"Nicht allein Böhmen liegt am Meer"
Architektur zur See – Hagen Zurl und seine Segelyacht Gran-F 33.
Schon sein Architekturstudium finanzierte sich Hagen Zurl mit dem Bau von Architekturmodellen, worauf er sich nach Abschluss des Studiums spezialisierte. Aus seinem Büro und Atelier in Hausmannstätten bei Graz stammt das Modell für Vito Acconcis Murinsel, das einerseits zur Optimierung durch Strömungsversuche herangezogen wurde, vor allem aber der öffentlichen Präsentation dieses damals utopisch anmutenden Projektes diente. Das neun Meter hohe Modell eines Ausschnittes der Kunsthausblase entstand ebenfalls in Zurls Werkstatt und war auf der letzten Architekturbiennale in Venedig ausgestellt. Angesichts aller gegenwärtigen Möglichkeiten computerbasierter Simulation bieten physische Modelle nach wie vor bestechende Vorteile im Bereich der Problemfindung und Problemlösung an architektonischen Entwürfen und so steht auch ein fast fertig gestelltes Modell der neuen Grazer Marienmühle, nach dem Entwurf von Markus Pernthaler, im Atelier.
Unübersehbar aber die Schiffsmodelle in verschiedenen Phasen der Fertigstellung, Studien zu Segelyachten in Variationen, Verweise auf Zurls Hang zu perfekten Lösungen bis ins Detail und auf seine inzwischen weit über die Passion gediehene Profession als Konstrukteur regattatauglicher Segelyachten.
Segeln ist die teuerste Art, unbequem zu reisen
Noch während seiner Studienzeit kehrte Zurl von einem Aufenthalt auf Elba im Jahr 1974 mit der Überzeugung zurück, ein eigenes Boot müsste her. Es dürfte eine Art Initiation in dem seglerisch, geschweige denn seefahrerisch, bisher beinahe völlig unberührten Architekturstudenten stattgefunden haben. Seine Erfahrungen mit der christlichen Seefahrt beschränkten sich bis dahin „auf vielleicht fünf Stunden Jollensegeln auf dem Neusiedler See – ich hatte keine Ahnung“. Nachdem er zuvor schon „alles selbst gebaut“ hatte – neben Architekturmodellen etwa Schischuhe, ein Pistengerät und quasi als Meisterstücke zwei Autos nach Vorbild des Austin Healey, von denen einer nebenan in Zurls Garage steht, ein silberfarbener Roadster mit 280 PS –, stand der Eigenbau außer Frage. „Über den Winter habe ich mich in die Materie eingelesen“, und im Mai 1975 begann der Bau der Fiasko, eine Polyesteryacht von neun Metern Länge.
Ein Exkurs als antithetisches Beispiel
Für Kurzweil und Aufsehen, nicht nur in Seglerkreisen, sorgte vor einigen Jahren ein Brite namens Eric Abbott, der innerhalb eines halben Jahres elfmal aus Seenot gerettet werden musste. Abbott hatte sich das Segeln selbst, aber offenbar suboptimal, beigebracht. Mit seinem selbstgebauten Kimkieler wurde er zum Schrecken der Irischen See, hatte er doch bei so gut wie jedem Segeltörn die Orientierung verloren. Seeretter, die ihren bald guten Bekannten Captain Calamity nannten, mussten feststellen, dass Abbott zum Navigieren einen Straßenatlas des britischen Automobilclubs AA und eine irische Bergkarte verwendete. Calamity bewegte sich somit nicht gerade in der Tradition seiner heimatlichen Nation von Seefahrern, vielmehr – und anzunehmen ist, ebenfalls unwissend – setzte er die literarische Tradition seines Landsmannes William Shakespeare fort, dessen Wintermärchen in Sicilien (sic.) und Böhmen angesiedelt ist – und „Böhmen liegt am Meer“, wie es später auch noch Ingeborg Bachmann in einem Gedicht formulierte. Alle drei dürften die Herausforderungen der Seefahrt wohl ziemlich unterschätzt haben. Die Italiener nennen Landratten dieser Qualität ironisch marinaio di bosco. – Ganz anders dagegen Hagen Zurl, wenngleich Hausmannstätten auch nicht direkt am Meer liegt.
Größer, schneller, leichter
Mit Beginn 1975 also dauerte der Bau des Fahrtenseglers Fiasko einige Sommer lang, finanziert wurden Leben und Schiffsbau durch Jobs während der Winter in Deutschland. Der erste Törn führte von Triest nach Spanien und zurück. In der Folge aber trat die Bootsleidenschaft vorerst zugunsten des Baues der zwei Healeys in den Hintergrund. Wichtig war für Zurl, das optimale Verhältnis von Gewicht, Fahrverhalten und Leistung über leichte Chassis zu erzielen: Der Healy wiegt nur 800 kg und ist für den Straßenverkehr zugelassen.
Die Konstruktion eines neuen Schiffes wurde in Angriff genommen, jetzt größer, schneller und vor allem regattauglich. „Ich habe an eine wirklich große Yacht gedacht mit einer Länge von 15 bis 20 Metern.“ Der Architekt Markus Pernthaler lud ihn als Ersatzmann zu einer Regatta in Griechenland ein. Zurl stellte fest: „Gekocht wird auch hier mit Wasser, mit angebrachter Vorsicht und viel Überlegung ist das zu schaffen.“
Im nächsten Jahr meldete er selbst ein Boot zur Regattateilnahme – Zurl als Skipper – und infizierte sich mit dem Virus des Yachtrennsports. Das Regatta-Segeln lieferte die Erkenntnis, dass es nicht nur seiner Vorliebe für Geschwindigkeit und Optimierung entsprach, wenn ein Boot leicht zu manövrieren ist und mehr Höhe am Wind läuft. Ähnlich einem Auto bietet die Manövrier- und Reaktionsfähigkeit, auch im Verhältnis zu Gewicht und Form des Bootsrumpfes, mehr Sicherheit und mehr Segelfreude. „Vergleichsweise ist es mit jedem Auto möglich, schnell zu fahren. Das Fahrverhalten eines Puddings aber ist nicht nur uninteressant, sondern auch gefährlich.“
Die Technik des Segelns brachte er sich durch den Umgang mit seiner Fiasko selbst bei, dazu erwarb er über Kurse Patente für Funk und Navigation.
In Nachfolge der Fiasko zeichnete Hagen Zurl über einige Varianten ein 14-Meter-Boot und baute mehrere Modelle. Markus Pernthaler konnte als Produktions- und Finanzierungspartner gewonnen werden. Man entschied sich für die leichtere Bauweise in Aluminium, die Besegelung lieferte Österreichs Segler- und Segelmacherlegende Hubert Raudaschl. Gebaut wurde das zehn Tonnen schwere Aluminiumschiff in einer ehemaligen Ziegelei bei Mürzzuschlag.
Ein Cordon Bleu für die beste Zeit
Im slowenischen Izola ging die Yacht zu Wasser. Die Qualitäten des Schiffes zeigten sich erstmals, als in der Gegend von Zadar eine Regatta – ohne offiziell daran teilzunehmen – quasi von ganz hinten überholt werden konnte. Markus Pernthaler gewann infolge mit der Gran-Fiasko getauften Yacht zweimal das Blaue Band für schnellste gesegelte Regattazeiten. Sobald das Schiff damals aber im Wasser war, erzählt Hagen Zurl, fielen ihm sofort etliche Details auf, die er an einem neuen Schiff ändern würde. Und konsequent begann er, ein weiteres Schiff zu planen.
Wieder sollte eine 14-Meter-Yacht gebaut werden mit dem Unterschied allerdings, sie durfte nur mehr 7,5 Tonnen gegenüber den knapp 10 Tonnen der Gran-Fiasko wiegen. Als neuer Partner stieg Architekt Martin Fekonja ein. Anstatt des Aluminiums wurde nun ein weiterer Schritt in Richtung Kohlefaserbauweise getan. Entsprechend dem derzeitigen Stand der Technologie kommen Kohlefasern aufgrund ihrer Materialeigenschaften – größte Stabilität bei vergleichsweise geringstem Gewicht – nicht nur in Flugzeugen und Formel-1-Boliden, sondern auch im Rumpf- und Riggbau von Rennyachten zum Einsatz. Nach Berechnungen eines slowenischen Bootsbauers hätte der Rumpf des 14-Meter-Schiffes in Aluminium ein Gewicht von 3400 kg, während er in Kohlefaserbauweise nur mehr 1500 kg wiegt; das Argument war gewichtig und für Zurl waren die Würfel gefallen.
Form folgt Funktion
Wiewohl Rennyachten, sind Hagen Zurls Schiffe voll ausgebaut und bieten so alle Annehmlichkeiten von Fahrtenseglern. Aus besagten Gewichtsgründen wird der Innenausbau aber nicht wie bei jenen in Holz ausgeführt, zudem „sieht das aus wie eine Almhütte“, sondern mit Sandwich-Leichtbauplatten. Größerer Tiefgang kompensiert geringeres Kielgewicht, das aufrichtende Moment bei Krängung (Schräglage) zwischen Unterwasserschiff und Kielgewicht, die Hebelwirkung, wird bei längerem Kiel größer. Damit wiederum ist das Befahren von relativ seichten Hafenanlagen nur eingeschränkt möglich. Die Lösung ist ein Hubkiel, der hochgefahren werden kann. Überhaupt arbeitet Zurl an dem Standardproblem für Einrumpfsegler, dass die besten, dem flachen Gleitrumpf entsprechenden Segeleigenschaften in möglichst aufrechter Position erreicht werden. Vor allem bei Kursen am Wind (spitzer Winkel zur Windrichtung) neigen Einrumpfer zum Krängen und laufen eigentlich schon über das Freibord. Dem glaubt Zurl irgendwann durch einen Schwenkkiel abhelfen zu können, der das aufrichtende Moment noch um einiges erhöhen sollte. Die Folgen in diesem Fall sind größere Belastungen des Riggs und der Armaturen, aber auch größere Abdrift, die nun auch berücksichtigt werden müssen ... Zukunftsmusik für die inzwischen gegründete Konstruktionsfirma Zurl Technik.
Gran-F 33 – Das Resultat aus 30 Jahren Erfahrung im Yachtbau
Nach Besprechung mit der Werftleitung eines am Gardasee ansässigen Bootsbauers kam man zur Einsicht, es gäbe einen Markt für Boote bis zu einer Länge von 10 Metern. Das 14-Meter-Konzept wurde also auf die Länge von 10 Metern umgerechnet, die technischen Daten des derzeit in einer Werkhalle bei Leibnitz im Bau befindlichen Schiffes lauten nun:
Länge über Alles: 10, 00 m;
Länge auf Konstruktionswasserlinie: 9, 20 m;
Breite über Alles: 3,18 m;
Tiefgang: 2,5 m;
Gewicht (gesamt, inkl. Rigg, Motor und Besegelung): 2700 kg;
Kielballast: 970 kg;
Rigg: 9/10 getakelt;
Großsegel: 32,1 m2
Genua: 37,6 m2
Blister: 85,3 m2
Masthöhe über Deck: 14 m;
Bauweise in Kohlefase-Sandwich-Verfahren.
Die Gran-F 33 ist ab zwei Mann segelbar.
Mit der Firmengründung hat Hagen Zurl den Gewerbeschein für Bootsbau erworben. Über die Vermittlung eines österreichischen Weltumseglers wurde eine exzellente Mannschaft von Bootsbauern engagiert. Somit wird die erste Gran-F 33 bis zum Herbst des Jahres fertiggestellt sein und in Izola zu Wasser gelassen werden. Gran-Fiasko darf die Yacht unter diesen Voraussetzungen aber nicht mehr heißen, wendet Zurl im Gespräch noch ein. Und dem Autor sei hier die Vermutung gestattet, Seemanns Aberglaube bereitete sonst dem Klabauter einen Sitz im Bugkorb, von wo er der Crew sein blankes Hinterteil zeigte.
Durch Bau und Verkauf mehrer Gran-F 33 will Zurl Technik die Finanzierung des Baues der ursprünglich geplanten 14-Meter-Variante erreichen, die jetzt schon als Modell im Atelier steht und gerade mit einer Fernsteuerung bestückt wird.
„ ... und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel“ ist im Fall der Gran-F 33 also ein tautologischer Seglerwunsch, der in die Konstruktion der Yacht eingegangen ist: Kiel hoch, bevor es zu seicht wird!Wenzel Mraček, geb. 1962 in Klagenfurt, Kunsthistoriker, Kulturredakteur, Autor, Seefahrer, lebt in Graz.
Literatur: W.M., Simulierte Körper. Vom künstlichen zum virtuellen Menschen. Wien, Köln, Weimar 2004 (Böhlau, www.boehlau.at).
- Verfasser/in:
- Wenzel Mracek
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