"Dummheit des Reisens" - eine sonnTAGsgeschichte von Wilhelm Hengstler
Eine Zeitlang habe ich Filme gemacht. Was ich dabei in Hinblick auf Architektur erfahren habe, war eine erstaunliche Übereinstimmung zwischen den bewegten Bildern und den für alle Ewigkeit oder zumindest lange Zeit aufgerichteten Mauern. Im Kino sitzt der Betrachter ruhig auf seinem Platz, während vor seinen Augen 24 Bilder pro Sekunde vorbeigezogen werden. Architektur ist im Vergleich dazu eine Art inverses Kino. Die gebauten Bilder ragen steinern hoch, während die Betrachter in ihrem eigenen Tempo vorüberziehend (keine 24 Bilder pro Sekunde diesmal) eine unendliche Vielfalt von Kamerafahrten realisieren. Es nimmt also nicht Wunder, dass einige ziemlich gute Regisseure, beispielsweise Michelangelo Antonioni, ursprünglich Architektur studiert haben.
Das Reisen bietet eine andere Variante dieses Verhältnisses von Film und Architektur. Michael Mann hat in seiner bemerkenswerten Verfilmung von James Fennimore Coopers „Der Wildtöter“ den Rausch der Bilder, den der vor den Rothäuten davon rennende Waldläufer erlebt, durch den Schauspieler Daniel Day-Lewis beinah körperlich (wie die in der Filmkritik gern benützte Formulierung lautet) wahrnehmbar gemacht. Das Erleben wird natürlich durch Hyperventilation und Todesangst nicht unwesentlich gesteigert. Aber bald darauf eroberte die Eisenbahn den Wilden Westen, und das Bild von der draußen vorüberziehenden Landschaft tritt in Kraft, wobei die Waggonfenster durchaus Filmkadern ähnlich sind. Und dann die Autos. Und dann die Flugzeuge. Und so weiter.
Reisen und Architektur sind aber auch ohne Film, direkt verbunden. Der Link besteht darin, dass viele, deren Interesse an Architektur während der Wintermonate nicht über das Schneeschaufeln hinausgeht, sich auf ihren sommerlichen Urlaubsreisen plötzlich als fanatische Architekturfans entpuppen. Die Villen Palladios in Oberitalien, das brüchige Gemäuer auf der Akropolis oder die Tempel von Angkor Vat gewinnen plötzlich eine identitätsstiftende Bedeutung. Das Verpassen eines Tempels in Südindien, sagen wir des Vishnutempels in Podukkottai, weil ihn der Führer einfach nicht erwähnt, kann den Rest der Reise problematisieren. Bildungsbürger realisieren Disziplin und stillen Wissensdurst ohne Rücksichtnahme auf Sinn und Muße. Bourdieu sprach da immer von der Allokation symbolischen Kapitals. Ich gestehe, dass ich auch zu dieser Spezies gehöre. Noch in der Mittelschulzeit schlug ich mich per Autostopp durch Frankreich, um hungernd und frierend, aber erfüllt von der Teilhabe an den großen Kulturleistungen der Menschheit jede, wirklich jede der berühmten Kathedralen zu studieren. Geblieben ist mir davon ein Taschenbuch, „Gotik“ von Jantzen in Rowohlts Deutscher Enzyklopädie. Und das unverzichtbare Wissen, dass die Kathedrale von Amiens mit einer Bogenhöhe von 43, 5 Meter die größte, wenn auch nicht die Schönste ist. Diesen Ruf genießt jene von Chartres. Jantzen hat mir allerdings noch was mitgegeben: Die mittelalterlichen Menschen sollen ihre Kathedralen in einem wahren Begeisterungsrausch errichtet haben; ein Rausch, der sogar nach des Tages Mühen anhielt, wenn Männer und Frauen in der von Feuern erhellten Dunkelheit ihre Fronarbeit als Fest feierten.
Der Eindruck, den ich auf meinen Architekturreisen gewann (andere Reisen hätte ich mir als Bildungskleinbürger nie gegönnt) unterscheidet sich allerdings sehr von dem bei Jantzen Gelesenen. In all den Festungen, Tempeln, Palästen oder Kirchen spielten Menschen, mit gelegentlicher Ausnahme der Herrschenden auf irgendwelchen Friesen, wenig Rolle. Behausungen von Menschen aus gewöhnlichem Fleisch und Blut existierten einfach nicht in der durch Baedeker und DuMont geadelten Architektur.
Diesbezüglich muss selbst der größte Skeptiker den Fortschritt akzeptieren. Ich darf das beliebte Bild einer von Menschen nach irgendeinem Weltenbrand entleerten Erde strapazieren. Der unbekannte Alien auf Urlaub könnte sich dann immerhin noch an ostdeutschen Plattenbauten, amerikanischen Großstadtdschungeln, oder auch der Terrassenhaussiedlung in St. Peter ein Bild von den Wohnverhältnissen machen. Auf den unbekannten Gott allerdings, dem das weltumspannende Netz aus leeren Autobahnen und Straßen gewidmet ist, würde dieser Alien wegen der eher flachen Architektur wohl nicht besonders neugierig sein.
Das Konsequenteste, was ich in Hinblick auf menschenleere Architektur gesehen habe, ist die Mingun-Pagode nahe Mandalay (liegt in Burma, Anm. d. Red.), auf der anderen Seite des ziemlich breiten Irrawaddy. Die buddhistische Heiligtümer bergen ja nicht viel, außer einem Haar Buddhas, oder einer Handvoll seiner Fingernägel. Das Innere der Pagode, die sich dunkel über dem Fluss erhob, war jedenfalls bedeutungslos, verglichen mit ihrem Äußeren: einem gewaltigen Pyramidenstumpf aus gebrannten Ziegeln. Der Turm von Babylon, der für frevelhaften Größenwahn steht, schrumpfte zu einem Bild der Bescheidenheit angesichts dieses düsteren, wie aus einer vergangenen Zukunft zurückgebliebenen Ruinenklotzes. Er war ganz real das, wovon die Wiener Realisten immer gern geträumt hätten. Die Basis mochte an die 70 Meter im Quadrat haben, und die riesige Plattform, auf der ein kleines, schiefes Steinhaus wie ein Spielzeugwürfel in der untergehenden Sonne glänzte, mochte sich 30 Meter über den Fluss erheben. Das ganze Ding war hässlich wie die Umfahrung von Bruck und fast so düster wie die Wohnungen im Schatten des vorrüberdonnernden Verkehrs. Der größenwahnsinnige Bauherr war allerdings vor Vollendung seines Prunkbaus erschlagen worden. Vielleicht ein Glück, denn nach einem der Führer war sein Architekt ein Pfuscher gewesen, nach dem anderen trug ein Erdbeben an dem klaffenden Riss, der sich von oben nach unten zog, die Schuld.
Vielleicht 80 Kilometer weiter südwestlich liegt Pagan, ein weites Feld mit mehreren hundert Heiligtümern, deren sich die UNESCO als Weltkulturerbe gern angenommen hätte. Man klettert auf einen dieser Tempel, und so weit der Blick reicht, nichts als Tempel, hunderte Tempel und Pagoden. Ich gestehe, dass ich angesichts dieses Panoramas ernstlich mit dem Gedanken spielte, auf die Verfolgung der in meinem Führer penibel aufgelisteten Stilmerkmale zu verzichten. Aber mir fiel auch der plumpe Kasten ins Auge, der ein Museum und das staatliche Restaurant beherbergt. Außerdem das in Bau befindliche Hochhaus, geschmackvoller Weise ebenfalls in Form eines Tempels und von einem den Regierungsstellen genehmen Hotelier errichtet. Letzteres Gebäude sollte auch der Grund für den Rückzug der UNESCO gewesen sein. Ich äußerte die Vermutung, dass diese sich über Jahrhunderte hinziehende, ungeheure Bautätigkeit durch eine ungewöhnliche Fruchtbarkeit des flachen Geländes begünstigt worden sei – aber keine Rede davon. Der Boden bestünde, wurde mir erklärt, aus unfruchtbarem Lehm. Und unter all den Bauten, die hinduistische Götter, Buddhas oder seine Haare beherbergten, natürlich wieder keine Gebäude für wirkliche Menschen. Nur in einer brütend heißen Umfassungsmauer des Dhammayangyi-Tempels fanden sich Zellen für die Mönche. Sie erinnerten allerdings eher an Strafe, Folter und Guantanamo, vorausgesetzt die Amerikaner hätten sich für Ziegel und nicht Maschendraht entschieden.
Vielleicht 20 Kilometer südlich von Pagan hielt unser Führer, gleich nachdem er an einem sehr improvisierten Schranken den üblichen Wegzoll entrichtet hatte. Etwas abseits von der mit Palmen gesäumten Straße befand sich eine Art asiatische Buschenschenke, bestehend aus zwei niedrigen, mit Palmblättern gedeckten Gebäuden, einem Schattendach über einem langen Verkaufstisch, Gattern und einem Brunnen. Das Anwesen, ohne irgendein störendes Element, weder Plastikfetzen, noch Autoreifen oder sonst ein Zivilisationsmüll, war von einem perfekten Design, von einer visuellen Perfektion, die sofort an die berühmte Grazer Fachhochschule für Mediendesign denken ließen. Aber nichts dergleichen. Unser Gastgeber, ein fröhlicher Mann, der sich an Stelle der oberen Schneidezähne zweier mächtiger Hauer bediente, beteuerte, dass die vollkommene Anlage ausschließlich von ihm errichtet worden sei. Nein, auch kein Entwicklungshilfeprojekt im Rahmen einer Tourismusoffensive. Die flachen Pfannen, in denen der Palmschnaps destilliert wurde, waren natürlich aus Metall. Aber alles andere, die Holztrommeln, auf denen wir Platz nahmen, die Tischplatte, die Streben der Hütte, die Seitenwände, der Wassertrog, der Pferch für den buckligen Büffel, einfach alles, stammte von den 42 Palmen, die unserem Mann gehörten. Auf dem Verkaufstisch standen Flaschen von Gordon`s Dry Gin, Johnny Walker oder Ballantine aufgereiht, umhüllt von lindgrünem Bandgeflecht aus Palmfasern und gefüllt mit Palmschnaps. Kleine Täschchen aus dem gleichen Material waren gefüllt mit bräunlichen, aus dem Palmsaft gewonnenen Pralinen. Natürlich gab es auch den Saft der Palmen, rein, vergoren und als Wein. Die Söhne führten vor, wie sie die Palmen anzapften und die schmalen Leitern, auf denen sie in schwindelnde Höhen kletterten, stammten ebenfalls aus ihrem Baumbestand. Und etwas entfernt lag das ausgehöhlte Stück eines gewaltigen Stammes, von dem ich nicht herausbekam, wozu es gut war. Der Ort verfügte weder über Strom noch Telefon, aber er illustrierte sehr gut meine Ahnungen von dem verborgenen, untergegangenen Leben zwischen Pagoden und Kathedralen. Nachdem wir Kaffee, Schnaps und Wasser getrunken hatten, konnte ich nicht widerstehen und kaufte eine Flasche von dem Palmschnaps plus ein Täschchen mit Pralinen. Auf dem Rückflug nach Rangoon las ich dann George Orwells „Shooting an Elefant“. Er hatte die Geschichte als „sub-divisonal police officer“ in Burma erlebt und damit möglicherweise den besten Text über die Absurdität kolonialer Herrschaft geschrieben. In der Folge war mir jeden Abend übel – entweder von dem Palmschnaps oder von den Pralinen oder von beidem, bis meine Tochter das Zeug im „Buddy Inn“ in Bangkok ins WC schüttete.
Wilhelm Hengstler ist Filmregisseur und Autor, ausgezeichnet mit dem Manuskriptepreis 2004, lebt in Judendorf/Strassengel bei Graz.
- Verfasser/in:
- ausgewählt von Wenzel Mracek
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