"15·DEZ EMBER PLATZ, GRAZ"
von Günter Hainzl
Die Murvorstadt, die heutigen Bezirke Lend und Gries, war die klassische Vorstadt von Graz, ein unbefestigter Außenbezirk der Stadt, in deren Burgfried sie lag. Sie stellte ein Bindeglied dar zwischen der Stadt und ihrem Umfeld. Bis ins 15. Jahrhundert demarkierte die Bebauung um das Minoritenkloster, entlang der heutigen Mariahilferstrasse und Josefigasse, die nördliche Grenze der Murvorstadt. Bereits in der Mitte des 16. Jahrhunderts wurde das darüber hinaus befindliche Schwemmland und Anlegegebiet des Wasserverkehrs (der Name Lend rührt vom Anlegen, dem Anländen der Wasserfahrzeuge her) durch Leder- und Textilbetriebe und ärmliche Behausungen besiedelt. Diese Besiedelung verlief im Bereich des Lendplatzes entlang eines Murarmes, womit sich die geneigte Lage des Platzes zur Mur erklären lässt.
Der Lendplatz ist eine sackartige Erweiterung der Mariahilferstrasse und der Wienerstrasse, dessen eher ausgedehnte Dimension durch die ursprüngliche Nutzung als Viehmarkt zu verstehen ist. Am südlichen Ende des Platzes, an der Mündung des damaligen Murastes in den Fluss (der heutigen Mündung beziehungsweise Kreuzung Mariahilferstrasse – Josefigasse – Stockergasse) wurde der Lendplatz durch eine inselförmige Bebauung (heute das Hotel Feichtinger, Lendplatz 1,1a) von seiner nördlichen Integrität getrennt.
Dieser resultierende Zwischenraum, dieser Appendix des Lendplatzes ist ein in sich begreifbares Raum- und Platzgefüge – eine Art Übergangszone, Schwelle oder Vorplatz sowohl zum Lendplatz als auch zum Mariahilferplatz und zum Murfluss.
Nun, ist es gerechtfertigt diesen Vorraum, diesen Windfang zum Lendplatz selbst als Platz zu bezeichnen? Genügen bereits die Anwesenheit eines Baumes, eine Sitzgelegenheit, ein "Ankünderzylinder", ein Fahrradständer, ein Mistkübel und eine Straßenlaterne an einem Ort, um als Platz Gültigkeit zu erlangen? Erschwerend kommt hinzu, dass diesem Zwischenraum immer ein Namen fehlte. Und was ist ein Platz, der keinen Namen trägt und vielleicht auch keinen verdient?
Doch seit einigen Jahren hat dieser Zwischenplatz einen Namen – keinen offiziellen, beim Strassen- und Brückenbauamt registrierten, nein, sondern einen Namen, welcher derzeit nur einem kleinen Kreis von Kennern bekannt ist. Damit soll es jetzt ein Ende haben: der "15·DEZ EMBER PLATZ" soll kein Unbekannter mehr bleiben.
Aber worin besteht die Bedeutung eines Platzes?
Der französische Philosoph Henri Lefebvre ging in einer Kritik der Verstädterung der Städte von folgender Annahme aus: Die einzige Weise, wie man den Stadtraum als politisches Element – im bestem Sinn der antiken Agora und des Forum Romanum – zurückerlangen könne, ist durch einen Akt der Demonstration. In seinen Worten, formuliert Ende der 60er in Frankreich, hat der Begriff Demonstration etwas revolutionäres und neo-marxistisches. Jedoch verbirgt sich in Demonstration die etymologische Wurzel "monstrare" – lat. zeigen, welche hier als Leitfaden dienen soll: ein Anzeigen einer Anwesenheit in der Öffentlichkeit. Ein Platz ist eine deprivatisierte städtische Situation, welche die Möglichkeit gewährleistet, eine Gesellschaft zu begründen, und zu formulieren, was in der Natur eines 'zoon politikon' liegt.
Der Leere eines Zwischenraumes, eines von der verbauten Masse ausgeklammerten Volumens, obliegt das Potential – besser noch, es ist ihre Funktion – als gesellschaftlicher Raum zu wirken. Im selben Sinne schreibt Lao Tzu über das Gefäß: "Man knetet Ton zurecht / zum Trinkgerät: / Eben dort, wo keiner ist, / Ist des Gerätes Brauchbarkeit." Auch hierin liegt die Brauchbarkeit eines Platzes, als Gefäß zu fungieren, in welches und aus welchem sich die Anwesenheit des Volkes zu ergießen vermag. Ein Platz ist ein Ort, um eine persönliche Meinung zu vertreten, um gehört zu werden und zu hören; um seine Anwesenheit zu bestätigen, jedoch ohne jeglichen Anspruch auf Macht.
Zugleich ist die Leere auch ein Ort des Innehaltens, eines kurzen stehen Bleibens und Aufatmens entlang eines Pfades. In diesem Sinne ist ein Platz eine Lichtung in der Dichte der Stadtstruktur. Er dient zur Raum- und Ortsfindung, schafft den Bezug eines sich bewusst Befindens. Er ermöglicht Orientierung und Identifizierung sowohl innerhalb des Stadtraumes als auch im sozialen Gefüge einer Stadt. Dieser Akt projiziert sich auf die Begrenzung der Lichtung und wird von ihr reflektiert: der Masse, welche die Leere umschließt und folglich hervorbringt. Die Randlage an einer Lichtung erzeugt ein gemeinsames Bezugsfeld. Ein Feld, welches sich von Außen nach Innen und vice versa erstreckt.
In der urbanen Lichtung entsteht ein Zusammenspiel zwischen den Anrainern, den Benutzern der baulichen Massen, und den partiellen Anrainern, den Benutzern des Zwischenraumes. Obwohl im besitzrechtlichen Sinne die Fronten der beiden Anrainerklassen klar definiert erscheinen, verschmelzen letztere auf sozio-politischer Ebene. Jeder hat Anrecht auf einem Platz innezuhalten, um seine Anwesenheit zu bekunden, ob Anrainer oder partieller Anrainer. Darin zeigt sich die besondere Kraft der Leere: nicht wertend zu sein.
Am 15. Juni ab 10 Uhr rufen wir zur ‚Demonstration’. Wir rufen Sie dazu auf, durch Ihre Anwesenheit am "15·DEZ EMBER PLATZ" dessen Existenz als Platz zu ‚provozieren’. Die Anwesenheit jedes einzelnen von Ihnen wird in einem Notat, dem Anrainerbuch, festgehalten werden.
Bring your Friends! – – – Albert Franz Hauser, e.d Gfrerer, Günter Hainzl
- Verfasser/in:
- ausgewählt von Ute Angeringer und Markus Gfrerer
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