"Venedig kann sehr schön sein.
Und manchmal sehr weit weg"
Eine Marathon-Geschichte von Ute Angeringer
Mit Venedig hatte ich eine Geschichte zu begleichen, eine ganz persönliche. Dieser Ort läßt vielerlei An- und Einsichten zu, als eine seit Jahrhunderten sterbende Stadt, die sich dem Untergang genauso beharrlich widersetzt wie allen Versuchen moderner Eingriffe, dabei aber auf das Copyright vergaß und nunmehr in Las Vegas Prospekten genauso zu finden ist wie in China und bald auch im Maßstab 1:7 in der Nähe von Rimini. Als Stadt, die vom “Touristeninsekt” zerfressen, doch von demselben am Leben erhalten wird: Niemanden aber läßt Venedig gleichgültig und manche nie wieder los. Igor Strawinsky ist hier gestorben und Richard Wagner, Thomas Manns Gustav von Aschenbach hat den “Tod in Venedig” in der Literatur gefunden, seit einigen Jahren treiben Donna Leons Leichen rücklinks im Kanal und “Wenn die Gondeln Trauer tragen” könnte ich mir auch wieder einmal ansehen.
Besondere Ereignisse verlangen besondere Orte.
Deshalb habe ich für meine Marathonpremiere jenen in Venedig gewählt, den 14., den malerischsten, den historisch wertvollsten, den schönsten, den aufregendsten und was die reiche italienische Sprache sonst noch an Superlativen bereithält.
“Lista di Spagna” am frühen Morgen des 24. Oktober 1999 nach einer jammervollen Nacht, in der ich mich beinahe in Selbstmitleid verzehrt hatte, um letzendlich doch zur Einsicht zu gelangen, daß ich niemandem etwas beweisen mußte, wenn nicht mir selbst. Falsch! Ich war gar nicht mein Gegner, sondern ich konnte die Sache auch umdrehen, ich konnte mit mir laufen, ein Gedanke der sich noch als sehr nützlich erweisen sollte.
Zurück zur “Lista di Spagna”, jener Straße, die folgend man vom Bahnhof ausgehend über die “Strada Nova” und “Rialto” irgendwann den Markusplatz erreicht. Die Straße mit den häßlichsten Postkarten, den teuerstsen Bananen, den meisten Hotels aller Preisklassen, in der seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten immer die gleichen Taschen feilgeboten werden; nur der angebotene Kleinod ändert sich ab und zu. Dieses Jahr hat die tanzende Mickey-Mouse den kriechenden Soldaten, der seinerseits das lambadasingende Feuerzeug abgelöst hatte, ersetzt.
Heute aber ist alles anders!
Im Morgengrauen huschen lediglich da und dort Turnschuhe begleitet von Plastiksäcken, alle gleichaussehend und mit einem Löwen drauf, aus Hotelfoyers in die entgegengesetzte Richtung, nämlich zur “Piazzale Roma”. Auch hier hat das sonst hektische Treiben ankommender und abfahrender Busse und Menschen noch nicht begonnen. Vielmehr hat sich bereits ein riesiges Meer von “Turnschuhen mit Plastiksäcken”, manche bereits ausgestattet mit dem Chip am Knöchel und dazugehörenden angestrengten und ernsten Gesichtern versammelt. Welches Bild mag das für Nichtwissende abgeben, für Ahnungslose, die nicht verstehen, daß Ende Oktober um sieben Uhr morgens Menschen in kurzen Hosen, manche mit einer Plastikplane über den Schultern, in verschiedenen Sprachen murmelnd oder in kontemplativer Konzentration verharrend, sich auf einem Platz versammeln. Meine eigene zunehmende Nervosität artikuliert sich in einem unbändigen Mitteilungsdrang und ich bin froh, daß sich Reinhard alles geduldig anhört und mit mir lacht. Endlich kommt der erste Bus mit der Aufschrift “Stra”, jener Ort 25 km außerhalb von Venedig, in dem der Marathon startet. Und müßte man nicht Mehrfachschleifen durch Mestre ziehen, könnte der Marathon schon in Padua beginnen. Oder gibt es da etwa so etwas wie ein Konkurrenzdenken zwischen diesen beiden Städten?
Wir nehmen den dritten Bus, mir ist das Gedränge zuviel. Ich muß gestehen, daß ich zum ersten Mal den Brentakanal entlangfahre - und das obwohl ich acht Monate in Venedig gelebt habe - vielbeachtet und oft zitiert ob seiner landschaftlichen Schönheit, nicht zu vergessen die Villen Palladios, jenes Renaissance-Architekten, der die klassischen römischen Gestaltungsprinzipien noch einmal perfektionierte und seine Spuren von Vicenza über den Brentakanal bis vor die Tore Venedigs hinterließ und dennoch nicht Einlaß fand in das heile gotische Gefüge der Stadt und mit seinen Kirchen "San Giorgio Maggiore" und "Il Redentore" auf der Insel Giudecca direkt vor dem Haupteingang, der zu dieser Zeit noch der Markusplatz war, vorlieb nehmen mußte.
Inzwischen ist es ziemlich hell geworden, vom Kanal steigen Nebelfetzen auf. Entlang des Ufers machen es sich erste Fischer bequem. Die haben es gut! Auf halber Strecke fällt mir auf, wie weit Stra von Venedig entfernt liegt, wir fahren schon eine halbe Ewigkeit. Das kann doch wohl nicht ernst gemeint sein, daß ich die gesamte Strecke laufend zurücklegen soll, das muß ein Irrtum sein und dabei haben wir erst die halbe Strecke mit dem Bus hinter uns. Zu spät! Jetzt gibt es kein Zurück.
Ich denke daran, daß sich Venedig dieses Mal von seiner allerbsten Seite zeigt: Noch nie zuvor hatte ich am Markusplatz die berühmte "aqua alta" so eindrucksvoll erlebt wie am Vorabend. Das sensationelle Spiel, wenn sich die Grenzen zwischen Wasser und Architektur aufheben und eins zu werden scheinen, Gebautes übergangslos in sein Spiegelbild sich verwandelt. Dabei war ich oft, wenn Hochwasser angesagt war, ausgerüstet mit Gummistiefel zum Markusplatz gelaufen und doch immer zu spät gekommen, wenn das Wasser bereits wieder im Begriff war in den Kanälen zu verschwinden.
Die Temperaturen sind immer noch angenehm, wenn auch die Luftfeuchtigkeit relativ hoch ist. Handschuhe und Windblouson, die ich mir noch schnell gekauft habe, nachdem ich zwei Wochen zuvor in Graz beim Marathon zuschauenderweise gefroren hatte, habe ich umsonst eingepackt.
Endlich in Stra angekommen bin ich erst einmal überfordert: viel zu viele Menschen, ich suche mir einen halben freien Quadratmeter, wo ich mich wenigstens umziehen kann, von ungestört ganz zu schweigen, um dann mein Löwensackerl mit der gleichen Nummer wie meine Startnummer zu versehen und in den richtigen LKW zu werfen. Das ist alles neu für mich und um die Logistik einer Marathonveranstaltung habe ich mir im Rahmen meiner Vorbereitungen wenig bis gar nicht gekümmert. Unter all den geschäftigen "Mitläufern" komme ich mir reichlich unpropfessionell vor. Noch schnell einen warmen Tee, die blaue Matte passiert und schon stehe ich inmitten einer gewaltigen Menschenschlange. Als Frau hätte ich mir sogar den Startsektor aussuchen dürfen. Erst kürzlich habe ich beim Studieren von Ergebnislisten verwundert festgestellt, daß nur ca. 10% der Teilnehmer an einem Marathon Frauen sind.
Natürlich stelle ich mich hinten an. Das einzige, was ich von Stra außer temporäre WC-Kabinen kenne, ist der Campanile, dessen Zeitangebe sogar stimmt. Den Startschuß überhöre ich, aber als plötzlich unzählige Sweatshirts durch die Luft wirbeln - eine praktische Art, sich von unliebsam gewordenen Kleidunsstücken zu trennen - und sich die Masse langsam in Bewegung zu setzen beginnt, weiß ich: jetzt geht´s los.
Und das gleich einmal viel zu schnell; zu groß ist die Versuchung, seinen Beinen “freien Lauf zu lassen”. Schließlich finde ich meine persönlichen “pace-maker”, ein älteres Ehepaar, bestimmt Routiniers, welche die lächerlichen 42,195km gleichmäßig zurücklegen werden. Nach meiner eigenen Zeitnehmung in ca. dreieinhalb Stunden, eine Vorgabe, die natürlich weit unter - zeitmäßig gesehen - meinen eigenen Möglichkeiten liegt, aber mir gefällt das Tempo, wohlwissend, daß ich mich irgenwann von den Kollegen verabschieden werde müssen.
Sehr nett ist der Empfang im ersten Ort, Fiesso d´Artico: Volksfeststimmung und italienisches Temperament. Ich lasse mich bejubeln, beziehe alle Zurufe auf mich und nehme den italienischen Männern ihr Machogehabe ausnahmsweise nicht übel. Ich ignoriere einfach, daß es außer mir noch ungefähr 5999 Läufer gibt. Noch nie waren mir architektonische Besonderheiten, kulturelle Hintergründe und landschaftliche Reize so unwichtig wie jetzt. Ich bin einfach voll und ganz damit beschäftigt, einen Marathon zu laufen, und das genügt mir. Nur die Fischer am anderen Ufer des Brenta-Kanals amüsieren mich. Ein ziemlicher Gegensatz von gelassener Bewegungslosikeit auf der einen Seite und der nicht enden wollenden sich fortbewegenden, in der Masse aber auch nicht besonders dynamisch wirkenden Menschenschlange. Ausgenommen von dieser Beschreibung sind natürlich die Spitzenläufer, die ich weder jemals zu Gesicht bekam, und die, bis ich ins Ziel kommen werde, falls überhaupt, wahrscheinlich schon auf dem Weg zum nächsten Marathon sind.
In Dolo gibt es noch eine Stimmungssteigerung, hier spielt sogar die Blasmusik! Vielleicht bin ich heute sehr leicht zu beeindrucken, aber ich finde das großartig; hoffentlich kein vorzeitiger Adrenalinausstoß.
Mira ist auch schön und im nächsten Ort Oriago verabschiede ich mich auch schon von meinen Vorläfern: danke, war sehr nett mit euch.
Bei km 17 werde ich deutlich langsamer, km 21 passiere ich unter 2 Stunden, ohne genau zu wissen, wielange die kleine Ewigkeit von Startschuß bis zu meinem persönlichen Start gedauert hat. Mittlerweile brauche ich auch keine Schwämme mehr zum Kühlen. Die Abzweigung nach Malcontenta, bekannt für eine ganz besonders schöne Palladiovilla beeindruckt mich ebensowenig wie die nach Fusina, wo sich ein Campingplatz meines bevorzugten Architekten Carlo Scarpa befindet.
In Marghera versuche ich mich zu orientieren, hierher bin ich von Venedig zweimal wöchentlich gefahren, um Theater zu spielen. In Tennesee Williams “Endstation Sehnsucht” hatte ich erstmals im Leben ein Sprechrolle, und das mit meinem schrecklichen Akzent.
Und dann überholen mich die netten Läufer mit den Luftballons und den Stickers mit “4 ore” darauf.
Ich habe es gewußt! Mestre wird hart, Mestre ist eine Tortur, aufmunternde Zurufe wie “Forza le donne!” scheinen ihre euphorisierende Wirkung eingebüßt zu haben, und diese unsinnige Passage, einen km hin und gleich wieder zurück, finde ich überhaupt das Letzte.
Wenn nicht bald diese Brücke kommt, diese 3,6 km lange Gerade, mit welcher die Österreicher vor 150 Jahren einen Hintereingang schufen, zuerst als Eisenbahnbrücke, ein Zeichen des unaufhaltbaren Industriezeitalters, der aber bald zum Haupteingang wurde und Venedig damit seines Inseldaseins beraubte, die erst in den 30er Jahren dieses Jahrthunderts hinzukommende Autobrücke mit klingendem Namen "Ponte della Libertà" dockte Venedig endgültig ans Festland an, ja dann?
Ein kleines “Erfolgsgefühl”, als ich die Brücke erreiche: Der Höhenunterschied von zwei Metern scheint manchen Läufern zuzusetzen, nicht aber mir, schließlich habe ich bei meinen Standardlaufstrecken immer einige Höhenmeter zu überwinden, und so laufe ich tapfer in meinem Wahnsinnstempo, das mittlerweile schon beinahe die geschätzten sieben Minuten pro km erreicht haben wird. Ich weiß, wenn ich die Brücke erreicht habe, ist es fast geschafft, bzw. folgen den 32 ersten km die letzten zehn, diejenigen, die man angeblich nur noch im Kopf läuft. Wir haben am Vortag auf die gesamte Länge der Brücke 144 Straßenlampen gezählt. Aufkommende Knieschmerzen kommentiere ich mit gutem Zureden, bei jeder Km-Marke muß ich mich über alles loben, bei km 35 habe ich schon 35 Mal auf die Uhr gesehen, es bleiben lächerliche sieben Mal, ein Klax!
Aber wo bleibt denn nur Venedig? Zwischendurch nieselt es mittlerweile, und die Insel versteckt sich im Dunst.
Aber dann schleiche ich mich hinten hinein, vorbei am Hafen entlang dem “Canale della Giudecca”.
Pathetisch begrüße ich im Geiste zuerst die Architekturfakultät zu meiner Linken und verneige mich vor dem “Molino Stucky”, jener neogotischen Getreidemühle und späteren Nudelfabrik, einem verirrten Beispiel nordeuropäischer Industriearchitektur, die ein dahergelaufener Architekt aus Hannover namens Ernst Wullekopf Ende des letzten Jahrhunderts geplant hatte, ausgestattet mit Silos, die dem damaligen Stand der Technik entsprachen. Dummerweise hat einer der Nachfahren des Herrn Stucky alles Material verbrannt. Deshalb hat man vor über vier Jahren eine öterreichische Studentin auf die Suche nach des Rätsels Lösung geschickt, zuerst nach Hannover, um dann nach Durchforstung sämtlicher Archive für ein Buch zu schreiben, das unüblicherweise nicht später als geplant, sondern zwei Monate früher erscheinen sollte. Noch gut erinnere ich mich an die vielen durchgearbeiteten Nächte und wie ich völlig erschöpft nach Hause zurückkehrte, ohne am Erfolg des Buches Anteil zu nehmen sowie ich eine Zeit lang an überhaupt nichts Anteil nahm.
Der Abschied war nicht geglückt. Seither komme ich oft nach Venedig, immer unschlüssig, was mich nun eigentlich mit diesem überdimensionierten Museum, in dem ich eine Zeit lang gelebt habe, verbindet. Diesen Sommer verspürte ich so etwas wie Gleichgültigkeit dieser Stadt gegenüber, die mich auch nicht befriedigte, und nachdem ich ohnehin einmal einen Marathon laufen wollte, nahm ich diesen hier und begann mein Training zu intensivieren, um herauszufinden, was nun aus diesen gemischten Gefühlen der Haßliebe zu dieser Stadt werden konnte?
Nachdem ich bereits die zweite Brücke - diese waren glücklicherweise mit Rampen versehen - passiert habe, lande ich vor der Gesuati-Kirche in einer Wasserlache und ärgere mich, daß ich die allerletzten km nunmehr mit einem Wasserstand von 5cm in den Schuhen zu absolvieren habe. Bis zur Abbiegung vor der Basilika Santa Maria della Salute, einer Umleitung übrigens, quäle ich mich drei weitere Brücken hinauf und hinunter. Faszinierend finde ich die “Bootsbrücke” über den “Canale Grande”, ein Steg, der auf querstehende Boote gelegt ist, eigens für den Marathon. Natürlich habe ich nicht vergessen, Ignazio Gardellas modernes Haus aus den 50er Jahren direkt am “Canale della Giudecca” gelegen, die “Accademia” und “Santa Maria della Salute” zu begrüßen. Am Markusplatz nimmt niemand mehr Notiz von den Zuspätgekommenen des Marathons, Freudenfest und Siegesglück sind schon wieder Vergangenheit und erst jetzt verstehe ich die wahre Bedeutung der Seufzerbrücke. Auch hatte ich die Anzahl der noch folgenden Brücken bis zur “Riva dei 7 Martiri”, nomen est omen, vergessen. Als ich den Schreihals von Moderator, den ich seit dem Markusplatz höre, leibhaftig sehe, habe ich wieder vier Brücken hinter mir gelassen und noch immer zwei vor mir. Und da plötzlich: mein ganz persönlicher Fanclub: Wolfgang, Harald und Astrid. Ein letztes schmerzverzerrtes Lächeln, oder doch eher Grinsen, dem Schreihals die Frage nach der Herkunft beantwortet, und aus.
P.S.: im übrigen habe ich als 3806. das Ziel erreicht.
Und: Es ist bislang mein einziger Marathon geblieben...








