In der Tat, Schule fährt. Deswegen beginnt Schule für viele Kinder an der nächsten Haltestelle und hört für gewöhnlich am Schultor auf. Eine bemerkenswerte Flotte von Kleinbussen rückt in Österreich alle Morgen aus, jede Menge Kinder einzusammeln, und rückt dann gegen Mittag wieder aus, um sie halbwegs gesund vor die Haustür zu bringen. Das ist super organisiert in diesem Land und funktioniert seit vielen Jahren klaglos. Weil die Kinder nichts anderes kennen, bekommen sie auch lange nicht heraus, dass sie vielleicht zu Fuß durch den Wald nur eine Viertelstunde brauchen und nicht 50 Minuten mit dem Bus durch die ewig selbe Gegend auf der immergleichen Route dösen. Mütter und Lehrerinnen halten sich bedeckt. Denn im Wald, da sind die Räuber… Väter und Lehrer spielen keine Rolle, die Angst vor der Hölle, dem Wald zu nehmen. Jeden Tag 2x50 Minuten Verkehrshölle halten sie nur ihren Kindern zuliebe anscheinend für ziel führend. Spielt sich alles vor meinem Bürofenster ab, die Haltestelle und die Volksschule auf dem Berg, welche nun geschlossen werden soll.
Bemerkenswert an dieser Schule ist zweierlei. Es ist die erste in Graz zu diesem Zweck vor etwa 120 Jahren errichtete Baulichkeit, und nirgendwo sonst außer bei Dorfschulen haben sich die Menschen, welche sie errichten ließen, so genau überlegt, wo sie sie hinstellen – sicher nicht, um ein Remake von Die Kinder von Bullerbü zu drehen, aber strategisch und taktisch klug überlegt. Fuhrleute und Marktfieranten mussten vor dem Abstieg ins Tal spätestens dort bei der Schule anhalten, um Bremspferde vorzuspannen – eine günstige Gelegenheit, ihren Nachwuchs im Namen der Kaiserin der Schulpflicht zuzuführen. Beim Ausspannen der nach dem Markt als Zugpferde die Ries hinauf eingesetzten Tiere wurde das eigene Junggemüse wieder mit heimgenommen.
Wohin heute das Junggemüse verbracht wird, spielt mit unserer Schulbusflotte keine Rolle mehr. Schulbauten werden auf die grüne Wiese gestellt, wo sich die Kubatur ausschließlich am Budget orientieren muss. Die Architektur ist der gängigen Pädagogik oft voraus, wenn ich mir die Schulen in Raaba, Hausmannstätten und anderswo im Grazer Umland in Erinnerung rufe. Die Grazer Waldorfschule ist zweifellos die schönste Schule weit und breit und fast ein Dorf für sich. Die Karl-Schubert-Schule entwickelt sich zu einer goetheanischen Idylle an der Bundesstraße vier Kilometer vor der Stadt. Die anderen Schulen, welche von Eltern gegründet wurden, die ihren Kindern nicht antun wollten, was sie in der eigenen Schulzeit erleben mussten, befinden sich in der Gegend, welche ich überblicken kann, mit Ausnahme der Modellschule im Grünen – weit ab von irgendeiner fußläufigen Erreichbarkeit.
Die Modellschule in Graz hauste über viele Jahre in einem Gebäude, bei dem sich die Fenster nicht mehr schließen ließen und im Verputz noch die Einschusslöcher vom Februaraufstand 1934 zu sehen waren. Das ist jetzt anders. Fenster und Einschusslöcher wurden eingerahmt, nachdem es sich in den Ganglien des Magistrats herumsprach, dass es den Kindern keineswegs egal war, in welche Bruchbude sie da jeden Morgen einziehen.
Von der Idee bis zur Wirklichkeit dauert so etwas wie die Renovierung aller Grazer Volks- und Hauptschulen fünf Jahre, Extras wie das Kindermuseum sieben Jahre. Wenn ich an diverse Verkehrsprojekte in dieser Stadt denke, die seit 15 Jahren oder mehr vor sich hindümpeln, finde ich fünf Jahre phänomenal gut, sozusagen just in time.
Im Zuge des zunächst einsamen Konzeptes einer bespielbaren Stadt begannen sich Direktion und Lehrkräfte für den Schulhof und seine Gestaltung zu interessieren. Da gab es schöne Beispiele aus Malmö und der Lichterstadt Berlin, die zu allerhand Gestaltung auf Grazer Schulhöfen anregten. So kam Kunst und Architektur in ehemalige Kasernenhöfe. Denn in der Tat sind wenigstens vier Grazer Schulen früher Kasernen gewesen – gewiss ein zivilisatorischer Fortschritt seither.
Vor dem Schultor gibt es nur Verkehr mit der überwältigenden Dominanz der Autos. Dort im architektonischen Sinne einzugreifen würde sich mancherorts lohnen. Vor der ehemaligen Marschallkaserne, wo jetzt ein bilinguales Gymnasium untergebracht ist, befindet sich auffällig viel Platz auf der Straße. Ganz klar: Dort standen früher die Soldaten in Dreierreihen stramm.
Verkehrsarchitektur gehorcht leider der Zweckmäßigkeit des steifen Geradeaus, mit dem im vorvorigen Jahrhundert Eisenbahnschienen verlegt wurden. Seither hat die Verkehrsplanung nicht viel dazugelernt.
Als Beispiel kommt mir wieder die Volksschule auf der Ries in den Sinn. Durch die vielen rastenden Fuhrwerke ist dort in einigen hundert Jahren ein beachtlicher Platz entstanden, der auf hundert Meter Länge bis vor die Schule nachgemessen 22 Meter breit wurde und um den sich Geschäfte und Wirtshäuser gruppierten. Nach den aktuellen Planungsrichtlinien benötige ich für eine innerstädtische Bundesstraße mit zwei Gehsteigen elf Meter Platz. Würden sich noch einmal elf Meter für schulisches Freigelände und Parkplatz für den letzten verbliebenen Greißler ausgehen, wenn die Straße im großen Bogen um die Schule geführt worden wäre. Der Planer war eitel und blind gegenüber solchen Überlegungen und die Politiker waren froh, dass überhaupt etwas geschieht. So entstand ein jämmerliches Denkmal verkehrter Planung, das aber immerhin eine an Werktagen wirkungsvolle Portalsituation darstellt, weil die nach Graz mit dem Auto einfahrenden Fremden glauben müssen, sie würden jetzt in den Parkplatz einer kleinen Shopping City einfahren, und halten sich dann meistens an die vorgeschriebenen 30km/h vor der Schule.
Hat irgendeine Schulbaudirektion jemals die Kundschaft, die Kinder, danach gefragt, wie ihre Schule ausschauen soll? In Graz hat es das gegeben in der zweiten Phase der groß angelegten Schulrenovierungen, als Kinder-Planungswerkstätten bei der Gestaltung der Schulhöfe bei den Herren mit Zeichen- und Rechenstift wegen ihrer überzeugenden Kraft fast so etwas wie Erleichterung auslösten, dass ihnen niemand auf der Nase tanzen wollte, sondern konstruktive und ausgearbeitete Pläne und Modelle vorgelegt wurden. So ist auch der Oeverseepark entstanden. Bei Neubauten hat es das nicht gegeben – in Graz der eine oder andere Kindergarten. Ein Neubau war selten, ein anderer allerdings spektakulär.
Kinder, wie soll der Bau ausschauen, hat einmal gegolten – für uns, die wir den Auftrag hatten, ein Hands-on Kindermuseum zu konzipieren. Bei Promotion und Lobbying stießen wir stets an eine Gummiwand, wenn wir unsere Kinderbeteiligungsverfahren ins Spiel bringen wollten. Beim Stadtbauamt hieß es streng: Das ist unser Bau. Danach könnt ihr darin machen, was ihr wollt. In den Bebauungsplanentwürfen spiegelte sich bereits das gestörte Verhältnis der Teams und Männer zu Kindern wider. Klaus Gartler wollte es gar in einen unterirdischen Trog stecken, damit es die städtebaulichen Achsen nicht irritiert. Szyszkowitz-Kowalskis Entwurf gefiel mir damals am besten. Gefordert war ein Büro-Hotelkomplex mit einem Kindermuseum als leicht zu entfernenden Blinddarm. In ihrem Entwurf wäre die Narbe immer sichtbar geblieben. Andere nahmen nur ein kleines Bauklötzchen aus dem Modell, um zu demonstrieren, dass es auch ohne Kindermuseum geht.
Nun steht das Kindermuseum und um das Bauklötzchen herum nichts – keine Büros, kein Hotel. Nur das alte längst verhökerte Augartenheim steht immer noch. Das Museum der Wahrnehmung in Rufweite bleibt weiterhin unsichtbar. Aber Spott und Jubel halten sich in Grenzen, obwohl die ein wenig an eine halboffene vornehm graue eckige Riesenmuschel von Hemma Fasch und Jakob Fuchs sich wohltuend von allem Disney- und Neverland-Kitsch abhebt und bereits den ersten Architekturpreis ex aequo mit dem Kunsthaus bekommen hat. Dessen Fassade hat allerdings schon den Spirit Award der deutschen Telekom erhalten.
Unsere konzeptionellen Vorgaben gingen dabei unter. Wir Autobastler und Freizeitpädagogen, eine Bühnenbildnerin und eine Landschaftsarchitektin waren auch dabei, hätten es schön gefunden, wenn das Haus jederzeit erweiterbar und seine Architektur bereits von außen für Kinder sichtbar und nachvollziehbar gewesen wäre. Jetzt ist es eher ein Kokon geworden und schaut alles andere aus als der Eiffelturm oder die Fachwerkhäuser in der Normandie bis hin zum Westerwald. Um die nachzubauen, genügt ein Blick von außen. Unser Kindermuseum lässt sich nicht einmal von außen durch ein Plastiksackerl anfühlen.
Von unserer Idee, Klima und Beleuchtung für die Kinder beeinflussbar zu machen, ist ein Blick hinter Glas in den Heizungskeller übrig geblieben. Da hatten wohl Stadtbauamt und Rauchfangkehrer-Innung mit gestrengem Auge ihre Hand im Spiel.
Die pflanzliche Welt um das Museum wird erst noch wachsen müssen. Kinder haben dabei nichts zu bestellen. Das macht eine Gartenbaufirma. Eigentlich schade. Wieder eine Chance vertan, den Kindern die Welt zu erklären. Für die geplante Eröffnungsausstellung gab es kein Geld mehr. Aber das lässt sich ja nachholen – auch anderenorts.
Als gelernter Regisseur am Theater denke ich mir manchmal, warum wird nicht einfach gemacht, was ich sage? Das funktioniert schon auf der Bühne nicht so einfach. In der realen Welt habe ich es mit einem komplizierten Geflecht von spannenden Ideen, glaubwürdigen Motivationen, handfestem Sachverstand und banalen Interessen zu tun. Da wird man demütig.KURZBIOGRAFIE DES AUTORS
Hans Fraeulin ist Diplom-Volkswirt mit Studienpraxis in der Stadt- und Regionalplanung, Journalist. Regiestudium, Theaterleiter, Inszenierungen eigener Stücke, fünf Jahre Kinderbeauftragter der Stadt Graz, lehrt heute an einem Ausbildungszentrum für Sozialberufe Theater und Medien.
- Verfasser/in:
- ausgewählt von Wenzel Mracek
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