"im osten, 1991" von Gernot Stangl
ich war einmal in moskau, aber ich war nie in der sowjetunion oder in rußland.
das land von dem ich schreibe, kennt niemand mehr.
es hieß "GUS" oder "gemeinschaft unabhängiger staaten". den vorgänger hatte ronald reagan als "reich des bösen" bezeichnet, der nachfolger liegt heute sogar abseits der gleichnamigen "achse".
der putsch gegen gorbatschov war erst vor wochen gescheitert. ein amerikanischer historiker rief das "ende der geschichte" aus - und zwar gleich das der ganzen weltgeschichte. auf diese idee fielen viele herein, meist dieselben, die kurz danach auf den irakkrieg hereingefallen sind (ich meine den ersten).
auch damals fand schon "globalisierung" statt, aber das wort gab es noch nicht. ihre symptome hatten auch kein so schlechtes ansehen wie heute. der export von amerikanischem sprudelwasser ins reich des bösen war der gipfel der subversion. die einzige mcdonalds-filiale in moskau wurde als geschichtliches ereignis angesehen, eine art anomalie gegen die naturgesetze.
ein bekannter russischer film handelt von dem magischen fenster einer kommunalka (eine gemeinschaftswohnung). es sieht ganz gewöhnlich aus, doch eines tages klettert einer der mieter durch das fenster und traut seinen augen nicht: wenn man hindurchsteigt, gelangt man direkt nach paris.
diese art wurmloch in eine andere welt wollte auch die mcdonalds-filiale am gorki park darstellen. zumindest schienen die innenarchitekten den film gesehen zu haben. ein teil des enorm weitläufigen schnellimbisses wurde von einem modell des eiffelturms dominiert. da man einen sehr großen maßstab (ich schätze 1:10) gewählt hatte, gab es nur platz für den fuß des eiffelturms in etwa bis zur eislaufplattform. andere internationale motive waren genauso großzügig nachgebaut. nach meiner erinnerung ist diese filiale unendlich groß gewesen. das sehenswerteste an dem lokal war aber trotzdem die menschenschlange vor dem lokal. sie bildete, den konturen des öffentlichen platzes vor dem eingang folgend, ein schönes rechteckiges polygon von etwa 50 + 200 + 100 + 200 meter, ca. in viererreihen. da daraus ein beinahe geschlossener, undurchdringlicher lebender zaun aus sehr diszipliniert wartenden russen entstand, war die mitte des platzes menschenleer. auch stieß das hintere ende der menschenschlange beinahe an das vordere.
jetzt kann man sich natürlich fragen, was uns gezwungen hatte, dort hin gehen zu wollen und die antwort lautet: nach einigen tagen in moskau wollte jeder dorthin. die moskauer selbst schienen sich über eine unsichtbare infrastruktur mit essen zu versorgen - an den kleinen lebensmittelläden im souterrain mit minimalistischer dekoration kann es nicht gelegen sein. und auch davor standen schlangen. die halblegalen bauernmärkte boten dinge an, die man vor dem essen jedenfalls in kochendem wasser entkeimen sollte. wasser gab es aber auch nicht, jedenfalls kein trinkwasser. dass die wiener hochquellenleitung nicht in moskau endet, war bekannt. die idee, pures wasser trinken zu wollen, war den moskauern sehr fremd, wie ich herausfand. ich ging nur aus diesem grund in die luxus-devisenabteilung des kaufhauses gum, fragte nach mineralwasser und scheiterte.
das konzept des mcdonalds-konzerns, überall auf der welt das gleiche essen anzubieten, erschien in diesem licht als große verheißung: der geschmack des jakominiplatzes.
wir kamen also am ende der weltlängsten warteschlange an und waren sehr hungrig. unser russischer begleiter sagte: "kein problem. gebt mir drei dollar." wir gaben ihm drei dollarscheine und er faltete sie flach in die hand, nach einer offenbar gut geübten technik. dann ging er sehr gelassen an den 5000 leuten vorbei, die vor uns da gewesen waren und uns jetzt alle ansahen und auf den türsteher zu. wir folgten ihm und dachten darüber nach, was in österreich passiert, wenn sich einer an der kassa im supermarkt an 5000 leuten vorbeischwindelt. der türsteher kannte das ritual und grüßte den geldkurier mit handschlag. die 5000 wußten bestimmt bescheid: "jetzt hat er wieder drei dollar gekriegt."
unsere russischen begleiter waren so alt wie wir, anfang 20. zwei oder drei von ihnen schienen die abkürzungen durch das system besonders gut zu kennen. das demonstrierten sie uns mit dem stolz des hackers, der einen programmierfehler für seine zwecke ausnützt. was immer man benötigte, die unsichtbare infrastruktur konnte es irgendwo über zwei ecken bereitstellen. ab einer gewissen anzahl von mittelsmännern sprach man von einer "mafia". (ich danke hiermit der russenmafia, die uns die zugtickets nach leningrad besorgt hat.)
bekanntlich hat russland in der zwischenzeit die schlauesten entwickler von computerviren hervorgebracht. das moskauer system von agenten, geheimen hintertüren und abkürzungen war ihr trainingsgelände.
die agenten waren nicht so geheim, wie man vermuten würde. sie trugen alle bunte turnschuhe. dieses signal war vor dem gedeckten hintergrund des russischen lebens besonders laut. farbe ist ein teures vergnügen, auch wenn wir das schon vergessen haben. tatsächlich scheint im westen die farbe erst ende der 60er-jahre durch neue entwicklungen der chemie zum massenprodukt geworden zu sein. das orange und grellgrün der autos der 70er hatte neuigkeitswert und war deshalb so beliebt. der osten machte diese entwicklung nicht mit und die trabants und wolgas blieben grau, graublau und beige. die entwicklung giftgrünen autolacks stand offenbar nicht im fünfjahresplan. dazu kommt, dass das russische straßenbild zu dieser zeit frei von werbeplakaten und grellen geschäftslokalen war.
was bleibt, sind also die lange nicht renovierten graubraunen fassaden moskaus sowie ladas und moskwitschs in leicht herzustellendem verwaschenem graubraun und ockergelb, dazu die garderobe der russen in darauf abgestimmten farbnuancen. buntheit transportierte immer die aussage "nicht von dieser welt" und bunt gekleidete leute waren beliebte zielgruppe von straßenverkäufern, die sich dollars erhofften. es war also besser, in den ortsüblichen tarnfarben unterwegs zu sein - alle straßenverkäufer fielen darauf herein.
ich sprach mit einem russen über diese absenz von farbe im straßenbild, und er erzählte mir, dass sich die regierung aber wenigstens in einem punkt die farbpsychologie zu nutze gemacht hätte: auf allen landkarten war russland in einem kräftigen rosa gehalten und die warschauer-pakt-staaten in anderen leuchtenden farbtönen. für den rest der welt blieb keine farbe mehr übrig. wir wissen, dass es hierzulande genauso war, nur mit umgekehrten rollen.
man fliegt nicht sehr lange von moskau nach wien. früher als gedacht stand ich etwas verloren am ende der kärntnerstraße, ecke graben, noch immer farblos. in der hand trug ich diese fellmütze, die ich einem straßenverkäufer für das 100-fache des ortsüblichen preises abgekauft hatte.
moskau ist nicht mehr hauptstadt der GUS, sondern russlands. die hauptstadt russlands habe ich nie gesehen. die turnschuhträger von damals haben vielleicht ihren weg gemacht. stellvertretend für alle, wird einer von ihnen gerade für ziemlich lange zeit ins zuchthaus geworfen. moskau ist bestimmt greller geworden, eine bunte drittweltmetropole. eine ahnung sagt mir aber, dass es zu keiner zeit für uns mitteleuropäer so zugänglich war wie damals.
Gernot Stangl war 1991 in Moskau. Er beabsichtigt, wieder dorthin zu reisen.
In Folge der Reise hat er einen Satz kyrillischer Schriftzeichen entworfen
und einen Katalog mit Arbeiten russischer Architekturstudenten und -studentinnen
gestaltet (leider vergriffen).
Die Schriftzeichen kann man sich hier ansehen:
http://xarch.tu-graz.ac.at/home/gernot/typo/index.html
http://xarch.tu-graz.ac.at/home/gernot/typo/typosamp.html
http://xarch.tu-graz.ac.at/home/gernot/typo/typokyr.html
Derzeit ist er Mitarbeiter der Architektur Consult GmbH.
- Verfasser/in:
- ausgewählt von Ute Angeringer und Markus Gfrerer
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