres haben.“ SU-SI, ein 12,5 Meter langes und 3,5 Meter breites Holzhaus, entsprach genau seinen Vorstellungen: Das Fertighaus wurde auf einem LKW fix und fertig angeliefert, vor Ort aufgestellt und an Wasser und Strom angeschlossen. „Das dauert einen halben Tag“, sagt Oskar Leo Kaufmann. Der Vorarlberger Architekt hat gemeinsam mit seinem Kollegen Johannes Kaufmann viel Energie in die Entwicklung mobiler Häuser gesteckt. Doch bisher ohne großen Erfolg. Sein zweites Fertighaus Fred mit den Maßen eines Standardcontainers und der zusätzlichen Raffinesse eines ausfahrbaren Zusatzwohnraumes konnte ebenfalls nicht wie geplant in Serienfertigung gehen. Oskar Leo Kaufmann ist überzeugt, dass SU-SI und Fred an einem der Grundprobleme mobiler Häuser gescheitert sind: „In Österreich und Deutschland braucht man für so ein Haus eine Baubewilligung. Das kostet viel Zeit und Geld, die man jedes Mal, wenn man das Gebäude bewegen würde, in Kauf nehmen muss.“ So blieben achtzig Prozent der aufgestellten Objekte auf dem ursprünglichen Standort. Trotzdem hätten die Besitzer, so der Architekt, das Gefühl, sich ein Stück Freiheit erkauft zu haben.
Gerade dort, wo man seine Wohnung nicht einfach mitnehmen könne wie im sozialen Wohnbau, so Architekt Helmut Wimmer, müsse man mehr Freiheit und Flexibilität anbieten: „Der Architekt muss sich Gedanken machen, wie sich im Laufe der Zeit die Lebenssituation innerhalb der eigenen vier Wände verändert. Erst wird die Wohnung gekauft, dann kommen die Kinder, werden groß und sind wieder aus dem Haus. Darauf muss die Architektur reagieren können.“ In den von Wimmer konzipierten Grundrissen sind einzig und allein Bad und Küchenzeile fixiert, der Rest sind gleichwertige, neutrale Räume, die durch das Öffnen von Schiebetüren beliebig miteinander verbunden oder voneinander getrennt werden können. In seinen Wiener Wohnbauten, wie dem in der Grießhofgasse oder dem „Wohnregal“ in der Koppstraße, kann aus einer Dreizimmerwohnung schnell eine großzügige Einraumwohnung werden und umgekehrt. „Binnen Sekundenschnelle verändern sich die Raumsequenzen. Da wird aufgeschoben und dort zugeschoben“, erzählt der Architekt begeistert.
Gute Lösungen mobiler Raumkonfigurationen ermöglichen es bei hohen Quadratmeterpreisen mit wenig Fläche auszukommen. Ob es einen Bedarf dafür gibt? Zumindest widmete sich vor zwei Jahren sogar der IKEA-Katalog dieser Thematik: Das Titelbild gewährte Einblick in einen quadratischen Raum, indem von Küche bis Schlafzimmer mithilfe ausfahrbarer Wandschränke und anderer Raffinessen alles untergebracht war.
„So wie jeder Computer alle Programme bietet, muss jeder Raum alles können“, fordern die Grazer Architekten vom Büro SPLITTERWERK. In einem umgebauten Altbau im steirischen Bad Waltersdorf mit dem Namen „Schwarzer Laubfrosch“ konnte SPLITTERWERK neben fünf herkömmlichen Grundrissen erstmals einen vollkommen neuen Wohnungstypus realisieren, der dieser Forderung sehr nahe kommt. Ein länglicher leerer Raum dient als Wohnraum. Hinter Schranktüren sind Bad, Küchenzeile, Bett und Tisch verborgen. Je nach Bedarf können diese geöffnet und die Möbel herausgeklappt oder geschoben werden. Es gibt keine aneinander gereihten Räume mehr, sondern das Zentrum kann einmal Schlafzimmer, Esszimmer, Bad oder alles gleichzeitig sein.
Eine vergleichbare Grundidee steckt auch hinter dem viel beachteten Wohnrad "TurnOn", das die Architekten vom Büro AllesWirdGut (awg) für eine Ausstellung im Wiener Künstlerhaus entwickelt haben: „Wenn man auf kleinem Raum maximales Platzangebot schaffen will, dann muss man den Raum auf die jeweilige Tätigkeit beschränken.“ Das an ein Hamsterrad erinnernde Möbelstück nimmt nur drei Quadratmeter Grundfläche ein und bietet trotzdem Gelegenheit zum Entspannen, Arbeiten und Schlafen. Es liegt hochkant auf einem Stahlrahmen und wird über Magnetrollen angetrieben. Ein Stoß bringt die Bewohner von der Couch an den Tisch mit zwei Stühlen und ein weiterer zu einem Liegestuhl. Einen Badezimmer- und Küchenring, der ähnlich funktioniert und die miteinander zu einem Wohnschlauch gekoppelt werden könnten, haben die Architekten ebenfalls angedacht. „Wofür die Leute am meisten Verständnis hatten, war die Nasszelle“, so Herwig Spiegl, Mitbegründer von awg. Die Idee, Waschtisch, Dusche und Badewanne auf einer Breite von einem Meter zu haben, fand großen Anklang: „Denn jeder hätte gerne eine Dusche und eine Badewanne, aber meist ist zuwenig Platz dafür da.“
Trotz regem Interesse hat es TurnOn, ähnlich wie SU-SI und Fred, nicht bis zur Serienfertigung geschafft und ist als Einzelstücke recht teuer geblieben. Man habe ihnen geraten mit dem Konzept nach Japan zu gehen, wo enormer Platzmangel herrsche, erzählt Spiegl. „Denn Dinge verändern sich eben immer erst, wenn sie sich verändern müssen.“
(*) Wäre es nach dem britischen Architektenkollektiv Archigram gegangen, dann hätten nicht nur unsere Wohnungen sondern auch unsere Städte längst laufen gelernt. In „Plug-in-City“ und „Walking City“ träumten sie wie viele ihrer Kollegen in den 1960er Jahren von einer unbeschränkten Flexibilität fern der starren Wohn- und Stadtstrukturen. Die japanischen Kapselhotels, in denen Gäste einen Schlafplatz von zwei Meter Länge, ein Meter Breite und Höhe anmieten können, haben zumindest einen Teil der Ideen weiterleben lassen. Wie Schiffskojen sind diese über- und nebeneinander gestapelt und nur durch einen Vorhang vom Flur getrennt. Drinnen, ähnlich Archigrams Wohnkapseln, ist alles Notwendige vorhanden – vom Flachbildschirm, über Internet bis Telefon. Diese Platz sparende und damit preisgünstige Form der Übernachtung soll es bald auch in England und Deutschland geben. Die europäische Variante ist jedoch weitaus luxuriöser angedacht: Die Kojen sollen überwiegend mit Doppelbetten und eigener Nasszelle ausgestattet werden. KURZBIOGRAFIE
Anne Isopp studierte Architektur an der TU-Graz. Die Autorin schreibt u. a. für die Salzburger Nachrichten, Architektur & Bauforum und GAT. Sie lebt und arbeitet in Wien.
- Verfasser/in:
- Anne Isopp
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