Die Mystik der Stalinhochhäuser in Moskau
von Juris Vulis
In den Nachkriegsjahren strömte ein Heer von Arbeitskräften aus der Provinz in die Stadt Moskau, die in ihren Ausmaßen intensiv zu wachsen begann. Aus den schrecklichen Baracken siedelte man später die Menschen in große, zwangsverstaatlichte Bürgerwohnungen um. In der Regel wurde pro Zimmer eine Familie einquartiert – die sogenannten „Kommunalkas“ waren geboren. Die gewöhnlichen morgendlichen Warteschlangen vor dem WC, Putzen und Kochen nach Zeitplan, zahlreiche Klingelknöpfe neben der Eingangstür – all das wurde zu einer normalen Erscheinung für Moskau.
Der berühmte Biologe Alexej Pojarkov erzählt aus seinen Erinnerungen an diese Zeit: „Meine Eltern zogen Ende der 40-er Jahre in die Hauptstadt, und man stellte ihnen ein kleines Zimmer in einer gigantischen Kommunalka-Wohnung ganz im Zentrum der Stadt zur Verfügung. Außer uns lebten noch neun Familien in der Wohnung. Für alle zusammen gab es eine große Küche mit sieben Gasherdplatten und zwei gemeinsame WCs: eines für die Frauen, eines für die Männer. Badezimmer gab es nicht, und deshalb gingen wir jedes Wochenende mit der ganzen Familie zum Waschen in die Sauna. Am interessantesten ist, dass in unserer Kommunalka praktisch alle sozialen Gesellschaftsschichten vertreten waren – angefangen von der Verkäuferin im Milchgeschäft, die mit ihrem bereits erwachsenen Sohn German hier lebte. Ich erinnere mich daran, dass er in der Küche oft einen ultrastarken Tee gekocht hat – ein Teepäckchen von 50 Gramm auf einen Liter kochenden Wassers; das brachte ihn derart auf, und er begann mit seiner Mutter so laut zu schimpfen und fluchen, dass es alle Mitbewohner hörten und wider Willen zu Teilnehmern am Skandal wurden. Oft kam die Polizei, und German verschwand in regelmäßigen Abständen – immer wieder steckten sie ihn für kurze Zeit ins Gefängnis. Am anderen Pol unseres gesellschaftlichen Mikrokosmos’ befand sich die Familie eines landesweit bekannten Künstlers. Mein Vater war Professor an der Moskauer Universität“.
Das Problem der Überbevölkerung in Moskau wurde in der Stalinzeit unterschiedlich gelöst. Einerseits wurden am Stadtrand zweistöckige Ziegelhäuser gebaut, zwischen denen viel Platz gelassen wurde, der auf der Stelle mit Gemüsegärten und -beeten übersät war. Viele dieser Häuser, die für Menschen niedriger sozialer Schichten vorgesehen waren, wurden von deutschen Kriegsgefangenen errichtet. Und ziemlich sicher übersiedelte unser „Bekannter“ German mit seiner Mutter gerade in ein solches Haus. Die Hauptaufgabe der Architekten und Bauherrn jedoch war eine komplexe Bebauung des Moskauer Stadtzentrums. Insofern es zu dieser Zeit praktisch keine vielgeschoßigen Gebäude gab, standen die Architekten vor einer schwierigen Aufgabe: die ersten sowjetischen Wolkenkratzer zu entwickeln, die gleichzeitig auch den qualitativen Unterschied der sowjetischen Architektur zur westlichen demonstrieren sollten. Da die Ausarbeitung der Baukonzeption und der Beginn des Baus zeitlich mit den Feierlichkeiten zum 800-jährigen Bestehen Moskaus zusammenfiel, war vorgesehen, insgesamt acht Hochhäuser zu errichten – je eines zu Ehren jedes Jahrhunderts. Das Collier aus den acht Vertikalen sollte das Zentrum der Hauptstadt markieren. Deshalb wurde bei der Anordnung der Gebäude die Plastik des hügeligen Reliefs der Stadt und die Flusswindungen sowie die Perspektiven der Täler mitberücksichtigt, was nicht nur eine leichte Orientierung in der Millionenstadt ermöglichte, sondern der Stadt auch einen ganz eigenen Charakter verlieh.
Der Komplex der Gebäude der Moskauer Universität auf den Lenin-Bergen markiert die Hauptrichtung der Entwicklung des Stadtmassivs – vom Zentrum nach Südwesten. Er ist 240 Meter hoch, im zentralen Teil des Gebäudes hat er 36 Stockwerke. Es war geplant, dass die Spitze des Gebäudes von einer riesigen Skulptur des berühmten russischen Gelehrten Lomonosov, dessen Namen die Universität trägt, geschmückt wird. Dann jedoch gab man die Idee auf und platzierte an der Spitze einen neun Meter hohen vergoldeten Stern. Den quasi vom Himmel gestürzten Lomonosov verkleinerte man und schmückte mit ihm den Universitätshof. Dort neben ihm feiern die Studenten das Ende ihrer Prüfungsperioden. Die gesamte Komposition freilich ist eher der skulpturalen und nicht der funktionellen Form unterworfen. Die Symmetrie des Gebäudes ist ermüdend, und die Ausgedehntheit der inneren Kommunikation erleben die Studenten einfach als unkomfortabel – z.B. befindet sich das Gebäude der Physikfakultät fast einen Kilometer von der Biologiefakultät entfernt.
Die Tierpsychologin Jelena Neprinceva, ehemalige Studentin der Universität, hält fest: „Die Getrennt- und Isoliertheit der Fakultäten behinderte die Kommunikation unter den Studenten verschiedener Disziplinen und unterminierte dadurch in einem gewissen Sinne gerade das Wesen der Universitätsbildung. Im Hauptgebäude der Universität herrscht das Gefühl, als würde man sich in einer ägyptischen Pyramide befinden; blickt man aber von außen darauf, drängt sich die Analogie mit einem phallischen Symbol auf – offensichtlich, dass die Architekten mit dieser Form nicht vom Komfort der Studenten geleitet waren, sondern völlig andere Ziele verfolgten“. Was den Studenten unkomfortabel erschien, erwies sich andererseits für das Professoren- und Lehrerkollegium als durchaus annehmbar – schließlich wurde ja für sie ein Teil der Seitenflügel des Hochhauses als Wohnungen adaptiert. Das hatte mehrere unbestreitbare Vorteile: Die Nähe zum Arbeitsplatz, die Ferne zu den belebten Magistralen – und daher Ruhe sowie gute Luft, große und komfortable Wohnungen. Übrigens übersiedelte hierher auch die Familie unseres zweiten „Bekannten“ Alexej Pojarkov.
Zweifellos durfte es in diesen Jahren, in denen die Gesellschaft ja als klassenlos galt, für die sowjetischen Menschen die Wortverbindung „Elitewohnungen“ nicht geben; daher kam ein solcher Begriff wie „Haus für Spezialisten“ auf. Gerade diese Konzeption wurde zur Grundlage erster Versuche, für die ja doch real existierende sowjetische Elite Wohnraum zu bauen – die Konzeption unterschied sich prinzipiell vom Bauprogramm für Massenwohnungen. Das allen Moskauern bekannte Hochhaus an der Kotelnitscheskaja-Uferstrasse am Moskva-Fluss war für die landesweit berühmten Künstler bestimmt. In diesem Haus befanden sich Wohnungen der höchsten Kategorie. Prunkvolle Eingänge, eine Prachtstiege, die zum geräumigen Lift führte, schwere zweiflügelige Türen mit den Schlitzen der Postkästchen, große Hallen mit schicken Lustern, ideale Schalldämmung zwischen den Wohnungen, hohe Plafonds, geräumige Luxusbadezimmer . . . und mehr – je nach Glück. Manch’ einem fiel die Fensteraussicht auf den Fluss zu, manch’ einem die Sicht auf einen belebten Platz, manch einem der Blick auf einen Innenhof, wo das Echo jeden Laut verdoppelt: mit idealer Präzision überträgt es die Schimpftiraden, die Spazierschritte der Menge am Abend und die Morgengespräche der Arbeiter, die den prestige-trächtigen Hof in Ordnung halten . . .
Die Fenster der berühmten Schauspielerin Ranevskaja lagen direkt vor dem Diensteingang zum Brotgeschäft. Dort luden morgens die Arbeiter das frische Gebäck ab. Die Ranevskaja merkte dazu ironisch an: „Ich hatte Glück, ich wohne über dem Brot und den Schauspielen“. Auch die Filmschauspielerin Marina Vladi und ihr Mann, der russische Kultsänger Vladimir Vysozkij, hatten dort eine Wohnung, ebenso die große Ballerina Galina Ulanova – gegenwärtig ist in ihrer Wohnung ein Erinnerungsmuseum untergebracht.
Noch ein zur Gänze für Wohnungen eingerichtetes Hochhaus wurde auf der anderen Seite des Stadtzentrums, auf dem Vosstanija-Platz, errichtet. Wie im ersten Gebäude wurde auch hier das Prinzip „alles in einem“ eingehalten – es fehlte keine erdenkliche Annehmlichkeit dieser Zeit: Geschäfte, Postamt, Sparkasse, Apotheke, Friseur, Café, alle Dienstleistungen für den Alltagsgebrauch. Der unterirdische Stock entsprach allen häuslichen Anforderungen: Garage, Transformatoren, Hallen für Ventilation usw. All dies ermöglichte es den Hausbewohnern, autonom von der übrigen Stadt zu existieren.
Außer den drei erwähnten Gebäuden wurden noch vier weitere errichtet – in zweien sind Hotels untergebracht, in den zwei anderen Ministerien – und zwar das Außen- und Verkehrsministerium. Die sieben Pyramiden nannten sie die Moskauer, und die Gebäude waren alsbald umrankt von Legenden und Gerüchten. So hieß es beispielsweise, dass im zentralen Gebäude der Moskauer Universität die Kellergeschosse gleich tief reichten, wie das Gebäude in die Höhe ragt. Außerdem würde ein Geheimgang die Universität mit der nächsten Stalin-Datsche verbinden. In die Spitze eines der Hotels wiederum soll eine atomare Abschussrampe (!) einmontiert sein usw. So seltsam dies auch erscheinen mag, aber die Spuren all dieser Mystik hat sich im Bewusstsein einiger Menschen bis heute gehalten: eine ältere Dame, vom Beruf Komponistin, deren enge Freunde in einem dieser Hochhäuser wohnten, riet dem Autor dieser Zeilen, nicht über diese Gebäude zu schreiben – „um sie herum gibt es ein magisches Feld, das jedem, der darin eindringt, schaden kann“.
Von den geplanten acht Hochhäusern wurden sieben gebaut. Das höchste, achte Gebäude, das neben dem Kreml hätte entstehen sollen, existiert nur auf dem Papier. Man erklärt dies damit, dass Stalin (gestorben 1953; Anm. Red.) zu dieser Zeit schon tot war und sein Nachfolger N. Chruschtschow andere Pläne und eine andere Einstellung zur Architektur hatte.
Zum Abschluss möchte ich noch kurz über zwei weitere Paradoxa, die mit den Stalinhochhäusern verbunden sind, erzählen. Das erste Paradoxon besteht darin, dass ein „Export“ dieser Gebäude in andere Länder stattfand. Im Jahr 1955 wurde nach den Plänen sowjetischer Architekten, mit sowjetischem Material und mit den Händen sowjetischer Arbeiter direkt im Zentrum Warschaus der „Palast der Kultur und Wissenschaft namens I.V. Stalin“ erbaut. Dazu wurden über 500 Tausend Tonnen Baumaterial aus der UdSSR herangeschafft. Das zweite Hochhaus wurde etwa zur gleichen Zeit in der Hauptstadt Lettlands, in Riga errichtet. Anfänglich war es als „Haus des Kolchosenarbeiters“ konzipiert worden, weshalb es in Riga auch den Namen „Siloturm“ erhalten hat. Nach Fertigstellung des Baus aber änderte die Partei ihre Pläne und quartierte dort die Akademie der Wissenschaften ein. Trotzdem hielt sich die frühere ironische Bezeichnung für das Gebäude bis heute. Was würde wohl Stalin dazu sagen, erführe er davon, dass sich diese zwei Hochhäuser 50 Jahre später auf dem Territorium der Europäischen Union befinden?
Das zweite Paradoxon ist mit dem achten, in den 50-er Jahren nicht gebauten Gebäude verbunden. Im Spiel mit den unvermindert starken nostalgischen Gefühlen der reichen Russen und ihren Vorstellungen von Prestige wurde in Moskau soeben der Bau des achten Hochhauses mit der Bezeichnung „Triumphpalast“ beendet. Seine äußere Form wurde entsprechend den Traditionen der Stalin-Architektur gelöst, und auch im Inneren bleibt alles beim alten – herausgekommen ist dieselbe Stadt in der Stadt: Nur die Infrastruktur ist modern – zu den einst vorhandenen Geschäften und Restaurants gesellten sich ein Aqua-Park und ein Fitness-Center, Wintergärten und sogar ein Hubschrauberlandeplatz. Nach der Errichtung der Spitze auf dem Gebäudekomplex beträgt dessen Höhe 264 Meter, womit er als höchstes Wohngebäude in Europa anerkannt wurde.
Ob sich die Moskauer jetzt irgendwelche Legenden über dieses Gebäude ausdenken werden? Nun, und was das andere Symbol der Sowjetunion betrifft, nämlich die Kommunalkas, von denen ich am Beginn des Artikels gesprochen habe, es gibt sie auch jetzt noch – in ihnen leben weiterhin einige Hunderttausend Moskauer.
Postskriptum. Diesen Winter hat Markus Gfrerer in Moskau eine interessante Aktion durchgeführt – im Laufe von zwölf Tagen fuhr er jeweils einige Kilometer aus Moskaus Zentrum hinaus und umwanderte von dort aus in einem Kreis zu Fuß die Stadt. Die jeweilige Tagesroute setzte er von dem Punkt aus fort, an dem er die Vortagsroute beendet hatte. Auf der letzten Etappe – von der Moskauer Universität bis zum Park des Sieges (etwa 10 km) – schloss sich ihm der Autor dieser Zeilen an. Während dieser gemeinsamen „Reise“ führte das Gespräch, dessen Wärme die Kälte von 25 Grad minus ausglich, zur Idee dieses Artikels.(Aus dem Russischen übersetzt von Eduard Steiner, Moskau-Korrespondent für "Der Standard")
















