Im Mai 2005 veranstaltete GAT gemeinsam mit dem augartenkino kiz in Graz eine dreiteilige Matinee-Reihe zur Architektur Louis I. Kahns (5., 22., 29. Mai), in deren Rahmen der Film "My Architect. A Son´s Journey" gezeigt wurde und die drei Grazer Architekten Bernhard Hafner, Peter Hellweger und Volker Giencke in Kurzvorträgen unterschiedliche Bezüge zu Werk und Leben des großen amerikanischen Architekten herstellten.
Lesen Sie nachfolgend den Vortrag, den Prof. Volker Giencke am 29. Mai 2005 im Rahmen der dritten und letzten Kino-Matinee gehalten hat. "Architektur & Emotion"
Ich hoffe, dass mit den Referenten auch das Publikum wechselt. Es besteht nicht die Gefahr, dass sich vieles wiederholen wird, denn die Person Louis Kahn und auch der Film lassen viele Interpretationen zu. Das macht auch die Qualität dieses Films aus. Ich habe den Film vor vier Monaten gesehen. Ich wurde jedoch nicht ganz schlüssig was die Person und ihr Werk betrifft, ich weiß aber, dass es ein großartiges und besonderes Werk ist. Louis Kahn ist ein Insider in der Architekturszene ist. Er hat nicht kommerziell gedacht. So hat Kahn auch nicht sehr viel gebaut. Er hat architektursoziologisch gesehen kaum Anerkennung erfahren. Kahn ist aber aus der jüngeren Architekturgeschichte nicht wegzudenken, seine Arbeit unumstritten. Er hat sich kaum Feinde gemacht. Es gibt eine Situation von der ich Ihnen später erzählen werde.
Zum Film: Es ist, wie gesagt, ein sehr schöner und bewegender Film. Eine sehr klare und schonungslose Entdeckungsreise eines außerehelichen Sohnes, der seinen Vater sucht. Es ist nicht nur eine persönliche Geschichte, die erzählt wird, sondern auch eine Architekturgeschichte. Ich habe nie ein Buch über Louis Kahn gelesen, denn die Bilder die ich von seinen Architekturen gesehen habe, waren für mich ausreichend, um die Person Louis Kahn als Architekt zu definieren. Ich habe später das Kimbell Museum in Fort Worth sowie das Center of British Arts in Yale gesehen. Diese Eindrücke vor Ort haben mein Denken über den Architekten Louis Kahn nicht verändert, sondern bestätigt. Ich wusste immer schon, dass es ein sehr kräftiger, starker Architekt sein muß, der sich mir in seinem Werk präsentierte, einer der in seiner Architektur keine Kompromisse eingeht. Der Person Louis Kahn als Architekt kann man nur schwer kritisch begegnen.
Der Film schreibt, wie schon gesagt, Architekturgeschichte. Er zeigt auf, was ein gutes Bauwerk bewirken kann, im Gegensatz zu tausend mittelmäßigen. Ebenso ist der Film eine tiefgehende persönliche Geschichte. Eine Geschichte über das Auflehnen und das Ankämpfen gegen das Schicksal. Der Film lässt nämlich offen, ob dieses Match tatsächlich so fatal ausgeht, wie es auf den ersten Blick aussieht. Für mich ist das der zentrale Punkt in diesem Werk. Ob Kahn nun dieses Match verliert, bleibt offen. Sie können das für sich selbst beantworten. Für mich verliert Kahn nicht.
Louis Kahn hat erst sehr spät mit der Architektur angefangen. Er war fast 50 Jahre alt, als er freischaffender Architekt wurde und er hat wenig Zeit gehabt, seine Architektur und seine architektonischen Gedanken zu verwirklichen. Er hat seine eigene Gedankenwelt gebaut, die oft einfach scheint, aber tatsächlich nicht immer nachvollziehbar ist. Man sollte vielleicht auch nicht zu viel analysieren. Denn, wenn man einem Architekten nur deshalb vertraut, weil er einer Geometrie des Bauens nachhängt und damit baugeschichtlich faßbar wird, dann ist das schon verdächtigt, jedenfalls für mich zu oberflächlich. Kahn ist kein monumentaler, sondern ein großer Architekt. Jedes seiner Bauwerke hat in der Architekturgeschichte einen Platz. Ich kenne keinen zweiten Architekten, von dem man das noch sagen kann -und dennoch hat er nicht große gesellschaftliche Anerkennung erfahren. Er ist teilweise unverstanden oder missverstanden geblieben. Tadao Ando erntet das, was Louis Kahn nie gesät hat. Tadao Andos Betonfetischismus spielt in den Vordergrund, was für Kahn nie im Vordergrund stand, nämlich den Hang zur Objekt- und Designarchitektur, eben einen modischen Zugang zur Architektur. Alle, die Ando besser kennen und ihn nicht vergöttern, werden mir zustimmen: zwei Bauwerke von Andos sind genug, nach dem dritten Bauwerk stirbt man vor Langeweile. Dieser HTL-Perfektionismus und diese gespielte Esoterik stoßen mich ab. Bei Kahn ist das anders. Es ist diese künstliche Besonderheit, diese künstliche Veränderung des Materials, die besticht, die berührt. In Kahns Arbeiten zeigt sich immer wieder ein starker Bezug zu dem Material. Außergewöhnlich für amerikanische Architekten ist seine obsessive Liebe zum Detail. Die Details werden in Amerika hauptsächlich von den Baufirmen ausgeführt. Wenn Sie sich die Skyline einer Stadt ansehen, wirkt diese großartig, aber schauen Sie sich ja nicht die einzelnen Wolkenkratzer im Detail an! Zum Teil sind die fürchterlich, der Beachtung nicht wert. Kahn beschäftigt sich mit dem Material und verändert es. Und durch diese Veränderung kommt er zu einer künstlichen Schönheit, die seine Architektur so besonders macht. Es ist schwer, diesen ästhetischen Zugang zu definieren. Wir sollten dies trotzdem nicht den Architekturtheoretikern überlassen.
Ich schätze an Kahn, dass er dem Material sein Geheimnis lässt, er dekoriert und analysiert eben nicht. Er macht wenig sichtbar. Er ist kein Tourist, kein Rationalist und kein Minimalist. Er ist das Gegenteil, auch wenn er oft anders verstanden wurde und wird. Er versucht im Grunde diesen ganzheitlichen Zugang, den er mit Elementen wie Licht, Schatten, aber auch mit der Verformung von Material und mit der künstlichen Behandlung von Oberflächen nahe kommt. Vor vier Wochen, anlässlich des Vortrages von Robert Venturi und Dennis Scott Brown, hatte ich in Wien ein Gespräch mit Dennis Scott Brown über amerikanische Architektur geführt. Das Gespräch war sehr interessant, sehr lustig, auch sehr bewegend und überraschend. Brown und Venturi sind beide über 80 Jahre alt und blicken auf ein reiches Leben zurück. Sie wissen beide sehr gut Bescheid. Dennis Scott Brown hat kein gutes Haar gelassen, weder an Louis Kahn noch an Eero Saarinen. Das hat mich doch etwas verwirrt, denn ich dachte ich bekomme doch ein positiveres Feedback. Sie meinten: „he was very destructiv, he wasn’t really fair, he was cool… and he borrowed ideas”. Da bin ich das erstemal kritisch geworden. Ich habe mir gedacht, wenn einer, den man sooft kopiert, plötzlich selbst als Nachahmer dasteht, kann das wirklich die Wahrheit sein? Und es hat sich dann mit dem nächsten Satz aufgeklärt, als sie sagte „he learnt from Bob and me“. Nathaniel, der Sohn von Louis Kahn, der den Film gedreht hat, hat ein 12 Stunden- Interview mit Robert Venturi und Dennis Scott Brown geführt und von diesem Interview ist weder ein einziger Satz im Film zu hören, noch sind die beiden im Film zu sehen. Sie waren einfach völlig beleidigt und sie haben mir das schlechteste was Ihnen über Kahn einfiel mitgeteilt. Ich glaube nicht, dass Kahn ein besonders fröhlicher und freundlicher Mensch gewesen ist, das zeigt auch der Film. Er ging keine Kompromisse ein. Und ein Architekt der keine Kompromisse eingeht, hat es sehr schwer, seine Vorstellungen umzusetzen und jeder, der das versucht, weiß wovon ich spreche: denn Freundlichkeit und Fröhlichkeit tragen dazu bei, Aufträge ans Land zu ziehen. Der Film liefert kein eindeutiges Psychogramm von Louis Kahn. Man kann keine Position beziehen, von der man sicher ist, dass sie die richtige ist. Wenn man Kahn als Architekt kritisieren will, dann muss man aufpassen, dass man den Mund nicht zu voll nimmt und sich nicht die Zunge verbrennt. Er ist ein sehr persönlicher, eigenständiger, auch eigenartiger Architekt, mit einem sehr emotionalen Zugang zur Architektur hinter dem ein geistiges Konzept steht. Überraschend an ihm finde ich, dass er einen genauso hochbautechnischen wie formellen Zugang zur Architektur hat. Der Film wird teilweise schockieren, teilweise hat er auch schon fast romantische Sequenzen, so wird Louis Kahn eine seltsame Form von Respekt entgegengebracht - vor allem von Mitarbeitern und Freunden – die man als Liebe beschreiben kann. Das trifft vor allem auf die beiden geliebten Frauen zu, beide Architektinnen, beide Mitarbeiterinnen in seinem Büro. Die eine ist die Mutter des außerehelichen Sohnes, die andere Mutter der außerehelichen Tochter -und beide hegen keinen Groll gegen den Mann, der ihnen jahrelang die Heirat versprochen hat.
Kahn bleibt nicht fassbar: er ist als Architekt großartig, er ist einer der aus Idealismus bis zum Existenzverlust geht -und auch ging. Und er ist ein durchaus fragwürdiger Liebhaber und Ehemann. Der Film ist sicherlich auch ein Statement für ein Leben außerhalb der Gesellschaft, für ein Leben, das sehr viele Opfer verlangt, von einem, der auch viele Opfer gebracht hat. Das ist vielleicht irritierend. Als Architekt hat Kahn immer wieder versucht, eine Architektur für die Nutzer seiner Bauten zu bauen. - Architektur als Hilfsmittel für die Würde des Menschen einzusetzen. Auf der anderen Seite steht er selbst oft am Rande eines würdelosen Lebens. Aber trotzdem und immerhin: Dem Regierungsgebäude in Dhaka würde ich durchaus den Titel „Demokratische Architektur“ zugestehen. Die totale Ausnahme. Wenn man unter demokratisch, mittelmäßig und „für alle gedacht“ versteht, sind fast alle Gebäude dieser Welt demokratisch. Demokratische Architektur sind diese Gebäude eben nicht – das Regierungsgebäude in Dhaka schon.KURZBIOGRAFIE
Univ. Prof. Architekt DI Volker Giencke
Geboren 1947 in Wolfsberg/Kärnten. Architektur- und Philosophiestudium in Graz und in Wien. Mitarbeit bei Merete Mattern/München-Berlin und Günther Domenig/Graz-Wien.
Architektürbüro in Graz seit 1981, Baubüro in Klagenfurt/St.Veit. 1990-92 in Sevilla. Partnerbüros in Berlin, London, Los Angeles, Paris und Wien.
Seit 1992 Professor für Entwerfen - Studio 3 und Hochbau an der Universität in Innsbruck.
Lehrverpflichtung im Ausland:
Davenport-Professor an der YALE School of Architecture /New Haven, External Examiner an der UCL Bartlett School of Architecture /London etc.
- Verfasser/in:
- Prof. Volker Giencke, Architekt
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